Browsing the blog archives for März, 2013.


Aktionsbündnis kritisiert aktuelle Kürzungspläne für Hochschulen in Sachsen Anhalt

Hochschulpolitik

Das Aktionsbündnis MLU – Perspektiven gestalten! übt massive Kritik an den Kürzungsvorhaben der Landesregierung und fordert diese auf, eine verantwortliche Politik zu betreiben. Gegen die Kürzungen kündigt es entschiedenen Widerstand an.

Die am Mittwoch letzter Woche bekannt gewordenen Haushaltspläne von Ministerpräsident Haselhoff (CDU) und Finanzminister Bullerjahn (SPD) stoßen bei den Vertreter_innen der Studierendenschaft und des Personals der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg auf massive Kritik.

„Die Landesregierung schickt, mit ihrem Vorhaben im Hochschulbereich fast 60 Millionen Euro streichen zu wollen, dieses Land [endgültig] auf das Abstellgleis. Ein zukunftsfähiges Land ist jedoch ohne eine breite und gut ausgestattete Hochschullandschaft nicht möglich. Wir werden deshalb entschieden gegen diesen Kahlschlag in der Bildungslandschaft kämpfen“, so Clemens Wagner, Vorsitzender Sprecher des Studierendenrates der Martin-Luther-Universität und Pressesprecher des Aktionsbündnis.

„Durch den Zeitpunkt der Vorschläge zeigt sich wieder einmal, dass eine sachlich orientierte Diskussion über die Struktur der zukünftigen Hochschullandschaft nicht gewollt ist. Ansonsten würde man auf das für Mitte 2013 angekündigte Gutachten des Wissenschaftsrates warten, den das Land um Evaluierung seiner Hochschulen gebeten hat. Der Landesregierung geht es offensichtlich einzig und allein darum, den Haushalt auszugleichen. Koste es, was es wolle und sei es die Zukunftsfähigkeit des Landes. Diese, einzig an Haushaltszahlen orientierte Politik können und werden wir nicht mittragen“, sagt Clemens Wagner weiter.

„Bullerjahns Aussage, das Land gebe zu viel Geld für die Hochschulen aus, muss für alle Angehörigen der Universität wie blanker Hohn klingen. Die Unterfinanzierung der Universität ist an allen Ecken sichtbar. Insbesondere junge Wissenschaftler_innen merken dies an ihren befristeten Verträgen. Jetzt noch weitere Einschnitte vorzunehmen, bedeutet den endgültigen Abschied von der Volluniversität und hochwertiger Ausbildung“, äußert sich Dr. Renate Federle, Sprecherin des Aktionsbündnisses und Personalratsvorsitzende.

„Der Finanzminister agiert mit völlig undurchsichtigen Zahlen, die uns glauben lassen sollen, wir geben zu viel Geld für die Hochschulen aus. Das ist falsch! Um dies zu erkennen, reicht es, die in der Presse genannten Zahlen, mit einem einfachen Dreisatz zu überprüfen“, so Clemens Wagner.

Das Aktionsbündnis sieht die Verantwortlichkeit jedoch nicht nur bei der Landesregierung. Die schwierige finanzielle Lage ist vor allem auf die Steuerpolitik des Bundes zurückzuführen. Dennoch sind die Verantwortungsträger des Landes in der Pflicht:

„Es muss klar gemacht werden, dass eine öffentliche Daseinsfürsorge Geld kostet. Dazu gehören  gut ausgestattete Bildungseinrichtungen. Die Landesregierung sollte deutlich zu machen, dass die Finanzmisere des Landes und der Kommunen nicht durch zu hohe Ausgaben, sondern in erster Linie durch eine seit Jahren verfehlte Steuerpolitik des Bundes zu verantworten ist. Nur wenn Steuerpolitik und Bildungsfinanzierung geändert werden, ist ein sozialer Zusammenhalt der Gesellschaft auf Dauer möglich“ meint Clemens Wagner abschließend.

(Pressemitteilung des Aktionsbündnisses „MLU Perspektiven gestalten“ vom 26.03.2013)

Ein Interview mit zwei Vertretern des Aktionsbündnisses bei Radio Corax findet ihr hier.

