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Zitiert: Ein Israeli über den Israel-Palästinakonflikt

Was sonst noch in der Welt passiert

Auszug aus einem Kommentar des israelischen Journalisten Gideon Levy in der Tageszeitung Haaretz (9. Oktober 2015) [zitiert nach junge Welt]:

Durch den Dunst von Selbstgerechtigkeit, Medienpropaganda, Hetze, Ablenkung, Gehirnwäsche und Opferstilisierung der letzten Tage, dringt die einfache Frage mit voller Kraft wieder nach vorn: Wer hat recht?

Israel hat kein begründetes Argument mehr in seinem Arsenal, das ein anständiger Mensch akzeptieren könnte. Selbst Mahatma Gandhi würde verstehen, warum Palästinenser zur Gewalt greifen. Selbst jene, die vor Gewalt zurückschrecken, die sie für unmoralisch und zwecklos halten, werden verstehen müssen, warum sie hin und wieder ausbricht. Die Frage ist doch, warum bricht sie nicht viel öfter aus?

Von der Frage, wer damit begann, bis zur Frage, wer daran schuld ist, wird der Finger zu Recht immer auf Israel zeigen – und nur auf Israel. Nicht, dass die Palästinenser ohne Schuld wären, aber Israel trägt die Hauptschuld. Solange Israel sich dieser Schuld nicht entledigt, hat es keine Grundlage, irgend etwas von den Palästinensern zu fordern. Alles andere ist verlogene Propaganda.

Die langjährige palästinensische Aktivistin Hanan Ashrawi schrieb vor kurzem: »Die Palästinenser sind das einzige Volk auf Erden, das die Sicherheit der Besatzer garantiert, während Israel das einzige Land ist, das Schutz vor seinen Opfern fordert.« Und wie können wir darauf antworten?

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Stellungnahmen zum neuen Gaza-Krieg (II)

Was sonst noch in der Welt passiert

Ein ungeheurer Mut gehört dazu, die militärischen Aktionen Israels so zu bezeichnen: Genozid. Aber zahlreiche spanische Künstler und Schauspieler, unter ihnen Penélope Cruz und Pedro Almodóvar, haben eine »Erklärung der Kultur gegen den palästinensischen Genozid« unterzeichnet und folgende Worte zum neuen Gaza-Krieg abgegeben:

„Die Unterzeichner dieses Kommuniqués, die zur Welt der Kultur gehören, erklären ihre Empörung über den Genozid, den die israelische Besatzungsarmee im Gazastreifen gegen die palästinensische Zivilbevölkerung betreibt.

Hinter den Bildern von getöteten, verstümmelten, verbrannten, schwerverletzten und zu Waisen gemachten palästinensischen Kinder und von zerstörten Häusern, Krankenhäusern, Ambulanzen, Kulturstätten, Schulen steht eine erschreckende Bilanz: Seit dem Beginn des israelischen Angriffs auf Gaza bis zum Sonntag, 27. Juli 2014, um 21 Uhr gab es mehr als 1040 Tote und 6000 Verletzte.

Auslöser der Gewalt ist die israelische Besatzung. Israel rückt weiter auf Territorien der Palästinenser vor, statt an den Grenzen von 1967 zu bleiben. Die Rechte der palästinensischen Bevölkerung des ganzen Westjordanlandes werden von ihm täglich gedemütigt und mit Füßen getreten, was ebenfalls viele Todesopfer fordert. Es gibt seit Jahren Blockaden von Städten wie Nablus und Hebron mit häufigem nächtlichen Eindringen der Armee. Das zu Lande, zu Wasser und aus der Luft belagerte und angegriffene Gaza erlebt dieser Tage den Schrecken.

Den Palästinensern werden Häuser eingerissen, es wird ihnen Wasser, Strom, der Zugang zu den Krankenhäusern, Schulen, Gemüsegärten verweigert – während die internationale Gemeinschaft dies zuläßt.

Israel ist das Land, das am wenigsten die Resolutionen der UNO erfüllt und am wenigsten die Menschenrechte respektiert. Es ist ein besetzendes Land, das Praktiken des Staatsterrorismus ausübt.

