Der neue Rotfuchs

Antikapitalismus

Im Januar-Heft des Rotfuchses gibt es Folgendes zu lesen (alles online kostenlos lesbar, Spende erbeten):


Bemerkenswert ist auch dieser an Pegida-Wutbürger gerichtete Brief, der hier im Volltext zu lesen ist:

Was aus zerronnenen Hoffnungen wurde

Liebe besorgte Bürgerinnen und Bürger! Wie viele von Euch bin ich männlich, mittleren Alters, Ostdeutscher, habe eine Familie und einen Kleingarten. Einen Hund haben wir auch.

Früher, in der DDR, fand ich vieles schlecht genug, um mich der Friedens- und Ökologiebewegung der evangelischen Kirche anzuschließen. So ganz schlecht erschien mir die DDR dann aber doch nicht, außerdem war ihr Ende lange nicht abzusehen. So habe ich andererseits auch mitgemacht, beispielsweise in der FDJ.

Der Untergang der DDR hat mich dann auch sehr traurig gemacht – und zwar gerade wegen der neu gewonnenen Freiheit. Ich fand, Freiheit und Sozialismus seien eine schöne Kombination. Die meisten von uns sahen das aber deutlich anders.

Ich kann mich noch ziemlich gut an die Nacht zur Währungsunion erinnern – an die Autokorsos und die Schlange vor der Filiale der Deutschen Bank am Alexanderplatz in der großen Stadt Berlin, in die ich inzwischen gezogen war; an Menschen, die Geldscheine küßten, an Jubel und Alkohol. Ich habe mich damals ein bißchen, ja eigentlich ziemlich doll für uns geschämt, und dafür, daß wir uns unsere Revolte so billig haben abkaufen lassen. „Kommt die D-Mark, bleiben wir, kommt sie nicht, geh’n wir zu ihr.“ Das waren so Sprechchöre auf den Demonstrationen, als das Demonstrieren nichts mehr kostete. Habt Ihr auch noch die Fernsehbilder aus der Prager Botschaft und vom Treck der zu Fuß über die ungarische Grenze Flüchtenden vor Augen? Ein bißchen gleichen die Bilder denen von der Balkanroute, findet Ihr nicht auch?

Dann kamen nach der schnellen Vereinigung die 90er Jahre – und da war vielen von uns nicht mehr nach Jubeln zumute. Massenhaft schlossen Betriebe; Versicherungsfuzzis, Otto-Kataloge und Lockangebote zu Butterfahrten überschwemmten die ostdeutschen Provinzen. Die zweite, dritte und vierte „Garde“ der westdeutschen Gesellschaft, also all jene, die drüben nichts geworden waren und die Buschzulage reizvoll fanden, kamen herüber und erklärten uns ihre Welt, die nun auch die unsere werden sollte. So hatten wir das ja durch Wahlen zum Ausdruck gebracht.

Damals sind dann Sprüche entstanden wie „Der Fuchs ist schlau und stellt sich dumm, beim Wessi ist es andersrum“. Auch der Begriff des „Besserwessis“ tauchte auf. Das war dann so unsere Art, dem verletzten Stolz Ausdruck zu geben, unsere Faust in der Tasche zu ballen. Es war schon eine blöde Situation. Erst haben „wir“ dem Kohl zugejubelt und die Einheit geradezu herbeigenötigt, um dann festzustellen, wie bescheuert wir waren zu glauben, Einheit, das sei Westdeutschland plus DDR. Aber da kamen wir nun nicht mehr raus. Und da wir die Schuld für unsere Lage nicht uns selbst geben wollten, begannen wir, uns betrogen zu fühlen, empfanden uns als Menschen zweiter Klasse und irgendwie als Verlierer der Geschichte. Dabei hatten wir doch gerade erst das angeblich Größte – die Freiheit – gewonnen. Aber wenn Freiheit darin bestand, neidvoll und arbeitslos die Autos der anderen zu bestaunen und zu Hause Furchen in den Teppich zu ziehen, dann machte uns das irgendwann doch ziemlich wütend. Schließlich wollten wir in unserer Würde und unseren Leistungen auch anerkannt werden. Daraus wurde aber nichts.

Einige von uns meinten dann, Asylbewerberheime anzuzünden würde uns weiterbringen, uns zu mehr Aufmerksamkeit oder mehr Wohlstand verhelfen. Sie hatten die ziemlich dumme Idee, wenn die „Fitschis“ und „Neger“ weg wären, würde alles gut. Das Geld, das jene erhielten, bekämen dann wir. Das Ergebnis aber war ein anderes. Wir wurden – mal abgesehen von toten und traumatisierten Zuwanderern – ein weiteres Mal stigmatisiert. Die Ostdeutschen nahm man nun als hinterwäldlerische Dumpfbacken wahr, als Psychowracks des Kommunismus, die man im Kindergarten zu früh getopft hatte. Es machte sich die These breit, wir würden nun mit denen fremdeln, weil wir in unserem Sozialgehege DDR zu wenig Kontakt mit Ausländern gehabt hätten. Im Westen gab es ja auch brennende Unterkünfte. Aber dafür wurde nicht die Westsozialisation verantwortlich gemacht. Dort galt das schlicht als Delikt, bei uns als „diktaturbedingte Deformation“.

Warum schreibe ich Euch das alles?

Ich kann den Frust verstehen, als „Ossi“ nicht anerkannt worden zu sein, sich in seinen Hoffnungen betrogen zu fühlen und zu merken, daß das Leben zu kurz ist, um noch alle Erwartungen wahr werden zu lassen. Ich kann verstehen, wenn manche spüren, daß sie nicht noch eine grundstürzende Änderung in ihrem Leben wollen, daß sie genug Wandel ertragen haben.

Und wahrscheinlich haben alle recht, die annehmen, daß die Kosten, welche die Integration der Geflüchteten zunächst einmal auf jeden Fall verursacht, sicher nicht von den oberen Zehntausend, sondern von den unteren 90 % getragen werden dürften. Daß der berühmte kleine Mann zur Kasse gebeten oder jedenfalls der Kuchen nicht größer wird, aber die Zahl der Esser zunimmt. Und wenn man eh schon denkt, man käme irgendwie zu kurz, dann wird man eben wütend und will das auch artikulieren dürfen.

Es gibt aber auch ein paar Sachen, die ich nicht verstehe. Zum Beispiel wird der Kuchen seit Jahrzehnten in Wirklichkeit jedes Jahr größer, und Ihr bekommt auch ohne Flüchtlinge nichts davon ab. Ist Euch das noch nie aufgefallen? Als sie die Rente mit 67 einführten, die ja in Wahrheit eine riesige Rentenkürzung ist und Millionen von Armutsrentnern produziert, hat es keine Massenproteste gegeben. Habt Ihr schon mal mitbekommen, daß die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden, ganz ohne Flüchtlinge?

Die meisten von uns sind Atheisten, und trotzdem quatschen Pegida und AfD immer von den christlichen Werten des Abendlandes. Was meinen die, und was meint Ihr damit? Etwa den Satz von Jesus: „Was ihr den geringsten meiner Brüder tut, das tut ihr mir?“ Doch wohl eher nicht.

[…]

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