Ausgrenzung aus soziologischer Perspektive

Was sonst noch in der Welt passiert

Der folgende Beitrag ist die nicht lektorisierte und ungekürzte Version eines Artikels, der zuerst auf dem Blog des studentischen Soziologiemagazins zum Thema „FreiRäume“ veröffentlicht wurde. Darin setze ich mich im ersten Teil mit Elias Figurationstheorie und Prozessen der Ausgrenzung auseinander. Der Text ist eine Provokation für alle, die meinen, Deutschland gehe es gut und Armutsprobleme kennen nur die aktuellen Krisenländer. Der zweite Teil inklusive der Quellen, in dem es um eine Kritik des bürgerlich-liberalen Demokratieverständnisses geht, erscheint im Laufe der Woche.

Zur ungleichen Verteilung von Freiheit

FreiRäume – gibt es in unserer Gesellschaft Freiräume? Das ist eine sehr provokante Frage, schließlich meinen wohl die meisten Menschen unserer Gesellschaft, dass wir in einer freiheitlich-demokratischen Grundordnung mit garantierten Menschen- und Bürgerrechten, Rechts- und Sozialstaat leben. Also Freiräume, wohin man schaut, und unbegrenzte Möglichkeiten? Mein Artikel hätte aus meiner Sicht schon Erfolg, wenn der kritische Leser diese Annahme überdenken würde und vielleicht eine andere Sicht auf unsere Gesellschaft entwickelt. Mit Hilfe von Elias
Figurationstheorie und Adlers Kritik der bürgerlichen Demokratie will ich versuchen, diese Frage zu beantworten. Sie führt mich zu einer sehr grundsätzlichen Problematik einer Gesellschaft: dem Verhältnis von Individuum und Gesellschaft oder, anders gesagt, um die Freiheit des Individuums in unserer demokratischen Gesellschaft.

Norbert Elias, deutscher Soziologe und einer der Klassiker der Soziologie, beschäftigte sich zeitlebens mit solchen Fragen. Die Begriffe Gesellschaft und Individuum, Zivilisation und Figuration sind eng mit ihm verbunden. Gleichwohl habe ich das Gefühl, dass Elias noch immer als Außenseiter behandelt wird und seine Erkenntnisse in der zeitgenössischen Sozialwissenschaft eine untergeordnete Rolle spielen. Noch immer, weil Elias schon zu Lebzeiten Schwierigkeiten hatte, als Wissenschaftler Anerkennung zu finden. Elias war jüdischer Abstammung, sehr klein gewachsen, homosexuell, kränklich und konnte nur schlecht sehen. Als er nach Deutschland kam (wurde in Breslau geboren), wurde er auch noch Migrant, sodass er viele Außenseitermerkmale in sich vereinigte. Das hinderte ihn zwar
nicht zu promovieren und zu habilitieren (Habilitationsschrift: „Die höfische Gesellschaft“), doch 1933 musste er vor der Nazi-Herrschaft fliehen und stand im Exil wieder vor einer schwierigen Existenz. Das soll hier aber nicht Thema
sein.

Elias Figurationstheorie

Es kann nicht überraschen, dass Fragen von Ausgrenzung und Integration eines seiner wichtigsten Forschungsthemen wurde. Elias schrieb dazu einen Band, der „Etablierte und Außenseiter“ heißt und Ergebnis einer zwischen 1958 bis 1960 durchgeführten Gemeindestudie in Mittelengland, wo er nach der Flucht aus Deutschland lebte, war. Hier entwickelt er auch seine Figurationstheorie bzw. die „Theorie von Etablierten-Außenseiter-Beziehungen“ (Elias 1990: 7ff.). Grundsätzlich distanziert sich Elias sowohl von der Makrosoziologie und holistischen Theorien, die gesellschaftliches Handeln als unabhängig von Individuen betrachten, als auch von mikrosoziologischen und atomistischen Theorien, die das soziale Handeln allein auf individueller Ebene betrachten  (vgl. ebd.: 261f.). Sein besonderer Ansatz ist, dass er von der Mesoebene ausgeht und damit die Beziehungen zwischen Gruppen von Menschen erklären will.

