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24. Mrz 2019

пока

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Wieder in Deutschland. Aber angekommen fühle ich mich noch nicht. In Russland sehnte ich mich nach dem deutschen Frühling, der Sonne, dem Grün und auch nach manchen Menschen aber die ersten Menschen, die mich umgaben ließen in mir eine Sehnsucht nach Russland wieder erklingen.

Die letzte Woche war die Woche der Abschiede. Überall, wo ich hinging, sagte man Lebewohl und es wurden Fotos gemacht, sich kräftig umarmt und nicht selten gab es feuchte Augen. Mir war ehrlich nicht bewusst, wie viel der Unterricht manchen Studenten bedeutet hat. Erfahren hatte ich es erst teils, als sie es mir zum Abschluss auf Deutsch sagten. Am Freitagabend gingen wir in einer kleineren Gruppe gemeinsam aus und ich durfte noch einmal die typische Diskussion erleben, die jeder Entscheidung, egal welcher Art, vorangehen muss. Wir endeten in einer recht lauten Bar aber es wurde trotzdem viel gequatscht, getrunken und gelacht. Auch die Freundin eines Studenten, die ich vorher schon bei einigen Treffen kennenlernen durfte, war dabei. Ich erwähne es, weil sie mir bei unseren letzten Treffen von ihr und ihrer Mutter selbst angebauten Schwarzen Tee schenkte und ich ihr darauf beim Treffen in der Bar noch einige der Grünen Tee-Kugeln überließ. Keiner kannte sie, also die Kugeln. Ein kleiner Kulturaustausch. Der fand auch bei dem besagten Treffen statt, wo mich ihr Freund und ein anderer Student zu ihnen in die Wohnung einlud. Ich muss sagen, das Treffen war sehr spontan und ich hatte keine Ahnung aber Misstrauen wäre hier fehl am Platz gewesen. Die Wohnung war sehr klein und entzückend. Beim Hereinkommen schnurrte mir ein sehr eleganter, kurzfelliger und sehr zart gebauter Kater entgegen. Die Katze schien das komplette Gegenteil dieser Wohnung zu sein und gerade deshalb die perfekte Ergänzung. Der Abend basierte auf englisch-deutsch-russische Kommunikation. Nachbarn kamen noch vorbei, weshalb wahrscheinlich die Hälfte der Zeit übersetzt wurde. Ein Teil konnte nur Russisch und Englisch, ein Teil nur Russisch und Deutsch und ich nur Englisch, Deutsch und die Brocken Russisch… aber schön war es. Musik wurde ausgetauscht, asiatisch gegessen, Mäxchen und Mafia gespielt. Am frühen Abend wurde noch mit der Wachta telefoniert, dass ich erst nach 23 Uhr nach Hause komme. Irgendwann nach zwölf machte sie mir dann im Nachthemd auf und entgegen aller Erwartungen sogar mit einem Lächeln.

Es passierte noch viel viel mehr und gerne würde ich auch weiterschreiben aber der Alltag ruft und meine echte Arbeit.

Zum Ende möchte ich allen danken, die es mir ermöglichten, sechs Wochen dem regulären Alltag zu entfliehen, die russische Kultur in weiten Teilen kennenzulernen und sechs Wochen Lehrerfahrung sammeln zu dürfen. Ich danke euch.

18. Mrz 2019

Letztes Wochenende

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Die letzte Woche verflog wie in einem Atemzug. Die Ergebnisse, welche Praktikanten einen Platz in Deutschland bekommen, wurden bekanntgegeben und es gab Beifall und Tränen. Um für alle eine Lösung zu finden, brauchte es Nerven, Zeit und: Danke für die seelische Unterstützung.

Der Großteil meiner Studenten haben einen Platz und all jene, die keinen haben, besuchten weiterhin – entgegen meiner Erwartung – den Unterricht. Im Großen und Ganzen also ein gutes Zeichen. Die Motivation (oder war es die Erkältungswellle?) – ein komplizierter Begriff hier – ließ leider am Ende der Woche zu wünschen übrig. „Motivation“ wird von den Deutschen wohl als ultimatives Aus- und Einschlusskriterium verwendet. Nur zu gut kenne ich das. Kein Arbeitgeber will einen unmotivierten Arbeitnehmer aber woran macht man diese Motivation fest? Ist es Pünktlichkeit, die pflichtbewusste Erfüllung von Aufgaben, Freundlichkeit und innerhalb von 15 Minuten erkennbar oder muss über die Motivation ein Tagebuch geführt werden, weil es vielleicht auch mal Tage gibt, die einfach nur frustrierend sind? Entgegen der Deutschen benutzen die Russen diesen Begriff zumindest sehr selten und ist für sie sehr deutlich: Der Student erscheint immer pünktlich zum Unterricht und macht seine Hausaufgaben. Ich habe die Vermutung, dass damit bei uns noch nicht Motivation erkennbar wäre.

Heute fährt die Deutschlehrerin der anderen Organisation ab und dementsprechend gab es gestern eine kleine Abschiedsfeier mit Pizza, Livegitarrenmusik, selbstvertonte russische Gedichte, sehr sahniger Schokoladentorte, italienischer Weißweinschorle und später kam auch endlich der Wodka. Die stärkere Wirkung war erst heute Morgen zu spüren als wir uns wieder zum Nordic Walking verabredet hatten und ich noch keinen Kaffee intus hatte. Heute Abend kam die Universitätsdeutschlehrerin mit zwei Geschenktüten für uns beide vorbei. Beim Anblick der Geschenke musste ich schmunzeln: ein Bier aus Penza und eine Matruschka. Wir denken alle ein wenig stereotypisch aber als wir gestern noch über (bewiesene) Vorurteile sprachen, stellte sich heraus, dass viele sich wirklich bewahrheiten. Viele Russen sind feinsinnige Melancholiker, gerissen wie Füchse und haben ein sehr breites, tiefes Wissen – besonders was Geschichte und Literatur anbelangt (soweit die jeweiligen Epochen gelehrt werden).

12. Mrz 2019

Frauentag, Eishockey, Blinis über Blinis und Abschied von Frau Winter

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Also inzwischen hat sich herausgestellt, dass der Frauentag hier gleichzeitig als Valentinstag fungiert. Jetzt macht das natürlich noch mehr Sinn mit dem Geschenk. Am Donnerstag kam tatsächlich auch noch der Großteil meiner Schüler…mit einem babygroßen Blumenstrauß und einer riesigen Pralinenschachtel. Der Strauß war aus Tulpen und steht nun teils in meinem Zimmer, teils in sämtlichen anderen Zimmern und versprüht gute Laune. Die Farben des Frühlings haben mir gefehlt.

Die andere Deutschlehrerin fragte mich, ob wir eigentlich im deutschsprachigen Raum auch Lieder hätten, in denen die Frauen gelobt werden. Da habe ich ihr doch glatt von Max Raabe „Für Frauen ist das kein Problem“ vorgespielt.

Der Freitag war ein Tag zum Tun von sämtlichen Dingen, die letzte Woche liegen geblieben waren und dann war ich Wasser holen. Die Sonne kam ein wenig heraus und ich lief den Pfad entlang mit am wenigsten Eisschichten. Da ging mir ein Satz von der alten Deutschlehrerin durch den Kopf: „Die Sonne macht alles schöner.“ Es sollte wohl heißen „Die Sonne lässt alles schöner scheinen.“ Alles beginnt zu glänzen, aber halt auch der Schmutz und der Schnee fängt an zu schmelzen und fördert den glänzenden Dreck zu Tage. Dafür sorgen aber auch die Tauben und Hunde, die aus den Mülltonnen regelmäßig die Tüten mit etwas Fressbaren herausholen. Es gibt auch die Babuschkas, die ihnen zu Fressen geben und da sie nur tagsüber da sind und auch ein Halsband tragen, werden sie zu jemanden gehören.

