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Auswege aus der sozial-ökologischen Krise: Nachhaltigkeit? (Teil 2)

Antikapitalismus

Nach Teil 1 folgt heute der zweite Teil meiner Nachhaltigkeit-Reihe:

Was ist nun das Verwerfliche bzw. das Problem des traditionellen Wirtschaftens, das bei Zabel verklausuliert Industrialismus heißt und treffender mit Kapitalismus zu benennen wäre? Mit den zunehmenden Erfolgen der Naturwissenschaften, die ihre Fähigkeit zur Berechnung und Vorhersage von natürlichen Prozessen enorm gesteigert hat, haben sich bestimmte Wertvorstellungen durchgesetzt: Die Natur wird hauptsächlich als Objekt betrachtet und vom Menschen ungehemmt für seine Zwecke benutzt. Das Messbare, Quantitative wurde zur vorherrschenden Wahrnehmungs- und Bewertungsgrundlage, wodurch „höher-schneller-weiter“ oder „mehr ist besser als weniger“ zu unwiderlegbaren Grundannahmen menschlichen Verhaltens entwickelten. So werden auch Wissenschaft, Technik und Wirtschaft „in Richtung quantitativer Ergebnisse instrumentalisiert“ (Zabel 2001: 27) und qualitative Aspekte (sinnliche, ästhetische, moralisch-geistige Dimensionen) missachtet. Mensch und Natur sind zu Objekten quantitativer Ziele, vor allem des Drangs zu ständigem quantitativen Wachstum geworden. Es entsteht die Illusion, dass alles technisch machbar und notfalls rückgängig zu machen ist – den Atommüll werden wir schon noch los (vgl. Zabel 2001: 26f.).

Das Problem sei weiterhin, dass Sozial- und Wirtschaftswissenschaften an einer am Darwinschen „Survival of the fittest“ angelehnten Kampf- und Konkurrenzorientierung leiden, die noch mit einer „Egoismusfixierung“ verbunden ist. Mit der Einführung des Geldes, das wegen der Senkung der Transaktionskosten (z. B. beim Warentausch) zu einem enormen Schub beim Wirtschaften führte, wurde die Steuerung des menschlichen Verhaltens mittels des Egoismuskonzepts eine Grundannahme der Ökonomik. Das homo-oeconomicus-Konzept ist bis heute ein zentrales Modell der Ökonomik, obwohl es nicht nur, aber vor allem von den Sozialwissenschaften heftig angegriffen und widerlegt wurde. Ökonomische Erklärungsmodelle basieren auf der Annahme, dass der Mensch als reiner Egoist handelt und in seinen Handlungen nur nach maximaler Steigerung seines individuellen Nutzens strebt (vgl. Zabel 2001: 28f.).

Nun sagen die Ökonomen, die dieses Modell verwenden, das sei ja nur eine Annahme und sie wüssten ja, dass der Mensch in Wirklichkeit gar nicht so egoistisch ist. Dann stellt sich die Frage, wie man mit solchen unrealistischen Annahmen die ökonomische Wirklichkeit erklären will? Der Homo oeconomicus ist omnipräsent in der neoklassischen und neoliberalen Wirtschaftstheorie, wenn er ständig als Modellannahme herangezogen wird, dann „vergisst“ der durchschnittliche VWL-Student doch, dass dies nur eine realitätsferne Annahme ist, und nimmt sie für bare Münze. Und dann erklärt man den Studenten, dass diese egoistische Verhaltensweise in der Regel zu höherem Nutzen führt, also werden sich VWLer und BWLer diese Verhaltensweisen des nur unterstellten Homo oeconomicus zu eigen machen.

Dies zeigt sich an der „Selbstverständlichkeit“, dass den Menschen abverlangt wird, so mobil und flexibel zu sein und dem Kapital und der Arbeit hinterherzuziehen, wenn sie keine Arbeit finden. Technik und Arbeitsbedingungen werden nicht nach humanitären Maßstäben, sondern vorrangig nach Maßstäben möglichst großer Kapitalverwertung (Mehrwerterzeugung) eingesetzt und bestimmt. Maßnahmen zur Verbesserung sozialer oder Umweltzustände werden regelmäßig abgelehnt, weil sie zu viel kosten und den Gewinn schmälern.

