Solidarität mit Günther Grass

Was sonst noch in der Welt passiert

Wo bleibt der Beistand der Vernünftigen, die sich der deutschen Staatsräson von der bedingungslosen Solidarität (wäre Unterwerfung nicht besser gesagt?) nicht einfach ohne Zweifel beugen?

Günther Grass wusste, was er mit seinem Gedicht auslösen wird („das Verdikt „Antisemitismus“ ist geläufig“), schließlich liegt die vor wenige Wochen von Sigmar Gabriel (SPD) ausgelöste Empörungswelle und auch die Antisemitismusdebatte um die Linkspartei von 2011 noch nicht lange zurück. Jeder, auch ich, der hier meine Solidarität mit Günther Grass ausdrücken möchte, weiß, dass er auf kritische Töne zu Israels Außen- oder Innenpolitik mit der Gegenwehr der vorgeblichen „Israelfreunde“ rechnen muss, denen immer wieder nur eine Reaktion darauf einfällt: der Antisemitismus-Vorwurf.

Was Günther Grass in seinem Gedicht macht, ist sehr einfach: Er nimmt einen objektiven Blick bezüglich der israelischen Politik ein, auch wenn er als Deutscher (noch dazu als kurzzeitiges Waffen-SS-Mitglied) die Last des Holocaust mit sich trägt. Zur sicherheitspolitischen Lage im Nahen Osten tragen alle beteiligten Akteure bei. Selbstverständlich sind die Androhungen von Irans Präsident Ahmadinedschad unverantwortlich, inakzeptabel und zurückzuweisen. Die Kehrseite, die selten große Beachtung findet, ist, dass das erste und einige Land der Region, das atomar bewaffnet ist und noch dazu den Atomwaffensperrvertrag (im Gegensatz zum Iran) nicht unterzeichnet hat, ist Israel. Je stärker sich Israel mit Hilfe der USA und Deutschland (Stichwort U-Boote) aufrüsten lässt, umso mehr müssen sich die Nachbarländer genötigt sehen, selber nachzurüsten, noch dazu, wenn die derzeitige, rechte israelische Regierung in Sachen Kriegsandrohungen der iranischen kaum nachsteht.

Das Gedicht von Grass ist nicht antisemitisch, jeder, der es unbefangen liest, kann dies erkennen. Natürlich hätte er ein, zwei Zeilen auch der Schuld Ahmedineschads an der Krisensituation widmen können, aber ein „aggressive[s] Pamphlet der Agitation“ (Dieter Graumann, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland) ist das Gedicht nicht.

Update (06.04.): Hier das erste Interview von Grass nach den Antisemitismus-Vorwürfen.

Siehe auch:

Kommentar von Radio Bremen

Artikel desTagesspiegel

Junge Welt

7 Comments

7 Comments

  1. Klaus Menzel  •  Apr 7, 2012 @13:49

    Ein sehr guter und sachlicher Kommentar,

    ich stimme Ihnen in allen Punkten zu. Die Hetzjagt gegen Günther Grass kann ich überhaupt nicht nachvollziehen. Er ist völlig zu Recht sehr besorgt um den Weltfrieden und ich auch.

    Klaus Menzel

  2. Joan  •  Apr 7, 2012 @16:39

    Grass hat (national wie international) Zuspruch von der Partei Die Linke, der NPD und der Regierung Irans erhalten. Gleich und Gleich gesellt sich offenbar gern…

  3. Stefan Dorl  •  Apr 8, 2012 @18:49

    Grass erfährt auch aus Israel Unterstützung, unter anderem von der Organisation „Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost e.V.“. Siehe auch http://www.jungewelt.de/2012/04-07/004.php.
    Auch der Präsident der Akademie der Künste verteidigt ihn. Es ist beschämend und beängstigend, wie stark die Gleichschaltung der sog. „bürgerlich-freiheitlichen Medien“ vorangeschritten ist. In Bezug zu israelischer Politik ist die Meinungsfreiheit de facto abgeschafft.

  4. Jacktel  •  Apr 8, 2012 @16:52

    Hallo Stefan,
    schöner Artikel. Danke dafür.
    Ich platziere hier ein Link der für sich spricht:
    http://www.derisraelit.org/2012/04/was-gesagt-werden-muss-solidaritat-mit_06.html

    Wie hat der Gandhi mal gesagt? “ selbst wenn Du nur eine Minderheit von einer Person bist, ist die Wahrheit immer noch die Wahrheit“
    Gruß

  5. J. Essig  •  Apr 8, 2012 @19:05

    Herr Grass hat vollkommen Recht mit seiner Meinung und ich denke, ein souveräner Staat muss auch mal Kritik aushalten. Dass nun alle auf den Schriftsteller draufhauen, kann ich nicht nachvollziehen. Auch ich sehe die israelische Aussenpolitik seit Jahren mit Sorge und finde, auch der Staat Israel darf von der restlichen Menschheit kritisch betrachtet und bei Bedarf auch kritisiert werden. Es ist fatal, hier einen anderen Maßstab durch die Weltgemeinschaft anzulegen als bei anderen Ländern. Und wenn man für solche Zeilen mit einem Einreiseverbot belegt wird, so möchte ich – bitte schön – auch eins.