No Comments

Auswege aus der sozial-ökologischen Krise: Nachhaltigkeit? (Teil 2)

Antikapitalismus

Nach Teil 1 folgt heute der zweite Teil meiner Nachhaltigkeit-Reihe:

Was ist nun das Verwerfliche bzw. das Problem des traditionellen Wirtschaftens, das bei Zabel verklausuliert Industrialismus heißt und treffender mit Kapitalismus zu benennen wäre? Mit den zunehmenden Erfolgen der Naturwissenschaften, die ihre Fähigkeit zur Berechnung und Vorhersage von natürlichen Prozessen enorm gesteigert hat, haben sich bestimmte Wertvorstellungen durchgesetzt: Die Natur wird hauptsächlich als Objekt betrachtet und vom Menschen ungehemmt für seine Zwecke benutzt. Das Messbare, Quantitative wurde zur vorherrschenden Wahrnehmungs- und Bewertungsgrundlage, wodurch „höher-schneller-weiter“ oder „mehr ist besser als weniger“ zu unwiderlegbaren Grundannahmen menschlichen Verhaltens entwickelten. So werden auch Wissenschaft, Technik und Wirtschaft „in Richtung quantitativer Ergebnisse instrumentalisiert“ (Zabel 2001: 27) und qualitative Aspekte (sinnliche, ästhetische, moralisch-geistige Dimensionen) missachtet. Mensch und Natur sind zu Objekten quantitativer Ziele, vor allem des Drangs zu ständigem quantitativen Wachstum geworden. Es entsteht die Illusion, dass alles technisch machbar und notfalls rückgängig zu machen ist – den Atommüll werden wir schon noch los (vgl. Zabel 2001: 26f.).

Das Problem sei weiterhin, dass Sozial- und Wirtschaftswissenschaften an einer am Darwinschen „Survival of the fittest“ angelehnten Kampf- und Konkurrenzorientierung leiden, die noch mit einer „Egoismusfixierung“ verbunden ist. Mit der Einführung des Geldes, das wegen der Senkung der Transaktionskosten (z. B. beim Warentausch) zu einem enormen Schub beim Wirtschaften führte, wurde die Steuerung des menschlichen Verhaltens mittels des Egoismuskonzepts eine Grundannahme der Ökonomik. Das homo-oeconomicus-Konzept ist bis heute ein zentrales Modell der Ökonomik, obwohl es nicht nur, aber vor allem von den Sozialwissenschaften heftig angegriffen und widerlegt wurde. Ökonomische Erklärungsmodelle basieren auf der Annahme, dass der Mensch als reiner Egoist handelt und in seinen Handlungen nur nach maximaler Steigerung seines individuellen Nutzens strebt (vgl. Zabel 2001: 28f.).

Nun sagen die Ökonomen, die dieses Modell verwenden, das sei ja nur eine Annahme und sie wüssten ja, dass der Mensch in Wirklichkeit gar nicht so egoistisch ist. Dann stellt sich die Frage, wie man mit solchen unrealistischen Annahmen die ökonomische Wirklichkeit erklären will? Der Homo oeconomicus ist omnipräsent in der neoklassischen und neoliberalen Wirtschaftstheorie, wenn er ständig als Modellannahme herangezogen wird, dann „vergisst“ der durchschnittliche VWL-Student doch, dass dies nur eine realitätsferne Annahme ist, und nimmt sie für bare Münze. Und dann erklärt man den Studenten, dass diese egoistische Verhaltensweise in der Regel zu höherem Nutzen führt, also werden sich VWLer und BWLer diese Verhaltensweisen des nur unterstellten Homo oeconomicus zu eigen machen.

Dies zeigt sich an der „Selbstverständlichkeit“, dass den Menschen abverlangt wird, so mobil und flexibel zu sein und dem Kapital und der Arbeit hinterherzuziehen, wenn sie keine Arbeit finden. Technik und Arbeitsbedingungen werden nicht nach humanitären Maßstäben, sondern vorrangig nach Maßstäben möglichst großer Kapitalverwertung (Mehrwerterzeugung) eingesetzt und bestimmt. Maßnahmen zur Verbesserung sozialer oder Umweltzustände werden regelmäßig abgelehnt, weil sie zu viel kosten und den Gewinn schmälern.

Die Grundprobleme des Industrialismus sind zusammenfassend gesagt, dass Geld und alles Quantifizierbare zum Wertmaßstab schlechthin geworden und die Wirtschaft egoismus- und wachstumsfixiert sind. Der Mensch als soziales Wesen spielt für die Ökonomik und die Ökonomie keine wesentliche Rolle mehr.