Die Grundprobleme des Industrialismus sind zusammenfassend gesagt, dass Geld und alles Quantifizierbare zum Wertmaßstab schlechthin geworden und die Wirtschaft egoismus- und wachstumsfixiert sind. Der Mensch als soziales Wesen spielt für die Ökonomik und die Ökonomie keine wesentliche Rolle mehr.

Siehe auch: Zabel, H.-U. (2001): Ökologische Unternehmenspolitik im Verhaltenskontext. Verhaltensmodellierung für Sustainability. Berlin: BERLIN VERLAG Arno Spitz

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Auswege aus der sozial-ökologischen Krise: Nachhaltigkeit? (Teil 1)

Antikapitalismus

In einer neuen Reihe möchte ich mich mit möglichen Auswegen aus der sozial-ökologischen Krise der kapitalistisch verfassten Gesellschaft beschäftigen. Natürlich kann keine abschließende Antwort auf diese Krise hier erfolgen, das wäre anmaßend. Aber angeregt durch den Besuch des Master-Moduls Nachhaltigkeitsmanagement, das durch den Lehrstuhl Betriebliches Umweltmanagement (Prof. H.-U. Zabel) an der Jurist.-Wirtschaftswiss. Fakultät angeboten wird, erwuchs die Motivation, sich tiefer gehende Gedanken über den Weg zu einer sozialeren und ökologischeren Gesellschaft zu machen. Im Wesentlichen geht es um eine Grundfrage: Ist die Rettung des Planeten bzw. eine sozial-ökologische Gesellschaft innerhalb des Kapitalismus möglich? Welches ist die angemessene Antwort auf die vielen Krisen der Gegenwart: eine ökologisch-soziale Marktwirtschaft (u. a. Prof. Zabel) oder der Wandel hin zum Ökosozialismus (z. B. André Gorz, Jutta Ditfurth) bzw. zu nichtkapitalistischen Modellen (Gemeinwohlökonomie). Beginnen möchte ich meine Überlegungen mit der Vorstellung des Modells der ökosozialen Marktwirtschaft nach Zabel.

Zabel geht von den vielen Krisen der gegenwärtigen, allein am Ökonomiefokus orientierten Marktwirtschaft aus. Er diagnostiziert: Finanzkrisen, Ressourcenverknappung, Artensterben, Armut/Hungersnöte, Ungerechtigkeiten, Wüstenausbreitung, atomare Bedrohungen, Klimawandel, Energiekrise, Genmanipulation, Monokulturen, Massenvermehrung von Schädlingen, Gewalteinsatz, Süßwasserverknappung, Bevölkerungswachstum und andere beobachtbare Krisenphänomene, deren Existenz wohl von niemandem ernsthaft angezweifelt werden kann. Besonders die Existenz des Klimawandels wird eindrucksvoll mit Fakten unterlegt und als zu 90 Prozent menschengemacht betrachtet: Seit 1850 ist die CO2-Konzentration in der Atmosphäre von 280 ppm auf 390 ppm (2010) angestiegen, die Erdoberflächentemperatur stieg um ein Grad Celsius, der Meeresspiegel steigt um 3 mm pro Jahr und würde bei gleichem Emissionstempo bis 2100 um 1,5 m ansteigen. Diese Daten werden vom Weltklimarat (Intergovernmental Panel on Climate Change/ IPCC), in dem alle renommierten Klimaforscher der Welt vertreten sind, erhoben und publiziert. Es gibt (im Zeitraum 1990 bis 2004) keinen wissenschaftlichen Artikel in entsprechenden Fachzeitschriften, der den menschengemachten Klimawandel infrage stellt. Nur in der nicht-wissenschaftlichen Publizistik treten vermeintliche „Experten“ auf und zweifeln am Klimawandel bzw. der Verursachung durch den Menschen.