Wir rufen die Regierung Spaniens und die EU auf, die von Lande, von Wasser und aus der Luft erfolgenden Bombenangriffe auf die palästinensische Zivilbevölkerung im Gazastreifen zu verurteilen.

Wir fordern einen sofortigen Waffenstillstand.

Die Blockade aufheben, unter der der Gazastreifen seit mehr als einem Jahrzehnt leidet!

Die Grenzübergänge öffnen, um die Mobilität der Bevölkerung, die Einfuhr von medizinischen Geräten, Medikamenten, Lebensmitteln zu erleichtern!

Entschädigung der Zivilbevölkerung von Gaza für die durch israelischen Angriffe verursachten physischen, moralischen, psychischen Schäden, die besonders die Kinder treffen!

Eröffnung eines Dialogs zwischen Palästinensern und Israelis, um einen gerechten und dauerhaften Frieden als Lösung des Konflikts zu erreichen.

Wir Unterzeichner sind gegen den Einsatz von Gewalt durch alle Seiten und fordern unsere Regierung auf, als klaren Beleg für unsere Ablehnung der unsagbaren Handlungen der israelischen Armee, den spanischen Botschafter in Israel zu Konsultationen zurückzurufen, bis die verbrecherische Offensive gegen Palästina gestoppt und die Arbeit der internationalen Berichterstatter, die dieser Tage in dieses Gebiet geeilt sind, erleichtert wird.“
Übersetzung: André Scheer (Quelle: Junge Welt)


 

Noch immer richten die hilflosen Politiker der westlichen Hemisphäre nutzlose Appelle an die israelische Regierung, doch eine humanitäre Waffenruhe zu ermöglichen und verhältnismäßigere Mittel gegen die Hamas-Raketen anzuwenden. Es nutzt nichts, erbarmungslos bombardiert das israelische Militär den schmalen Gazastrerifen, den es mittlerweile in eine Art Ghetto verwandelt haben (oder sollte man drastischerweise schon von einem Konzentrationslager sprechen?). Man wolle solange weitermachen, so Regierungschef Netanjahu, bis alle Tunnel und Raketenabschussrampen zerstört sind. Wenn dieses Kriegsziel ernst genommen wird, dann wird dies ein ewiger Krieg, der bis zur vollständigen Zerstörung des Gazastreifens führen wird. Denn angenommen, man hat alle derzeit existierenden Tunnel und Rakentenbasen zerstört – wer garantiert Israel, dass die Hamas oder andere Gruppen in der Zwischenzeit an anderen Stellen neue Tunnel baut?

Und meine Vermutung ist, dass niemals alle Tunnel und Raketenabschussrampen gefunden und zerstört werden. Denn ja, es werden solche Anlagen auch in zivilen Häusern versteckt gebaut, was für Israel Anlass ist, auch UN-Schulen und Flüchtlingsunterkünfte unter Beschuss zu nehmen und damit mittlerweile den Tod von mehr als 1000 Menschen in Kauf zu nehmen, wovon die Mehrheit erwiesenermaßen nichts mit der Hamas zu tun gehabt hat. Aber ist das gerechtfertigt? Zivilisten töten, weil palästinensische Kämpfer zivile Objekte als Schutzschilde nutzen? Darüber ließen sich lange militär-ethische Abhandlungen schreiben, was ich nicht kann und will.

Aber ich will nur darauf aufmerksam machen, dass sich eine ganz andere Frage stellt, sofern man an einem dauerhaften Freiden zwischen Israel und Palästinensern interessiert ist: Wie sollen die Menschen im Gazastreifen die Menschen in Israel als vertrauenswürdige und gleichberechtigte Mitbürger dieser Region anerkennen, wenn sie von deren Regierung (die unter der Bevölkerung Israels angeblich 85 % Unterstützung für ihre Militäraktionen hat) scheinbar ziellos bombardiert wird, wenn wohl jede Familie dort mindestens ein unschuldiges Todesopfer dieser Säuberungen zu beklagen hat und ihnen rät, zu fliehen in einem abgeschlossenem Gefängnis, wo es keine Fluchtmöglcihekiten gibt? Wie soll da ein friedliches Zusammenleben, sei es in einem Staat (völlig undenkbar), sei es in zwei nebeneinander liegenden Staaten?

