Iconoclasm

Latour beschreibt mit dem Begriff ICONOCLASM oder Iconoslash eine für das westliche Denkmodell wesentliche geschichtliche Entwicklung und einen derzeitigen anthropologischen Befund für die Modernen. Iconoclasm gehört nicht zu den eigenständigen Modi Latours, sondern ist ein Beispiel für die Subjekt – Objekt – Rationalisierung der Welt und eng mit mehreren angrenzenden Modi verknüpft. Er ist das Resultat eines Kardinalfehlers des Konstruktivismus: des Konstruierens von Wahrheit und Realität durch die Modernen. Domains wie „Religion“ oder „Wissenschaft“ sowie Existenzmodi wie [Ref] und [Rep] mit ihren Vernetzungen werden dabei irrtümlicherweise derart falsch gedacht, dass eine angenommene Verbindung zwischen dem Verständnis von Religion und Rationalität entsteht.

Iconoclasm bezeichnet etwa die Zerstörung religiöser Darstellungen und Artefakte der eigenen Religion, besonders im Laufe der Geschichte des Christentums. Was sind die Gründe für einen solchen Wunsch nach der Zerstörung von Religion? Die modernen „Bilderstürmer“ glauben an eine irrationale Religiösität der „Anderen“; an das Ende religiöser Bilder; an die eigene Rationalität und Unmittelbarkeit – aber sie glauben. Sie glauben an einen direkten Zugang zu Gott, zu Wissen, zur Welt. Es ist die Suche nach einer absoluten, nicht relativen Welt von Wahrheit und Irrtum, die keiner Vermittler, keiner Träger, keiner Bilder bedarf. Referenzketten werden gelöscht.

Doch was geschieht, wenn religiöse Praxis durch die scharfe Kritik postmoderner Dekonstruktion offengelegt und damit der Fetisch vernichtet ist? Iconoclasm brachte laut Latour in Wahrheit nur neue Ikonen und Ideen hervor, seien es die Betonung wissenschaftlicher Totalität oder der bestehende Hang zu Magie und Bewusstseinserweiterung. Das als beseitigt Geglaubte jedoch gewinnt unterdessen nur an Anziehungskraft, anstatt zu verschwinden.

Der Link zwischen Wissen und Glaube ist die Ursache der doppelten Sprache der Modernen – sie „verschleiern ihre eigenen Praktiken – aber sie können nicht aufhören, sie zu verehren“ (Latour 2013, An Inquiry Into Modes of Existence, 168). Laut Latour ist es lediglich die Anthropologie, oder eine Anthropologie der Modernen, die diese eigentümliche und eigentlich unmögliche Verknüpfung von Religion und wissenschaftlicher Vernunft im Mantel des Monotheismus aufdecken kann.

Ethnographisches Beispiel: Der bekennende Apple-Nutzer

 Zur Grundlage wird eine Fernsehdokumentation genommen, die viele exemplarische Aussagen durch Vertreter von Latours „Modernen“ beinhaltet.

Ich gehe eine Verbindung mit dem Produkt ein.

Hirnscans zeigen, dass das innere Gespräch glaubender Menschen mit Gott einer vertrauten Beziehung zu einer Person gleichkommt. Ersetzen bekennende Apple-Nutzer religiöse Gefühle durch Identifikation mit intelligenten technischen Systemen?

Wir erfinden das Telefon neu.

Etwas Neues, Innovatives, Revolutionäres beansprucht für sich den Platz ganz oben in der technischen Evolution. Das Neu-Erfinden und die öffentliche Bekanntmachung dieser Erfindung spiegeln die Grundtendenz von Iconoclasm. Mit Latour gedacht, müsste davon ausgegangen werden, dass das Telefon nicht neu erfunden werden kann – höchstens könnte es ein neues Telefon geben. Iconoclasm bedeutet Transformation, Ablösung, Erneuerung, doch der Anspruch auf eine fundamental neue und von vorweggegangenen Referenzketten abgekoppelte Idee erscheint als bloße Selbsttäuschung, als straight talk, hinter dem etwas anderes steckt.

Ich kann das nicht rational erklären. Es sieht schön aus, ästhetisch.“

Technische Geräte, Sinnbilder der Kultur der Modernen, erscheinen als aufgeladen von Ästhetik, Sinnlichkeit, nicht vorrangig Rationalität. Vertrauen und Loyalität bestimmten die Beziehung des Nutzers zu einem Gerät. Neue Symboliken repräsentieren ein Produkt. Design, Images und Labels besitzen unfehlbaren Wiedererkennungswert für jeden Modernen. Sie werden zu gesellschaftlich ausgehandelten Werten von Ästhetik, zu Ikonen.

Sind die Modernen noch immer  davon überzeugt, dass Irrationales von der technischen Revolution zu trennen sei? Wir sind uns bewusst, dass sich komplexe Entwicklungsprozesse und Marketingstrategien hinter einem Produkt und seinem Erfolg verbergen – und doch kennen wir den Grund nicht, warum wir es lieben, verehren.

Verfasserin: Henrike Nitz (henrike.nitz[at]student.uni-halle.de)

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