Zum Mittag kamen zwei Studenten vorbei. Einer von ihnen war derjenige, der mir die Blinis vorbeigebracht hatte und auf meine Frage nach dem Rezept, hat er vorgeschlagen, dass er vorbeikommen und für uns kochen könne. Da sagen wir doch nicht nein. Das Rezept wurde mitgeschrieben und die geheime Zutat ist die in der Pfanne zuvor  leicht angebrutzelte Butter. Der Teig wird in die Pfanne gegeben, ohne dass sie gefettet wird. Dazu gab es wieder die dickcremige Kondensmilch. Super lecker! Dann wurden noch Kartentricks ausgetauscht und Mäxchen gespielt. Auch gut, um Zahlen zu lernen und das Wort „lügen“ beizubringen.

Am nächsten Tag sind wir in die Stadt gefahren, haben Internet genutzt, uns mit den Studenten zum Billiard getroffen und uns von Schneematsch bespritzen lassen. Beim Billiard stellte sich heraus, dass einer meiner Studenten am Abend ein Eishockeyspiel hat und lud uns ein. Eine andere Studentin und ich fuhren mit und es war so viel anders als ich Eishockey in Deutschland erlebt hatte. Es waren zwar nur recht wenige Zuschauer dabei aber es ging hier um Amateurspieler, die echt gut spielten und es ging sehr gesittet zu. Die Arena befand sich im Sportviertel von Pensa. Ein riesiges Gebiet mit etlichen Sportanlagen und Parks zum Joggen gehen. Leider konnte ich es nur durch die Fensterscheibe des Autos betrachten als wir nach Hause gebracht wurden.

Heute, am Sonntag den 10.03., wurde offiziell der Winter verabschiedet. In Russland ist er weiblich und wurde in Form einer weiblichen Strohpuppe mit einer mal wieder wunderschönen bunten Tracht verbrannt. Davor gab es ein zweistündiges Programm mit zwei Kasperle, Volksliedern, Spielen und viel Essen. Einer meiner Studentinnen war dieser Tag sehr wichtig. Sowohl hat sie wieder mehrmals gesungen, zudem aber noch selbstgemachte Pfannkuchen mitgebracht (die waren noch warm!!) und Süßigkeiten an die Kleinen mitverteilt – offiziell Aufgabe der Schneekönigin, die sich natürlich auch blicken ließ. Es wurde getanzt und von groß bis klein waren alle beschäftigt und auch der Direktor der Uni hat noch eine kurze Rede geschwungen.

Ich muss schon sagen: dafür, dass mir gesagt wurde, dass im Februar/März kaum Feiertage sein sollten, bin ich auf erstaunlich vielen Veranstaltungen.

Für heute Nachmittag wurden wir zu Tee und Kuchen von der einen Wächterin eingeladen. Es soll Apfelkuchen geben und ich bin gespannt, wie der aussehen wird. Letzte Nacht träumte ich von Mamas Kirschkuchen. Woher ich weiß, dass er von meiner Mama gebacken war? Ich hatte sie nicht gesehen aber er stand in einer großen Küche und war auf einem großen Blech gebacken und Kuchen auf einem großen Blech gibt es nur zu Festen und im Alltag von Großfamilien. Leider hörte der Traum beim Anblick des Kuchens auf. Von mir aus hätte ich ruhig ein Stück abbekommen können…na mal sehen, wie der Kuchen heute aussehen wird.

Er war wesentlich anders als gedacht aber sehr lecker und mit viiieeel Zimt, bestand aus drei Streuselschichten und geriebenen Äpfeln. Ein Rezept aus dem Internet. Da sie nebenbei arbeiten musste, wurde alles im Foyer des Wohnheims serviert und es wurde eine kleine, gesellige Runde.

Am Abend besuchten wir das Theater Pensa´s. Eine kleine Kompanie aus Moskau tanzte. Leider hatte sie eher den Anspruch einer leichten Unterhaltung. Naja. So bekam ich einen Einblick in das Theater. Ein sehr großer Bau in einer Mischung zwischen neoklassizistisch, Klotzbau und ostsozialistischen Erscheinungen. Interessant. Die Bühne war leider in einem nicht mehr optimalen Zustand und bestand aus Holzbohlen über diese wiederum teils schwarze Folien gezogen wurden, um eine Balletttanzfläche zu erzeugen. Die Musik kam aus Lautsprechern. (Wir hatten uns im Voraus gesagt: Falls das Ballett mies sein sollte, kann man sich ja wenigstens noch auf das Orchester freuen.^^) Neu für mich waren die hier üblichen Umkleidekabinen für die Besucher. Sowohl neben den Frauen- als auch neben den Männertoiletten gab es einen großen Raum, in dem mehrere Kabinen mit roten Vorhängen, Ledergarnituren und große Spiegel existierten, um sich von der winterlichen Garderobe zu lösen und in leichte Kleider zu steigen. Aber auch hier gab es Strickpulli- und Jeansträger und Anzüge und Spitzenkleider.

Auf dem Nachhauseweg kam ich in den Genuss von Walnussstangen: auf einen gewachsten Faden wurden Walnüsse eng aufgefädelt und in einem dickflüssigen Saft getunkt und getrocknet. Auch diese eher aus Zentralasien stammende Spezialität war sehr lecker und könnte man auch mal zu Hause versuchen…

Heute ist der Nachwinter eingebrochen. Es hat wie verrückt über Nacht geschneit und heute Morgen konnte ein Spaziergang durch Winter Wald Wonderland unternommen werden. Die Äste hingen herunter vom schweren Schnee. Nun tropft es aber wieder überall herunter. Die Sonne hat sich zu unserer Freude noch vor die Wolken geschoben.

7. Mrz 2019

Die letzte Woche

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Heute hat mich die alltägliche Arbeit mal wieder übermannt und am Abend wollte ich nur noch ins Bett fallen und da lag ich als ein Student von dem anderen Austauschprogramm vor meiner Tür mit selbstgemachten Blinis und einer dickcremigen Kondensmilch stand. Der Abend war gerettet. Ich muss nun ständig an diese Blinis denken, die leider alle schon in meinem Bauch gelandet sind. Und es ist einfach herzallerliebst, wie auch die anderen Studenten – nicht meine – an mich denken. Sei es, wenn es ums Essen geht oder um Veranstaltungen. Gestern brachte ein anderer zu seinem Kurs geräucherte Eier (!!!) mit und hat zwei der anderen Deutschlehrerin mitgegeben. Als sie mit diesen Eiern vor mir stand war ich kurz davor zu sagen „Ähm, naja, vielleicht eine Hälfte…“ aber als die erste Hälfte in meinem Mund war, war ich sehr glücklich, dass mir auch das zweite Ei auferlegt wurde. Das unappetitliche Aussehen machen diese Eier locker mit ihrem Geschmack wett. Diese kommen übrigens nicht aus Russland, sondern aus der usbekischen Richtung.

Die letzten Tage wurden wieder vom Schnee übertüncht. Dazu wurde grauer Himmel serviert und ab und zu Glatteis. Ein zügiges Vorwärtskommen ist geradezu unmöglich und die Lauftechnik der anderen habe ich noch nicht drauf.

