Bürgerlicher Klartext: Bloß nicht rein ins Assi-Viertel

Antikapitalismus, Was sonst noch in der Welt passiert

Die gestrigen Tagesthemen (ab Minute 19:10) lieferten doch ein besonderes Erlebnis: Was in den großbürgerlichen Kreisen und solchen, die sich dafür halten, sonst gerne nur hinter vorgehaltener Hand gedacht oder gesagt wird, sprach der erstaunlich klassenbewusste Sprössling der Familie aus Leipzig gestern unverhüllt aus: „[…] Aber ich wünschte, es wäre ein schönes Gymnasium und ich will halt auch nicht durch so ein Assi-Viertel fahren.“ Trendige Städte wachsen und stellen Stadtplaner vor Herausforderungen: während die angesagten bürgerlichen Viertel wachsen und dort Bedarf für neue Wohnungen besteht, geht es in den „alten Arbeitersiedlungen“ eher bergab und sind tendenziell eher noch zu viele Wohnungen (teils Bruchbuden) da. Und ein Folgeproblem sind die knapper werdenden Plätze an den Gymnasien, denn für die aufsteigende Mittelschicht ist fast undenkbar, dass ihre Kinder nicht den Weg zum (Fetisch) Abitur einschlagen.

Solche Abgrenzungsreden gegen die Unterklassen, gegen den aus bürgerlicher Sicht widerlichen Pöbel, der unfähig ist, was Besseres aus sich zu machen, sind auch aus Halle bekannt. Fast jedes Jahr bricht das große Drama um die Vergabe von den Plätzen in Gymnasien aus, denn während die Gymnasien im Giebichenstein-, Mühlwegviertel und anderen Altstadt-Standorten förmlich überlaufen, sind in den weniger guten Lagen wie Neustadt eigentlich immer reichlich Plätze frei. Doch statt für eine gleichmäßige Auslastung zu sorgen, hüten sich die Eltern der vermeintlich wertvollen bürgerlichen Kinder beharrlich, ihre Kinder in das soziale Elendsviertel zu schicken, denn nur unter Seinesgleichen kann der Spross gut gedeihen – meint man. Dass der Kontakt mit sozial weniger bevorteilten Kinder auch wertvolle soziale Erfahrungen für die Kinder bringen könnten und für eine gewisse Bodenhaftung sorgen könnte, kommt solchen Eltern natürlich nicht in den Sinn. Die Reproduktion der Klassenunterschiede darf nicht unterbrochen werden, Loser sollen unter Losern bleiben, damit die einmal erreichten Statuspositionen nicht von aufsteigungswilligen Unterklässlern (tja, „leider“ gibt es sie doch, entgegen den gepflegten Klischees) gefährdet werden.

Dieses Verständnis von abgehobener Bürgerlichkeit ist abstoßend und verlangt nach grundsätzlichen gesellschaftlichen Umwälzungen, die zu einer stärkeren sozialen Durchmischung der Städte führen müssen.

No Comments

Leave a Reply

Allowed tags: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>