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Kurze Einführung in Marx’ politische Frühschriften

Antikapitalismus

Heute möchte ich den Lesern zum einen den kommunistischen Publizisten Josef Schleifstein vorstellen und zum anderen eine kurze Einführung in das gesellschaftswissenschaftliche Denken des frühen Marx geben. Josef Schleifstein hatte im Juli dieses Jahres 20. Todestag. Geboren wurde er 1915 in Lodz. 1932 wurde er Mitglied der KPD, ein Jahr wegen Hochverrats von den Nazis zu 20 Monaten Zuchthaus verurteilt. Danach wurde er abgeschoben und arbeitete in der Bildungsarbeit von FDJ und KPD. Nach dem 2. Weltkrieg war er unter anderem stellv. Chefredakteur der Volksstimme, Mitglied im Parteivorstand der KPD (später auch in der DKP) und Mitbegründer der Marxistischen Blätter.

Die Junge Welt druckte aus Anlass seines Todestages einen Auszug aus dem Aufsatz „Politik und Ökonomie. Zur Entwicklung der Staats- und Demokratieauffassung des jungen Marx“ ab, der zuerst 1981 in „Plädoyer für einen wissenschaftlichen Humanismus“ (hrsg. von Schleifstein und Ernst Wimmer) erschienen ist. Zu Beginn des Textes stellt Schleifstein dar, dass Marx mit knapp zwanzig Jahren in progressiv-liberalen, also demokratischen (Oppositions-)Kreisen verkehrte und aus seinen praktischen politischen Interessen auch ein Antrieb für sein Philosophie-Studium entstand. Marx erster politischer Artikel behandelte die Zensurmaßnahmen unter Kaiser Friedrich Wilhelm IV. und wurde 1843 publiziert in der „Anecdota zur neuesten deutschen Philosophie und Publicistic“ von Arnold Ruge, einem Jugendfreund von Marx.

Intensiver beschäftigte sich Marx mit politischen Fragen als Redakteur der Rheinischen Zeitung (Mai 1842-Januar 1943). Laut Schleifstein steht Marx hier „theoretisch noch ganz im Banne der Hegelschen idealistischen Staatsauffassung“ (Schleifstein: 10), d. h., der Staat wird als Verkörperung der Sittlichkeit, die Gesetze als Ausdruck der Freiheit von Willkür verstanden. Marx „Streben ist auf die aktive Veränderung der Verhältnisse gerichtet“ (ebd.). Trotz dieser revolutionären Einstellung akzeptiert Marx anfänglich den Staat als regulierende Instanz des gesellschaftlichen Lebens. Wenn er soziale Missstände angriff, dann war dies noch keine soziale oder ökonomische, sondern vorrangig eine juristisch-moralische Kritik. Sie waren Verstöße gegen das Wesen von auf Gerechtigkeit und Vernunft zielenden Gesetzen.

Nach dem Studium von Rousseau, Montesquieu, Macchiavelli und anderen Autoren begannen seine Zweifel an Hegels Staatstheorie, die er zuerst in der „Kritik des Hegelschen Staatsrechts (§§ 261-313)“ (davon erschien 1844 die Einleitung in den „Deutsch-Französischen Jahrbüchern“) publizierte. Marx kam zu dem Schluss, „daß Rechtsverhältnisse wie Staatsformen weder aus sich selbst heraus zu begreifen sind, noch aus der sogenannten allgemeinen Entwicklung des menschlichen Geistes, sondern vielmehr in den materiellen Lebensverhältnissen wurzeln“ (zit. nach ebd.), und zwar den Lebensverhältnissen der von Hegel sog. „bürgerlichen Gesellschaft“. Um diese zu begreifen, so Marx, muss die politische Ökonomie dieser Gesellschaftsform studiert werden, was er den Rest seines Lebens auch gemacht hatte. Hier wird die unter dem Einfluss von Feuerbachs Schriften vollzogene Wandlung von Marx’ philosophischer Grundhaltung hin zum Materialismus sichtbar. Diese philosophische Wandlung soll hier nicht weiter thematisiert werden, das können Philosophen besser als ich.

