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Armut in Berlin – eine Studie

Antikapitalismus

Eine Studie des Instituts für Sozialarbeit und Sozialpädagogik (ISS), die vom Berliner Beirat für Familienfragen in Auftrag gegeben wurde, beschreibt die Armut in Berlin. „Die qualitative Studie, der 32 Interviews mit betroffenen Familien zugrunde liegen, gerät dabei zur erschütternden Zustandsbeschreibung von Armut in der Hauptstadt.

Von der sind wohl Hunderttausende zumindest bedroht. Bei über 15 Prozent lag 2012 die Armutsgefährdungsquote der Hauptstadt. Betrachtet man nur Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren, waren es gar 17,8 Prozent. Die Auftragsarbeit des Berliner Beirats für Familienfragen lässt nun betroffene Familien exemplarisch zu Wort kommen.

Zu sagen haben die eine Menge, gerade bezüglich Armut und Arbeit. »Ich möchte gerne eine feste Anstellung wieder. Aber über 40 und ein Kind, das kannst du vergessen«, so eine der Befragten mit Hochschulabschluss, allerdings auch alleinerziehend. Eine andere Mutter sieht es ganz ähnlich: »Ich meine, ich war Geringverdiener eine Zeit lang, dann war ich wieder arbeitslos, dann bin ich wieder in Arbeit gewesen. Also es war immer ein Hoch und Runter.«“ (zitiert nach Junge Welt)


Ein Auszug aus der Studie (S. 1):

„Armut in Familien wirkt sich auf die Teilhabechancen von Eltern und Kindern in allen Lebensbereichen aus. Bildung, Gesundheit, aber auch soziale Netzwerke und die Freizeitgestaltung sind davon betroffen. Familiäre Armut wirkt sich damit auch auf die weiteren Chancen von Kindern und Jugendlichen im Lebensverlauf aus. Um familiäre Armut zu mindern und zu vermeiden, dass sie sich über die Generationen hinweg verstetigt, ist daher ein umfassender Ansatz zur Armutsprävention von Familien notwendig. Kommunen als Ort der Lebenswelt spielen dabei eine entscheidende Rolle: Nicht nur die Verteilung von Armut, sondern auch, wie Armut erlebt wird, ist stark von den kommunalen Gegebenheiten abhängig. Die vorliegende Expertise wurde im Auftrag der Stiftung für die Familien des Landes Berlin für den Berliner Beirat für Familienfragen erstellt, um im Rahmen des Berliner Familienberichts 2015 kommunale und landespolitische Strategien zur Armutsprävention entwickeln zu können.

Für Berlin beträgt die durchschnittliche Armutsgefährdungsquote[1] im Jahr 2012 15,2%[2], allerdings sind Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren mit 17,8% überdurchschnittlich betroffen. Berlin liegt mit der allgemeinen Armutsgefährdungsquote damit zwar im Bundesdurchschnitt (15,2%) und bei Personen unter 18 Jahren sogar etwas darunter (18,9%), allerdings ist das Armutsrisiko über die Berliner Bezirke hinweg sehr ungleich verteilt. So verzeichnet Neukölln den höchsten Anteil an armutsgefährdeten Einwohnern (mit 24,1%), gefolgt von Friedrichshain-Kreuzberg mit 21,1%. Am geringsten ist das Armutsrisiko in Steglitz-Zehlendorf mit 9,1%. (Amt für Statistik Berlin-Brandenburg 2014)

Das Armutsrisiko ist dabei stark von der Zusammensetzung der Familien abhängig. So sind Erwachsene und Kinder in Alleinerziehendenhaushalten in Berlin mit 23,8% sowie in ZweiEltern-Familien mit drei und mehr Kindern mit 25,1% überproportional häufig einem Armutsrisiko ausgesetzt. Auch Menschen mit Migrationshintergrund haben ein deutlich erhöhtes Armutsrisiko (27,3%) (Amt für Statistik Berlin-Brandenburg 201: 8ff.; 18f.). Bereits in der Expertise „Bestandsaufnahme und Bedarfsanalyse. Bekämpfung und Prävention von Kinder- und Familienarmut in Berlin“ (IFAD 2010), deren Ergebnisse in die „Empfehlungen des Berliner Beirats für Familienfragen zur Prävention und Bekämpfung von Familienarmut in Berlin“ (2010) und den Familienbericht 2011 (Berliner Beirat für Familienfragen 2011) eingeflossen sind, wurde darauf verwiesen, dass die Datenlage zu Armut von Familien in Berlin quantitativ im Hinblick auf die Armutsbetroffenheit gut erfasst ist. […]

[1] Die Armutsgefährdungsquote ist der gebräuchlichste Indikator zur Messung relativer Einkommensarmut. Sie gibt den Anteil der Personen an, deren bedarfsgewichtetes Pro-Kopf-Einkommen (Äquivalenzeinkommen) weniger als 60% des mittleren Äquivalenzeinkommens der Bevölkerung beträgt.

