44 Medaillen oder Dabeisein ist alles?

Was sonst noch in der Welt passiert

Nach mehr als zwei Wochen sind die Olympischen Sommerspiele zu Ende gegangen. Allenthalben ist nun routinegemäß die Zeit für Bilanzen und mehr oder weniger kritische Rückblicke gekommen. Aus deutscher Sicht dominieren die unsinnigen weil utopischen Zielvereinbarungen des Bundesinnenministeriums mit dem DOSB (Deutscher Olympischer Sportbund), die angesichts der realen Zahlen utopischer als die kommunistische Weltrevolution wirken, die Extremismusaffäre im Ruderlager (völlig überflüssig und daneben, weil die Intimsphäre einer bislang unbescholtenen jungen Ruderin verletzend), der mangelnde Erfolg in manchen Kernsportarten und die Diskussionen um ein verbessertes Fördersystem.

Wie sieht die Medaillenbilanz nun aus? Mit 11 Gold-, 19 Silber- und 14 Bronzemedaillen haben deutsche Athleten drei Medaillen mehr als vor vier Jahren gesammelt. Von daher könnte man durchaus von erfolgreichen Spielen sprechen. Deutschland besetzt damit Platz 6 hinter den klassischen „Großmächten“ USA, China, Russland oder Großbritannien, wobei die Gastgeber überdurchschnittlich gut abgeschnitten haben. Einzig, dass Südkorea vor Deutschland liegt, mag den einen oder anderen größenwahnsinnigen Kleinbürger in Erregung versetzen. Wobei diese Tatsache ja nur dem übersteigerten Leistungsprinzip in der stat9istischen Auswertung zugrunde liegt, da ja Goldmedaillen mehr zählen als Silber- und diese wiederum mehr als Bronzemedaillen. Würde man allein nach der Gesamtzahl an Medaillen gehen, läge Deutschland klar vor Südkorea (13G-8S-7B). Aber hier stellt sich noch viel mehr die Frage: Warum wird der Erfolg der Nationen allein nach ersten, zweiten und dritten Plätzen ermittelt? Sind 4. oder 5. Plätze angesichts der immer enger werdenden Weltspitze in den meisten Sportarten wirklich wertlos und damit „Loser-Leistungen“, die nicht beachtenswert sind? Wäre ein 5. Platz eines Judoka aus Afghanistan (theoretisch angenommen) nicht gleichzusetzen mit einer russischen Goldmedaille im Judo? Ist so etwas vergleichbar?

Ist es nicht irrational wie die hiesigen öffentlich-rechtlichen Sender am ersten und zweiten Tag der Spiele im Stundentakt nach jeder (aus deutscher Sicht misslungen) Entscheidung betonten, dass es noch immer keine deutsche Medaille gibt? Man lechzte nach einer Medaille wie ein Alkoholsüchtiger nach einer Flasche Alkohol nach mehrstündiger Abstinenz. Und überhaupt die Sportübertragung im TV: Für mich waren diese Olympischen Spiele als Fernsehzuseher die schlechtesten ever, wenn man vor allem ARD und ZDF betrachtet. Bei Eurosport gab es relativ gewohnte Kost, stärkere Konzentration auf einzelne Sportarten, weniger kunterbunter Schnipselmix wie bei ARD und ZDF und eine noch relativ fachlich akzeptable Kommentierung. Was ARD und ZDF abgeliefert haben, hatte mit Sportübertragungen teilweise wenig zu tun. Man hätte mal den Versuch machen müssen zu ermitteln, wie groß der Anteil der reinen Sportübertragung während einer Stunde Übertragung war – ohne die völlig nervigen, zum größten Teil uninformativen Interviews von deutschen und ausländischen Sportlern nach ihren Läufen, Sprüngen etc. (am besten gleich auf der Ziellinie, wenn die Athleten noch gar nicht nach Luft japsen können), ohne die nur manchmal interessanten Hintergrundberichte zu Sportlern oder Regeln von jahrelang unbeachteten Sportarten, ohne völlig sinnfreie Befragungen von Adelsexperten wie Herrn Seelmann-Eggebert beim Rudern (Wen zum Teufel interessiert die Meinung von diesem Herrn dazu, was wohl die Mitglieder der englischen Royals zu diesem und jenem wohl sein mag?!) und ohne die unvermeidliche Werbung, mit deren Hilfe dieses überkommerzielle Großereignis Olympia, was mit der ursprünglichen Intention der Spiele nur wenig zu tun hat, heutzutage nur finanzierbar ist. Ich schätze, dass da nicht mehr als 50 % zusammenkommen, also viel zu wenig, um das Prädikat „Sportübertragung“ zu bekommen. Nennen wir es doch lieber Dauertalkshow mit kleinen Werbe- und Sporteinblendungen!