Schleifstein betont aber als Besonderheit von Marx Arbeitsweise, dass er aus der gründlichen Analyse von konkreten staatlichen Zuständen und Verfassungen (Monarchieformen, republikanische, bürgerliche Repräsentativsystem) konkrete Schlüsse für den praktischen politischen Kampf zog. Für Marx ergab sich also aus der erarbeiteten Theorie eine politisch-revolutionäre Praxis, die zu radikaler Demokratie führen sollte. Der Ursprung seiner Demokratieauffassung liegt nach Schleifstein in der Frage der Souveränität, die für Hegel beim Fürsten lag und nicht beim Volk. Marx erklärt das Volk zum wirklichen, konkretisierten Staat, die staatlichen Institutionen seien nur ein „Abstraktum“ (ebd.: 11). Volkssouveränität sei gleichzusetzen mit Demokratie, „nur in der Demokratie erscheint die Verfassung als Selbstbestimmung des Volkes […]“ (ebd.). Hegel gehe vom Staat aus und erklärt die Menschen zum „versubjektivierten Staat“, Marx dagegen lässt die Demokratie vom Menschen ausgehen und erklärt den Staat zum „verobjektivierten Menschen“. „Der Mensch ist nicht des Gesetzes, sondern das Gesetz ist des Menschen wegen da […]“ (MEW 1: 231). In dieser Frühschrift spielen die ökonomischen Grundlagen der Gesellschaft und des Staates noch keine Rolle und auch sein Modell der Klassenstruktur der Gesellschaft wird nicht ausdifferenziert, „das Volk soll die Verfassung, die Demokratie […] aus einem abstrakten Gemeininteresse schaffen, das nicht näher definiert ist“ (Schleifstein: 11). Es ist also noch keine Rede von der gesellschaftlichen Funktion des Staates als Instrument der Klassenherrschaft der Bourgeoisie.

Der nach der Französischen und nordamerikanischen Revolution hervorgegangene konstitutionelle Staat ist für Marx ein Staat, in dem das reale Interesse des Volkes allenfalls formell existiert, aber nicht wirklich Beachtung findet. Für ihn könne nur „die Überwindung der Trennung von bürgerlicher Gesellschaft und Staat, die Vereinigung des politischen und sozialen Lebens zu einem wahren Gemeinwesen, eben zur Demokratie und zur ‚menschlichen Emanzipation’ führen“ (ebd.). Marx relativiert den damaligen Streit um die richtige Staatsform (Republik vs. Monarchie), wichtiger im Sinne eines demokratischen Fortschritts seien die politischen Inhalte, also z. B. die Eigentumsfrage, die jenseits der Verfassungen geklärt werden. Die noch heute relevante Erkenntnis lautet also: Der Charakter eines Staates bestimmt sich nicht (allein) von der Verfassung, sondern von den Eigentumsverhältnissen, also konkreten politischen Inhalten bzw. Regelungen.

Marx Staats- und Demokratieauffassung entwickelte sich in den in Paris entstandenen Publikationen „Zur Judenfrage“ und „Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie – Einleitung“ (1844 erschienen in den oben schon erwähnten Jahrbüchern). In Paris lernte er die sozialen Kämpfe der Pariser Arbeiter und die frühsozialistischen Schriften der frz. Schriftsteller kennen. In „Zur Judenfrage“ stellt Marx klar, dass eine politische Revolution zum Erlangen eines politischen Staates noch nicht der angestrebten menschlichen Emanzipation entspricht (auch wenn sie ein bedeutender Fortschritt im Vergleich zum Absolutismus/Feudalismus sind), da politische Gleichheit, allgemeines Wahlrecht und Beseitigung des Zensuswahlrechts die durch das Privateigentum verursachte soziale Ungleichheit nicht überwinden können. Gerade die sozialen Ungleichheiten seien Voraussetzung für das Funktionieren des politischen Staates, in dem die Menschen in zwei Rollen aufgespalten sind: Politisch sind sie am Gemeinwohl orientierte Staatsbürger [Citoyen], gesellschaftlich egoistische Privatbürger [bourgeois].

In „Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie – Einleitung“ gibt es zwei Probleme, die einen weiteren Fortschritt in Marx Staatsauffassung widerspiegeln: „erstens die noch akzentuiertere Betonung des Verhältnisses von Ökonomie und Politik und zweitens die Rolle der Klassen und des Klassenkampfes für Politik und Staat […]. (ebd.)“. Ersteres nennt Marx das zentrale Problem der modernen Gesellschaft: Herrschen die Reichen über die Gesellschaft oder beherrscht die Gesellschaft den Reichtum? Nach Marx beruhten die bürgerlichen Revolutionen darauf, dass eine „bestimmte Klasse [das Bürgertum, S. D.] von ihrer besonderen Situation aus die allgemeine Emanzipation der Gesellschaft unternimmt. [Sie] befreit die ganze Gesellschaft, aber nur unter der Voraussetzung, daß die ganze Gesellschaft sich in der Situation dieser Klasse befindet, also z. B. Geld und Bildung beliebig erwerben kann“ (MEW 1: 388). Die Rolle der Klassen, genauer des Proletariats ist die, dass sie als universelle Klasse sich nicht emanzipieren könne, „ohne sich von allen übrigen Sphären der Gesellschaft und damit alle übrigen Sphären der Gesellschaft zu emanzipieren.“ (ebd.: 390) Die Philosophie soll dabei die geistige Waffe des Proletariats sein, das ist Marx normativer Anspruch.