Am Samstag haben wir uns deshalb einfach in ein Café gesetzt, Internet gezogen und versucht zu arbeiten. Mit zunehmender Stunde füllten sich die Tische und wir schlenderten noch ein wenig durch verschiedene Malls, die hier allerlei an gutem und günstigen Essen zu bieten haben…Mittag hatten wir dann aber doch in einer Mensa gegessen, die es hier überall für alle gibt und auch von jedermann genutzt werden. Dort gibt es täglich ein reichhaltiges Buffett mit Vor-, Haupt- und Nachspeisen. Das Essen hat mich nicht umgehauen. Wir schlenderten noch ein wenig herum, entdeckten die „Molo cow“, bevor es wieder zum Wohnheim ging. Dieses mal kannte Angela di richtige Haltestelle, wo wir einsteigen mussten. Mit einfach auf die andere Straßenseite gehen ist es nämlich nicht getan. Leider. Hier muss man schon wissen, dass man zwei Straßen weiterlaufen und um die Ecke biegen muss.

die Moscow

 

Am Sonntag trafen wir uns wie immer mit der älteren Deutschlehrerin von der Universität. Diese Dame ist dieses Jahr 80 Jahre alt geworden und ist vor drei Jahren in Rente gegangen. Heißt jedoch nicht, dass sie sich nicht mehr in der Uni blicken lässt. Im Gegenteil: wo sie auftaucht, bekommt sie alles. Und mindestens von allen Studenten ein kurzes „Sdrast“, wie alle sich hier grüßen. Aber diese Frau ist wirklich unglaublich. Wir wussten lange nicht, dass sie schon ein so hohes Alter erreicht hat und liefen mit ihr stundenlang bei eiskalten Wetter herum. Stattdessen wurden wir immer gefragt, ob wir noch können. Am Ende war sie vermutlich aber auch froh, irgendwann wieder nach Hause zu können. Nebenbei fährt sie auch noch ständig gerade in die Stadt um ihre Schwester im Krankenhaus mit selbstgekochten Suppen zu versorgen. Bei Unterhaltungen besteht sie auf Verbesserungen und ständiges Lernen von neuen Wörtern und Erneuern der Grammatik. Sie und mich verbindet die Liebe zu Büchern, Kunst, Musik, Ballett und Politik. Und immer wenn wir zu zweit reden kommen wir auf diese Themen zu sprechen. Und Bücher hat sie mir auch schon mitgegeben. Das erste handelte vom Bolschoi. Das zweite von einem Künstler, dem in Saransk im Kunstmuseum viele Räume gewidmet sind. Der Ausflug nach Saransk wir schon geplant. An dem Nachmittag schauten wir uns die ältesten

Straßen und Häuser aus der Gegend an. Wunderschöne Holzhäuser, wie man sie sich typisch russisch vorstellt. Leider fehlen oft die Mittel, sie gut zu erhalten und auch neue zu bauen. Holz ist auch hier teuer. Stattdessen bestehen die neueren Häuser häufig aus Beton oder Stein und sind mit Plastikdächern bedeckt. Der Weg führte uns zu einem weiteren Sanatorium. Früher haben sich auf diesem Gelände die Reichen ein Haus zum Ausruhen gebaut. Diese Holzhäuser verfallen nun langsam, weil zum einen die Gelder nicht akquiriert werden und zum anderen neue große Steinblöcke gebaut wurden, in denen sich die Gäste nun ausruhen und behandeln lassen. Die Leute können auch von außerhalb kommen und die Behandlungen in Anspruch nehmen. Am witzigsten fand ich die CO2-Box. Kann sein, dass es so etwas auch in Deutschland gibt. Ich kannte es nicht. Eine Box, in die sich der Patient hineingesetzt, ab dem Hals abgedeckt wird und dann mit CO2 bestäubt wird. Ja also ich habe es nicht gemacht und die Patienten sahen glücklich aus.

Die jungen Russen haben eine eben so große Vorliebe für laute Musik wie andere junge Leute. Ich erwähne es nur, weil ich gerade von weit weg aber gefühlt sehr nah von starkbässigen Hip-Hop beschallt werde. Es ist die After-Show-Party vom „KBH“. Ein nationaler Wettbewerb, der laut Reiseführer auch schon in Westeuropa eingezogen ist. Ich hatte noch nie etwas von ihm gehört. Mehrere Teams (eingeteilt in Fakultäten) treten zunächst an den Universitäten gegeneinander mit einem zuvor inszenierten Programm und dann mit einem improvisierten Stück an. Beide sollten bestenfalls Humor und Intelligenz vereinen. Manchen gelang dies, manchen weniger. Auffällig war jedoch, wie sehr Musik bei der Präsentation eine Rolle spielte. Auch wenn es meiner Meinung nach nicht immer passte, wurde Musik kurz eingespielt, ein paar Moves getanzt und dann weiter im Programm gefahren. Irgendwie merkwürdig.

So richtig wie 18 fühlte ich mich am Sonntagabend, wo ich von meinen Studenten ausgeführt wurde. Die Jungs ließen es sich nicht nehmen, ihre Autos vorzuführen. Wir hätten natürlich auch mit dem Bus fahren können aber so saßen wir zusammen in den Autos und auch dort wurde erstklassiger Rap abgespielt, getanzt und gesungen. Und als ich auf eine Frage antwortete: „Die Musik ist gut aber ich verstehe nur die englischen Texte.“ Wurde doch glatt „Und wir sitzen im Atomschutzbunker…“ aufgedreht. Alle sangen mit aber verstanden leider wenig. Text und Video werden nächste Woche im Unterricht noch durchgenommen. In einer der großen Malls gingen wir dann bowlen und später wieder Pizza essen und Holzturm spielen. Hat auf jeden Fall Spaß gemacht.

Und bevor ich diesen Eintrag hochlade will ich das aktuelle Ereignis nicht vergessen. Obwohl morgen erst der Frauentag ist, wurde heute in der Aula auch für diesen Anlass eine Show veranstaltet, die es in sich hatte: von Liebesgedichten, Liebesliedern, orientalischen Tänzen und Parodien über die Aufgaben und das Aussehen von Frauen gab es alles. Und zum Schluss auch eine rote Rose für jede Frau. Toll. Dachte ich. Hier wird dieser Tag ernst genommen. Nachteil: dieser Tag ist wie jeder Feiertag hier. Das heißt, dass morgen schon wieder die Universität geschlossen hat und wenn der Freitag schon frei ist, kann man ja gleich am Donnerstag auch früher aufhören. Die Cafeteria ist dementsprechend frühzeitig geschlossen und die Mitarbeiter sind hier dann auch ab 16 Uhr alle weg. Ich kann nur hoffen, dass die Studenten kommen, wenn 17 Uhr der Unterricht ist. Gestern fehlte schon einer, weil er seiner Freundin ein Geschenk kaufen musste. Gestern klang es für alle plausibel, nur für mich nicht. Heute verstehe ich es ein wenig besser.

