Am Mittwoch habt ihr die Wahl – Rede für die Kandidaten der OLLi

Wahlen

Mit den folgenden Ausführungen möchte ich mein persönliches Programm für die nächste Legislatur darlegen und um das Vertrauen der Studierenden der Philosophischen Fakultät I. Ich kandidiere für den Senat, den Studierendenrat und den Fakultätsrat der Philosophischen Fakultät I. Um keine Missverständnisse auftreten zu lassen: Ich werde, sollte ich in allen Gremien hineingewählt werden, nicht überall mein Mandat annehmen können. Meine Priorität liegt beim Senat und Fakultätsrat. Im Folgenden möchte ich zunächst einige allgemeine Bemerkungen zum Sinn eines Studiums machen und meine grundlegenden politisch-gesellschaftlichen Überzeugungen, die auch die Basis für meine Arbeit in den Gremien sind, darstellen. Anschließend werde ich die wichtigsten Punkte aus dem Wahlprogramm der Offenen Linken Liste, die ich seit ihrem Bestehen 2010 unterstütze, hervorheben und begründen, warum sie mir so wichtig sind.

Meiner Meinung sollte sich jeder Student vor dem Beginn des Studiums fragen, warum mache ich das? Warum soll ich nach 12 oder 13 Jahren dauernden Lernens an der Schule noch weitere Jahre an einer Bildungsinstitution verbringen, an der ich wieder und wieder Prüfungsstress ausgesetzt werde, wo es wieder (vermeintlich) nur um Noten und einen bestmöglichen Abschluss geht? Eine opportune Alternative wäre doch eine praktisch orientierte Berufsausbildung, bei der man – wenn das Unternehmen tarifgebunden ist – schon gut verdienen kann. Meine feste Überzeugung ist, und dies leitet auch meine Arbeit in universitären Gremien der Selbstverwaltung, dass Bildung keine Ware ist; dass man studieren sollte, um seinen Horizont zu erweitern und das nicht nur in Bezug auf Wissen. Man studiert nicht nur, um seinen Wissensschatz zu erweitern, sondern auch um als Persönlichkeit zu reifen – so sollte es aus meiner Sicht zumindest sein.

Die herrschende Politik, die so stark wie noch nie in den Fängen der Wirtschaft und ihrer kapitalistischen Führern steckt, verbreitet spätestens seit der Bolognareform und der Umstellung auf das Bachelor-Master-System etwas anderes: Hier geht es um die Wettbewerbsfähigkeit Europas, um die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit in der Konkurrenz mit Amerika, Asien und den Schwellenländern, der sich alles andere unterordnen muss. Dies bedeutet für die Wissenschaft, dass auch sie sich den Prinzipien einer kapitalistischen Wirtschaft unterordnen muss und dass die Universitäten gefälligst schnell verfügbare, arbeitsmarkttaugliche Arbeitskräfte produzieren sollen. Von Bildung als immaterieller Wert, als Wissenserwerb, als Grundrecht eines jeden Menschen ist hier überhaupt keine Rede mehr. Diesen Transport von ökonomischem Denken in die Bildungssysteme Europas verurteile ich. Ich will nicht leugnen, dass es wichtig ist, dass die Studierenden nach dem Studium auch auf dem Arbeitsmarkt verwendungsfähig sind, dass sie einen Job finden können. Auch das muss ein Studium leisten, aber es sollte doch eher ein Nebenprodukt sein – im Zentrum der Universität muss doch der wissenschaftliche Fortschritt, der junge Mensch stehen, der etwas lernen möchte über die Welt, in der wir leben. Eine Wissenschaft, die sich nur in den Dienst der Wirtschaft stellt, nur nach der Logik der Verwertbarkeit und Profitabilität funktioniert – kann so eine Wissenschaft noch innovativ sein und Fortschritt produzieren? Ich denke, das ist unmöglich. Wissenschaft lebt auch vom Prinzip „Versuch und Irrtum“, es muss die Möglichkeit geben, dass Wissenschaft etwas kostet und nicht kurzfristig ökonomischen Gewinn produziert.