Soweit die Ergebnisse aus Schleifsteins Text. Relevant aus heutiger Sicht erscheinen dabei folgende Aspekte: Die Frage, ob sich in unseren heutigen Gesetzen, die ja vorgeblich unter Bedingungen einer demokratischen Verfassung entstehen, wirklich das Interesse/ der Wille des Volkes ausdrückt. Diese Frage müsste einmal systematisch untersucht werden, gewisse Einzelfälle lassen dies fraglich erscheinen, z. B. die Hartz-Reformen, die Einführung der Rente mit 67, die Einführung der privaten Rentenversicherung und die damit verbundene Aushöhlung der staatlichen Rente, die Mandate des Bundestags für diverse Auslandseinsätze der Bundeswehr oder auch die institutionelle Konstruktion der EU („demokratisches Defizit“). Eine weitere zentrale Erkenntnis lautet, dass ein Verständnis der modernen Gesellschaft nur dann möglich ist, wenn man auch die sozioökonomischen Lebensverhältnisse der Bürger betrachtet. Politik bzw. politische Entscheidungen werden nur vor dem Hintergrund der ökonomischen bzw. Eigentumsverhältnisse verständlich. Und menschliche Freiheit ist nicht schon dann erreicht, wenn mittels politischer Revolution bestimmte politische (Bürger-)Rechte erkämpft wurden; dass man z. B. alle vier Jahre das Parlament wählen darf oder jederzeit frei seine Meinung sagen darf. Wirkliche Demokratie ist erst dann erreicht, wenn die Ökonomie dem Willen der Menschen unterworfen wird, wenn also die freie Verfügung weniger Inhaber von Produktionsmittel über das Produktionseigentum überwunden wird und auch in der Wirtschaft demokratisch entschieden wird. Das sollte im Hinblick auf eine euphorische Beobachtung der sog. „arabischen Revolutionen“ bedacht werden. Selbst bürgerliche Medien erkennen nun, dass Ägypten, Tunesien, Libyen usw. noch weit von einer Demokratie entfernt sind, denn dazu braucht es mehr als einen bloßen „regime change“.

 

Quellen:

MEW 1 (Karl Marx/ Friedrich Engels – Werke. (Karl) Dietz Verlag, Berlin. Band 1. Berlin/DDR. 1976): Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Kritik des Hegelschen Staatsrechts, online verfügbar auf: http://www.mlwerke.de/me/me01/me01_203.htm.

MEW 1 (Karl Marx/ Friedrich Engels – Werke. (Karl) Dietz Verlag, Berlin. Band 1. Berlin/DDR. 1976): Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung, online verfügbar auf: http://www.mlwerke.de/me/me01/me01_378.htm.

Schleifstein, Josef (2012): Politik und Ökonomie. Zur Entwicklung der Staats- und Demokratieauffassung des jungen Marx, in: Junge Welt, Nr. 170 vom 24.07.2012, S. 10-11.

 

Weitere Literaturhinweise zu Marx’ Frühschriften:

„Zur Judenfrage“, in: MEW 1 (Karl Marx/ Friedrich Engels – Werke. (Karl) Dietz Verlag, Berlin. Band 1. Berlin/DDR. 1976), S. 347-377, online verfügbar auf: http://www.mlwerke.de/me/me01/me01_347.htm.

„Ökonomisch-philosophische Manuskripte aus dem Jahre 1844“, in: K. Marx u. F. Engels, Werke, Ergänzungsband, 1. Teil, S.465-588, Dietz Verlag, Berlin (DDR), 1968, online verfügbar unter: http://www.mlwerke.de/me/me40/me40_465.htm.

Habermas, Jürgen [1957]: Literaturbericht zur philosophischen Diskussion um Marx und den Marxismus, in: Habermas, Jürgen (1988): Theorie und Praxis. Sozialphilosophische Studien. Frankfurt/M.: Suhrkamp, S. 387-463.