    🙂

  6. Stefan  •  Apr 13, 2012 @18:15

    Hallo,

    ich kann die konstruktive Kritik an Grass‘ Gedicht verstehen und kann ebenso die Solidaritätsbekundungen nachvollziehen. Es hat bei weitem nicht die dichterische Kunst, welche man eigentlich bei Grass erwartet. Wer solch ein Gedicht schreibt und es dazu noch groß ankündigt und es in drei Tageszeitungen gleichzeitig auf Seite eins bringen möchte (die NY Times hat es, soweit ich weiß, schließlich nicht abgedruckt), der sollte sich genau überlegen was und wie er schreibt. Uneindeutigkeiten, große Interpretationsspielräume oder gar Andeutungen sind da eigentlich fehl am Platze (meiner Meinung nach). Ebenso, wie du, Stefan, schon geschrieben hast, sind Einseitigkeiten eher kritisch zu sehen (wozu macht Grass dies?) und so was erwartet man von so einem Intellektuellen eher nicht.
    Weil, wenn wir seine Kritik auf andere Konstellationen auf der Welt übertragen, dann ist eine einseitige China-Kritik in Sachen Tibet oder Pakistan-Kritik im Kaschmirkonflikt ebenso wenig zielführend wie konstruktiv (ich hoffe, beide Beispiele werden nicht als Gleichsetzungen verstanden, sondern als Veranschaulichungen meiner Überlegungen). Sprich, auch wenn die historische Bedeutung Israels nicht zu relativieren ist, sollte doch die tagespolitische Bedeutung Israels, isrealischer Politik, der Regierung Israels, etc. eher geringer ausfallen.
    Wenn in jüngster Zeit über Israel berichtet wird, dann entweder im Zuge von Antisemitismus oder dem Iran-Konflikt. Dies ist eine (bewusste?) Verzerrung der Realität, welche mit zu den ständigen feuilletonistischen Auseinandersetzungen führt.
    Um es gar etwas grundsätzlicher zu sagen: Sobald es um Minderheiten geht, werden in der Öffentlichkeit und in den Medien stets Konflikte und Fremdheit in den Blick genommen. Durch diese Berichterstattung wird eine Konstruktion vorgenommen, die mit den realen Lebensumständen der Menschen kaum etwas zu tun hat. Und dabei geht es nicht nur um das Leben der Menschen in Israel und Palästina, sondern man braucht nur nach Ungarn, Schweiz(Sinti und Roma), Deutschland, Frankreich, Niederlande (Muslime) oder in die Türkei (Kurden), Ägypten (Kopten) schauen (um mal nur ein paar zu nennen).
    Abschließend würde ich sagen, hat das Gedicht keine neuen Punkte in die Debatte eingebracht und wieder mal ist eine Kontroverse ausgebrochen, die über nun mehr als eine Woche viele Zeilen und Menschen beschäftigte, die eigentlich etwas sinnvolleres zu tun hätten bzw. auf den eigentlich was sinnvolleres hätte stehen sollen.

    Quellen:
    zum Iran sehr lesenswert: http://www.blaetter.de/archiv/jahrgaenge/2012/maerz/daemon-iran
    zur Schweizer „Weltwoche“-Rassismus: http://taz.de/Rassismus-in-der-Schweizer-Weltwoche-/!91150/
    zur Dichtkunst Grass‘: http://www.freitag.de/kultur/1215-locker-vom-lyrikhocker
    zwei gegensätzliche Kommentare zum Grass Gedicht: http://www.tagesschau.de/kommentar/grass104.html

  7. Stefan Dorl  •  Apr 13, 2012 @19:29

    Was unbestreitbar ist, dass dieses Gedicht keinen Wert als lyrisches Werk hat (ich zweifle, dass Grass diesen Anspruch damit überhaupt erheben wollte), sondern bestenfalls als politisches Statement. Im zweiten, dritten Lesen fallen natürlich die Uneindeutigkeiten klar auf, das hat Grass ja mittlerweile auch eingestanden; er hätte einiges präziser fassen sollen/müssen.
    Ja, das „Gedicht“ hat keine neuen Punkte in die Diskussion gebracht. Aber das ist doch das Fatale/Problematische: die Fakten bezüglich Israels Atomwaffen oder die deutschen Waffenexporte an Israel oder die agressive Außenpolitik der israelischen Regierung sind bekannt – aber keiner spricht darüber (ernsthaft und ergebnisoffen) in den großen Medien. In dem Sinne hat Grass versucht, das Thema als Grundsatzdiskussion in die Öffentlichkeit zu bringen. Hier wird ein Konflikt langsam und allmählich hochgeköchelt, der darin enden könnte, dass beide Länder ausgelöscht werden oder, wenn es ganz schlimm kommt, ein Dritter Weltkrieg mit weltweitem Atomwaffeneinsatz entfacht wird. Ich würde Grass nicht vorwerfen, hier mal die Aufmerksamkeit darauf zu lenken, auch wenn sein Versuch nicht gerade „perfekt“ war.
    Deinen grundsätzlichen Bemerkungen zum Schluss kann ich nur zustimmen. Unsere Kultur- und Medienindustrie missachtet sämtliche Probleme, die sich aus der weltweiten kapitalistischen Produktions- und Herrschaftsweise ergeben, so gut es nur geht: die Kurdenproblematik ist ein besonders krasses Beispiel (aus meiner SIcht), das tägliche Verhungern in Afrika, Slums etc. ebenso. Die „Kulturindustrie“ (Adorno) funktioniert hervorragend und lenkt „uns“ (also die Bevölkerungsmehrheit, wo ich mich und dich mal nicht dazurechne) von all diesen Problemen ab, damit Gedanken an eine freiere, sozial gerechtere, friedlichere und nachhaltiger wirtschaftende Gesellschaft überhaupt nicht aufkommen.

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