[2] Die Armutsquoten beziehen sich auf dem Landesmedian von Berlin, d.h. die Referenz bildet das mittlere Äquivalenzeinkommen der Berliner Bevölkerung. Bei Verwendung des Bundesmedians, d.h. im Vergleich zu den Einkommen der gesamten deutschen Bevölkerung, falls die Armutsgefährdungsquoten für Berlin deutlich höher aus (vgl. Amt für Statistik Berlin-Brandenburg 2014)“

 

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Neuer »Sozialstrukturatlas«: Einkommensschwache haben wenig berufliche Chancen und sterben früher

Antikapitalismus

Die Junge Welt bericht heute über den neu erschienenen Sozialstrukturatlas aus Berlin.

Hier die entsprechende Pressemitteilung des Herausgebers (Berlins Sozialsenator):

„Heute hat Sozialsenator Mario Czaja den „Handlungsorientierten Sozialstrukturatlas Berlin 2013“ der Öffentlichkeit vorgestellt. Darin wird die sozialstrukturelle Lage und Entwicklung der Berliner Bevölkerung anhand von 66 Indikatoren aus den Bereichen Bevölkerungs- und Haushaltsstruktur, Bildungsstand, Erwerbsleben, Einkommen, sowie Gesundheit in den Berliner Bezirken und Sozialräumen dargestellt und analysiert. Der Sozialstrukturatlas dient als wichtige Grundlage für die Planung der Politikfelder Gesundheit und Soziales des Senats.

Mario Czaja, Senator für Gesundheit und Soziales sagt dazu: „An der Gesundheits- und Sozialberichterstattung setzt unsere sozialraumorientierte Politik als Beitrag für eine soziale Stadtentwicklung in Berlin an. Durch die Daten des Sozialstrukturatlasses wissen wir zum Beispiel, wo die armen, älteren Berlinerinnen und Berliner leben. Diese können wir dann ganz gezielt mit Angeboten zur gesundheitlichen Prävention ansprechen, um ihnen möglichst lange Selbständigkeit und Lebensqualität im Alter zu sichern. Eine niedrigschwellige Übersicht solcher Angebote haben wir bereits zielgruppenorientiert mit dem gerade vorgestellten Stadtplan Gesundheitsförderung entwickelt.

Ebenso verteilen wir die ab 2014 durch uns aufgestockten Mittel für Nachbarschaftseinrichtungen und Stadtteilzentren gezielt mit Hilfe unserer Erkenntnisse zur Lage der Bevölkerung in den Berliner Sozialräumen.

Im Bereich Pflege zeigen die aktuellen Daten die Notwendigkeit, die Strukturen in der Pflege und der Altenhilfe weiter bedarfsgerecht auszubauen. Dabei ist Pflege in das gemeinschaftliche Leben vor Ort einzubetten, zu organisieren und zu koordinieren. In den kommenden Jahren wollen wir unter anderem alternative Wohn- und Versorgungsformen stärken und die Infrastruktur zur Unterstützung pflegender Angehöriger ausbauen. Dafür wollen wir auch die Datenlage zu den Pflege- und Altenhilfestrukturen weiter verbessern. Ein weiteres Beispiel ist die Einbeziehung der Daten der Sozialstruktur bei der Verteilung von Arztpraxen. Diesen Weg haben wir in Berlin mit einer gemeinsamen Bedarfsplanung bereits eingeschlagen. Er soll zu einer gerechteren Verteilung von Arztpraxen in Berlin führen.“