Israel, Jürgen (1977): Der Begriff Entfremdung. Makrosoziologische Untersuchung von Marx bis zur Soziologie der Gegenwart. Reinbek: Rowohlt, S. 12-125.

Marcuse, Herbert (1969): Ideen zu einer kritischen Theorie der Gesellschaft. Frankfurt/ M.: Suhrkamp, S.7-54.

Negt, Oskar/ Mohl, Ernst-Theodor (1986): Marx und Engels – der unaufgehobene Widerspruch von Theorie und Praxis, in: Fetscher, Iring/ Münkler, Herfried (Hrsg.): Pipers Handbuch der politischen Ideen, Bd. 4. München, Zürich: Piper, S. 449-513.

Kallscheuer, Otto (1986): Marxismus und Sozialismus bis zum Ersten Weltkrieg, in: Fetscher, Iring/ Münkler, Herfried (Hrsg.): Pipers Handbuch der politischen Ideen, Bd. 4. München, Zürich: Piper, S. 515-588.

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Der Umfairteilen-Mobilisierungs-Clip – Für eine Vermögenssteuer

Antikapitalismus

„Zum 29.9. ruft das Bündnis „UmFAIRteilen – Reichtum besteuern!“ zum bundesweiten Aktionstag auf. In Berlin, Bochum, Hamburg, Frankfurt/Main, Köln und an vielen anderen Orten werden viele Menschen auf die Straßen gehen, die sagen: Genug an der falschen Stelle gespart! Die Vermögenden müssen wieder an der Finanzierung unseres Gemeinwesens beteiligt werden – mit einer einmaligen Vermögensabgabe und einer dauerhaften Vermögensteuer.“ – Siehe: http://www.youtube.com/watch?v=4lYqW6UraIM

Zum Thema Umverteilung von oben nach unten fand eine Talkshow bei Sandra Maischberger statt, bei der unter anderem Sahra Wagenknecht (PdL) und Ulrich Schneider (Paritätischer Wohlfahrtsverband) die Idee einer Umverteilung durch Vermögenssteuer und andere Instrumente erläuterten (und sich wieder mal ätzende und platte Gegenargumente von Reichen und rhetorischen Beschützern von solchen anhören mussten).

Prof. Dr. Joachim Wieland hat ein Gutachten zur Vermfassungsmäßigkeit einer Vermögensabgabe erstellt, nachzulesen hier.

Siehe auch: http://umfairteilen.de/start/home/

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Halle-Silberhöhe als Beispiel der Ausgrenzung bestimmter Menschengruppen in der Gesellschaft

Antikapitalismus

Nachfolgende dokumentiere ich einen von mir verfassten Leserbrief zum MZ-Bericht „Leere Läden – leere Gesichter“, der sich mit dem halleschen Stadtteil Silberhöhe beschäftige und auf einem Erlebnisbericht einer dort wohnenden Studentin basiert. Halle-Silberhöhe, aber auch Neustadt gelten für mich als Beispiele der Ausgrenzung bestimmter Menschengruppen in der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft. Hier sind die Folgen eines perversen, die Gesellschaft spaltenden Gesellschaftssystems exemplarisch zu beobachten.

Leserbrief:

Ich kann als Bewohner von Halle-Neustadt die Beobachtungen von Jana Mischke in Silberhöhe gut nachvollziehen, ohne die genauen Verhältnisse vor Ort zu kennen. Die gleichen Beobachtungen von gesellschaftlich marginalisierten Menschen („Menschen in Jogginghosen, die unbeschäftigt in kleinen Grüppchen herumsitzen und Bier trinken“) kann man auch jeden Tag in Neustadt machen. In Bussen sieht und riecht man Menschen, denen ihre Armut, Ausgegrenztheit und ihr sozialer Abstieg anzumerken sind. Mit solchen Beobachtungen sollen doch nicht solche Menschen herabgewürdigt werden, die inmitten des Stadtteils noch einem geregelten, normalen bürgerlichen Leben mit täglicher Arbeit und kulturellen Interessen nachgehen. Selbstverständlich gibt es in Neustadt und Silberhöhe nicht nur verwahrloste Menschen, nicht nur randalierende Jugendliche.

