Den 17. Juni etwas objektiver betrachten

Was sonst noch in der Welt passiert

An diesem Montag wurde von führenden Vertretern der bundesrepublikanischen Bürgerlichkeit an verschiedenen Orten, vor allem im östlichen Teil der Republik, wieder einmal der 17. Juni als Gedenktag bzw. genauer als antikommunistischer Feiertag begangen. Erinnert wird alljährlich an diesem ehemaligen Nationalfeiertag (in der BRD war der 17. Juni seit 1954 der Nationalfeiertag, bevor es nach der Konterrevolution 1989/90 der 03. Oktober wurde) an den „Arbeiteraufstand“ 1953. Dieses Jahr waren wieder einmal Stimmen, z. B. vom Chef der Stasiunterlagenbehörde Jahn, zu hören, die forderten, den 17. Juni wieder zum Feiertag zu machen. Um es gleich zu sagen: Diese Idee lehne ich ab. Doch die viel spannendere Frage ist, ob die Mystifizierung dieses Aufstandes zu einem „Volksaufstand“ (Süddeutsche Zeitung vom 18. Juni 1953) und zu einem Aufbegehren der DDR-Arbeiter „gegen die bolschewistischen Ausbeuter“ und für Freiheit und deutsche Einheit gerechtfertigt ist. Dieser Frage ging im dritten Teil einer jW-Serie von Beiträgen zum 17. Juni der emeritierte Prof. für Wirtschaftsgeschichte Jörg Roesler nach. Der erste Teil erschien am 28. Januar („Strategiewechsel“), der zweite am 06. März („Zweifelnde Entschlossenheit“).

Die Ausgangsthese ist, dass der 17. Juni als historisches Ereignis extrem gegensätzliche Interpretationen erfuhr. Die Gegensätze könnten kaum größer sein. „Im Osten titelte das Neue Deutschland am 18. Juni ‚Zusammenbruch des Abenteuers ausländischer Agenten in Berlin’“ und sprach wenig später vom „faschistischen Putschversuch“ (Roesler: 10, 1. Spalte). Im Westen dagegen wurde wie bereits erwähnt vom „Volksaufstand“ gesprochen. Danach stellt Roesler die Entwicklung der Geschichtsinterpretationen dar: Während im Osten die These vom Putschversuch aufrechterhalten wurde (weil er „von außen und von der Arbeiterklasse fremden Kräften inszeniert [wurde]“ [ebd.]), dabei aber der Putsch statt als faschistisch zunehmend als konterrevolutionär charakterisiert wurde, veränderte sich die Bewertung des 17. Juni 1953 im Westen praktisch bis heute nicht. Man übernahm die Begründung aus dem „Gesetz über den Tag der deutschen Einheit“ vom August 1953, wonach „das deutsche  Volk in der Sowjetischen Besatzungszone und Ostberlin sich gegen die kommunistische Gewaltherrschaft erhoben und (…) seinen Willen zur Freiheit bekundet“ habe (zit. nach ebd., 2. Spalte).