Deshalb muss eine Universität wie die MLU auch eine solide Grundfinanzierung haben, unabhängig von ökonomischer Verwertbarkeit von wissenschaftlichen Erträgen. Die Universität hat momentan ein Haushaltsdefizit von 6 Millionen Euro, wodurch viele Professoren- und Mittelbau-Stellen nicht besetzt sind und die Lehre und Forschung nicht optimal stattfinden können. Die Universität bzw. ihre Gremien können dieses Geld nicht einfach daherzaubern, da sie abhängig sind von politischen Entscheidungen im Wissenschaftsministerium und im Landtag. Die Frage ist, wie man damit umgeht? Will man eine reine Mangelverwaltung betreiben bzw. stillschweigend akzeptieren, dass halt nicht mehr Geld kommt? Oder will man, und dafür stehe ich, die Studierende davon überzeugen, dass bei ihrem Grundrecht auf Bildung [Art. 13 des Internationalen Pakts über wirtschaftliche,

soziale und kulturelle Rechte der UN], und zwar gute Bildung und Studienbedingungen, in einem rohstoffarmen Land wie Deutschland nicht gespart werden kann? Die Politik möchte aus Deutschland eine Bildungsrepublik machen, eben weil Deutschland außer seinen gut ausgebildeten Menschen keine großen anderen Ressourcen aufzuweisen hat. Aber was ist das für eine Bildungsrepublik, in der den Universitäten nicht mal eine solide Grundfinanzierung gegeben wird, damit alle Seminare und Vorlesungen mit überschaubaren Teilnehmerzahlen stattfinden und die dafür angestellten wissenschaftlichen Mitarbeiter ordentlich bezahlt werden können? Wir als Studierende müssen zusammen mit den wissenschaftlichen und sonstigen Mitarbeitern die Professoren davon überzeugen, dass es so wie jetzt nicht weitergehen kann, wenn Deutschland weiter ein Land der Dichter und Denker bleiben soll. Gute Bildung ohne entsprechende finanzielle Investitionen ist nicht zu haben.

Die Bildungsstreikbewegung hat vor drei Jahren schon einige Dinge erreicht: Studiengebühren für das Erststudium werden nur noch vereinzelt in rückständigen Köpfen der Konservativen oder Liberalen für gut geheißen. An der MLU wurden in manchen Studiengängen die Zahl der Prüfungsleistungen herabgesenkt. Aber aus meiner Sicht ist die Lage an den Universitäten noch immer nicht so, wie es in einem Land mit einem Geld- und Immobilienvermögen von rund zehn Billionen Euro möglich sein könnte. Hier müssen wir alle politischer werden: Unsere Forderung nach einem ausgeglichenen Haushalt der Universität kann doch keine Utopie sein, angesichts des immensen Vermögens, das Deutschland Jahr für Jahr produziert.

Ich möchte einige Grundsatzdiskussionen in dieser Universität anregen: Nicht nur die Uni-Finanzierung ist so ein Problem, sondern auch das Bachelor-Master-System insgesamt. Im Polit-Magazin Monitor in der ARD kam am 26. April ein hochinteressanter Beitrag über den Turbo-Abschluss Bachelor und was Absolventen damit in der Wirtschaft anfangen können. Es zeigt sich, dass viele Studierende über zu viele Klausuren und Hausarbeiten klagen, dass die Mobilität selbst zwischen verschiedenen deutschen Hochschulen schwierig ist (weil Leistungen nicht anerkannt werden), von Auslandsemestern ganz zu schweigen. Die Zeit für nicht-studienrelevante Dinge, wie z. B. Engagement in Hochschulgremien, wurde kleiner. Und die Krönung ist, dass die Wirtschaftsunternehmen, die die Bolognareform maßgeblich unterstützt haben und dank Bachelor schneller an Fachkräfte kommen wollte, immer noch lieber einen Diplomer oder Master als einen Bachelor einstellt – wenig verwunderlich bei der Qualität eines BA-Studiums, das mit wissenschaftlichen Ansprüchen nicht viel zu tun hat. Wir alle, die Studierenden und die Professoren und wissenschaftlichen Mitarbeiter müssen auch an dieser Stelle doch mal aus dem Alltag aussteigen und innehalten, um Fragen zu diskutieren, z. B.: Wenn wir jetzt nicht etwas verändern, produzieren wir eine Generation unnützer Bachelor-Absolventen? Wird unser Wissenschaftssystem auch in Zukunft noch die Qualität von heute haben? Oder akzeptieren wir eine stärker werdende soziale Spaltung unter Uni-Absolventen – die Guten von der Exzellenzuniversität und die Schlechten von der 08/15-Universität wie Halle? Bzw. die guten Master und die blöden Bachelor-Absolventen?