Aber all dies hilft doch der nicht zu übersehenden Gruppe von Menschen, die (z. T. über mehrere Generationen) keine Chance haben, jemals wieder in den ersten Arbeitsmarkt zu kommen und ein autonomes, von staatlichen Transferleistungen unabhängiges Leben zu führen, nicht. Alle, denen es hier gut geht, können doch nicht übersehen, dass es vielen anderen Menschen viel schlechter geht. Diesen Menschen wurde im Zuge der Deindustrialisierung nach 1990 zuerst die Arbeit und dann spätestens nach den Hartz-Reformen vom Jobcenter und anderen staatlichen Institutionen die Würde genommen. Fördern und fordern war das Leitmotto, doch vielfach bleibt es beim fordern. Wer geht wirklich auf die Bedürftigen, auf ihren Einzelfall zu und kümmert sich in sozialer, würdevoller Weise um ihr Schicksal? Das Jobcenter? Jeder, der diese Behörde einmal von innen gesehen hat und sie kennenlernen musste, weiß, dass dort das unmenschliche bürokratische Abarbeiten von Fällen vorherrscht, wo auf individuelle Problemlagen gerne mal keine Rücksicht genommen wird, weil den Mitarbeitern dazu auch die Qualifikation bzw. die Zeit fehlt. In Wirklichkeit will die herrschende Politik doch auch, dass mit den Arbeitslosen, denen man nicht selten die soziale Hängematte vorwirft, nicht allzu zimperlich umgegangen wird.

Und da kommen wir zu den Ursachen des Elends, das Frau Mischke richtig beobachtet: Was auf der Silberhöhe und in Neustadt zu beobachten ist, kann in allen sogenannten Problemvierteln der Großstädte beobachtet werden. Es sind dies die Ergebnisse unserer herrschenden bürgerlich-kapitalistischen Leistungs- und Ellenbogengesellschaft, wo die Stärkeren gewinnen und der große Rest sehen muss, wo er bleibt. Und die Gewinner bleiben weitgehend unter sich, schanzen sich in eigenen vornehmen Vierteln von der Unterschicht ab und pflegen ihre bürgerlichen Tugenden. Die von Frau Mischke nicht gewusste Lösung kann meines Erachtens nicht im Kleinen liegen, denn die Ursachen der Probleme der von ihr beobachteten Menschen sind eben nicht selbst verschuldet, sondern systemimmanent. Wir alle müssten unsere Gesellschaft grundlegend anders organisieren. Es müssten diejenigen belohnt werden, die Werten wie Toleranz, Rücksichtnahme, Solidarität, Bescheidenheit und Gemeinwohl dienen und nicht solche Menschen, denen es um rücksichtlose Gewinnoptimierung, bedingungsloses Leistungsstreben und Ehrgeiz um des Ehrgeiz willen geht. Diese Lösung kann eine Kommune wie Halle allein nicht bieten. Hier braucht es eine bundespolitische Umwälzung, bei denen die Menschen, die mit den herrschenden Zuständen nicht zufrieden sind („die nicht mehr zu Halle gehören“), den Herrschenden die Rote Karte zeigen und eine neue Politik wählen müssten. Leider fehlt der Mehrheit dafür der Mut oder das weitsichtige Denken über den eigenen Kleingarten hinaus.

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44 Medaillen oder Dabeisein ist alles?

Was sonst noch in der Welt passiert

Nach mehr als zwei Wochen sind die Olympischen Sommerspiele zu Ende gegangen. Allenthalben ist nun routinegemäß die Zeit für Bilanzen und mehr oder weniger kritische Rückblicke gekommen. Aus deutscher Sicht dominieren die unsinnigen weil utopischen Zielvereinbarungen des Bundesinnenministeriums mit dem DOSB (Deutscher Olympischer Sportbund), die angesichts der realen Zahlen utopischer als die kommunistische Weltrevolution wirken, die Extremismusaffäre im Ruderlager (völlig überflüssig und daneben, weil die Intimsphäre einer bislang unbescholtenen jungen Ruderin verletzend), der mangelnde Erfolg in manchen Kernsportarten und die Diskussionen um ein verbessertes Fördersystem.