1. Mrz 2019

Die dritte Woche

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Diese Woche lief anders als erhofft. Gestern Abend lag ich im Bett und fragte mich, warum ich so furchtbar schlechte Laune hatte und dermaßen frustriert war. Nach eingängiger Reflexion wurde es mir bewusst:

Die Sonne hat es fast die ganze Woche nicht geschafft, durch die Wolken zu brechen. Hinzu kommt, dass fast alle schlecht schlafen, weshalb wir alle total übermüdet sind. Albträume und mehrmaliges Aufwachen waren in den letzten Nächten ständig da. Wenn ich dann noch unter der Dusche stehe und kein heißes Wasser kommt, denke ich „ok, dann werden die Haare halt später gewaschen.“ Ja, am nächsten Tag kam nach einer langen braunen Brühe auch wieder sauberes heißes Wasser. Am nächsten Tag war der gefühlte Traum wieder vorbei. Vermutlich lag es an den Kälteeinbrüchen in dieser Woche. Mehrere Rohre gingen in die Brüche oder waren anderweitig vom Wetter angegriffen. Das hatte jedoch den Vorteil, dass ich heute Morgen an den Stellen, wo gestern die schweren Autos und Traktoren standen, frisches Gras roch, was unter dem Schnee sich versteckte. Aber auch das Gras wird schon bald unter dem neuen Schnee wieder erdrückt werden. So ähnlich wie das Gras fühlen wir uns gerade. Nur, dass wir uns nicht verstecken können. Tiefe Augenringe setzen sich in unseren Gesichtern ab und Erkältungen geben sich hier die Hand. Ich versuche ihnen durch Ingwer, Zitrone und Sauerkraut aus dem Weg zu gehen. Und der Kaffee ist mein Lebensretter. Dann kam jedoch gestern noch dazu, dass ich meinen Wasserkanister auffüllen gehen wollte und auf einmal eine Mittagspause zu genau dieser Zeit stattfand, die sonst nicht dran stand und Unterrichtsmaterialien nicht drucken konnte, weil die Patronen merkwürdigerweise weg waren. Solche Kleinigkeiten ließen mich gestern leicht aggressiv werden. Sie waren so klein, dass ich gar nicht wusste, dass sie es waren, weshalb ich so mies gelaunt war aber als ich gestern dann im Bett lag und reflektierte, war ich einem Lachanfall nahe. Das ist halt Russland….?

Am Mittwoch behandelte der andere Deutschkurs das Thema Essen und das wurde mit einem Festessen gezollt: es wurde Pizza für alle bestellt. Jamm. Klar könnte jeder meckern: Die Pizza warlange nicht so gut, wie dort und dort aber hier war sie genau das, was ich an dem Abend brauchte, um wieder Mut zu schöpfen.

Aber wenn ich schon einmal bei dem Thema essen bin: Ich bekomme langsam Probleme mit meiner geliebten schwarzen Hose. Es ist wohlgemerkt die einzige Hose, die ich dabeihabe. Ich bin mir jedoch noch nicht sicher, ob die Enge vom Essen oder vom Sport kommt. Auf beides kann ich aber nicht verzichten. Ich hatte keine Ahnung, dass Ski fahren und Nordic Walking solche Auswirkungen auf die Bauchmuskulatur haben können. Vielleicht sollte ich mich den jungen Männern – Studenten wohlgemerkt – hier anschließen und auch die Hacke oder Schaufel nehmen, um Schnee von den Wegen zu verbannen. Andere Bewegungen – andere Muskeln…?

Andere Dinge so nebenbei:

  • Reinigungskräfte kommen und gehen, wann sie wollen oder wann es passt – haben ja auch oft mehrere Jobs. Aber halt auch in den Öffnungszeiten der Bibliothek/des Supermarktes/… .
  • Für alle, die sich für EU/Russland-Politik interessieren: auf YouTube gibt es ein Video von der Deutschen Welle über Stefan Dürr, den man kennen sollte. Sein Milchimperium ist wirklich Wahnsinn und er zahlt so gut, dass viele Studenten den Wunsch haben, später bei ihm einen Arbeitsplatz zu bekommen. Genaueres noch nicht erforscht…

Fotos gibt es noch nicht. Die Woche war zu schnell fast vorbei.

Nun gibt es doch noch Fotos…da stand ich gestern im Supermarkt und wollte dem russischen Käse noch eine Chance geben…doch wie isst man diesen Käse? Ich habe die Stränge herausgezupft und versucht aufs Brot zu legen – mit viiieeel Butter. Wo sonst an Salz gespart wird, wurde diesem Käse alles gegeben.

In den letzten Unterrichtsstunden kam es immer häufiger vor, dass die Studenten entweder eine extrem schwache Blase hatten oder ständig telefonieren mussten, weshalb ich mir nur die „Ticket-Box“ ausgedacht habe. Ich füllte meine alte Haferflockenschachtel (im Kaffeeglas ist noch zu viel drin) mit kleinen Zetteln, auf denen Aufgaben stehen, wie „Nenne fünf Gegenstände aus diesem Raum/Kreise deinen rechten Arm 7x/…“ oder sie müssen Rechenaufgaben mit besonders hohen Ergebnissen lösen und das Ergebnis ansagen oder Zungenbrecher laut mehrmals vorlesen. Von manchen wird die Box als Hürde gesehen, andere nutzen sie als Übungen. Aber insgesamt wurde sie positiv angenommen.

Wie schon früher glaube geschrieben, wird hier gerne das Allgemeine und weniger verlässliche Wörterbuch von der ultimativen Suchmaschine verwendet. Dem zu entgehen, verwies ich mal auf die umliegenden Wörterbücher, die leider vor vielen Jahrzehnten entstanden waren. Konjugationstabellen und ausgeschriebene Zahlen sowie Mengenangaben etc. waren zu dieser Zeit noch nicht so weit in Wörterbüchern verbreitet. Dementsprechend werden diese Bücher weniger ernst genommen.

25. Feb 2019

Das dritte Wochenende

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Der erste richtige Filmabend wurde veranstaltet- und das auf Wunsch einer Studentin! Es wurde der Film „Vielmachglas“ auf Deutsch mit russischen Untertiteln gezeigt. Da die Veranstaltung nicht von einer meiner Studenten ausging, konnte ich nichts gegen die russischen Untertitel sagen. Und die Idee des Vielmachglases ist schön aber wenig verständlich für die Studenten hier…das Glas wäre ständig überfüllt, wenn sie alles aufschreiben würden. Und leider muss ich sagen, Schweighöfer hatte schon bessere Auftritte. Das viele Make-Up stand ihm ins Gesicht geschrieben. Den Studenten hat er auch eher mittelmäßig gefallen. Wir werden schon noch bessere finden.

Am Abend vorher – am Donnerstag – besuchte ich das genannte „Konzert“. Es war, wie auch am Freitag eine Veranstaltung in der Universität, zu Ehren des „Tag der Verteidiger des Vaterlandes“. Ein sehr wichtiger Tag hier. Es wird nicht nur denen gedacht, die während des „Großen Vaterländischen Krieges“ (Zweiter Weltkrieg) gefallen waren, sondern allen Kriegen. Über die letzten Auseinandersetzungen, wie Tschetschenien und die Krim, wird hier nicht oder nur ungern geredet mit mir, weil davon ausgegangen wird, dass ich als westlich geprägte Frau ein negatives Bild dieser Auseinandersetzungen habe. Ich würde eher sagen, dass ich inzwischen ein differenziertes Bild davon habe dank einigermaßen guter Aufklärung. Aber was soll es. Vielleicht kann ich davon noch überzeugen.

Das Konzert war auf jeden Fall eher ein Vortragsabend in einem Kulturhaus, wo von Kindergartengruppen bis erwachsene Männer und Frauen alle etwas getanzt oder gesungen haben und den Tag sehr ernst genommen haben. Ich war begeistert von den farbreichen Trachten.

