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8. Nov 2012

Hochzeit ist ein Vertrag

Verfasst von

Japaner wollen immer von mir wissen, was für schockierende Momente ich hier in Japan schon erlebt habe und seit gestern weiß ich endlich, was ich darauf antworten kann.

Gestern fand wieder der Kulturtreff im Goetheinstitut zum Thema Liebe und Beziehungen statt und ich hatte nicht mit vielen Teilnehmern gerechnet, dass wir dann im Endeffekt 14 (5 Deutsche) waren, überraschte mich schon etwas. Anfangs bat ich die Lieben sich vorzustellen und ihren Beziehungsstatus preiszugeben. Die Singles waren leicht in der Überzahl, gefolgt von den Verheirateten. Dies ließ mich schlussfolgern, dass die Verheirateten, eben weil sie verheiratet sind, ihre große Liebe schon gefunden haben, doch damit zeigte ich wohl nur wieder meine Naivität. Denn „dank“ dieser Aussage kam es schon zur Diskussion und eine Japanerin sagte: „Heirat ist ein Vertrag.“, wozu ich die Köpfe der anderen nicken sah… okay, das war schon einmal Schock Nummer eins. Wir versuchten natürlich etwas über Signale/Zeichen, die Japaner/innen dem oder der Angebeteten zusenden zu erfahren, aber wie oft wir auch nachfragten, es gab nur nachdenkende Gesichter. Ehrlich gesagt, war mir schon klar, dass wir auf diese Frage keine Antwort bekommen werden, aber einen Versuch war es ja wert, somit konnten wir wenigstens etwas zu Deutschland erzählen. Anfangs hatte ein Japaner gesagt, er habe das Wort Liebe vergessen und sich durch das heutige Thema daran zurückerinnert… Darauf kamen wir zu sprechen und da wurde uns Deutschen dann erklärt, dass es das Wort Liebe im Japanischen nicht gibt, dass dieses Wort aus Europa kommt… Schock Nummer zwei… hier sagt man anscheinend nur, dass man jemanden „sehr mag“ (daisuki). Natürlich gibt es Wörter wie aishiteru (Ich liebe dich) oder ren`ai (Liebe), die benutzt wohl anscheinend nur keiner. Naja, da wir immer nur eine Stunde Zeit haben, ließ Schock drei nicht lange auf sich warten… Ich begrüße Privatsphäre in einer Beziehung natürlich auch sehr, jeder braucht seinen Freiraum, aber als ich hörte, dass die Zeit ohne den Partner unter anderem als wohltuender empfunden wird und dass man heiratet, weil es die Gesellschaft ab einem bestimmten Alter von einem erwartet, wurde ich einfach nur noch traurig. Sucht man sich in Japan also nicht den Partner, der zu einem passt, sondern nimmt ab einem bestimmten Alter einfach den, den man gerade hat und fragt ihn nach Heirat? Ich wollte eigentlich fragen, welche Gefühle u.ä. darüber entscheiden, wen man als „Mann/Frau fürs Leben“ bezeichnet und letztendlich heiratet… meine Antwort bekam ich: nicht Gefühle, das Alter entscheidet wohl darüber… Dabei hoffte ich jedoch innständig, dass es in den jüngeren Generationen anders ist. Immer wieder sehe ich hier Hochzeitspaare, eigentlich glücklich aussehend, doch jetzt hinterfrage ich all diese bisherigen Situationen. Jetzt denke ich: Heiratet ihr aus Liebe, oder aufgrund des Drucks seitens der Gesellschaft/weil ihr die Uhr immer lauter ticken hört? Auf die Frage nach Signalen oder ähnlichem kam dann auch die Antwort, dass Japaner schüchtern, zurückhaltend und indirekt seien. Im Klartext: selbst wenn sie mehr als freundschaftliche Gefühle für jemanden empfinden, würden sie sich nicht getrauen, dies zu zeigen… schade ne, wer weiß wie viele Chancen vertan.

Tja, vor Lachen nicht mehr halten konnte ich mich nach dem Ende des Kulturtreffs, als ein Deutscher beim Gläser raustragen half und dafür ein großes Buch von Bertholt Brecht benutzte, Titel: die Liebenden. (Nichts gegen Sie Herr Brecht!) – naja, wir scherzten dann, dass „Liebe als Untersetzer“ ganz gut als Fazit passte. In der Bahn konnte ich dann an nichts anderes mehr denken, als an das heute Gehörte und passend dazu sah ich auch noch eine Werbung im Zug, von einer Internetseite, die (Heirats)Partner vermittelt…

Zum Glück hab ich heute einen Test geschrieben, sodass ich gestern dafür lernen und mich somit ablenken konnte, weshalb ich nicht grübelnd einschlief…

Wie gesagt, ich hoffe irgendwie, dass die gerad beschriebenen Meinungen nicht der Regelfall sind, bzw. die „jüngeren“ Generationen anders denken… sonst würde ich das sehr schade für die japanische Gesellschaft empfinden. Wie wir im Gespräch auch festgestellt haben, ist Liebe zwar mit vielen Ängsten verbunden und kompliziert, aber wenn man den richtigen Partner erst einmal gefunden hat (leichter gesagt, als getan, ich weiß), hat sie doch mehr Vor- als Nachteile. Natürlich ist es gefährlich, jemandem offen zu erklären, was man für ihn empfindet, selbst, es ihm indirekt mitteilen zu wollen, birkt die Gefahr, dass er es entweder gar nicht bemerkt, oder dass er es merkt und nicht dasselbe empfindet, aber ist es nicht besser, zu wissen, woran man ist? Die Wahrheit ist manchmal wie ein Schlag ins Gesicht, aber wenn man sie weiß, kann man sich entweder darüber freuen, dass der/die Angebetete dasselbe empfindet, oder aber, man fasst den Mut, und geht weiter. Es ist ja nicht so, als würde man nur einem Menschen im Leben begegnen. Die Welt ist so groß, irgendwo wird das passende Deckelchen schon auf einen warten.

Über Julia Streubel

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