Der Bericht zeigt, dass sich die sozialräumliche ungleiche Verteilung sozialer und gesundheitlicher Belastungen verfestigt hat. In Gebieten mit vergleichsweise hoher Arbeitslosigkeit, wo relativ große Anteile der Bevölkerung staatliche Transferleistungen zur Sicherung des Lebensunterhalts nach SGB II oder SGB XII benötigen und geringe Einkommen erzielt werden, sind gleichzeitig die vorzeitige und vermeidbare Sterblichkeit höher, die mittlere Lebenserwartung reduziert und tabakassoziierte schwere Erkrankungen stärker verbreitet. Indikatoren, die dies belegen, sind im Sozialindex I (Belastungsindex) gebündelt. Danach haben die Bezirke Steglitz-Zehlendorf (Rang 1), Charlottenburg-Wilmersdorf (Rang 2) und Pankow (Rang 3) die günstigste Sozialstruktur in Berlin. Dies äußert sich unter anderem in niedrigen Arbeitslosenquoten und weniger Transferleistungen. Das mittlere Haushaltsnetto- und Pro-Kopf-Einkommen ist hoch, ebenso die mittlere Lebenserwartung. Dagegen haben die Bezirke Friedrichshain-Kreuzberg (Rang 8), Marzahn-Hellersdorf (Rang 9), Spandau (Rang 10), Mitte (Rang 11) und Neukölln (Rang 12) vergleichsweise ungünstigere Daten.

Im Vergleich zur Untersuchung zum Sozialstrukturatlas 2008 haben die Bezirke Friedrichshain-Kreuzberg, Lichtenberg und Mitte ihren unterdurchschnittlichen Platz im Bezirksranking verbessert, Pankow ist einen weiteren Platz in der Spitze vorgerückt. Auch Treptow-Köpenick liegt in der Sozialstruktur über dem Durchschnitt, hat sich aber leicht verschlechtert. Ihren auch 2008 bereits eher ungünstigen Platz verschlechtert haben Spandau, Reinickendorf und Neukölln.

Der zweite ermittelte Sozialindex II spiegelt unter anderem das Arbeitsmarktpotential und Arbeitslosigkeit von Menschen mit Arbeitslosengeld I. Der Index gilt als Gradmesser sozialer Gefährdung. Die Daten zeigen ein gewisses Ost-West-Gefälle, da im Ostteil der Stadt der Anteil sozialversicherungspflichtig Beschäftigter und daher von Menschen, die Ansprüche auf Arbeitslosengeld I aus einer solchen Beschäftigung erworben haben, höher ist.

Der dritte Index, der Statusindex-/ Segregationsindex, zeigt besonders das Bildungsniveau und die Altersstruktur in einem Gebiet, sowie Ergebnisse demographischer Entmischungsprozesse. Ein hoher Wert dieses Indexes oder starke Rangplatzverbesserungen drückt bei hoher Bevölkerungsdichte und hohen Anteilen an Ein-Personen-Haushalten ein Nebeneinander von junger, gebildeter, aufstrebender Bevölkerung und alteingesessenen älteren Bevölkerungsgruppen aus. Zwar leben relativ wenige ältere Menschen in den ranghöchsten Bezirken Friedrichshain-Kreuzberg, Pankow und Mitte, diese benötigen jedoch vergleichsweise häufig Grundsicherung im Alter oder Hilfe zur Pflege bei Pflegebedürftigkeit. Tempelhof-Schöneberg und Neukölln haben ihren Rangplatz seit dem Sozialstrukturatlas 2008 stark verbessert. In den wenigen dicht besiedelten Stadtrandbezirken Marzahn-Hellersdorf, Treptow-Köpenick, Steglitz-Zehlendorf, Spandau, Reinickendorf leben relativ wenig 18- bis 34-Jährige, dafür überdurchschnittlichen viele Ältere ab 65 Jahren, die vergleichsweise selten staatliche Sozialleistungen benötigen. Die Privathaushalte sind dort vergleichsweise groß.

Der Bericht mit umfangreichem Datenmaterial steht im Internet unter http://www.berlin.de/sen/statistik/gessoz/gesundheit/spezial.html zur Verfügung und ist auch im Gesundheits- und Sozialinformationssystem unter http://www.gsi-berlin.info(Externer Link) abrufbar.“

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Nachtrag zur Wasserprivatisierung: Neues aus Berlin

Antikapitalismus

Über die aktuellen Entwicklungen bei der Rückabwicklung der Privatisierung der Berliner Wasserbetriebe informiert heute die Junge Welt. SPD und CDU wollen die Rekommunalisierung dem letzten verbliebenen Privatkonzern, Veolia, offensichtlich so schmerzlos wie möglich machen und diesem bis zu 800 Mio. Euro hinterherwerfen. Dabei laufen noch Rechtsstreitigkeiten, die den Rückkaufpreis für das Land Berlin noch erheblich mindern könnten. Es ist mal wieder zum Verrücktwerden – mir soll niemand erzählen, dass die SPD in irgendeiner Art noch eine linke, progressive Partei ist.