Elias meint, dass alle Individuen in interdependenten Beziehungen leben. Jede dieser Beziehungen ist eine Etablierten-Außenseiter-Beziehung. Das bedeutet, es gibt eine etablierte Gruppe, die sich selbst bessere Eigenschaften zuschreibt und als etwas Besseres ansieht, und eine Außenseitergruppe, die von den Etablierten ausgegrenzt wird und sich in ihr Schicksal scheinbar fügt. Wie entstehen diese Gruppen? Elias sagt, die Gruppenunterschiede beruhen auf Machtdifferentialen (vgl. ebd.: 11). In Winston Parva, was der fiktive Name der untersuchten Gemeinde ist, beruhten die Machtunterschiede aber nicht wie in anderen soziologischen Untersuchungen seiner Zeit auf Klassen-, Rassen- oder Nationalitätenunterschieden, sondern allein auf der unterschiedlichen Wohndauer der beiden Guppen. Winston Parva besteht aus drei „Zonen“: Zone 1 wird als typische Mittelklassesiedlung bezeichnet; Zone 2 ist das alte „Dorf“ und genau wie Zone 3 eine Arbeitersiedlung. Zone 3 entstand viel später als die beiden anderen Zonen und
wurde während des Zweiten Weltkriegs von Flüchtlingen aus London und anderen Gebieten Großbritanniens bewohnt (vgl. ebd.: 63).

Was Elias nun beobachtet, ist eine systematische Ausgrenzung der Bewohner von Zone 3 vom sozialen Leben. In sämtlichen lokalen Vereinigungen, vom Gemeinderat bis zum Altenclub, wurden Führungspositionen nur an die alteingesessenen Familien verteilt und ihre Mitglieder stammten fast ausschließlich aus Zone 1 und 2.  Beim Klatsch und Tratsch wurde abfällig über die Neuankömmlinge gesprochen (vgl. ebd.: 166-186). Anfänglich gab es tatsächlich ein paar so genannte „Problemfamilien“, die sehr kinderreich waren und deren Kinder kriminell wurden. Aber ansonsten konnte Elias kein abweichendes Verhalten bei diesen Bewohnern beobachten, die eine Ausgrenzung rational erklärbar machten. Die Etablierten haben von den wenigen schlechten Bewohnern auf die ganze Gruppe von
Zone 3 geschlossen und alle Gruppenmitglieder stigmatisiert, selbst als die Problemfamilien weggezogen waren.

So entwickelte sich eine Machtüberlegenheit der Etablierten, die deshalb solange fortbestehen konnte, weil die Gruppe der Etablierten eine größere soziale Kohäsion aufwies. Die alteingesessenen Familien kannten sich seit zwei Generationen und haben in dieser Zeit einen gemeinsam geteilten Wertekanon entwickelt, den sie durch großen gruppeninternen Druck durchsetzen konnten. An diesem Wertekanon maßen sie auch die neuen Bewohner. Da diese die Werte und Normen der Etablierten nicht kannten und so lebten, wie sie es aus ihrer alten Heimat kannten, kam es
zu der bereits beschriebenen Stigmatisierung und Ausgrenzung (vgl. ebd.: 16-19).

Integration konnte nicht stattfinden, da jeder Bewohner der etablierten Zonen bei einer privaten Kontaktaufnahme mit einem Bewohner der „Rattengasse“, wie Zone 3 verächtlich von den Alteingesessenen genannt wurde (ebd.: 79), fürchten musste, vom Dorfklatsch schlecht gemacht zu werden und an Ansehen zu verlieren. Paradox an der Situation war, dass diese spannungsreiche Beziehung nur im Privatbereich existierte. In den Fabriken arbeiteten die Menschen völlig normal zusammen, ohne das die Statusunterschiede, die außerhalb der Fabriken ausgelebt wurden, eine Rolle spielten. Dieses Paradoxon zu analysieren, versäumte Elias, was nicht der einzige methodische Mangel dieser Studie war.

Im Kapitel „Ein theoretischer Schluss“ sagt Elias dann etwas über die Freiheit, was sehr interessant für das eigentliche Thema dieses Artikels ist: es gäbe den „Wunsch […] sich selbst und andere davon zu überzeugen, daß ein Individuum ‚im Grunde’ frei sei. […] Aber man mag wüschen, was man will: wenn man sich einfach die verfügbaren Belege ansieht, bleibt einem nur der Schluß, daß Figurationen die Reichweite individueller Entscheidungen beschränken und in vieler Hinsicht eine zwingende Kraft haben […]“ (ebd.: 267).

