Arbeitslosigkeit vererbt sich

Antikapitalismus

„Eine Studie konnte erstmals den Zusammenhang zwischen der Arbeitslosigkeit von
Vätern und ihren Söhnen für Deutschland wissenschaftlich belegen. Söhne, deren
Väter zeitweise arbeitslos waren, sind im Alter zwischen 17 und 24 Jahren deutlich
häufiger selbst arbeitslos. Der Zusammenhang zwischen der Arbeitslosigkeit von
Vätern und der ihrer Söhne ist bei Vätern mit Migrationshintergrund nicht nachweisbar.“

So heißt es in einer Pressemitteilung zu einer Studie des IWH Halle. Nach dem Lesen der wichtigsten Studienergebnisse stellen sich mir Fragen: Was ist mit den Töchtern von arbeitslosen Vätern, haben sie bessere Chancen bei der Jobsuche als dessen Söhne? Und was ist mit den Kindern von arbeitslosen Müttern, wie sind da die Zusammenhänge? Ich finde es befremdlich, wenn man das „Vererben“ von Arbeitslosigkeit über Vater-Sohn-Beziehungen ausdrückt, als lebten wir noch im 18. Jahrhundert, als der Vater der Alleinernährer und die Frauen „nur“ die gute Hausfrau spielen durften. Das IWH hat von den Kämpfen der Frauenbewegung und deren Erfolgen (das es selbstverständlich wurde, dass Frauen ihr Einkommen unabhängig vom Mann verdienen) scheinbar noch nichts gehört.

Dass der beschriebene Zusammenhang im Westen viel stärker messbar ist als im Osten Deutschlands ist für mich so zu deuten, dass im Osten – dank der vor 25 Jahren begonnen Deindustrialisierung Ostdeutschlands – Kinder sowohl von arbeitenden und nicht-arbeitenden Eltern schlechte Chancen haben, einen Arbeitsplatz zu finden. Anders gesagt: die Verdienste im Osten sind so schlecht, dass sich die (materielle) Lebenssituation von Arbeitslosen und Arbietenden kaum unterscheiden. Bei nicht wenigen Menschen mit Migrationshintergrund dürfte das ähnlich sein.

Der MZ-Kommentator Markus Sievers (sein Kommentar ist online bei der Berliner Zeitung zu lesen) hat auch noch nichts davon gehört, dass das Bildungssystem allein bei der Bekämpfung von Arbeitslosigkeit nichts ausrichten kann. Er schwingt als Heilmittel gegen Arbeitslosigkeit wieder die Bildungs-Keule. Die besten Kitas und die besten Universitäten, die die Kinder von Hartz IV-Beziehern im jetzigen System zum Großteil nie erreichen, nutzen nichts, wenn es viel zu wenig Arbeit gibt! Es gibt laut Bundesarbeitsagentur etwa 600.000 offene Stellen und zugleich inklusive „Unterbeschäftigung“ mindestens 3,5 Millionen Arbeitslose, wobei es durch die Flüchtlinge bald einige hunderttausend mehr werden. Diese Konstellation existiert seit Jahrzehnten, da haben alle Bildungsreformen nichts verändert. Wenn alle Arbeitslosen Arbeit bekommen sollen, dann muss die gesamtgesellschaftliche Arbeitszeit mindestens um 5 Stunden reduziert und mehr öffentlich geförderte Stellen geschaffen werden. Und so etwas erleben wir im Kapitalismus ohne einen großen Aufstand der Bürger nicht mehr.

In einem hat Sievers aber Recht: „Das [die Übertragung der Chancenlosigkeit von Generation zu Generation] ist für den Sozialstaat ein beschämendes Zeugnis.“ Allerdings kann im Kapitalismus auch nicht erwartet werden, dass es guter, funktionierender Sozialstaat existiert.

Siehe auch: MZ 

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