Siehe auch: Zabel, H.-U. (2001): Ökologische Unternehmenspolitik im Verhaltenskontext. Verhaltensmodellierung für Sustainability. Berlin: BERLIN VERLAG Arno Spitz

No Comments

Bekenntnisse zum Antikapitalismus Teil 5: Geplante Obsoleszenz

Antikapitalismus

Ich habe an dieser Stelle anlässlich einer Dokumentation bei Arte schon einmal über geplante Obsoleszenz geschrieben. Dieser Tage nun haben die Grünen eine Studie veröffentlicht, in der unzählige Beispiel für sehr frühen Produktverschleiß aufgeführt werden. Die Strategie, durch kurze Haltbarkeit des Produkt höhere Gewinne einzufahren wurde schon in den 1920er Jahren von GM gegen Ford erfolgreich eingesetzt.

„Besonders stark in Richtung geplanter Obsoleszenz wirken folgende Faktoren:

1.) Gesättigte Märkte bzw. Überkapazitäten
2.) Unübersichtliche/Intransparente Märkte bzw. Vielzahl oder Überfülle von Produkten
3.) Kapitalmarkt- bzw. starke Gewinnorientierung der Hersteller
4.) Ethische Einstellung des Managements bzw. die Frage der Moral“ (S. 8 der Studie)
Zwar kann man nicht beweisen, dass verfrühte Obsoleszenz bewusst von der Herstellern eingesetzt wird, um die eigenen Profite zu steigern, doch die Studie im Auftrag der Grünen zeigt klar, dass bestimmte Zwänge der Marktwirtschaft zu solchen Produktionsweisen verleiten. Ingenieure werden unter Kosten- und Termindruck gesetzt, sodass hochwertige Qualität einfach nicht produziert werden kann (vgl. S. 18). In immer kürzer werdenden Abständen müssen neue Produkte auf den Markt geworfen werden. Ein aus meiner Sicht krasses Beispiel sind Computer, Handys und entsprechendes Zubehör: Es vergeht kaum ein Jahr, bis von bestimmten Handys oder Druckern neue Versionen auf den Markt kommen. Jeder Drucker bekommt eine eigene Art von Tintenpatronen, die dann nicht einmal bis zum letzten Tropfen Tinte drucken, sondern schon dann ein Auswechseln der Patrone fordern, wenn vielleicht noch 10 Prozent des Inhalts drin sind. Wozu braucht man jedes Jahr ein neues Handy/Smartphone – die Funktionszuwächse rechtfertigen selten den schnellen Neukauf.
Und wer profitiert von geplanter Obsoleszenz? „Die Vorteile von geplantem Verschleiß – höhere Gewinne – fließen also an vergleichsweise wenige, wohlhabende Menschen. Die Nachteile in Form geringerer Haltbarkeit tragen jedoch alle Verbraucher. Geplanter Verschleiß führt also verteilungspolitisch betrachtet zu einer Umverteilung von vielen zu wenigen: von allen Kunden, die Produkte mit geplantem Verschleiß kaufen, zu der vergleichsweise kleinen Gruppe der wohlhabenden Eigentümer der Unternehmen.“ (S. 19)
Geplante Obsoleszenz ist ökonomischer und ökologischer Wahnsinn. Aber der Wahnsinn ist nach den Prinzipien der kapitalistischen Marktwirtschaft rational – eigentlich kann man es den Unternehmern nicht vorwerfen, dass sie minderwertige Waren produzieren. Es gilt die Spielregeln für die Unternehmen zu ändern. Man könnte längere Garantiezeiten vorschreiben – oder noch besser: Ein größeres Rad drehen und die Eigentumsverhältnisse in den Unternehmen ändern. Die Logik muss weg von Marktwirtschaft  hin zu mehr Ökosozialismus.
No Comments

MLU: Die Werbebanden können aufgebaut werden

Hochschulpolitik

(Dieser Artikel erschien zuerst unter https://blogs.urz.uni-halle.de/olli/2013/03/die-werbebanden-konnen-aufgebaut-werden/)

