60 Jahre Ermordung Philipp Müllers

Was sonst noch in der Welt passiert

Vor wenigen Wochen hat der Stadtrat der Stadt Halle bzw. eine Mehrheit von SPD und CDU beschlossen, die Philipp-Müller-Straße in Willy-Brandt-Straße umzubenennen. Bei sechs Enthaltungen votierten LINKE, MitBürger (freie Wählergruppe) und FDP gegen diese Umbenennung. Bevor diese Entscheidung kommentiert werden soll, will ich über den historischen Hintergrund berichten.

Philipp Müller war seit 1948 Mitglied der (westdeutschen) FDJ, später auch der KPD. 1952 organisierten verschiedene Jugendorganisationen unter Leitung des dortigen Pfarrers Herbert Mochalski in Darmstadt eine „Jugendkarawane gegen Wiederaufrüstung und Generalvertrag“, die sich gegen die Wiederbewaffnung Deutschlands im Rahmen der Europäische Verteidigungsgemeinschaft (EVG) unter Konrad Adenauer (CDU) richtete. Am 10. Mai verbot der Innenminister von Nordrhein-Westfalen, Karl Arnold (CDU), der zugleich Ministerpräsident war, die Demonstration mit der Begründung, dass wegen weiterer Veranstaltungen nicht genug Polizeikräfte zur Verfügung stünden. Dennoch fanden sich etwa 30.000 Personen, die an verschiedenen Orten in Essen kleinere Veranstaltungen organisierten, weil sie bereits auf dem Weg nach Essen waren.

Ein Kommissar Knobloch erteilte den Schießbefehl auf die Demonstrierenden, später wurde behauptet, diese hätten auf die Polizei geschossen, die dann dazu gezwungen gewesen sei, das Feuer zu erwidern. Zwei Kugeln eines Polizisten trafen Philipp Müller, eine davon sein Herz tödlich. Durch Polizeikugeln schwer verletzt wurden außerdem der Sozialdemokrat Bernhard Schwarze aus Kassel und der Gewerkschafter Albert Bretthauer aus Münster. Nach Zeitzeugenberichten ging die Gewalt von der Polizei aus, doch kein einziger Polizeibeamter wurde verurteilt – die bürgerlichen Medien behaupteten das genaue Gegenteil als die Zeugen. Der 11. Mai 1952 ging als Essener Blutsonntag in die Geschichte ein. Philipp Müller kann als erster aus politischen Gründen erschossener Deutscher nach dem Zweiten Weltkrieg gelten. Ihm zu Gedenken war in der DDR selbstverständlich, aber auch in Westdeutschland gibt es einige Philipp-Müller-Straßen und Ähnliches.

Seit 1990 ist es gewohnte Praxis in ostdeutschen Städten, die Namen hoher und weniger bedeutender Kommunisten aus dem Straßenbild zu tilgen. Nun hat es in Halle die Philipp-Müller-Straße erwischt, die der Willy-Brandt-Straße weichen muss. Warum? „Uns geht es in erster Linie um die Ehrung von Willy Brandt. Für jemanden der sich für Entspannung und die Politik des Friedens eingesetzt hat“, sagte SPD-Stadtrat Fikentscher. Ein weiterer Grund war, dass sich das Lokal, in dem 1890 der Parteitag stattfand (die heutige Schorre), in dieser Straße befand. Die FDP, in Person von Gerry Kley, begrüßte die Änderung des Straßennamens auch, aber aus einem antikommunistischen Grund. „Müller sei ein Mann gewesen, der die Versammlung zum Angriff auf Polizisten genutzt habe. Der Stadt stehe es gut, diesen Namen aus dem Adressverzeichnis zu nehmen.“ (Halle Forum).

Eine Ehrung von Willy Brandt steht jeder Stadt in Deutschland gut zu Gesicht. Auch ich begrüße es, dass dieser bedeutende deutsche Staatsmann mit einer eigenen Straße geehrt wird. Doch, die SPD muss sich fragen, wieso sie auch heute noch die Sozialdemokraten gegen Kommunisten ausspielen muss, selbst auf lokaler Ebene? Es gab einen sehr guten Kompromissvorschlag der LINKEN: Statt der Ph.-Müller-Str. sollte die Osttangente in Willy-Brandt-Allee umbenannt werden. Nach dem Ernst-Thälmann-Platz verschwindet ein weiterer Kommunist aus dem öffentlichen Raum. Es bleiben der Rosa-Luxemburg-Platz mit gleichnamiger Straße, die Karl-Liebknecht-Straße und zwei Sozialeinrichtungen mit dem Namen Clara Zetkin. Aber ein junger Mann, der gegen die Militarisierung Deutschlands nur wenige Jahre nach dem Kriegsende friedlich demonstrierte und für diese Überzeugung sterben musste, ist einer Ehrung nicht mehr wert – dies ist eine Schande v. a. für die halleschen Sozialdemokraten!

Siehe auch:

Wikipedia

http://www.mao-projekt.de/BRD/PER/Philipp_Mueller.shtml

Junge Welt

Junge Welt: »Gedenken an Philipp Müller ist hochaktuell«

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