[MOR]

Die Existenzweise der Moralität [MOR]

Jede Existenzweise hat eine spezifische Aufgabe/Alteration und Maßstäbe, anhand deren der Erfolg oder Zielgerichtetheit einer Handlung in Bezug auf diese Aufgabe evaluiert werden kann (felicity/infelicity condtions). Die Existenzweise der Moralität [MOR] kombiniert die Evaluierungen aller übrigen Existenzweisen, um das „unmögliche Maximum“ zu kalkulieren. Die Aufgabe von [MOR] ist es also, in einer Situation die Handlungsalternative zu ermitteln, die möglichst viele felicity conditions der übrigen Existenzweisen erfüllt (sie also „glücklich macht“, da sie ihre Aufgabe/Alteration erfüllen können). Fast „unmöglich“ scheint diese Aufgabe, weil es keine gemeinsame Messeinheit gibt und alle Existenzweisen gleichwertig nebeneinander stehen.

Latour geht dabei davon aus, dass die Welt Moralität besitzt und diese aussendet (AIME: 456) bzw. moralische Wesen (moral Beings) nach jemandem rufen, der diese Rufe wahrnimmt, Skrupel empfindet und Verantwortung übernimmt. Das Gefühl von Skrupel ist also die Unterbrechung (hiatus) die [MOR] erkennbar werden oder auftreten lässt. Wieder ist hier zentral, Subjekt/Objekt-Denken zu vermeiden und nicht nach „objektiven“, universellen moralischen Prinzipien zu suchen, sondern der Erfahrung des Skrupels zu folgen und die Gründe für diese zu erforschen (trajectory), wenn sie konkret und unmittelbar eintritt. Das Sprechen über Moral steht also dem adverbiellen moralischen Sprechen gegenüber.

Eine Analogie auf dieses Erscheinungsbild stellt das Messen von Radioaktivität mit einem Geigerzähler dar. Dieses feine Messinstrument nimmt ausgesendete Radioaktivität wahr und antwortet darauf mit einem Klicken. Ebenso kann ein moralisches Quasi-Subjekt Skrupel empfinden, wenn es eine Disharmonie zwischen Mitteln und Zwecken wahrnimmt, auf die moralische Wesen rufend hinweisen. Dieses Empfinden von Skrupel muss laut Latour intensiviert, also die „Instrumente“ geschärft werden. Das aktive Folgen der Erfahrung des Skrupels führt im besten Fall zu einer Erneuerung der Kalkulationen und zu einer Evaluierung (felicity condition), die dem unmöglichen Maximum näher ist, als vorige Berechnungen. Wird dem Skrupel nicht gefolgt, kann dies auf der anderen Seite zu einer Auflösung der Erfahrung von Skrupel führen (das Instrument stumpft ab). Auf Rufe der moralischen Wesen würde dann nicht mehr geantwortet, es würde keine Verantwortung übernommen (infelicity condition).

Verfasser: Max Heigermoser (max.heigermoser[at]posteo.de)

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