Nein, es werden jetzt keine Werbebanden in unseren Hörsälen aufgestellt, soweit sind wir noch nicht. Aber nach der letzten Senatssitzung sollten sich die Studierenden und anderen Universitätsangehörigen darauf einstellen, dass auch die MLU in ein Geschäft einsteigt, das bislang vor allem aus dem Fußballbereich bekannt ist: Es gibt zwei konkrete Anfragen von halleschen Unternehmen, die gegen die Zahlung einer noch auszuhandelnden Summe die Namensrechte an Hörsälen im Audimax erwerben wollen. Andere Universitäten sind da schon länger dabei. Die Uni Erlangen-Nürnberg hat z. B. schon 2007 für 130.000 Euro einen Hörsaal in „easyCredit-Hörsaal“ umbenannt. Die Uni Jena hat einen Commerzbank-Hörsaal, die Magdeburger Uni einen Volksbank-Hörsaal und die Uni in Augsburg den „Sonntag & Partner Hörsaal“ sowie den „Andreas Schmid Logistik Hörsaal“. Nachdem die Idee unter de Dekanen wohl positiv aufgenommen wurde, hatte sich auch im Senat kaum grundsätzliche Kritik geäußert. Es wurde aber darauf hingewiesen, dass es natürlich auf die konkrete Ausgestaltung ankommt. Riesengroße Werbebanner im Audimax werden ebenso abgelehnt wie Einmischungen in Forschung und Lehre. Zu klären ist auch, was mit dem auf diesem Wege eingenommenen Geldern passieren soll.

 

Hörsaal-Sponsoring nur unter bestimmten Bedingungen

 

In Zeiten knapper Kassen ist so manches Senatsmitglied froh über jede zusätzliche Einnahmequelle. Das ist auch grundsätzlich nicht falsch, doch aus Sicht der OLLi bleibt die Hochschulfinanzierung vordringliche Aufgabe der Politik. Private Sponsorengelder können kein Ersatz für durch unzureichende Finanzierung des Landes entstandene Budgetlücken sein. Ein Namens-Sponsoring ist nur denkbar, wenn die Sponsorenverträge absolut transparent sind, der Senat Mitentscheidungsrechte hat und die Unternehmen außer dem Namen des Hörsaals keine weiteren, besonderen Rechte im Bereich Forschung & Lehre erhalten.

 

Zulassungszahlen in NC-Fächern festgelegt

 

In der Sondersenatssitzung ging es aber eigentlich um die Festsetzung der Zulassungszahlen in den Fächern mit uni-weitem NC. Nach einer lebhaften Diskussion wurde die entsprechende Ordnung mit einer Gegenstimme und acht Enthaltungen beschlossen. So werden zukünftig in den überlaufenen Fächern Psychologie, Soziologie oder Erziehungswissenschaften z. T. deutlich reduzierte Kapazitäten angeboten. Die Überlastbereiche Wirtschaftswissenschaften und Politikwissenschaften bleiben weiter NC-frei. Alle bislang mit NC versehenen Studiengänge bleiben zulassungsbeschränkt.

 

Weitere Entscheidungen und Berichte

 

Beschlossen wurden außerdem drei Ordnungen, die die neu eingeführten Eignungsprüfungen in den Lehramtsstudiengänge Grundschule Sport, Musik und Gestalten betreffen. In diesen Fächern soll zukünftig nicht mehr die Abiturnote allein bei der Auswahl der Studienbewerber herangezogen werden, sondern es sollen die fachspezifischen Fähigkeiten der Bewerber vor eigens gegründeten Prüfungskommissionen nachgewiesen werden.

In den laufenden hochschulpolitischen Diskussionen gibt es nicht wesentlich Neues. Die Kommission, die sich mit der Leitungsstruktur der Universität und eventuell neuen Modellen zur Hochschulleitung befassen soll, tagte. Die Meinungen gehen wohl weit auseinander, wobei diejenigen, die sich für das Präsidiumsmodell aussprechen, in der Minderheit sind und es nun eher um eine Optimierung des derzeitigen Rektoratsmodells geht. Die Kommission wird sich noch einmal treffen.

Zur Profil- und Strukturdebatte gibt es auch keine Neuigkeiten. Einzige erwähnenswerte Nachricht ist, dass die nächste Zielvereinbarung doch nicht eine fünfjährige Laufzeit haben wird, sondern nur eine einjährige Fortschreibung der alten Zielvereinbarung sein wird. Wahrscheinlich bleibt damit auch die Zuweisung des Landes für das Budget der MLU auf gleichem Niveau, abgesehen davon, dass die Uni etwa 200.000 Euro Zusatzkosten aus der vor wenigen Tagen beschlossenen Tariflohnerhöhung für die Angestellten der Länder selbst tragen muss.