Beide Interpretationsansätze entsprächen nach Roesler nicht den historischen Tatsachen. Die These vom faschistischen Putschversuch basierte allein auf dem Fakt, dass einige frühere NSDAP-Mitglieder an den Streiks teilgenommen hatten. Von einem allein von Faschisten organisierten Putsch kann aber keine Rede sein. Selbst der Begriff „Aufstand“ ist laut Torsten Diedrich (Historiker, „Waffen gegen das Volk“ [2003]) nicht gerechtfertigt, weil es keine führende Kraft gab, die die Proteste geführt hat. Auch die DDR-Geheimdienste konnten nach monatelanger Suche keinen „Rädelsführer“ des spontanen und eher unorganisierten Protestes ausfindig machen (Roesler: 10f.). Roesler benennt dann die von der Bundesregierung und der gesamten politischen Klasse unterstützten Organisationen, die zwecks gezielter Destabilisierung des DDR-Systems gegründet wurden. Zu diesen Organisationen gehörte zu aller erst der RIAS (Rundfunk im amerikanischen Sektor), aber eine „Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit“ oder die Ostbüros von SPD und Gewerkschaften in West-Berlin (Roesler: 10, 3. Spalte). Ohne die Agitation des RIAS (wo damals übrigens der spätere Staatssekretär im Bundeskanzleramt Willy Brandts, Egon Bahr in leitender Position arbeitete) wäre der sog. „Volksaufstand“ einige Nummern kleiner ausgefallen. Der RIAS „war jahrelang bemüht, den ostdeutschen Arbeitern zu vermitteln, daß sie unter dem ‚SED-Regime’ ‚unendlich schuften’ müßten. Von ‚Hetztempo wurde gesprochen und den Arbeitern suggeriert, das sie den ‚brutalsten Ausbeutungsmethoden’ ausgesetzt seien […]“ (Roesler: 11, 2. Spalte). Nach Roeslers Angaben wurden zwischen 02. April und 28. Mai 1953 21 Sendungen zur Frage der Arbeitsnormen in der DDR ausgestrahlt. Die Rede von Ausbeutung aus dem Mund eines Rundfunksenders aus dem kapitalistischen Westberlin ist schlichtweg Propaganda und heuchlerisch, da im Westen nicht (wesentlich) weniger gearbeitet wurde als im Osten.

Roesler hebt abschließend die Distanzierung der DDR-Historiker von der alten DDR-Interpretation des 17. Juni kurz vor der Wiedervereinigung hervor. In einer Publikation ostdeutscher Historiker („Brüche – Krisen – Wendepunkte. Neubefragung der DDR-Geschichte“) wurde eine selbstkritische Auseinandersetzung mit der wissenschaftlichen Beschäftigung mit der DDR-Geschichte geleistet. Von Selbstkritik ist die kapitalistische Interpretation dagegen weit entfernt. Seit 1990 wird noch immer am Mythos Volksaufstand festgehalten, obwohl es sich offensichtlich vorrangig um einen ökonomisch begründeten Massenprotest gegen die Erhöhung der Arbeitsnormen und nicht gegen die antifaschistisch-sozialistischen Grundsätze der DDR gehandelt hat.

Zum Abschluss ein Zitat von Arnold Schölzel: „Seit 1990 nutzen die offiziellen Redner zu Daten wie dem 17. Juni, dem 13. August oder dem 3. Oktober die Gelegenheit, die DDR als einen Staat darzustellen, der nicht als Resultat des vom imperialistischen Deutschland angezettelten Raub- und Vernichtungskrieges entstand, sondern bösartiger Einfall einer grundlos in Ostdeutschland aufgetauchten Besatzungsmacht und deren kommunistischer Helfershelfer war. […] Wer vom deutschen Faschismus, vom deutschen Imperialismus, wer vom zweiten Griff nach der Weltmacht innerhalb von 25 Jahren zwischen 1914 und 1939 schweigen will, der führt eine permanente Erinnerungsschlacht um die DDR. Die Substanz der offiziellen Reden und das mediale Getöse zu den genannten Daten lassen darauf schließen, daß sich kein großer Erfolg einstellen will“ (Schölzel: 8).

 

Quellen und weitere Literaturhinweise:

Roesler, Jörg: Auf dem Prüfstand, Junge Welt vom 18. Juni 2013, S. 10f.

Roesler, Jörg: Geschichte der DDR. Köln: 2012.

Schölzel, Arnold: Kein großer Erfolg, Junge Welt vom 18. Juni 2013, S. 8.

Černý, Jochen (Hrsg.): Brüche – Krisen – Wendepunkte. Neubefragung der DDR-Geschichte. Leipzig [u.a.]: 1990.

Diedrich, Torsten: Waffen gegen das Volk: der 17. Juni 1953 in der DDR. München 2003.

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