Am Samstag waren Angela und ich mit den LOGO-Studenten usbekisch essen gegangen. Die Zubereitung des Essens war sehr anders zu dem der Cafeteria. Der Reis wurde z.B. nicht nur gekocht, sondern in Öl mit dünnen Möhrenstreifen angebraten – sehr lecker. Überhaupt wurden die warmen Speisen – nach meinem Geschmack zu urteilen- zuerst gekocht und nochmal angebraten, auch das Kuhfleisch. Es gab einen kleinen Salat, zwei Hauptspeisen und den Abschlusstee ( Jasmin und Schwarzer Tee). Ein Spaziergang folgte, dem eine lange Diskussion über das mögliche Ziel vorausging und ein kürzeres Gespräch folgte darüber, was Putin und Stalin jeder für sich falsch gemacht haben. Putin mache vieles falsch. Stalin habe auch vieles falsch gemacht aber nicht so viel wie Putin. „Was hat Stalin deiner Meinung nach falsch gemacht?“ „Er war Georgier und wollte die Sowjetunion, besonders Russland, georgisch machen. Die Politik georgisch machen. Er hat für alles Gesetze gemacht, alles verurteilt, was zu verurteilen möglich war, auch die Korruption. Aber für uns Russen gehört die Korruption dazu, sie ist nichts Schlechtes. Wenn du zahlst, weißt du, dass etwas getan wird in deinem Sinne.“

Stalin war nach Gessens Buch tatsächlich in den letzten Jahrzehnten beliebter als Putin, was vermutlich mit der mangelnden Aufarbeitung der Stalin-Akten verbunden ist. Doch dass ausgerechnet seine (angebliche) Arbeit gegen Korruption verurteilt wird, damit hatte ich nicht gerechnet. Ich hoffe, es ist nur eine Meinung von vielen aber ich glaube, diese Hoffnung ist naiv.

Übrigens genießt auch Jelzin ein schlechtes Ansehen wegen seiner Zusammenarbeit mit Putin. Hmmm….was da vermittelt wurde und uns vermittelt wird? Heute Abend las ich „Die Zukunft ist Geschichte“ zu Ende. Das Buch ist sehr umfangreich und obwohl Gessen nahezu alles, was sie an Fakten nennt, mit Quellenangaben versehen hat, kommt mir einiges noch ungeklärt und sehr westlich geprägt vor. Ungeklärt ist zum Beispiel, dass eine der Figuren, Serjosha, schon 2008 am Flughafen in Moskau und wenig später im Wahllokal sehr wütend über das damalige Regime und die allgemeine politische Situation in Russland wurde, dagegen später im Buch geschrieben wurde, dass er 2010, als der Fall Makarow publik wurde, er bis dahin nichts gegen das Regime einzuwenden hatte.

Außerdem: die Homophobie als Eigenschaft einer Ideologie des Regimes in den letzten zwei Jahrzehnten kam deutlich zur Geltung aber auch, dass unter „homosexuell“ mehr erklärt wurde, als es ist. Gerade weil „homosexuell“ als Sammelbegriff verwendet wurde, frage ich mich, warum dann geschrieben wurde, dass in der russischen Gesellschaft eine Kluft und Grenze zwischen der sexuellen Identität verlief obwohl, wie auch geschrieben wurde, nicht nur diese Trennung propagiert wurde, sondern eben auch viele andere Eigenschaften politisch aufgeladen wurden, so dass die Orientierungslosigkeit der Bürger verstärkt wurde, mit der ständigen Angst, auf der „falschen“ Seite stehen zu können, wie auch durch die ständigen Gesetzeserlasse? Jetzt wäre natürlich interessant, inwiefern sich Teile der Gesellschaft, wie auch die Geburtenrate oder die Nahrungsmittelindustrie durch die Erlasse verändert haben? Das kam für mich nicht ganz deutlich durch. Vielleicht werde ich in den kommenden Wochen noch Antworten finden aber wahrscheinlich mit noch mehr Fragen zurückkommen. Später fanden wir noch Vergnügen am Schlittschuhlaufen. Mal wieder fanden sich ein paar, die noch nie auf der Eislaufbahn waren und es auch nicht ausprobieren wollten. Leider.

Den Sonntagvormittag verbrachten wir wieder mit Svetlana bei einem wunderschönen Spaziergang bei -20 Grad. Die Kälte spüren wir nur im Gesicht – alles andere ist dick vermummt aber die Hunde wurden aggressiver. Vielleicht war heute nicht mehr so viel zu Essen zwischen den Tonnen zu finden. Wir besuchten die Allgemeine Schule. Die Schüler gehen hier von der ersten bis ca. 9. Klasse hin. Der Unterricht beginnt Montag bis Samstag für alle um halb neun und dauert für die jüngeren Schüler bis halb eins, für die älteren ein bis zwei Stunden länger. Das Gebäude wurde in den letzten zehn Jahren gebaut, besteht hauptsächlich aus Beton und stellt einen russischen Versuch dar, modern zu sein. Der Empfangsbereich ist ein großer Raum, in den man erst kommt, wenn man am Wachto – dem Wachtmann—vorbeikommt. Svetlana hat ihn bestimmt fünf Minuten bequatschen müssen, ehe wir Zutritt erlangten. Ja, wir kamen am Sonntag in die Schule, da die Schüler das schuleigene Schwimmbad und die Sporthalle auch am Wochenende benutzen dürfen bzw. trainieren. Die komplette Schule ist sehr sport- und naturwissenschaftenorientiert. Für den 23. Februar wurden im Kunstunterricht Bilder gemalt. Manche sehr pazifistisch, andere sehr für die „Verteidigung des Vaterlandes“. Danach ließen wir uns eine Führung durch die Stadtteilbibliothek geben. Sie ist winzig und hat nur russische Literatur aber bei den Kinderbüchern sprang mir ein „Nu pagadi!“ entgegen. Da kamen doch glatt Erinnerungen aus der Kindheit hoch.

21. Feb 2019

21.02.2019

Verfasst von

Kaum zu glauben, dass meine zweite Woche sich schon dem Ende naht. In den letzten Tagen wurde gemunkelt, dass wir vielleicht frühzeitig den Frühling erleben. Die Sonne kam heraus, die oberen Schneeschichten begannen zu schmelzen und uns wurde erzählt, wie schön es hier ist, wenn die Frühblüher sich zeigen, die vielen Bäume hier an Farbe gewinnen. Heute Morgen schaute ich aus dem Fenster und Neuschnee legte sich wieder nieder. Vier Wochen habe ich noch… und wenn es schneit, dann werde ich wenigstens mehr Sport treiben. Langlaufski hat es in sich. Gestern verbrachte ich zwar bei der Morgenrunde gefühlt mehr Zeit im Schnee als auf dem Schnee aber Spaß gemacht hat es trotzdem. Es war sehr glatt wegen des angeschmolzenen Schnees, der sich vereist hatte und wir gewonnen leicht an Geschwindigkeit und hatten keine Ahnung, wie man stoppen kann, weshalb wir einfach irgendwo in den Schnee hineingefahren waren. War auch ok.

Eine andere gestrige Entdeckung war das Klavier hier in der Bibliothek. Ich hatte letzte Woche erwähnt, dass hier eins stehe und mir gesagt wurde, dass es regelmäßig für Literaturabende genutzt werde. Da es mich hier jeden Tag so anlächelte, fragte ich, ob ich darauf spielen dürfe. Die Dame nickte freundlich. Voller Freude setzte mich ran und verlor ein wenig die Freude. Regelmäßig stieß ich auf Töne, die nicht ganz meinen Erwartungen der normalen Tonreihenfolge entsprachen. Das ist noch untertrieben. Mama: Unser altes Klavier war dagegen wohltönend. Die Regelmäßigkeit hatte wahrscheinlich an Regelmäßigkeit verloren.