Ich kann das nicht in alle Einzelheiten ausführen. Ich möchte damit nur angedeutet haben, dass einiges an den Hochschulen im Allgemeinen, aber auch an der MLU im Speziellen nicht in bester Ordnung ist. Und dass wir als Betroffene gegenüber der Politik unsere Probleme und unsere Problemvorschläge artikulieren müssen. Voraussetzung dafür wäre, dass wir überhaupt alle über unsere Studiensituation nachdenken, uns fragen, ob wir uns vorher so ein Hochschulstudium vorgestellt haben, und dann in eine Diskussion treten, wie wir unsere Lage verbessern können (am besten zusammen mit den anderen Statusgruppen der MLU). Ich würde mich daran gerne beteiligen und werbe deshalb um eure Stimme; für mich und alle anderen Mitglieder der Offenen Linken Liste.

5 Comments

5 Comments

  1. Manuel  •  Mai 22, 2012 @12:30

    Zitat: „[…] Warum soll ich nach 18 oder 19 Jahren dauernden Lernens an der Schule […]“

    Bitte wie oft hast du denn eine Ehrenrunde gedreht, dass du 18 oder 19 Jahre an der Schule warst?

  2. Stefan Dorl  •  Mai 22, 2012 @17:05

    Ich war glücklicherweise immer klug genug, um Ehrenrunden zu vermeiden. Da habe ich das Alter, in dem man Abitur macht, mit der Zahl von Schuljahren verwechselt.
    Für diesen Hinweis, auch wenn er gewohnt unfreundlich von dir daherkommt, danke ich. Ich habe die entsprechende Stelle geändert: „Warum soll ich nach 12 oder 13 Jahren dauernden Lernens an der Schule [..]“

  3. Manuel  •  Mai 22, 2012 @18:11

    Bitteschön – schließlich helfe ich gerne, den Klassengegensatz in unserer unerbittlichen Ellenbogengesellschaft zu überwinden! Und entschuldige bitte den „unfreundlichen Ton“. Mit war nicht bewusst, dass du derart zartbesaitet bist http://i.imgur.com/OD22A.jpg

  4. Sarah W.  •  Mai 27, 2012 @22:08

    Liebster Genosse Dorl!
    […]

    Genosse Stefan, weitermachen!

  5. Stefan Dorl  •  Mai 28, 2012 @16:07

    Auf Grund der diffamierenden Äußerungen habe ich diesem Beitrag radikal gestrichen. Ich lasse den kümmerlichen Rest nur deshalb stehen, damit die anderen Leser des Blogs wissen, dass hier nicht nur sachliche Beiträge kommen und würdelose Beiträge nicht toleriert werden.
    Entweder du („Sarah W.“) äußerst dich sachlicher oder ich werde keinen deiner Kommentare hier zulassen. Es ist die pure Offenbarung der Argumentationslosigkeit und Geisteslosigkeit, wenn man zum Mittel der persönlichen Diffamierung greifen muss, um zu kaschieren, dass man keine Argumente gegen seinen Gegenüber hat. Im Übrigen sollte man vom Tragen eines Bartes nicht auf die politische Gesinnung des Bartträgers schließen – auch dies ist ein deutliches Zeichen für fehlenden Intellekt.
    Eine ehrliche Auseinandersetzung wäre auch dann besser möglich, wenn hier mit Klarnamen bzw. weniger entstellten Nicknamen operiert wird.

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