5. Dez 2010
Die Zeit neigt sich dem Ende entgegen…
Es ist unglaublich, wie schnell die Zeit hier oben vergangen ist. Vielleicht vergeht sie schneller, je nördlicher man sich befindet.
Ich habe jedenfalls das Gefühl, erst gestern hier angekommen zu sein. Wie können zwei Monate schon vorüber sein?
Wir haben heute mit dem Auto einen kleinen Ausflug gemacht. Dabei zog die schöne verschneite russische Landschaft an uns vorbei; kleine Dörfer, vereinzelte Wäldchen, wackelnde Busse, und hier und da ein paar liegen gebliebene Autos…
Ich bin ein bisschen zerrissen. Ich freue mich auf Deutschland und zugleich bedaure ich es irgendwie, hier wieder weg zu fahren. Das nicht ganz so geordnete Russland ist mir ans Herz gewachsen. Sicher könnte sehr vieles hier besser laufen, sicher ist so manches nicht so leicht zu ertragen: so sind die Preise in Bezug zum Einkommen in jeder Hinsicht zu hoch (das betrifft vor allem die Mieten), die Straßen sind schlecht, die Busse laufen Gefahr jeden Moment auseinanderzufallen, das Fahrverhalten ist in meinen Augen in jeder Hinsicht fahrlässig… Aber irgendwie mochte ich das Gehopse in den Bussen, das etwas wilde Durcheinander in vielen Lebensbereichen, das nicht ganz so Ernstnehmen der Dinge…
всё нормально!
Hier im Hotel z.B. geht manches Mal die Alarmanlage los. Meistens dauert der Alarm nicht lange. Letzte Woche Mittwoch hörte er jedoch nicht auf. Dann schaut man schon mal zur Tür heraus; vielleicht ist es doch was Ernstes. всё нормально! Es hat nirgendwo gebrannt.
Die Russen sind tatsächlich Lebenskünstler. Mögen die Umstände auch nicht ganz hervorragend sein, sie wissen sich trotzdem zu helfen.
Und sie sind Familienmenschen. So mein Eindruck. Der soziale Zusammenhalt ist hier sehr wichtig, sowohl im Beruf als auch in der Familie. Der Typus des Einzelkämpfers ist hier weniger vertreten als in Deutschland, meine ich. Man hilft einander.
Und auch die legendäre russische Gastfreundschaft ist kein Gerücht, sondern existiert wirklich :). Ich bedanke mich an dieser Stelle bei meiner Russischlehrerin, bei all den Kollegen vom Lehrstuhl für Deutsch für die viele Unterstützung (auch im alltäglichen Leben; Ausfüllen von Postformularen und solch schönen Dingen), und bei meinen Studenten-Gruppen. Vor allem Gruppe 44 war mir die liebste von allen.
Aber genug der Abschiedsworte. Eine Woche bin ich ja noch da.
Letzte Woche hatte der Winter ordentlich Einzug gehalten: Teilweise waren es -30°C!! Es ist hier auch sehr üblich, Pelze zu tragen. Bei der Kälte allerdings verständlich. An der Uni gab es verkürzten Unterricht. Kältefrei darf man das wohl nennen.
Am Freitag bot sich mir dankenswerterweise die Gelegenheit, das (einzige) Hochhaus von Archangelsk zu besteigen. Darin befinden sich Büroräume, deswegen ist der Zutritt nicht ganz so leicht. War auch das Wetter nicht allzu schön, die Aussicht war trotzdem beeindruckend.
Samstag besuchte ich mit Freunden das Pissachow-Museum und das Puppentheater. Das Museum war sehr modern gestaltet, aber leider fehlte es an Informationen zu den Ausstellungsstücken, die man sonst nur in Führungen erhält. Pissachow, in Archangelsk geboren, war ein sehr bekannter Märchenerzähler und Künstler.
Bei dem Stück im Puppentheater handelte es sich um чайка (Möwe) von Tschechow. Die Aufmachung dieses Stückes hat mich sehr an das Hallenser Puppentheater erinnert. Die Vorführung war absolut sehenswert, nur ist leider ein Stück von Tschechow seeeehr textlastig. Für eine Deutsche mit eher beschränkten Russischkenntnissen ein wenig hinderlich….
Einen schönen zweiten Advent!