Einen Bericht zur letzten Senatssitzung findet sich auch hier.

No Comments

SPD hat nichts verstanden und feiert ihre Agenda 2010

Parteien

„Vor genau zehn Jahren – während einer Regierungserklärung von Kanzler Gerhard Schröder (SPD) am 14. März 2003 – wurde mit der Agenda 2010 die bislang größte und erfolgreichste Kapitaloffensive gegen die kümmerlichen zivilisatorischen Mindeststandards eingeleitet, die dem bundesrepublikanischen Kapitalismus in den Nachkriegsjahrzehnten mühsam abgetrotzt werden konnten“ (Tomasz Konicz)

Zum 10. Geburtstag durfte nun Agenda-Erfinder Schröder zum ersten Mal seit 2005 die SPD-Fraktion besuchen. Und wie wurde er empfangen? Mit viel Applaus und kaum bemerkten Murren einiger verbliebener SPD-Linken aus NRW. Es ist unfassbar, dass eine sich sozialdemokratisch nennende Partei, die immerhin in diesem Jahr ihren 150. Geburtstag feiert (wobei die heutige SPD mit dem vor 150 Jahren gegründeten Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein kaum noch Gemeinsamkeiten hat) und sich also irgendwie immer noch ihrer Vergangenheit als Arbeiterpartei rühmt, zugleich auch die antisoziale Agenda-Politik abfeiert. Es wird nun zwar von einigen Korrekturen gesprochen, aber grundsätzlich möchte auch die Sozialdemokratie ihr Stück Kuchen vom Lobjubel auf das Jobwunder und den Wirtschaftsaufschwung Deutschlands, der übrigens zu Lasten der derzeitig eine Depression durchmachenden Krisenländer in Südeuropa ging. Jahrelanger Reallohnverlust, ein nie da gewesener Niedriglohnsektor, ausufernde Leiharbeit, würdeloses Sanktionsregime für nicht-willfährige Hartz IV-Bezieher, beispiellose Rentenkürzungen durch eine Rente mit 67, die fast nur Leute wie Peer Steinbrück oder Hartmut Mehdorn noch als Erwerbstätige erreichen – all dies und noch einige andere soziale Ungleichheit massiv verstärkende Dinge (Absenkung der Körperschafts- und Einkommenssteuer für Gutverdiener; Abschaffung der Arbeitslosenhilfe) halten die SPD nicht ab, um ihren Agenda-Kanzler a. D. zu feiern.

Sind die bitteren Wahlklatschen schon vergessen: der Tiefpunkt 2009 mit gerade einmal kümmerlichen 23,0 Prozent (selbst in den 1950er Jahren, als die SPD von Adenauer & Co. noch zu Unrecht als Vorhut Moskaus und böse Kommunisten diffamiert wurden, hatte die SPD immer um die 30 Prozent erreicht), die Reihe von verlorenen Landtagswahlen, der massive Mitgliederschwund nach der Verabschiedung der Hartz-Gesetze? Ohne die Agenda-Politik hätte die SPD vielleicht keine ernst zu nehmende politische Konkurrenz links neben ihr. Aber wozu aus Fehlern der Vergangenheit lernen? Die SPD meint, mit leicht korrigiertem Agenda-2010-Wahlprogramm wieder den Kanzler stellen zu können. Sie hat nicht begriffen, dass sie mit der Agenda 2010 zum wiederholten Male Verrat an den „kleinen Leuten“ begangen hat, der mit kleinen Kurskorrekturen nicht wiedergutzumachen ist. Es ist dieser Sozialdemokratie zu wünschen, dass sie am 22.09. erneut die Quittung erhält und Peer Steinbrück die (un)verdiente Rente mit 66 antreten darf. Was wäre anders oder besser unter dieser rosaroten SPD als unter der ewigen Kanzlerin der Banken von der CDU?