Noch eine weitere Entdeckung war gestern im Essen in der Mensa: Nachdem wir am dritten Tag versucht haben zu sagen, dass wir nicht in jedem Gericht Fleisch haben können (ich hatte es nicht mehr herunterbekommen), bekamen wir stattdessen Fisch. Jeden Tag. Nun konnte ich auch den Fisch nicht mehr sehen, weil es nun mal nur zwei Sorten Fisch gab und er jeden Tag gleich zubereitet wurde – mit gut durchgekochten Nudeln oder Kartoffelbrei serviert. Gestern standen wir also wieder in der Schlange und die Köchin wollte uns wieder unseren Fisch bringen da sah ich, dass es Fleisch gab, eine Frikadelle. Meine leuchtenden Augen und mein leicht verständliches russisches Gebrabbel über Kartoffelbrei und Fleisch gaben ihr zu verstehen, was ich wollte. Und es war gut. Ich nahm einen Bissen der Frikadelle und sie war gesalzen, gepfeffert und mit Paprika. Himmlisch. Die andere Deutschlehrerin und ich hatten inzwischen schon verstanden, dass das Mensaessen nicht unbedingt beliebt hier ist also schließe ich auch nicht von diesem Essen auf das russische. Es ist einfach ein Ritual an jedem Tag in der Woche geworden. Wir gehen hin, holen uns zwei rote Tabletts und raten, was es heute gibt. Welcher Salat – Wurstsalat oder Gemüsesalat mit Mayonnaise oder ein anderer Gemüsesalat mit ein wenig Öl? – welche Suppe – Kraut- oder Nudelsuppe? – welches Hauptgericht – Kartoffelbrei oder kleine Ringelnudeln mit Fisch oder gekochten Eiern? – und das beste: welche Nachspeise– eine Pirogge, die entweder mit Kirschkonfitüre, kleinen Äpfeln, einer Karamell/Buttercreme, Lauchzwiebeln, oder Kartoffeln gefüllt ist – ? Dazu wird immer ein Aprikosenkompottgetränk gereicht und ganz zum Schluss einen gesüßten Schwarzen Tee.

Meine Studenten wollten, nachdem wir das Thema Familie angefangen hatten, auch Fotos von meiner sehen. Zum Schluss gab es ein Foto von Flo, Magnus und Walther, das den Übergang zum Thema Körper herleitete. Davor musste ich aber erstmal erklären, dass Walther ein deutscher Name ist und warum ein Skelett einen Namen hat. Nachdem die Handys am Anfang der Woche abgenommen hatten, nehmen sie gerade im Unterricht aber noch lieber in der Freizeit leider wieder zu, weshalb ich dank Google Translator ganz wunderbare Sätze gesagt bekomme. Am Montag wollte ich meine Wäsche mal waschen. Ich hatte eine Waschmaschine im Wohnheim gesehen, die war aber kaputt. Die Rezeptionistin meinte nur, sie kümmere sich darum. Kurz danach stand ein Schüler vor meiner Tür und meinte, er würde meine Wäsche abholen und sie morgen wiederbringen. Am nächsten Tag stand er mit der feuchten Wäsche wieder vor meiner Tür und meinte mit treuen Blick auf sein Smartphone: „Unten ist ein Bügeleisen. Dort können Sie Wäsche streicheln.“ Nun, das hatte ich nicht gerade vor. Die Wäsche zierte mein Zimmer zwei Tage…

Gestern wurde ich von einer Schülerin zu einem Konzert heute eingeladen. Sie singt in ihrer Freizeit Volkslieder. Ich fragte sie, ob sie mir schreiben können, wieviel der Eintritt kostet. Am Abend bekam ich die Nachricht: „Maura, eine Fahrkarte kostet 100 Rubel…“. Wir hatten die Stunde vorher Fahrpläne und Transportmöglichkeiten durchgenommen. Sie schlagen sich aber tapfer mit der deutschen Sprache. Inzwischen sitze auch ich manchmal vor Wörtern und komme einfach nicht auf eine Logik. Verrückt diese Sprachen, die sich ständig weiterentwickeln – mal zufällig, mal absichtlich.

Zudem traten zwei weitere kleine Probleme auf: Die Studenten verwechseln „-zehn“ und „-zig“ und „-ei-“ und „-ie-“. Da durften sie gestern noch „Zehn zahle Ziegen..“ auswendig lernen. Es wurde zu einem kleinen Wettkampf unter ihnen, wer es sich am schnellsten merken konnte und die richtige Reihenfolge behielt.

letztens abends. Der Uniplatz

Flur vor dem Seminarraum – zahlreiche Pflanzen überall

18. Feb 2019

18.02.2019

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Ist es ein Segen oder ein Fluch, Masha Gessens Buch zu lesen, wenn man mit dem Geschriebenen in der Realität konfrontiert wird? Diese Frage musste ich mir am Wochenende sehr oft stellen.

Aber ich fange langsam an: Am Freitagabend waren meine Studenten nicht mehr so motiviert, mit mir einen Kurzfilm zu schauen, weshalb ich zu einer anderen Studentengruppe dann ging, die weitaus mehr Interesse zeigte. Zwei der Studenten nehmen regelmäßig an einem russlandweiten Wettbewerb unter allen Universitäten teil, wo Wissen abgefragt wird. Jegliches Wissen. Es dürfen auch mehrere Teams von einer Universität teilnehmen, pro Team aber „nur“ sechs Leute, egal ob Studenten oder Dozenten, was die Sache ein wenig unfair machen kann. Der Vorwettbewerb (nur die Universitäten aus Pensa) fand am Samstagvormittag statt und ich wurde gefragt, ob ich mitkommen wolle. Wer meine Vorliebe für Trivial Pursuit kennt, denkt, ich hätte da meinen Spaß gehabt. Aber ich sage euch, dieser Wettbewerb hatte es in sich. Die Fragen waren weitaus intellektueller. Die Kandidaten hatten ein Allgemeinwissen, was man bestenfalls bei Abiturienten noch erwarten kann. Es wurden Fragen zu Wirtschaft, Kunst, Literatur, Technologie und Geschichte (weltweit) gestellt. Die Frage wurde einmal vorgelesen, die Uhr fing an zu ticken und nun hatten die Teams eine Minute Zeit, sich zu beraten, die Antwort auf einen Zettel zu schreiben und sich zu melden, so dass dieser Zettel eingesammelt wurde.  Danach wurde die Antwort verlesen. Eine Frage war unter anderem, welches Bild 1915, 1923 und zwischen 1920-30 gemalt wurde. Es wurde kein Künstler und keine Nationalität genannt. Einige andere solcher Fragen wurden gestellt und ich war wirklich überrascht, wie viel die Studenten hier wussten, auch wenn eine Dozentengruppe zum Unmut aller Studenten, gewonnen hatte. Danach fragte ich nach einem Preis, den man gewinnen könne, aber davon wussten die Teilnehmer nichts – man macht das einfach nur zum Spaß. Schön.