Wie sieht die Medaillenbilanz nun aus? Mit 11 Gold-, 19 Silber- und 14 Bronzemedaillen haben deutsche Athleten drei Medaillen mehr als vor vier Jahren gesammelt. Von daher könnte man durchaus von erfolgreichen Spielen sprechen. Deutschland besetzt damit Platz 6 hinter den klassischen „Großmächten“ USA, China, Russland oder Großbritannien, wobei die Gastgeber überdurchschnittlich gut abgeschnitten haben. Einzig, dass Südkorea vor Deutschland liegt, mag den einen oder anderen größenwahnsinnigen Kleinbürger in Erregung versetzen. Wobei diese Tatsache ja nur dem übersteigerten Leistungsprinzip in der stat9istischen Auswertung zugrunde liegt, da ja Goldmedaillen mehr zählen als Silber- und diese wiederum mehr als Bronzemedaillen. Würde man allein nach der Gesamtzahl an Medaillen gehen, läge Deutschland klar vor Südkorea (13G-8S-7B). Aber hier stellt sich noch viel mehr die Frage: Warum wird der Erfolg der Nationen allein nach ersten, zweiten und dritten Plätzen ermittelt? Sind 4. oder 5. Plätze angesichts der immer enger werdenden Weltspitze in den meisten Sportarten wirklich wertlos und damit „Loser-Leistungen“, die nicht beachtenswert sind? Wäre ein 5. Platz eines Judoka aus Afghanistan (theoretisch angenommen) nicht gleichzusetzen mit einer russischen Goldmedaille im Judo? Ist so etwas vergleichbar?

Ist es nicht irrational wie die hiesigen öffentlich-rechtlichen Sender am ersten und zweiten Tag der Spiele im Stundentakt nach jeder (aus deutscher Sicht misslungen) Entscheidung betonten, dass es noch immer keine deutsche Medaille gibt? Man lechzte nach einer Medaille wie ein Alkoholsüchtiger nach einer Flasche Alkohol nach mehrstündiger Abstinenz. Und überhaupt die Sportübertragung im TV: Für mich waren diese Olympischen Spiele als Fernsehzuseher die schlechtesten ever, wenn man vor allem ARD und ZDF betrachtet. Bei Eurosport gab es relativ gewohnte Kost, stärkere Konzentration auf einzelne Sportarten, weniger kunterbunter Schnipselmix wie bei ARD und ZDF und eine noch relativ fachlich akzeptable Kommentierung. Was ARD und ZDF abgeliefert haben, hatte mit Sportübertragungen teilweise wenig zu tun. Man hätte mal den Versuch machen müssen zu ermitteln, wie groß der Anteil der reinen Sportübertragung während einer Stunde Übertragung war – ohne die völlig nervigen, zum größten Teil uninformativen Interviews von deutschen und ausländischen Sportlern nach ihren Läufen, Sprüngen etc. (am besten gleich auf der Ziellinie, wenn die Athleten noch gar nicht nach Luft japsen können), ohne die nur manchmal interessanten Hintergrundberichte zu Sportlern oder Regeln von jahrelang unbeachteten Sportarten, ohne völlig sinnfreie Befragungen von Adelsexperten wie Herrn Seelmann-Eggebert beim Rudern (Wen zum Teufel interessiert die Meinung von diesem Herrn dazu, was wohl die Mitglieder der englischen Royals zu diesem und jenem wohl sein mag?!) und ohne die unvermeidliche Werbung, mit deren Hilfe dieses überkommerzielle Großereignis Olympia, was mit der ursprünglichen Intention der Spiele nur wenig zu tun hat, heutzutage nur finanzierbar ist. Ich schätze, dass da nicht mehr als 50 % zusammenkommen, also viel zu wenig, um das Prädikat „Sportübertragung“ zu bekommen. Nennen wir es doch lieber Dauertalkshow mit kleinen Werbe- und Sporteinblendungen!

Es war eine Schande für das reine Sporterlebnis, dass Wettkämpfe mit den immer wiederkehrenden Sportlerinterviews (nach jedem Vor- und Zwischenlauf, und erst recht nach einem der wenigen Erfolge auf den Sofas im Hauptstudio, wo es dann noch hässliche Plüschhunde als Trost für geistlose Frage-Antwort-Spiele gab) unterbrochen bzw. zerredet wurden. Und dann die Schnipseltaktik: Statt z. B. die vier Kanuläufe innerhalb einer Stunde hintereinander zu übertragen, wird bei jeder Gelegenheit dazwischengefunkt, wenn irgendwo ein deutscher Athlet auf die Judomatte musste oder so. Es wäre viel leichter zu verfolgen, wenn jede Sportart konzentriert übertragen wird – da nicht alles live zu senden ist, sollte man Prioritäten setzen, was vollständig live übertragen wird, und was man in einer kurzen und knackigen Zusammenfassung (ohne Interviews!!) nachreicht. Und die stündlichen Olympia-Telegramme – ein weiterer Nervfaktor. Da wird einem am Abend mitten im Diskuswurffinale und in anderen Leichtathletikwettbewerben dann noch erzählt, wie vor zehn Stunden am Vormittag das Hockeyteam gewonnen oder verloren hat. Das ist doch lächerlich in zehn „Telegrammen“ immer wieder dasselbe zu wiederholen oder ist das Teil der bewussten Verblödungsstrategie der TV-Sender? Es hätte doch völlig ausgereicht alle zwei Stunden so einen Überblick zu geben, was am Tage schon geschehen ist.