 

Siehe auch:

„Gerhard Schröder wird von der SPD gefeiert“ (ZEIT)

Agenda Sozial statt Hartz IV“ (Junge Welt)

Pressekonferenz der LINKEN vom 13.03.2013

1 Comment

Auswege aus der sozial-ökologischen Krise: Nachhaltigkeit? (Teil 1)

Antikapitalismus

In einer neuen Reihe möchte ich mich mit möglichen Auswegen aus der sozial-ökologischen Krise der kapitalistisch verfassten Gesellschaft beschäftigen. Natürlich kann keine abschließende Antwort auf diese Krise hier erfolgen, das wäre anmaßend. Aber angeregt durch den Besuch des Master-Moduls Nachhaltigkeitsmanagement, das durch den Lehrstuhl Betriebliches Umweltmanagement (Prof. H.-U. Zabel) an der Jurist.-Wirtschaftswiss. Fakultät angeboten wird, erwuchs die Motivation, sich tiefer gehende Gedanken über den Weg zu einer sozialeren und ökologischeren Gesellschaft zu machen. Im Wesentlichen geht es um eine Grundfrage: Ist die Rettung des Planeten bzw. eine sozial-ökologische Gesellschaft innerhalb des Kapitalismus möglich? Welches ist die angemessene Antwort auf die vielen Krisen der Gegenwart: eine ökologisch-soziale Marktwirtschaft (u. a. Prof. Zabel) oder der Wandel hin zum Ökosozialismus (z. B. André Gorz, Jutta Ditfurth) bzw. zu nichtkapitalistischen Modellen (Gemeinwohlökonomie). Beginnen möchte ich meine Überlegungen mit der Vorstellung des Modells der ökosozialen Marktwirtschaft nach Zabel.

Zabel geht von den vielen Krisen der gegenwärtigen, allein am Ökonomiefokus orientierten Marktwirtschaft aus. Er diagnostiziert: Finanzkrisen, Ressourcenverknappung, Artensterben, Armut/Hungersnöte, Ungerechtigkeiten, Wüstenausbreitung, atomare Bedrohungen, Klimawandel, Energiekrise, Genmanipulation, Monokulturen, Massenvermehrung von Schädlingen, Gewalteinsatz, Süßwasserverknappung, Bevölkerungswachstum und andere beobachtbare Krisenphänomene, deren Existenz wohl von niemandem ernsthaft angezweifelt werden kann. Besonders die Existenz des Klimawandels wird eindrucksvoll mit Fakten unterlegt und als zu 90 Prozent menschengemacht betrachtet: Seit 1850 ist die CO2-Konzentration in der Atmosphäre von 280 ppm auf 390 ppm (2010) angestiegen, die Erdoberflächentemperatur stieg um ein Grad Celsius, der Meeresspiegel steigt um 3 mm pro Jahr und würde bei gleichem Emissionstempo bis 2100 um 1,5 m ansteigen. Diese Daten werden vom Weltklimarat (Intergovernmental Panel on Climate Change/ IPCC), in dem alle renommierten Klimaforscher der Welt vertreten sind, erhoben und publiziert. Es gibt (im Zeitraum 1990 bis 2004) keinen wissenschaftlichen Artikel in entsprechenden Fachzeitschriften, der den menschengemachten Klimawandel infrage stellt. Nur in der nicht-wissenschaftlichen Publizistik treten vermeintliche „Experten“ auf und zweifeln am Klimawandel bzw. der Verursachung durch den Menschen.

Wie kommt es zu diesen Krisen? Zabel beschreibt diese als „neue Knappheiten“ (vgl. Zabel 2001: 31). Wirtschaften wird dabei als Bedürfnisbefriedigung vermittels der Bewirtschaftung von Knappheiten, also knapper Güter verstanden. Die gegenwärtige Form des Wirtschaftens sei geld-, egoismus- und wachstumsfixiert, weshalb nur monetäre Signale (z. B. Preise, Kosten etc.) zur Steuerung von Transaktionen der Wirtschaftssubjekte (z. B. Produktion, Tausch, Kooperation etc.) dienen. Kritisiert werden eine zunehmende Verwendung von Geld als Wertmaßstab und die „Geldfixierung von Wahrnehmungen, Werten und Handlungsorientierungen der Menschen“ (Zabel 2001: 30). Ein grundlegender Irrtum der Mainstream-Ökonomik sei, dass „das Geld die Bedürfnisse der Menschen, ihre Lebensqualität und auch die knappen Güter zur Bedürfnisbefriedigung bestmöglich abbilde“ (ebd.) und dass es bei wirtschaftlichen Entscheidungen nur noch um die Auswirkungen auf den Geldertrag, auf den Profit geht. Durch diese Beschränkung auf monetäre Signale entstehen zwei Verengungen bzw. neue Knappheiten: soziale und ökologische Knappheiten.

