Bekenntnisse zum Antikapitalismus Teil 3: Rente mit 67 oder über die Chancen von Älteren auf dem Arbeitsmarkt

Antikapitalismus

Es gibt nicht wenige Gründe, die gegenwärtige Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung abzulehnen und für neue, gerechtere und humanere Ordnungen zu kämpfen. In meiner unregelmäßigen Reihe „Bekenntnisse zum Antikapitalismus“ will ich diesen Gründen nachgehen. Bislang habe ich mich mit der immer umfassenderen Ausbreitung prekärer, atypischer Beschäftigung und dem Auseinanderdriften von Arm und Reich beschäftigt. Heute geht es um die Arbeit, genauer um die Arbeit bis zum 67. Lebensjahr.

Die IG Metall startet gerade eine Aktionswoche für gute Arbeitsbedingungen und eine bessere Alterssicherung, in der es unter anderem darum geht, dass es sehr viele Arbeitsplätze in Deutschland gibt, an denen man nicht bis 67 durchhalten kann. Exemplarisches Beispiel sind die Aufzugsmonteure, deren Arbeit extreme körperliche Anstrengungen verlangt. So müssen solche Arbeiter einen 40 Kilogramm schweren Schutzanzug viele Etagen hochtragen. Zum Alltag der Aufzugsmonteure gehören „[d]as Heben großer Gewichte, bücken, knien, Überkopfarbeit in engen Schächten, Zugluft, Lärm und Staub“ (http://www.jungewelt.de/2012/11-08/047.php). Neben körperlichen Belastungen gibt es häufig auch psychische Belastungen, durch genervte Hausbewohner, die sich über dauernd defekte Aufzüge beim Monteur beschweren, obwohl der nun gerade Abhilfe verspricht. Auch die in vielen Branchen zunehmende Arbeitsverdichtung, die einen kaum noch zu pausen kommen lässt, zehrt an der Gesundheit. Bandscheibenvorfälle, Knie-OPs und andere gesundheitliche Folgeschäden der Arbeit lassen es nicht zu, dass die Monteure bis zur politisch gewollten Rente mit 67 arbeiten können. Andererseits gibt es aber kaum noch Möglichkeiten vorzeitig in Rente zu gehen; Anträge auf Berufsunfähigkeit werden kaum bewilligt. Dabei nimmt das Risiko von Arbeitsunfällen, bei denen jährlich 45 bis 50 Monteure weltweit sterben, mit höherem Alter zu.

Dieser Beruf steht exemplarisch für die meisten handwerklichen Berufe, die ein Arbeiten bis ins hohe Lebensalter nicht möglich machen. Es ist einfach unmenschliche Ausbeutung, wenn Politiker, von denen die meisten im zivilen Büro täglich im gut geheizten Büro sitzen würden, oder Unternehmer im Namen der Wettbewerbsfähigkeit oder Bezahlbarkeit der Rentenkasse darauf drängen, dass ältere Menschen über 60 sich selbst bei angeschlagener Gesundheit noch für den Profit des Kapitalisten auspressen lassen. Dabei zeigen aktuelle Statistiken, dass der Bedarf für ältere Arbeitnehmer offensichtlich immer noch gar nicht so groß ist. Viele arbeitslos gewordene Über-50-Jährige wissen es: Wenn sie noch einmal Arbeit finden, ist es wie ein Lottogewinn, denn Unternehmen suchen immer billigere, junge, gut ausgebildete und vor allem flexible Arbeitskräfte, bei denen das Risiko von Krankheiten wesentlich geringer ist. Laut Statistischem Bundesamt waren 2011 von 4,9 Mio. Menschen im Alter zwischen 60 und 65 2,6 Mio. bzw. rund 53 Prozent nicht erwerbstätig, weitere 152.000 waren erwerbslos und suchten nach einer Arbeit. In der Gruppe der 55- bis 60-Jährigen liegt die Quote der Nichterwerbspersonen 2011 bei 21,4 %, 280000 von 5,5 Mio. Menschen in dieser Altersgruppe waren erwerbslos (Begriffsklärungen siehe genannten Link des Bundesamtes). Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit (S. 14) hat sich die Arbeitslosigkeit von 55- bis 65-Jährigen zwischen 2007 und 2012 vervierfacht.

Es ist ganz einfach: So gut wie jeder Arbeitgeber (da helfen auch die gerne im Fernsehen gezeigten Ausnahmeunternehmen nichts) nimmt lieber junge, gesunde und flexible Beschäftigte. Und das ist auch nicht verwerflich, denn die Jungen müssen die Chance für einen guten Berufseinstieg haben, um später eine ordentliche gesetzliche Rente zu erhalten und vielleicht (ich würde davon abraten) privat zusätzlich vorzusorgen. Darauf ist die gegenwärtige Rentenpolitik ausgerichtet. Und aus sozialistischer Perspektive ist es doch nur vernünftig Menschen, die bis 55 oder 60 durchgearbeitet haben und mehr oder weniger aus den Unternehmen rausgemobbt werden, vom Zwang von warenförmiger Lohnarbeit zu befreien und von den Fängen der repressiven Jobcenter fernzuhalten. Menschen, die sich in diesem Alter noch fit fühlen und noch aktiv sein wollen, müssen sozial abgesichert werden, um ehrenamtlichen oder anderen Tätigkeiten nachzugehen, die ihnen Freude und Lebenssinn bereiten. Eine Möglichkeit wäre ein bedingungsloses Grundeinkommen bzw. Altersgrundeinkommen, eine andere ein Herabsetzen des Renteneintrittsalters auf 60 (so wie es in Frankreich wieder ist), mit der flexiblen Möglichkeit auch über 60 hinaus zu arbeiten. Der Kapitalismus möchte dagegen ein hohes Renteneintrittsalter (selbst Rente mit 70 oder 75 ist kein echtes Tabu mehr) völlig unabhängig von den Möglichkeiten für Ältere, im hohen Alter noch zu arbeiten, damit die potenziell immer älter werdenden Menschen (man sollte wissen, wirklich alt werden nur Menschen mit relativ hohem Einkommen bzw. gesunder Lebensweise) nicht zu lange die teure staatliche Rente abfassen. Kapitalisten lehnen es ab, dass die zukünftigen Rentner das aktuelle Rentenniveau behalten können, weil dazu die Rentenversicherungsbeiträge nicht bei 19,9 Prozent gehalten und die Lohnnebenkosten erhöht werden müssten. Dass sich Beitragserhöhungen in Grenzen halten würden, wenn man die Produktivitätssteigerungen mit berücksichtigt, wenn die Beitragsbemessungsgrundlage ganz abschafft, gleichzeitig eine Höchstrente einführt und alle Berufsgruppen in das staatliche Rentenumlagesystem einbeziehen würde, verrät man der besorgten Öffentlichkeit natürlich nicht. Der Kapitalismus will keine starke gesetzliche Rentenversicherung, sondern mehr Eigenverantwortung, also eine Verlagerung der Risiken im Alter auf die Bürger. Das kann kein Mensch wollen, deshalb brauchen wir eine solidarische BürgerInnenversicherung im Rahmen einer neuen, sozialistischen Gesellschaft.

 

Quelle:

Daniel Behruzi: „No Job for Old Men“, http://www.jungewelt.de/2012/11-08/047.php

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