Eine „Kriminalgeschichte der Wasserbetriebe“ findet man auch bei der Jungen Welt.

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Die letzte Wahl in Deutschland 2011

Wahlen

Die Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus und die Wahlen zu den Bezirksversammlungen sind die letzten Wahlen in Deutschland in einem Superwahljahr 2011 und FDP und CDU werden sich besonders freuen, dass ihre nächste Wahlschlappe in Schleswig-Holstein erst 2012 droht. Berlin ist seit altersher eine rote Hochburg, man könnte sagen Hauptstadt der Arbeiterbewegung (siehe Ergebnisse der Wahlen zur Stadtverordnetenversammlung 1919 bis 1933 oder zum Abgeordnetenhaus 1949ff.). USPD, SPD und KPD oder SPD, LINKE und Grüne erreichen mit großer Konstanz die absolute Mehrheit oder mehr.

Das Wahljahr 2011 läuft bislang auch gut im rot-grünen Sinne und die Prognosen lassen keinen Zweifel zu, dass Klaus „Wowi“ Wowereit (SPD) weiterhin der Regierende Bürgermeister bleiben wird. Eine Koalition ist unumgänglich, allerdings scheint die Auswahl für Wowereit noch größer zu sein als für seinen Amtskollegen aus Meck-Pom (Erwin Sellering). Bis zum demoskopischen Aufstieg der Piraten in den allerletzen Umfragen gab es rechnerische Mehrheiten für Koalitionen mit den Grünen, der CDU und auch der LINKEN. Der Verlauf der Umfragewerte seit April kann in folgender Grafik  nachvollzogen werden. Im April herrschte noch die Fukushimawelle, sodass die Grünen sogar über der SPD lagen und mit Recht eine eigene Bürgermeisterkandidatin, Renate Künast, nominieren konnten. Die LINKE lag damals noch bei mäßigen 15 %, was aber noch gut war, denn im weiteren Verlauf ging es tendenziell immer weiter abwärts bis zu stabilen 11 % in den letzten Umfragen. Die Grünen nahmen kontinuierlich ab und sind nun statt bei 28 nur noch bei 19 %. Erklärbar ist das wohl dadurch, dass erstens die grüne (Landes-)Themen hinter bundespolitischen Problemen wie der Eurokrise im Schatten verschwunden sind. Zweitens haben die Berliner wohl erkannt, dass Frau Künast nicht die Ausstrahlung eines Wowi besitzt und ihre landespolitischen Ambitionen zweifelhaft erscheinen, da sie doch einen guten Posten in der Bundestagsfraktion der Grünen besitzt. Die CDU ist relativ konstant und bewegt sich um die 20 %-Marke. Seit dem Berliner Bankenskandal 1999 hat sie sich niemals mehr erholt und hat sowieso schon ein längeres soziodemographisches WählerInnenproblem in Großstädten: man muss schon suchen, wenn man große Städte ab 200.000 Einwohner finden will, in denen die CDU noch klar stärkste politische Kraft ist. CDU-Stammwähler leben nun einmal auf dem Land und in Kleinstädten. Das Elend der FDP immer wieder auf’s Neue zu beschreiben, tut einem bald leid; aber die Fakten sind so: nur in einer einzigen Umfrage Ende August haben die Liberalen die Fünfprozenthürde übersprungen. Das bedeutet, dass die Frust-Alkoholika reichlich bestellt werden können – es gibt schlicht kein Anzeichen für einen Wiedereinzug ins Berliner Landesparlament.