Wir liefen dann im Zentrum noch ein wenig herum und ich lies mir die umliegenden Denkmäler erklären. Lenin gehörte dazu. Doch über Lenin wurde nur gesagt, dass er seine negativen und positiven Seiten hatte aber eigentlich sehr intelligent war. Als ich weiter die Meinung über Stalin hören wollte, bekam ich unter anderem die Worte: „Verhaftet wurde doch nur, wer etwas getan hat. Wenn man nichts gemacht hat, war alles gut.“ Die Großmutter hatte es so erzählt. Und man glaubte eher der Großmutter. Ich dachte in dem Moment nicht nach und die Verhaftungs- und Hinrichtungswellen sprudelten nur so aus mir heraus. Der Kopf wurde geschüttelt. Kein Autor ist ultimativ, nur optional glaubhaft. Und jeder glaubt, wem er kann und will. Ist das, was ich hier hörte, das Ergebnis, wenn Geschichte verdrängt und nicht verarbeitet wird? „Unter Stalin war es besser als unter Stalin.“ Noch ein Satz der Großmutter. Wurde er gesagt, weil es einfacher war, etwas zu verschweigen und das Leid und die Wut nicht weitergeben zu müssen oder, weil es einfacher war, etwas nicht zu wissen? Oder war sie tatsächlich der Meinung trotz ihres Wissens?

Erst später wurde mir bewusst, dass ich mir in dieser Streitsituation ein Recht herausgenommen hatte, von dem ich mir nicht sicher war, es zu haben. Ich war mir auf einmal noch nicht mehr sicher, was ich wusste und was ich glaubte. Auch unser Glaube über Wissen ist von Ideologien gefärbt. Und hier hat man das Recht dazu, zu sagen, dass es den Menschen in der Sowjetunion besser ging als unter Putin (wurde auch mehrmals gesagt), weil jedes System Fehler hat, wie auch die westlich geprägte Politik voll von Fehlern ist. Aber hat man auch dieses Recht, wenn die Geschichte verklärt wird, nur halbe Wahrheiten ausgesprochen werden? Einen Tag später erfuhr ich, dass meine Studenten im Geschichtsunterricht nur die Zeit bis zum Zweiten Weltkrieg behandelten. Alles nach 1945 wird nicht aufgeklärt. Natürlich steht jedem Menschen frei, sich selbstständig weiterzubilden. Aber wer hat Muse und Zeit dazu? Der Gedanke ist beim Anblick dieser Verhältnisse hier einfach nur überheblich. Die Lebenssituation der Studenten ist sehr unterschiedlich. Manche haben wohlhabende Eltern, manche tun alles, um aus ihrer Situation herauszukommen. Das normale staatliche Stipendium, gleichzusetzen mit unserem BAföG beträgt hier 1500 Rubel im Monat. Der Umrechnungskurs beträgt ca. 1 Euro = 75 Rubel. Wer besonders gute Noten hat, bekommt 3000 Rubel. Davon sind gerade mal, wenn überhaupt, die Einkäufe zu bezahlen. Ein Student mit einer eigenen Wohnung ist mir bis jetzt hier noch nicht begegnet. Entweder man wohnt bei seinen Eltern oder hat ein Zimmer oder Bett im Studentenwohnheim. Bitte nicht von diesen Verhältnissen auf ganz Russland schließen. In Pensa soll die wirtschaftliche Situation besonders ungut sein, da das Gebiet sehr landwirtschaftlich geprägt ist. Ob das eine Begründung dafür sein muss, kann man bezweifeln aber sie wird immer als diese genannt. Kulturveranstaltungen werden deshalb auch eher selten besucht.

Auf der Autofahrt wurden die schlechten Straßenverhältnisse bemängelt. Immer wieder Versuche von Ausbesserungen waren zu sehen aber die Straßen leiden auch sehr unter dem Klima. Im Sommer kann es hier auch inzwischen bis 35 Grad heiß werden. Der Klimawandel lässt grüßen…

Die Autos sind einem ähnlichen Zustand wie die Straßen. Aber das macht hier nichts. Weil es allen so geht, fahren alle (oder zumindest der Großteil) langsamer. Einen Krankenwagen habe ich erst einmal gesehen.

Am Sonntag wurden wir von der Vorgängerin der jetzigen Deutschlandlehrerin zu einem sehr ausgedehnten Spaziergang eingeladen. Sie nutzte die Chance ihr Deutsch zu verbessern und wir, neue Plätze kennenzulernen. Als erstes ging es zu einem Sportleistungszentrum. Dort wohnen und trainieren 14-19-Jährige für Olympia. Sie bekommen Verpflegung und Unterbringung gestellt und bekommen monatlich ein Taschengeld von 700 Rubel. Leider bekamen wir noch nicht heraus, was sie davon alles zahlen müssen bzw. ob das reicht. Die Trainingsbedingungen waren aber sehr gut. Sauber, vielseitig. Sogar ein Schwimmbecken gibt es. Es ist jedoch ein Freibad mit heißem Wasser. Der Anblick von Wollmützen im Schwimmbad war doch sehr außergewöhnlich für mich. Bald werde ich genauso aussehen. Schwimmen gehen und die Sauna benutzen dürfen auch Externe. Als es weiter zu den Universitätssporthallen ging, verschlechterte sich der Zustand. Die Sportler sahen hier zwar weitaus motivierter aus aber die Decke war undicht, manche Lampen defekt, die Hygiene lies zu wünschen übrig. Die Studenten sind hier verpflichtet, zwei Jahre lang während ihres Studiums den Sportunterricht zu besuchen. Die Auswahl ist vielfältig.

Rundherum von der Universität und der Sportanlagen verliefen Wohnsiedlungen. Diese wurden noch zu Sowjetzeiten für Lehrer angelegt, die dort ein Grundstück zugeteilt bekamen (kostenlos)   und ihr Haus darauf bauen konnten. Inzwischen dürfen auch andere Personen dort Grundstücke erwerben und es entstehen die unterschiedlichsten Gebäude, je nach Geschmack und finanzieller Situation.

So allmählich froren uns langsam die Zehen weg, darum hatten wir uns zu entscheiden zwischen der Besichtigung der Kirche und der Bibliothek. Die Kirche war näher dran. Vorbei an den genannten Häusern, den streuenden Hunden unseres Viertels und durch den Wald, stand eine altaussehende Holzkirche auf der anderen Straßenseite, umgeben von Wald und Friedhof. Die Kirche ist jedoch ziemlich jung. 1994 aus Geldspenden, die von engagierten Bürgern gesammelt wurden, und von einem Holzmagnaten gefördert, entstanden, und nun von alt und jung wohl gut besucht. Zumindest gingen die Leute ein und aus. Hauptsächlich dient die Kirche als Treffpunkt und Ort des Betens. Uns wurden einige Ikonen und das jeweilige Beten vor ihnen erklärt. Auch die letzten Romanows hängen dort. Heute morgen besuchte ich die Messe. Der gesamte Kirchenchor sollte auftreten. Es waren vier Frauen und ein Mann. Ihre Stimmen glasklar und von woanders. Als ich benebelt von Tönen und Weihrauch wieder in die Kälte trat, war ich mir nicht sicher, warum ich zur Messe gegangen war. Fotos hatte ich keine. Und leichter fühlte ich mich auch nicht. Darum war ich ganz erleichtert, dass ich unerwartet 30 Minuten später einen Privatunterricht in Langlaufski bekam. Mein Becken litt ein weiteres Mal, gestern war ich beim Schlittschuhlaufen schon einmal gestürzt. Aber die kalte Luft und der stille Wald und die anstrengenden Bewegungen taten gut daran, alles Weitere für einen Moment zu vergessen.

14. Feb 2019

14.02.