Und was ist nun zum sportlichen Erfolg und dem Sportfördersystem zu sagen? Die deutschen Ruderer und Kanuten, die Judoka und Leichtathleten sowie die Radfahrer (Bahn/Straße/Mountainbike) und Turner haben voll überzeugt und ihre Leistungen teilweise klar übertroffen oder im Rahmen des Möglichen gehalten. Wirklich enttäuscht haben nur die Schwimmer, die Fechter und teils die Reiter, wobei hier ja auch der Faktor Tier etwas Unberechenbarkeit mit ins Spiel bringt. Aber im Prinzip ist jeder Erfolg im Sport unberechenbar, schließlich kann jeder Athlet nur seine eigene (gute) Leistung beeinflussen, aber nicht die (schlechte) der Gegner, die doch auch Voraussetzung des eigenen Erfolgs ist. Viele Länder tun in den landestypischen Sportarten sehr viel, um maximalen Erfolg zu haben, selbst Länder wie Kuba, Kenia oder Armenien, die nicht über den größten Geldbeutel verfügen. Wie vermessen kann man sein, praktisch von allen Sportlern Medaillenerwartungen zu schüren? Es ist doch nicht mehr so einfach wie vor vierzig Jahren, als nur die weit entwickelten Länder einschließlich des Ostblocks Medaillen praktisch im Nebenbei einsammeln konnten. Es gibt für das Fördersystem zwei Möglichkeiten: Entweder es zählt das Motto „Dabeisein ist alles“, dann kann die jetzige Investitionshöhe beibehalten werden (dann muss man sich aber auch über einen fünften oder sechsten Platz mal freuen können; was sehr wünschenswert wäre, unabhängig vom Fördersystem). Oder aber man strebt nach maximalem Erfolg; das ist dann so ähnlich wie im Bildungswesen: Wer vorne langfristig mitspielen will, muss halt ähnliche Summen wie die Konkurrenten aus USA, Großbritannien und China in die Hand nehmen, um die Trainer vernünftig und langfristig zu bezahlen (und nicht beim ersten Misserfolg alles gleich wieder hinterfragen) und auch den Sportlern ein geregeltes Auskommen und eine berufliche Zukunft zu garantieren. Letzteres ist ein sehr wunder Punkt im deutschen Sportsystem: Es ist hanebüchen zu sehen, dass Fußballer mit Millionen im Monat, aber Olympioniken wie Kanufahrer oder Ringer mit weniger als 1000 Euro von der Deutschen Sporthilfe abgespeist werden, obwohl die Trainingsumfänge nicht kleiner sind. Und warum werden Kanu- oder Judo-Meisterschaften nicht übertragen, obwohl deutsche Sportler dort teils seit Jahrzehnten gute Erfolge feiern? Nein, das ganze Geld für Sportübertragungen geht für Fußballrechte drauf (und hier wird es immer mehr, was die Klubs haben wollen) – das ist einfach irrational.

Es wäre für ein reiches Land wie Deutschland doch kein Problem, mehr als eine Milliarde Euro für den Leistungssport zu investieren; gut wäre dann bei solchen Summen natürlich, wenn auch der Breitensport inkl. Nachwuchsförderung was davon hätte. Dann wäre es auch möglich, Olympiasiegern statt (aus Fußballersicht) lächerlichen 15.000 Euro Erfolgsprämie 100.000 Euro zu spendieren. Das hätte mit Profisport auch noch nicht viel zu tun, aber die Athleten hätten im internationalen Vergleich wenigstens vorzeigbare Prämien. Armenien zahlt seinen Siegern 700.000 Euro (weitere Infos hier) – und Deutschland hat nur 15.000 Euro übrig? Aber unabhängig von diesen finanziellen Diskussionen: Das Abschneiden der Deutschen war aus meiner Sicht zum großen Teil zufriedenstellend, abgesehen von den Schwimmern, wo echt was getan werden muss (vielleicht würde auch hier die Abschaffung des Föderalismus und das Einrichten weniger Elitezentren Wunder bewirken?), und den vielen Mannschaftssportarten, die gar nicht die Qualifikation geschafft haben (Fußball, Handball beiderlei Geschlechts sowie Volleyball Frauen). Weniger Ansprüche stellen, das würde im Sport, aber auch in der Politik für weniger Stress und Ärger sorgen.