Überraschend zeigen die letzten Umfragen, dass der Einzug der Piraten ins Abgeordnetenhaus als hochwahrscheinlich angesehen werden muss. Hier die letzten Umfragen:

Umfrage SPD Grüne CDU LINKE FDP Sonst.
30.08. 30 22 22 11 3 12 (Piraten 4,5)
02.09. 32 19 21 11 4 13 (Piraten 5)
04.09. 32 20 23 11 4 10 (Piraten 4)
09.09. 29,5 20 22 11 3 14,5 (Piraten 6,5)
09.09. 32 19,5 21 11 3 13,5 (Piraten 5,5)

Auf Herrn Kolkmanns Blog findet man viele Links zu Berichten über die Hintergründe zu den Piraten und ihren Umfrageerfolgen. Ich hätte ja ehrlicherweise schon früher erwartet (z.B. in Hamburg), dass die Piraten ein Landesparlament entern. Sie können zum einen auf eine eigene Stammwählerschaft unter jungen, computeraffinen Wählern bauen, aber besonders bei frustrierten FDP- und GrünenanhängerInnen auf Stimmen hoffen. Für Liberale bieten sie zumndest eine unverbrauchte Protestalternative und man kann die mangelnde Kompetenz der etablierten Parteien im Bereich Internet/Datenschutz etc. aufzeigen. Ob der (aus meiner Sicht verdiente) Niedergang der LINKEN auch mit einer Abwanderung zu den Piraten zu tun hat, bezweifle ich, denn bei linken Themen wie Sozialstaat und gerechter Wirtschaftsordnung haben die Piraten – wie sie selbst ja offen zugeben – noch Kompetenzlücken. Mir fällt schon lange der große Anteil der „Sonstigen“ auf, der in Berlin so groß ist wie in keinem anderen Bundesland. Da könnte es durchaus noch weitere Überraschungen, vor allem auf Bezirksebene, wo die Hürde bei drei Prozent liegt, geben. Die NPD wird meist nicht extra ausgewiesen, doch drei bis vier Prozent liegen im Bereich des Machbaren; das Überwinden der Fünfprozenthürde wird durch das (aus wahltaktischen Gesichtspunkten) sinnlose Konkurrieren mehrerer islam- und ausländerfeindlichen Parteien (pro Deutschland, „Die Freiheit“) erheblich erschwert. Ein außergewöhlich gutes Ergebnis traue ich der DKP zu (vielleicht 3,5 %). Frustrierte LINKE-Anhänger sollten aus meiner Sicht nicht zu Hause bleiben, sondern mit der Wahl der DKP mal beim Landesvorstand der Linkspartei ein Signal aussenden, dass die zehn Jahre rot-rote Regierung keine wirklich erfolgreiche Politik für die sozial Ausgegrenzten gemacht hat. Mir ist natürlich die Schuldenproblematik bewusst und es scheint mir auch überzeugend, dass eine Große Koalition oder Rot-Grün einen noch größeren Ausverkauf öffentlichen Eigentums und Sozialkahlschlag durchgeführt hätten. Aber manche Wahlkampfaussagen bezüglich Wohnungspolitik oder Wasserprivatisierung wirken reichlich unglaubwürdig. Es wird Zeit, dass die LINKE sich fünf Jahre auf der Oppositionsbank ausruhen kann, sonst geht es immer weiter abwärts (22,6 % erhielt man 2001, jetzt ist man bei der Hälfte). Vielleicht sollten die fds-Leute um Klaus Lederer dann mal überlegen, ob sie wirklich die besseren Konzepte für die Bundespolitik haben oder ob die Positionen der sog. „Fundis“ vielleicht doch nicht so verkehrt sind.

im letzten Abschnitt möchte ich den wahl-o-maten nutzen, um zu analysieren, welche Parteien die größten Übereinstimmungen haben und wo gewisse Uneinigkeiten herrschen. Die Tabelle gibt Aufschluss:

Anzahl Übereinstim-mungen einig bei uneinig bei
SPD-CDU 15/38 Hartz IV-Empfängerinnen und -Empfängern und Leistungskürzungen.Mehr Menschen mit Migrationshintergrund sollen im öffentlichen Dienst Berlins arbeiten.

sozialen Wohnungsbau nicht wieder fördern.

die Hürden für Volksentscheide nicht gesenkt werden.