So wie die israelische Regierung agiert, kann sie an einem dauerhaften Frieden nicht interessiert sein. Und an Menschen- und Völkerrechten ist sie auch nicht interessiert. Warum werden also nicht auch gegen Israel Sanktionen, wie sie derzeit gegen Russland vollzogen werden, verhängt? Einreiseverbote für führende Politiker und Militärs, Einfrieren von Auslandskonten, Verbot von Geschäften mit israelischen Unternehmen, die für das Militär produzieren, Waffenembargo, Stopp aller Rüstungsexporte (z. B. von deutschen U-Booten). Wenn man es mit den Appellen für Frieden und Waffenruhe ernst meint, wird doch gegen jedes Land der Welt solche oder ähnliche Maßnahmen verhängt – nur bei Israel nicht? Was ist das für ein internationales Rechtssystem, in dem sich wenige Länder (u. a. Israel, USA) Dinge erlauben dürfen, die bei Vollzug durch sog. Schurkenstaaten zu einem sofortigen repressivem Vorgehen führen würden?


 

Weitere Berichte und Stellungnahmen:

Sabine Kebir: Niemand steht im Niemandsland (Der Freitag)

Nacht des Schreckens (Junge Welt)

Knut Mellenthin: Pufferzone des Todes – Israels Premier kündigte an, Israel sei auf eine unbegrenzte Ausweitung und Verschärfung der Militäraktionen vorbereitet. (Ebd.)

Phoenix: Nahost-Konflikt: Stefan Hallmann zur aktuellen Situation in Tel Aviv am 30.07.2014

Die Deutsch-Arabische Gesellschaft klagt an:

Die „Deutsch-Arabische Gesellschaft“, 1966 in Würzburg gegründet, ist ein honoriger Verein mit prominenten Mitgliedern: Präsident ist Peter Scholl-Latour, sein Stellvertreter ist der TV-Publizist Ulrich Kienzle, im Beirat sind die Europa-Abgeordnete Alexandra Thein (FDP) und Dr. Egon Jüttner MdB (CDU). Die Gesellschaft hat in diesen Tagen folgende Deklaration veröffentlicht:

„Bomben, Raketen und Artilleriebeschuss auf Gaza sind nicht nur schwere Verletzungen des Völkerrechts.
Die gezielte Tötung der führenden Mitglieder der in Gaza regierenden Partei Hamas (zusammen mit ihren Familienangehörigen) kann auch politisch nicht bewirken, dort „gemäßigte“ Kräfte zu stärken.

Mit guten Gründen betrachtet die westliche Welt Gaza nach wie vor als „besetztes Gebiet“. Wer von einem Selbstverteidigungsrecht gegen die von dort abgeschossenen Raketen spricht, muss sich fragen lassen, ob es nicht ein Selbstverteidigungsrecht der dort mit Gewalt eingekerkerten Bevölkerung gibt.
Wer das verneint, sollte trotzdem antworten, ob die große Zahl von Toten und Verletzten in einem verantwortbaren Verhältnis zu der kleinen Zahl von Verletzten auf israelischer Seite steht.“

Die Deutsch-Arabische Gesellschaft befürchtet, dass dieser erneute Gewaltexzess den politischen Weg für eine israelische Annexion des ganzen „biblischen“ Landes bereiten soll. Dem israelischen Kabinett gehören mehrere Minister an, die ein solches Ziel laut aussprechen. Selbst der amerikanische Außenminister hat sich nicht mehr gescheut, in diesem Zusammenhang das Wort „Apartheid“ auszusprechen.

Wo kann die Bundesregierung noch von Menschenrechten sprechen, wenn sie aus falsch verstandener Holocaust-Verantwortung zu dem täglichen Unrecht in Palästina schweigt?“

Interview mit Jürgen Todenhöfer im ARD-Morgenmagazin vom 18.07.

Bisherige Beiträge auf meinem Blog zu diesem Thema:

Stellungnahmen zum neuen Gaza-Krieg (25.07.)