Es war eine Schande für das reine Sporterlebnis, dass Wettkämpfe mit den immer wiederkehrenden Sportlerinterviews (nach jedem Vor- und Zwischenlauf, und erst recht nach einem der wenigen Erfolge auf den Sofas im Hauptstudio, wo es dann noch hässliche Plüschhunde als Trost für geistlose Frage-Antwort-Spiele gab) unterbrochen bzw. zerredet wurden. Und dann die Schnipseltaktik: Statt z. B. die vier Kanuläufe innerhalb einer Stunde hintereinander zu übertragen, wird bei jeder Gelegenheit dazwischengefunkt, wenn irgendwo ein deutscher Athlet auf die Judomatte musste oder so. Es wäre viel leichter zu verfolgen, wenn jede Sportart konzentriert übertragen wird – da nicht alles live zu senden ist, sollte man Prioritäten setzen, was vollständig live übertragen wird, und was man in einer kurzen und knackigen Zusammenfassung (ohne Interviews!!) nachreicht. Und die stündlichen Olympia-Telegramme – ein weiterer Nervfaktor. Da wird einem am Abend mitten im Diskuswurffinale und in anderen Leichtathletikwettbewerben dann noch erzählt, wie vor zehn Stunden am Vormittag das Hockeyteam gewonnen oder verloren hat. Das ist doch lächerlich in zehn „Telegrammen“ immer wieder dasselbe zu wiederholen oder ist das Teil der bewussten Verblödungsstrategie der TV-Sender? Es hätte doch völlig ausgereicht alle zwei Stunden so einen Überblick zu geben, was am Tage schon geschehen ist.

Und was ist nun zum sportlichen Erfolg und dem Sportfördersystem zu sagen? Die deutschen Ruderer und Kanuten, die Judoka und Leichtathleten sowie die Radfahrer (Bahn/Straße/Mountainbike) und Turner haben voll überzeugt und ihre Leistungen teilweise klar übertroffen oder im Rahmen des Möglichen gehalten. Wirklich enttäuscht haben nur die Schwimmer, die Fechter und teils die Reiter, wobei hier ja auch der Faktor Tier etwas Unberechenbarkeit mit ins Spiel bringt. Aber im Prinzip ist jeder Erfolg im Sport unberechenbar, schließlich kann jeder Athlet nur seine eigene (gute) Leistung beeinflussen, aber nicht die (schlechte) der Gegner, die doch auch Voraussetzung des eigenen Erfolgs ist. Viele Länder tun in den landestypischen Sportarten sehr viel, um maximalen Erfolg zu haben, selbst Länder wie Kuba, Kenia oder Armenien, die nicht über den größten Geldbeutel verfügen. Wie vermessen kann man sein, praktisch von allen Sportlern Medaillenerwartungen zu schüren? Es ist doch nicht mehr so einfach wie vor vierzig Jahren, als nur die weit entwickelten Länder einschließlich des Ostblocks Medaillen praktisch im Nebenbei einsammeln konnten. Es gibt für das Fördersystem zwei Möglichkeiten: Entweder es zählt das Motto „Dabeisein ist alles“, dann kann die jetzige Investitionshöhe beibehalten werden (dann muss man sich aber auch über einen fünften oder sechsten Platz mal freuen können; was sehr wünschenswert wäre, unabhängig vom Fördersystem). Oder aber man strebt nach maximalem Erfolg; das ist dann so ähnlich wie im Bildungswesen: Wer vorne langfristig mitspielen will, muss halt ähnliche Summen wie die Konkurrenten aus USA, Großbritannien und China in die Hand nehmen, um die Trainer vernünftig und langfristig zu bezahlen (und nicht beim ersten Misserfolg alles gleich wieder hinterfragen) und auch den Sportlern ein geregeltes Auskommen und eine berufliche Zukunft zu garantieren. Letzteres ist ein sehr wunder Punkt im deutschen Sportsystem: Es ist hanebüchen zu sehen, dass Fußballer mit Millionen im Monat, aber Olympioniken wie Kanufahrer oder Ringer mit weniger als 1000 Euro von der Deutschen Sporthilfe abgespeist werden, obwohl die Trainingsumfänge nicht kleiner sind. Und warum werden Kanu- oder Judo-Meisterschaften nicht übertragen, obwohl deutsche Sportler dort teils seit Jahrzehnten gute Erfolge feiern? Nein, das ganze Geld für Sportübertragungen geht für Fußballrechte drauf (und hier wird es immer mehr, was die Klubs haben wollen) – das ist einfach irrational.

Es wäre für ein reiches Land wie Deutschland doch kein Problem, mehr als eine Milliarde Euro für den Leistungssport zu investieren; gut wäre dann bei solchen Summen natürlich, wenn auch der Breitensport inkl. Nachwuchsförderung was davon hätte. Dann wäre es auch möglich, Olympiasiegern statt (aus Fußballersicht) lächerlichen 15.000 Euro Erfolgsprämie 100.000 Euro zu spendieren. Das hätte mit Profisport auch noch nicht viel zu tun, aber die Athleten hätten im internationalen Vergleich wenigstens vorzeigbare Prämien. Armenien zahlt seinen Siegern 700.000 Euro (weitere Infos hier) – und Deutschland hat nur 15.000 Euro übrig? Aber unabhängig von diesen finanziellen Diskussionen: Das Abschneiden der Deutschen war aus meiner Sicht zum großen Teil zufriedenstellend, abgesehen von den Schwimmern, wo echt was getan werden muss (vielleicht würde auch hier die Abschaffung des Föderalismus und das Einrichten weniger Elitezentren Wunder bewirken?), und den vielen Mannschaftssportarten, die gar nicht die Qualifikation geschafft haben (Fußball, Handball beiderlei Geschlechts sowie Volleyball Frauen). Weniger Ansprüche stellen, das würde im Sport, aber auch in der Politik für weniger Stress und Ärger sorgen.

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