Halle-Silberhöhe als Beispiel der Ausgrenzung bestimmter Menschengruppen in der Gesellschaft

Antikapitalismus

Nachfolgende dokumentiere ich einen von mir verfassten Leserbrief zum MZ-Bericht „Leere Läden – leere Gesichter“, der sich mit dem halleschen Stadtteil Silberhöhe beschäftige und auf einem Erlebnisbericht einer dort wohnenden Studentin basiert. Halle-Silberhöhe, aber auch Neustadt gelten für mich als Beispiele der Ausgrenzung bestimmter Menschengruppen in der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft. Hier sind die Folgen eines perversen, die Gesellschaft spaltenden Gesellschaftssystems exemplarisch zu beobachten.

Leserbrief:

Ich kann als Bewohner von Halle-Neustadt die Beobachtungen von Jana Mischke in Silberhöhe gut nachvollziehen, ohne die genauen Verhältnisse vor Ort zu kennen. Die gleichen Beobachtungen von gesellschaftlich marginalisierten Menschen („Menschen in Jogginghosen, die unbeschäftigt in kleinen Grüppchen herumsitzen und Bier trinken“) kann man auch jeden Tag in Neustadt machen. In Bussen sieht und riecht man Menschen, denen ihre Armut, Ausgegrenztheit und ihr sozialer Abstieg anzumerken sind. Mit solchen Beobachtungen sollen doch nicht solche Menschen herabgewürdigt werden, die inmitten des Stadtteils noch einem geregelten, normalen bürgerlichen Leben mit täglicher Arbeit und kulturellen Interessen nachgehen. Selbstverständlich gibt es in Neustadt und Silberhöhe nicht nur verwahrloste Menschen, nicht nur randalierende Jugendliche.

Aber all dies hilft doch der nicht zu übersehenden Gruppe von Menschen, die (z. T. über mehrere Generationen) keine Chance haben, jemals wieder in den ersten Arbeitsmarkt zu kommen und ein autonomes, von staatlichen Transferleistungen unabhängiges Leben zu führen, nicht. Alle, denen es hier gut geht, können doch nicht übersehen, dass es vielen anderen Menschen viel schlechter geht. Diesen Menschen wurde im Zuge der Deindustrialisierung nach 1990 zuerst die Arbeit und dann spätestens nach den Hartz-Reformen vom Jobcenter und anderen staatlichen Institutionen die Würde genommen. Fördern und fordern war das Leitmotto, doch vielfach bleibt es beim fordern. Wer geht wirklich auf die Bedürftigen, auf ihren Einzelfall zu und kümmert sich in sozialer, würdevoller Weise um ihr Schicksal? Das Jobcenter? Jeder, der diese Behörde einmal von innen gesehen hat und sie kennenlernen musste, weiß, dass dort das unmenschliche bürokratische Abarbeiten von Fällen vorherrscht, wo auf individuelle Problemlagen gerne mal keine Rücksicht genommen wird, weil den Mitarbeitern dazu auch die Qualifikation bzw. die Zeit fehlt. In Wirklichkeit will die herrschende Politik doch auch, dass mit den Arbeitslosen, denen man nicht selten die soziale Hängematte vorwirft, nicht allzu zimperlich umgegangen wird.

Und da kommen wir zu den Ursachen des Elends, das Frau Mischke richtig beobachtet: Was auf der Silberhöhe und in Neustadt zu beobachten ist, kann in allen sogenannten Problemvierteln der Großstädte beobachtet werden. Es sind dies die Ergebnisse unserer herrschenden bürgerlich-kapitalistischen Leistungs- und Ellenbogengesellschaft, wo die Stärkeren gewinnen und der große Rest sehen muss, wo er bleibt. Und die Gewinner bleiben weitgehend unter sich, schanzen sich in eigenen vornehmen Vierteln von der Unterschicht ab und pflegen ihre bürgerlichen Tugenden. Die von Frau Mischke nicht gewusste Lösung kann meines Erachtens nicht im Kleinen liegen, denn die Ursachen der Probleme der von ihr beobachteten Menschen sind eben nicht selbst verschuldet, sondern systemimmanent. Wir alle müssten unsere Gesellschaft grundlegend anders organisieren. Es müssten diejenigen belohnt werden, die Werten wie Toleranz, Rücksichtnahme, Solidarität, Bescheidenheit und Gemeinwohl dienen und nicht solche Menschen, denen es um rücksichtlose Gewinnoptimierung, bedingungsloses Leistungsstreben und Ehrgeiz um des Ehrgeiz willen geht. Diese Lösung kann eine Kommune wie Halle allein nicht bieten. Hier braucht es eine bundespolitische Umwälzung, bei denen die Menschen, die mit den herrschenden Zuständen nicht zufrieden sind („die nicht mehr zu Halle gehören“), den Herrschenden die Rote Karte zeigen und eine neue Politik wählen müssten. Leider fehlt der Mehrheit dafür der Mut oder das weitsichtige Denken über den eigenen Kleingarten hinaus.

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