Das Auto soziologisch betrachtet bzw. den Auto-Fetisch entzaubert

Was sonst noch in der Welt passiert

Allen, die das Auto als Umweltsünde Nummer Eins betrachten oder die Autofahrer als unsympathischste Menschengruppe verdammen, seien auf diesen Vorabdruck von „Totalschaden. Das Autohasserbuch“ von Klaus Gietinger verwiesen. Oder ihr guckt euch erstmal Menschen bei Maischberger (nächsten Dienstag, 22.45 Uhr) an, da wird das Buch auch vorgestellt.

Worum geht es? Aus dem Vorabdruck in der Jungen Welt wird die These erkennbar, dass unsere Mobilitätsgewinne durch das Auto, die doch in so unzähligen Werbebotschaften suggeriert werden, schlicht nicht vorhanden sind. Kein Mensch ist heutzutage mobiler, nur weil er Auto fährt. Zwar fahren die Pkw heute um ein vielfaches schneller und weiter, aber Mobilität wird so nicht gewonnen. Die Deutschen sind seit Jahrzehnten konstant 70 bis 75 Minuten pro Tag unterwegs (Pro-Kopf-Reisezeitbudget). Wie oft sind Deutsche unterwegs? Auch seit Jahren konstant: ungefähr 3,5 Wege erledigen wir pro Tag im Schnitt. Zitat: „Wenn wir uns aber immer gleichviel Zeit nehmen und immer gleichviele Wege fahren, haben sich nur zwei Dinge verändert: Wir fahren nicht nur schneller, sondern auch weiter.“ (Junge Welt vom 9.April, S. 10) Die damit befriedigten Bedürfnisse, Einkauf, Arbeit, Urlaub etc. bleiben aber in etwa gleich! Was ist dann der Sinn des immer schneller und weiter mit dem Auto? Nach Ansicht des Autors der Fetisch Mobilität bzw. der Auto-Fetisch einer „Pkw-Gesellschaft“ – „Nicht der Weg ist hier das Ziel, sondern der Spaß beim Überwinden des Weges.“ (ebd.) Nur deswegen werden die Autos immer schneller und PS-stärker, wodurch der Spritverbrauch der modernen Pkw im Schnitt auch kaum zurückgeht. Es folgen dann eine Aufzählung von Nachteilen, die das Auto als Mobilitätsbringer so an sich hat.

Ich möchte noch auf den „gigantische[n] Flächenverbrauch“ der Autos zu sprechen kommen. Autos stehen 97 % der Zeit, die sie existieren, nur dumm herum. In dieser Zeit nehmen sie Unmengen an Parkplätzen und damit kommunalen Flächen zumeist kostenlos in Anspruch. Bereits 1965 hätten alle Frankfurter (Main), die in der Innenstadt arbeiten und mit einem Auto gekommen wären, für ihre Parkplätze eine Fläche so groß wie die gesamte Frankfurter Innenstadt benötigt. Gott sei Dank nutzen viele Menschen auch heute noch die eigenen Füße, ein Fahrrad oder den ÖPNV (Bus, Straßenbahn usw.). Man sollte auch mal an die gewaltigen Flächen denken, die für Autobahnen, Landstraßen und Stadtverkehr verbraucht werden. „In einer Stadt mit Tempo 50 km/h passen damit grade ml gut 60 Smarts auf einen Kilometer Fahrbahn [wegen Bremsweg!].“ (ebd., S.11).

Mein Schluss ist: wir müssen mehr in den Schienenverkehr investieren und alle Menschen müssen sich fragen, ob sie zum Einkaufen und in den Urlaub fahren das Auto brauchen. Und die Politiker müssten sich mal überlegen, ob es sich aus umweltpolitischer Sicht nicht mehr lohnen würde, stärker in den ÖPNV zu investieren statt jedes Jahr an den maroden Straßen für Pkw zu reparieren und noch mehr Autobahnen zu bauen. Vielleicht hilft ja die Lektüre dieses Buches:

Klaus Gietinger: Totalschaden – Das Autohasserbuch (unter Mitarbeit von Markus Schmidt). Westend Verlag, Frankfurt/Main 2010, 224 Seiten, 16,95 Euro (ISBN 978-3-9380)

Quelle:

http://www.jungewelt.de/2010/04-09/021.php

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