Wie kommt es zu diesen Krisen? Zabel beschreibt diese als „neue Knappheiten“ (vgl. Zabel 2001: 31). Wirtschaften wird dabei als Bedürfnisbefriedigung vermittels der Bewirtschaftung von Knappheiten, also knapper Güter verstanden. Die gegenwärtige Form des Wirtschaftens sei geld-, egoismus- und wachstumsfixiert, weshalb nur monetäre Signale (z. B. Preise, Kosten etc.) zur Steuerung von Transaktionen der Wirtschaftssubjekte (z. B. Produktion, Tausch, Kooperation etc.) dienen. Kritisiert werden eine zunehmende Verwendung von Geld als Wertmaßstab und die „Geldfixierung von Wahrnehmungen, Werten und Handlungsorientierungen der Menschen“ (Zabel 2001: 30). Ein grundlegender Irrtum der Mainstream-Ökonomik sei, dass „das Geld die Bedürfnisse der Menschen, ihre Lebensqualität und auch die knappen Güter zur Bedürfnisbefriedigung bestmöglich abbilde“ (ebd.) und dass es bei wirtschaftlichen Entscheidungen nur noch um die Auswirkungen auf den Geldertrag, auf den Profit geht. Durch diese Beschränkung auf monetäre Signale entstehen zwei Verengungen bzw. neue Knappheiten: soziale und ökologische Knappheiten.

Wegen der Verengung der Bedürfnisbefriedigung auf monetär abbildbare Komponenten wird nur das produziert, wofür es eine Zahlungsbereitschaft gibt. Immaterielle Bedürfnisse (angst- und gewaltfreie Zustände, Kommunikationszufriedenheit, sozialer Frieden, Solidarität, Freundschaften etc.) werden durch diese Art des Wirtschaftens nicht berücksichtigt und befriedigt, wodurch die sozialen Knappheiten entstehen. Deren Ausprägung wird noch dadurch verschärft, dass die materiell fokussierten Steuerungsmechanismen in Konkurrenz zu den immateriellen stehen: Egoistisches, rücksichtsloses Handeln verhindert oder zerstört Solidarität, Freundschaft, Muße und soziale Institutionen wie Familie, Rechtsstaat etc.

Die ökologischen Knappheiten entstehen wegen der Verengung der Knappheitsbewirtschaftung durch die Ausrichtung am Preissignal. Eine rein monetäre Steuerung tendiert zu einem eher verschwenderischen Umgang mit der Natur und den Naturleistungen, die als freie Güter betrachtet werden, die nichts kosten. Durch Verschwendung werden die Naturleistungen immer knapper. Die Natur hat nach Zabel große ökonomische Bedeutung: Sie ist Ressourcen- und Energiespender, Designvorbild, Genpool und damit Flexibilitätsreserve, ein Aufnahmemedium für Abfälle/Abprodukte und stellt die genetischen Prägungen zur Verfügung (vgl. ebd.: 33), auf die ich in einem späteren Teil zurückkommen werde. Diese Leistungen werden auf folgenden ökonomischen Gründen immer knapper: Externe Effekte bei wirtschaftlichen Aktivitäten (z. B. Belastung von Boden, Wasser, Luft mit giftigen Abprodukten oder CO2-Emissionen); Freies-Gut-Problematik bei Umweltgütern (saubere Luft und sauberes Wasser haben keinen ihre Knappheit bzw. Reproduktionskosten berücksichtigenden Marktpreis und stehen zunächst kostenlos zur Verfügung); soziale Dilemmata bzw. Trittbrettfahrerverhalten, bei dem individuell rationales zu kollektiv irrationalem Verhalten führt (individuell ist es rational, Umweltgüter zu nutzen, ohne sich an deren Regenerationskosten zu beteiligen); Einsatz wirkmächtiger Technik (z. B. AKW), die die Funktion natürlicher Kreisläufe stören; die Nachsorgeorientierung (durch Wettbewerbssituation betreibt kein Unternehmen im Hinblick auf Ressourcennutzung Vorsorge, obwohl es billiger wäre – stattdessen werden Ressourcen verschwendet); Verschwendung durch Luxus- und Konsumorientierung der Verbraucher/Kunden; Gewalt & Opportunismus (Bsp.: Mafia, Raub, Bestechung) und die Fixierung auf quantitatives Wachstum (Haben-Wollen als dominanter Verhaltensantrieb) (vgl. ebd.: 41-55).

Quelle:

eigene Vorlesungsmitschriften und Zabel, H.-U. (2001): Ökologische Unternehmenspolitik im Verhaltenskontext. Verhaltensmodellierung für Sustainability. Berlin: BERLIN VERLAG Arno Spitz (besonders S. 25-66).

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