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Neue Lese-Tipps

Antikapitalismus

Die Junge Welt hat die letzten Tage wieder einige lesenswerte Beiträge auf ihren Themenseiten:

Für Politikwissenschaftler und andere Sozialwissenschaftler, die sich mit Friedensfragen beschäftigen, dürfte die Rezension von Werner Seppmann über „Steven Pinkers Sozialmärchen vom Rückgang der Gewalt“ sehr interessant sein. Hier begegnet uns Mainstream-Ideologie bzw. -Vernebelung in Reinstkultur. Wer hätte es gedacht? Der Harvard-Professort meint tatsächlich, dass wir in einer der friedlichsten Epochen der Menschheitsgeschichte leben? Gemetzel in Syrien, Lybien, Afghanistan, Irak, Somalia, Darfur (Sudan), Mexiko (Drogenkrieg) spielen da keine Rolle. Vietnam-, Koreakrieg, Golfkriege, Kommunistenvernichtung in Indonesien, Chile undsoweiter – war da was? Und selbst der Holocaust wird als einmaliger Betriebsunfall im kapitalistisch-bürgerlichen Getriebe abgetan (Zitat Seppmann: „Mit vergleichbarem Zynismus wird auch der Holocaust relativiert: Der sei in der Menschheitsgeschichte zwar ein besonderes Ereignis gewesen, aber das »massenhafte Töten unbewaffneter Zivilisten kommt ständig vor« (Pinker). Diese Verharmlosung der industriell organisierten Ausrottungspolitik des deutschen Faschismus wird von Pinker eng an eine Verschleierung der Ursachen gekoppelt: »Besondere historische Umstände« seien für die industrielle Massentötung verantwortlich – und mit dieser Formel die Tatsache verdrängt, daß immer noch die gleiche kapitalistische Organisationsform von Ökonomie und Gesellschaft existiert, die Auschwitz möglich gemacht hat.“). Kein Wort über die alltägliche Barbarei des hiesigen Industriekapitalismus, der zwar in den Ländern der Konzernzentralen dank Sozialpartnerschaft mit den Gewerkschaften für einigermaßen Ruhe sorgt (trifft auf Südeuropa so auch nicht zu) und dafür das Elend der unerträglichen Ausbeutung in Drittweltstaaten wie Bangladesch oder teilweise auch noch in China verschiebt.

Ähnlich bemerkenswert ist auch die Geschichte des Flick-Konzerns (2. Teil: hier), der ein Paradebeispiel für das Hofieren von alten Nazi-Karrieristen in Unternehmen, Medien und Politik, für das Nichtaufbereiten des Faschismus, ja für die Kontinuität faschistischer Ideen in der bundesrepublikanischen „Demokratie“, die nur Spott und Hohn verdient, wenn sie in totalitarismustheoretischer Weise die kommunistische Diktatur deligitimieren und „aufarbeiten“ will. Das erklärt vielleicht auch die „Arbeitsweise“ des Verfassungsschutz in Bezug auf die NSU-Terroristen.

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Senat fordert Konzept zum Abbau des 6-Mio.-Euro-Defizits der MLU

Hochschulpolitik

Die letzte Sitzung des Senats der MLU brachte einen etwas überraschenden Beschluss, der auf Initiative der Dekane gefasst wurde. Es ging um das strukturelle, d. h. jedes Jahr auftretende Defizit von sechs Mio. Euro im Haushalt der MLU, das bislang nur durch die Mittel aus dem Hochschulpakt ausgeglichen werden konnte. Die Dekane haben sich in einem Brief an den Rektor darüber beklagt, dass die Fakultäten aufgrund dieses dauerhaften Defizits nicht mehr ihre Aufgaben in Lehre und Forschung erfüllen könnten. Sie beklagen, dass es bislang kein Strukturkonzept zur Behebung des Defizits gäbe und stattdessen im Zentralen Bereich der MLU “massiv Einstellungen vorgenommen [werden], die zu Lasten des Kern-Geschäftes der Universität, zu Lasten von Forschung und Lehre, insbesondere zu Lasten der Studierenden gehen.” Dem Antrag, nun bis Ende des Jahres vom Rektorat ein entsprechendes Konzept ausarbeiten zu lassen, fand breite Zustimmung. Außerdem wurde das Moratorium, das davon ausgeht, bis zur Beendigung der Strukturdiskussion keine Ausschreibungen im Professorenbereich vorzunehmen, bis zur Oktober-Sitzung des Senats verlängert.

Hier könnt ihr weiterlesen.

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