Führungswechsel in Sinn Féin: Eine neue Ära beginnt

Change in Sinn Féin – Adams & McDonald


Nach 35 Jahren an der Spitze von Sinn Féin geht Gerry Adams in den politischen Ruhestand. Damit tritt die gegenwärtig wohl umstrittenste Person in der irischen Politik von der Bühne: Seine Kritiker machen ihn für die Gewalt der IRA mitverantwortlich, Anhänger sehen ihn als Architekten des Friedensprozesses. An diesem Wochenende wird die irisch-republikanische Partei nun Mary Lou McDonald zur neuen Vorsitzenden wählen.
Der Führungswechsel steht unter guten Vorzeichen, unter seiner Nachfolgerin könnte die Partei allen voran in der Republik Irland weiter wachsen.

Die Schuhe von Gerry Adams könne sie nicht ausfüllen, gab die designierte Vorsitzende Mary Lou McDonald bekannt. Doch das sei kein Problem, sie habe schließlich ihre eigenen Schuhe mitgebracht. Innerhalb von Sinn Féin scheint man davon überzeugt, dass McDonald tatsächlich in ihre neue Rolle rein wachsen kann. Die 48-Jährige, seit 2011 Abgeordnete im irischen Unterhaus und seit 2009 stellvertretende Sinn Féin-Vorsitzende, kandidiert als einzige Person für den Parteivorsitz. Nachdem Gerry Adams im November letzten Jahres seinen baldigen Rücktritt verkündigte, galt McDonald als aussichtsreichste Nachfolgerin. Dass Gerry Adams nach über drei Jahrzehnten als Parteivorsitzender langsam ans Aufhören denkt, war bekannt. Am Samstag nun ist es soweit.

Sein Abgang stellt einen einschneidenden Moment in der irisch-nordirischen Geschichte dar. Adams, 1948 in Belfast geboren und seit 1983 Vorsitzender von Sinn Féin, zählt zu den prominentesten Gesichtern des Nordirlandkonflikts. Mit dem Rücktritt von Adams aus der vordersten politischen Reihe, vollzieht sich schließlich ein Generationswechsel. Im Nordern der Insel wird Sinn Féin seit Januar 2017 von der 41-Jährigen Michelle O’Neill geführt, sie folgte auf Martin McGuinness. Adams Parteifreund und langjähriger Weggefährte McGuinness verstarb im März des vergangenen Jahres. Michelle O’Neill und Mary Lou McDonald sind deutlich weniger mit der Last der Vergangenheit konfrontiert als ihre Vorgänger. Zwar stehen beide in der republikanischen Tradition ihrer Partei und bekunden voller Stolz ihren Respekt für die Kämpfer der Irisch-Republikansichen-Armee (IRA). Doch involviert in die Anschläge der IRA waren sie persönlich nicht.

Gerry Adams und die IRA – eine schicksalshafte Beziehung

Offiziell behauptet das auch Gerry Adams von sich. Nie hat er eine IRA-Mitgliedschaft zugegeben, nie konnte ein Gericht vom Gegenteil überzeugt werden. Dennoch gelten seine Beteuerungen vielen als unglaubwürdig, dutzende Journalisten, Historiker und ehemalige Weggefährten klagen ihn an. Adams, so wird es behauptet, soll einer von sechs Mitgliedern des Armeerats, des höchsten Organs der IRA gewesen sein. Es gibt dutzende Anschuldigungen gegen ihn, doch nie reichte es, ihn zu überführen. Unbestritten jedoch sind seine guten Kontakte in die republikanische Organisation. So reiste Adams 1972 als Teil einer IRA-Verhandlungsgruppe zu geheimen Gesprächen mit der britischen Regierung in London. Auch soll Adams, gemeinsam mit McGuinness, der IRA maßgeblich den Weg in die Friedensverhandlungen geebnet haben.