Wegen der Verengung der Bedürfnisbefriedigung auf monetär abbildbare Komponenten wird nur das produziert, wofür es eine Zahlungsbereitschaft gibt. Immaterielle Bedürfnisse (angst- und gewaltfreie Zustände, Kommunikationszufriedenheit, sozialer Frieden, Solidarität, Freundschaften etc.) werden durch diese Art des Wirtschaftens nicht berücksichtigt und befriedigt, wodurch die sozialen Knappheiten entstehen. Deren Ausprägung wird noch dadurch verschärft, dass die materiell fokussierten Steuerungsmechanismen in Konkurrenz zu den immateriellen stehen: Egoistisches, rücksichtsloses Handeln verhindert oder zerstört Solidarität, Freundschaft, Muße und soziale Institutionen wie Familie, Rechtsstaat etc.

Die ökologischen Knappheiten entstehen wegen der Verengung der Knappheitsbewirtschaftung durch die Ausrichtung am Preissignal. Eine rein monetäre Steuerung tendiert zu einem eher verschwenderischen Umgang mit der Natur und den Naturleistungen, die als freie Güter betrachtet werden, die nichts kosten. Durch Verschwendung werden die Naturleistungen immer knapper. Die Natur hat nach Zabel große ökonomische Bedeutung: Sie ist Ressourcen- und Energiespender, Designvorbild, Genpool und damit Flexibilitätsreserve, ein Aufnahmemedium für Abfälle/Abprodukte und stellt die genetischen Prägungen zur Verfügung (vgl. ebd.: 33), auf die ich in einem späteren Teil zurückkommen werde. Diese Leistungen werden auf folgenden ökonomischen Gründen immer knapper: Externe Effekte bei wirtschaftlichen Aktivitäten (z. B. Belastung von Boden, Wasser, Luft mit giftigen Abprodukten oder CO2-Emissionen); Freies-Gut-Problematik bei Umweltgütern (saubere Luft und sauberes Wasser haben keinen ihre Knappheit bzw. Reproduktionskosten berücksichtigenden Marktpreis und stehen zunächst kostenlos zur Verfügung); soziale Dilemmata bzw. Trittbrettfahrerverhalten, bei dem individuell rationales zu kollektiv irrationalem Verhalten führt (individuell ist es rational, Umweltgüter zu nutzen, ohne sich an deren Regenerationskosten zu beteiligen); Einsatz wirkmächtiger Technik (z. B. AKW), die die Funktion natürlicher Kreisläufe stören; die Nachsorgeorientierung (durch Wettbewerbssituation betreibt kein Unternehmen im Hinblick auf Ressourcennutzung Vorsorge, obwohl es billiger wäre – stattdessen werden Ressourcen verschwendet); Verschwendung durch Luxus- und Konsumorientierung der Verbraucher/Kunden; Gewalt & Opportunismus (Bsp.: Mafia, Raub, Bestechung) und die Fixierung auf quantitatives Wachstum (Haben-Wollen als dominanter Verhaltensantrieb) (vgl. ebd.: 41-55).

Quelle:

eigene Vorlesungsmitschriften und Zabel, H.-U. (2001): Ökologische Unternehmenspolitik im Verhaltenskontext. Verhaltensmodellierung für Sustainability. Berlin: BERLIN VERLAG Arno Spitz (besonders S. 25-66).

No Comments

Lese-Tipp des Tages: 80 Jahre Reichstagsbrand

Was sonst noch in der Welt passiert

Vor 80 Jahren brannte in der Nacht vom 27. auf den 28. Februar der Reichstag. Bis heute streiten rechtskonservative Historiker gegen linke und weniger linke Publizisten um die Frage des oder der Täter. Von rechter Seite wird teils bis heute bestritten, dass die Nationalsozialisten am Reichstagsbrand zumindest beteiligt waren und gehen von einer Einzeltäterschaft des niederländischen Kommunisten Marinus van der Lubbe aus. Einen lesenswerten Überblick über diese Streitfrage und die Indizien, die für eine Beteiligung der Faschisten sprechen, kann hier in der Jungen Welt lesen.

Ein dreiwöchiges Probe-Abo für die Junge Welt lässt sich übrigens hier abschließen.

No Comments