Wo sind denn die Freiräume der Menschen in Winston Parva? Die Menschen selbst schränken ihre Freiheit ein, indem sie einen sozialen Druck aufbauen, der Freundschaften oder enge Beziehungen außerhalb der alteingesessenen Familiennetzwerke verhindern. Unvorstellbar war eine Lebenspartnerschaft zwischen Kindern von einer etablierten und einer Außenseiterfamilie. Somit war natürlich auch die Handlungsfreiheit der Flüchtlinge aus London und der anderen „Außenseiter“ begrenzt. Ihnen wurde die Freiheit der politischen und sozialen Teilhabe verwehrt, obwohl sie verfassungsgemäß natürlich über die gleichen Rechte verfügten wie die Alteingesessenen. Sie konnten nur eingeschränkt über ihre Freizeitaktivitäten entscheiden, da sie als Arbeiter auch nicht über die finanziellen Mittel verfügten, in die nächste große Stadt zu fahren und dort teure Angebote zu nutzen.

Gesellschaftlich bedingte Beschränkungen

So kann man sehen, dass auch in freiheitlich konstituierten Gesellschaften wie Großbritannien keine unbegrenzten Freiheiten bestehen. Das Leben in der Gesellschaft bringt es laut Elias mit sich, dass wir in interdependenten
Beziehungen mit anderen Menschen leben, sei es in der Familie, bei der Arbeit oder in Freundeskreisen. Man begibt sich in (teils freiwillig gewählte) Abhängigkeiten und richtet sein eigenes Leben nach anderen aus. Natürlich gibt
es trotzdem gewisse Freiräume, z.B. bei der Berufswahl oder der Partnerwahl. Doch dürfen die Einschränkungen durch gesellschaftliche Normen nicht vergessen werden. Was Elias völlig vernachlässigt und mein größter Kritikpunkt an ihm ist, dass er seine Theorie allein auf Basis der besonderen Konstellation in Winston Parva herleitet, wo keine großen sozialen Unterschiede zwischen den Gruppen hinsichtlich Schicht- oder Rassenzugehörigkeit etc. bestanden. Wenn wir die Freiräume von Migranten, Homosexuellen, Menschen aus der Schicht des Prekariats und andere
sozial benachteiligten Gruppen anschauen, dann kann man bei einem objektiven Blick riesige Abgründe entdecken. Die Situation von Asylbewerbern in den Lagern und Heimen ist teils unmenschlich; ständige Angst vor der Abschiebung in mehrjährigen Verfahren mit nur befristeten Aufenthaltserlaubnissen – man wundert sich, dass man ab und zu in den Zeitungen von Kindern aus solchen Familien liest, die trotz widrigster Bedingungen Abitur machen und sich voll integrieren können. Auch bei der Gleichstellung von hetero- und homosexuellen Partnerschaften gibt es trotz aller Fortschritte noch immer rechtliche und gesellschaftliche Unterschiede. Menschen, die auf Leistungen nach dem SGB II (Hartz IV) angewiesen sind, haben de facto nicht die gleichen Freiheiten wie normal beschäftigte Erwerbstätige. Sie müssen ständig für die Behörden erreichbar sein, d.h. sie müssen sich für Urlaubsreisen bei der Arbeitsagentur abmelden. Sie können nicht frei wählen, welche Jobangebote sie annehmen, sonst drohen ihnen Sanktionen bis hin zum völligen Streichen des soziokulturellen Existenzminimums. Das ganze Sanktionsregime von Hartz IV darzustellen, würde den Platz dieses Artikels sprengen – kurz gesagt ist es unbegreiflich, wie sich Deutsch-land (freiheitlicher) Sozialstaat nennen kann, wenn es möglich ist, mittellosen Menschen das ihnen grundgesetzlich zustehende Existenzminimum wegen bestimmter Tatbestände vollständig zu verweigern. Diese Menschen wären ohne zivilgesellschaftliches Engagement und Einrichtungen wie der Tafel und Kleiderkammern dem Hunger ausgesetzt.

Im folgenden Teil will ich noch näher beleuchten, wie in unserer Gesellschaft nicht nur sozial, sondern auch politisch die Freiräume der Menschen beschränkt werden. Dazu möchte ich exemplarisch einen Text des österreichischen Austromarxisten Max Adler vorstellen, der sich mit demokratietheoretischen Fragen beschäftigt und die Unterschiede zwischen bürgerlicher (liberaler) und sozialistischer Demokratie benennt.

No Comments

Leave a Reply

Allowed tags: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>