Adams war ein Teil des Konflikts, ohne dass man seinen Anteil an der Gewalt der 1970er und 1980er Jahre je seriös berechnen könnte. Gleichzeitig war auch ein Mann des Friedens. Er gestaltete, gegen massive Widerstände aus den Reihen der britisch-protestantischen Unionisten, das Karfreitagsabkommen von 1998 mit. Bis heute verteidigt er das Abkommen auch gegen Kritik aus den eigenen Reihen. Laut Adams habe das Abkommen nicht nur Frieden gebracht, sondern auch das Ziel eines vereinigten Irland in greifbare Nähe gerückt. Zwar sieht Adams seit Jahrzehnten den unmittelbaren und bisher nicht eingetretenen Moment für eine Vereinigung von Nord und Süd gekommen. Doch in der Tat hat er Sinn Féin zu historischen Erfolgen verholfen. Im Norden gelang es Sinn Féin in den frühen 2000er  Jahren, die bis dahin deutlich erfolgreichere Social Democratic and Labour Party (SDLP) als stärkste irisch-katholischen Partei abzulösen. Bis heute konnte sich die SDLP nie von dieser Niederlage erholen, die Kräfteverhältnisse im nordirischen Regionalparlament sind zugunsten von Sinn Féin umgekehrt. Zudem ist Adams Partei in der Republik Irland möglicherweise auf Regierungskurs. Jahrzehntelang galt Sinn Féin als verlängerter Arm der IRA. Heute ist sie die stärkste Oppositionsführerin, positioniert sich als linke Anti-Establishment-Partei.

Neue Möglichkeiten einer neuen Generation

Mary Lou McDonald wird diesen Kurs fortsetzen und dabei – ohne den Ballast der IRA-Vergangenheit – möglicherweise neuer Wählerschichten erreichen. Zur Zeit bestimmt eine konservative Minderheitsregierung den politischen Kurs in der irischen Republik – Fine Gael um Premierminister (Taoiseach) Enda Kenny wird von der ebenfalls konservativen Fianna Fáil toleriert. Noch hält diese für Irland ungewöhnliche Konstellation, doch Neuwahlen könnten jederzeit Realität werden. Sinn Féin will dafür vorbereitet sein. Die langjährige Position, nicht als Juniorpartner in eine Koalition einzutreten, hat man dafür aufgegeben.

Sinn Féin setzt sich für die ‚Ehe für alle‘ ein – hier auf der Belfast Pride Parade 2017

Auch in Nordirland ist man bereit, wieder in Regierungsverantwortung zu treten. Dort allerdings ist die Situation komplizierter. Das Karfreitagsabkommen schreibt vor, dass im Sinne des Friedens stets eine Koalition aus protestantischen und katholischen Parteien gebildet werden muss. Sinn Féin ist also gezwungen, mit der wertkonservativen, protestantischen Democratic Unionist Party (DUP) zusammenzuarbeiten. Doch seit mehr als einem Jahr stecken die Gespräche zur Regierungsbildung fest (siehe: Nordirland nach der Wahl vom April 2017). Laut Gerry Adams könnte die Regierung unverzüglich ihre Arbeit wieder aufnehmen: Seine Partei verlangt unter anderem die Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe in Nordirland, welche von der DUP und anderen unionistischen Partien blockiert wird. Sinn Féin vollzieht in dieser Frage seit nunmehr einigen Jahren einen bemerkenswerten Strategiewechsel: Trotz vereinzelter Skepsis in der katholischen Wählerschaft, positioniert sich die Partei als Befürworterin der Ehe für alle. Das kommt gut an, allen voran im jungen und urbanen Kontext von Belfast. Für diese Wählergruppe ist die Partei weniger die „IRA-Partei“, sondern vielmehr eine Stimme der Gleichstellung.

Auf Regierungskurs im Norden wie im Süden?

Diesen bereits von Adams eingeleiteten Kurs kann McDonald fortsetzen, möglicherweise gar noch erfolgreicher. Doch Gefahr lauert an anderer Stelle: Noch in diesem Jahr wird in der Republik Irland ein Referendum über die Legalisierung von Abtreibungen abgehalten. Hier könnte der progressive Anspruch der Partei tatsächlich in einem spürbaren Konflikt mit konservativeren Wählerinnen und Wählern stehen. Doch gelingt es Mary Lou McDonald, diese Klippe zu umschiffen, kann vielleicht in absehbarer Realität werden, was lange Zeit undenkbar war: Sinn Féin als Regierungspartei im Nordern wie im Süden der Insel. Es wäre ein Meilenstein auf dem Weg zum großen Ziel der Partei: einem vereinigten Irland.

Weiterlesen:

Das politische Wirken von Gerry Adams in Bildern, zusammengestellt von der Irish Times.

Ebenfalls in The Irish Times: Adams Rolle in der IRA: hier; sowie seine wichtige Rolle in den nordirischen Friedensverhandlungen: hier.

Die Welt fragt: Ist Mary Lou McDonald zu jung, um erfolgreich zu sein?

Im Video: Gerry Adams jüngst im Interview mit Andrew Marr von der BBC.

Auch hat die BBC ein ausführliches Profil von Gerry Adams erstellt, zu finden hier.

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