Berliner S-Bahn, Wählen ab 16, Gleichstellung der „Homo-Ehe“, Warnschussarrest für Jugendliche, Projekte zur Bekämpfung des Linksextremismus,sechsjährige Grundschulzeit,

individuelle Kennung der Polizisten

SPD-Grüne 21/38 Wählen ab 16, Homo-Ehe, Steuer für Hotelübernachtungen, freie Bewegung für Asylsuchende, individuelle Kennung der Polizisten, Frauenquote in Aufsichtsräten Hürden für Volksbegehren, Bebauung Spreeufer, A100-Verlängerung, soz. Wohnungsbau, Hartz IV-Empfängerinnen und -Empfängern und Leistungskürzungen
SPD-Linke 23/38 Wählen ab 16, Homo-Ehe, Steuer für Hotelübernachtungen, freie Bewegung für Asylsuchende, individuelle Kennung der Polizisten, Frauenquote in Aufsichtsräten, sechsjährige Grundschulzeit, keine Projekte zur Bekämpfung des Linksextremismus A100-Verlängerung, soz. Wohnungsbau, Hartz IV-Empfängerinnen und -Empfängern und Leistungskürzungen, Berliner Lehrerinnen und Lehrer für islamischen Religionsunterricht sollen an deutschen Hochschulen ausgebildet worden sein.
Grüne-CDU 11/38 Kein verpflichtendes letztes Kita-Jahr, keine sechsjährige Grundschulzeit, Mehr Menschen mit Migrationshintergrund sollen im öffentlichen Dienst Berlins arbeiten.Alle Kinder unterschiedlicher Ethnie gemeinsam unterrichten

 

Wählen ab 16, Gleichstellung der „Homo-Ehe“, Warnschussarrest für Jugendliche, Projekte zur Bekämpfung des Linksextremismus, die Hürden für Volksentscheide, Tempo 30An Berliner Schulen soll für Berufe bei der Bundeswehr geworben werden dürfen
SPD-Piraten 18/38
Grüne-Piraten 24/38
LINKE-Piraten 23/48
FDP-Piraten 10/48

Die Themen mit Konsens und Dissens habe ich nur bei den möglichen Koalitionen betrachtet (sind nur Beispiele), weil es sonst zu viel Aufwand bedeutet hätte, auch bei den Konstellationen mit den Piraten nach den Themen im Einzelnen zu schauen. Man sieht, dass die größte Einigkeit bei einer SPD-LINKE-Koalition herrschen würde, was ich auch als Indiz für die viel zu reformistische Ausrichtung der Berliner LINKEN interpretieren würde. Nicht weit dahinter die wahrscheinlichste Konstellation mit Rot-Grün. Von den Thesen des wahl-o-mat passen CDU und SPD sowie Grüne und CDU kaum zusammen. Interessant ist, dass die SPD Leistungskürzungen bei Hartz IV-Empfängern bei Verweigerung von Jobangeboten unterstützt und den sozialen Wohnungsbau nicht mehr fördern will sowie eine Absenkung der Hürden für Volksbegehren nicht unterstützt; sehr „sozial“demokratisch :). Ansonsten gibt es die üblichen Meinungsverschiedenheiten entlang der ökologischen, wirtschaftlich-sozialen und gesellschaftspolitischen Konfliktlinien.

Bei den Übereinstimmungen mit den Piraten-Positionen muss die obige Aussage, dass FDP-Wähler potenzielle Piratenwähler sind, leicht revidiert werden. Zumindest hier sind die Übereinstimmungen relativ gering. Andererseits muss man auch mal hinterfragen, inwieweit die FDP noch die Positionen ihrer Anhänger real abbildet? Vielleicht ist die FDP-Basis viel näher an Piratenpositionen als die FDP-Führung. Große Übereinstimmung gibt es mit Grünen und LINKEN, sodass diese Parteien wohl am ehesten unter dem Erfolg der Piraten leiden werden.

Bei der Wahl der Unter-18-Jährigen gab es übrigens folgendes Ergebnis:

Grüne 23,5 %, SPD 21,6 %, CDU 11,5 %, Piraten und Tierschutzpartei je 9,0 %, LINKE 7,1 %, Bündnis für Innovation und Gerechtigkeit (BIG) 3,6 %, FDP 2,9 % und NPD 2,5 %.

Bei den nichtwahlberechtigten Migranten würde ebenfalls Rot-Grün gewinnen: http://www.mdr.de/fakt/Stimme102.html

Siehe auch:

http://www.election.de/cgi-bin/showpoll.pl?name=ltw_be

http://www.wahl-o-mat.de/berlin2011/

http://www.u18.org/

http://www.rbb-online.de/themen/dossiers/berlin_wahl_2011/wahl/index.html

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