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Gestern ist mir klar geworden, dass ich dem sogenannten Bush-Hühnchen am Montag begegnet war. Der Name geht zurück auf ein Wirtschaftsabkommen zwischen Bush Senior und Gorbatschow. Die Amis lieben das weiße Hühnchenfleisch, die Russen das braune Hühnchen. So wurde das jeweilige in das andere Land exportiert. Doch die Amis servieren ihr Hühnchen gerne in Schenkeln – auf diese Weise kamen braune Hühnchenschenkel nach Russland und die Russen nannten diese seitdem: Bush-Hühnchen. So heißt es zumindest bei Masha Gessen.

Heute bin ich aufgewacht und draußen stürmte es. Gestern kamen schon kleinere Schneeböen auf, heute war wieder alles weiß. Eine Rezeptionistin in unserem Wohnheim, die spontan auch um die Möglichkeit des Beisitzens im Deutschunterricht fragte, lud uns zum Nordic Walking mit ihr am Wochenende ein. Darin habe ich noch absolut keine Erfahrung aber ich bin mir schon ziemlich sicher, dass ich am Sonntag einen Muskelkater haben werde. Irgendwann am Wochenende werde ich mit meinen Studentinnen auch noch Schlittschuhlaufen gehen. So weit es geht. Ich hoffe auf eine vorhandene Bande und bin dankbar über ein Einlaufen Anfang Januar in Würzburg.

Außerdem mag ich an dieser Stelle Mama danken für den Mantel. Die Kapuze mit Fell darf ihre vollen Funktionen erfüllen. Die megadicken Handschuhe trage ich inzwischen auch, nachdem ich gestern das erste Mal ausgerutscht bin. Unter dem frischgefallenen und umhergefegten Schnee liegen dicke beinahe unsichtbare Eisschichten. In Bohnenschritten bewegen wir uns hier fort. Ich weiß nicht, wie es die hier Lebenden schaffen, teils mit 10-15 cm Absätzen hier lang zu stöckeln. Ein Phänomen. Auch Spikes und Schneeketten sind mir hier noch nicht begegnet. Und trotzdem bewegt sich alles. Beim Supermarkt fand ein reges Treiben statt. Wir holten Kopierpapier, was hier erstaunlich teuer ist (5-6 Euro). Karteikarten gab es leider gar nicht und schienen auch unbekannt. Danach ließen wir unsere 5-Liter-Wasserkanister auffüllen für läppische 20 Cent. Das Auffüllen fand an einem kleinen Häuschen gegenüber des Supermarkts statt. Darin saß eine Frau zwischen 60-70 Jahren und quatschte mit uns, unabhängig davon, dass wir ihr zu verstehen gaben, dass wir sie leider nicht verstehen. Unser „spassiba“ brachte ihr aber ein breites Lächeln ins Gesicht. Später fragten wir uns, ob es in Deutschland auch noch eine Frau in dem Alter gegeben hätte, die Wasserkanister auffüllt. Auch so fiel uns hier auf, dass es auch einige Arbeiten gibt, die scheinbar nur getan werden, damit jemand Arbeit hat. Ständig findet man in irgendwelchen Fluren eine Frau, die putzt. Egal welche Uhrzeit oder ob da schon vor zwei Stunden eine andere Frau geputzt hat. Selbst wenn diese Jobs nur Arbeits…maßnahmen sind: Was ist besser für einen Menschen, der arbeiten kann: Herumsitzen und Geld dafür bekommen oder tätig zu sein und dafür etwas zu bekommen? Ich lasse die Frage so stehen.

Die erste Unterrichtsstunde verlief besser als geplant. Ein wenig aufgeregt war ich ja schon. Die Studenten genauso. Am Anfang noch schüchtern und stockend und viel russischredend, wurden zum Ende hin die Fragen auf Deutsch gestellt, nach Bedeutungen von Wörtern gefragt, die Uhrzeit flüssig angesagt und neue Sätze mit Präpositionen gebildet. Also auf auf frohen Mutes in die zweite Stunde!

13. Feb 2019

Tag 4

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Ich komme von der Uni wieder in mein Zimmer und rieche: die Reinigungskraft war wieder da. Das ultimative Reinigungsmittel hat hier eindeutig die Hauptkomponente Chlor. Es ist immerhin alles desinfiziert.

Heute fand das zweite von drei Auswahlverfahren der Praktikanten meines Programms statt. Viel konnte ich nicht erledigen. Nur ein paar Deutschtests kontrollieren. Deshalb saß ich draußen im Flur und versuchte mich mit den Praktikanten zu unterhalten. Ein ehemaliger eines anderen Programms war auch da. Er studiert gerade im Master in Deutschland (Neubrandenburg) und hat vorher hier in Pensa studiert und kommt auch von hier. Sein Wunsch, später in der Qualitätskontrolle zu arbeiten, kommt daher, dass er vorher in der Massentierhaltung gearbeitet hat und die Bilder nicht mehr aus dem Kopf bekommt. „Zu viel Blut.“

Später fragte ich ihn, ob er eine Idee hätte, warum ausgerechnet heute eine riesige Kirche in Pensa neu erbaut wird. Gibt es eine so große Gemeinde? Die Antwort war nicht unerwartet aber erstaunlich lang. Auf demselben Platz stand schon einmal eine alte Kirche, die bis 1917 auch als Kirche funktioniert hat, mit dem Einbruch des Kommunismus jedoch umfunktioniert wurde zu einem Kulturzentrum. Heute soll sie dem Prestige der stark vom Staat finanzierten orthodoxen Kirche wieder helfen. Mir wurden daraufhin auch von einem anderen Studenten Fotos gezeigt, auf denen Priester in Amtskleidung vor fetten schwarzen Karren mit Sonnenbrille oder halbnackten Frauen posieren. Die Kirche wird hier augenscheinlich vollkommen instrumentalisiert, um den Bezug zum Volk aufzubauen. Der Witz ist, dass die junge Bevölkerung davon absolut nichts hält. Es ist nicht so, dass sie nicht an einen Gott glauben (wollen) – aber nicht an die Kirche und auch nicht in die Kirche gehen. Hier in Russland existiert keine Kirchensteuer. Die Gemeinden sind finanziell vollkommen von Spenden und vom Staat abhängig. Bleibt jetzt nur noch die Frage, ob die Kirche hier sich selbst so inszeniert oder der Staat die Kirche instrumentalisiert?

Beim weiteren Schlendern durch die Gänge fielen mir die wunderschönen Holztüren auf, die jede Tür in der Universität schmücken. Das Gebäude mag von außen echt hässlich (meiner Meinung nach) sein aber innen geben sie sich die größte Mühe, es auszuschmücken. Besonders die vielen unterschiedlichen Pflanzen sind auffällig. Aber die Gelder fehlen teils, um die Räume fachlich auch gut auszustatten. Derselbe Student von vorhin hatte in Deutschland anfangs Wissensdefizite, weil er die modernen Labore nicht bedienen konnte. „Labore“ sind hier in ganz normalen Räumen eingebaut. Nichts mit Fliesen für eine leichtere Reinigung…vielleicht werde ich noch anderes zu sehen bekommen. Die Toiletten waren in einem ähnlich schlechten Zustand. Wären sie nur französisch…á la Löcher im Boden…aber irgendetwas stimmt der Kanalisation nicht. Es riecht.

Nun werde ich mich aber mal wieder meinem Krautsalat widmen, den ich ähnlich verspeise wie meine Spaghetti…mit der Gabel aufrollen und ab in den Mund. Jam!

Eine Sache noch: Es mag und wird manchmal scheinen, dass ich zu viel Russland mit anderen Ländern, besonders Deutschland, vergleiche. Mir ist bewusst, dass das nicht immer gut ist. Es ist situationsabhängig.


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