Und wieder dreht sich die Gewaltspirale in Nahost (17.07.)

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Stellungnahmen zum neuen Gaza-Krieg

Was sonst noch in der Welt passiert

Unter der Überschrift »Stoppt den Krieg in Gaza« veröffentlichte der Bundesausschuß Friedensratschlag am Donnerstag folgende Erklärung:

Was soll denn noch geschehen, bis die Bundesregierung und andere westliche Regierungen einsehen, daß ihre bisherige Nahostpolitik kläglich gescheitert ist!? Eine Nahostpolitik, die jahrelang mit angesehen hat, wie Israel gegen jedes Völkerrecht Siedlung um Siedlung im Westjordanland baut, den Palästinensern Land und Besitzrechte raubt, Ostjerusalem ganz für sich in Anspruch nimmt (obwohl es laut Teilungsplan der UNO Hauptstadt eines Palästinenserstaates werden sollte), Palästinenser in den besetzten Gebieten und Araber in Israel als Bürger zweiter Klasse behandelt, alle UN-Resolutionen der letzten 60 Jahre ignoriert und bis heute nicht bereit ist, die Grenzen von 1967 und die Rechte der Flüchtlinge und Vertriebenen grundsätzlich anzuerkennen.

Stattdessen werden die Folgen der Besatzungspolitik beklagt und zugleich den Opfern in die Schuhe geschoben. Zu den Folgen der Besatzungspolitik gehört nicht nur die Entrechtung der palästinensischen Bevölkerung, nicht nur deren entwürdigende Behandlung an den zahllosen Checkpoints, nicht nur ihre Abriegelung im Gazastreifen, sondern auch die Verhinderung jeglichen wirtschaftlichen Aufbaus. Das Versprechen der Roadmap aus dem Jahr 2000, wiederholt in zahllosen Sonntagsreden führender Politiker, einen palästinensischen Staat neben dem Staat Israel zu gründen, auf dass beide in sicheren Grenzen nebeneinander leben können, wird seit Jahr und Tag von Israel torpediert: Sogar die Aufnahme der palästinensischen Autonomiebehörde in Unterorganisationen der UNO wie die UNESCO wollte die israelische Regierung (und mit ihr die USA) verhindern. Und als 2006 zum ersten Mal eine – vom Westen lange geforderte – demokratische Wahl in Palästina stattfand, wurde deren Ergebnis nicht anerkannt, weil mit der Hamas die „falsche Partei“ gewählt wurde.
Jeglicher Widerstand gegen die israelische Besatzungspolitik wird unter den Generalverdacht des Terrorismus gestellt. Tausende solcher „Terroristen“ sitzen in israelischen Gefängnissen – vielfach ohne Anklage oder ohne ordentliches Gerichtsverfahren; amnesty international berichtet auch von Kindern und Jugendlichen, die in Haft genommen werden oder bei Razzien von der Polizei misshandelt werden.
Das alles entschuldigt keineswegs Gewaltakte, die von der anderen Seite gegen israelische Staatsbürger begangen werden. Raketenangriffe auf bewohntes Gebiet z.B. sind auch dann völkerrechtswidrig, wenn keine Menschen dabei ums Leben kommen. Wir müssen aber die Dinge ein wenig zurechtrücken: Auch wenn es längere Phasen der Ruhe gab und z.B. keine Raketen abgefeuert wurden, suchte (und fand) die israelische Regierung einen Anlaß, ihre Repression gegen Palästinenser zu erhöhen, sporadische Luftangriffe auf den Gazastreifen zu fliegen oder Razzien in den besetzten Gebieten durchzuführen.Auch die „größeren“ Kriege sind eher „Straf“aktionen als „Kampf“maßnahmen: Der letzte Gazakrieg kostete 1.400 Palästinensern das Leben; die Todesrate Israels betrug 13.Wir dürfen nicht warten und tatenlos zusehen, bis der neuerliche Gazakrieg vergleichbare Ausmaße annimmt wie 2009. Hinter dem Slogan „Solidarität mit Israel“ darf die Solidarität mit dem leidenden palästinensischen Volk nicht verloren gehen.

Auch die Palästinenser, die Menschen im Gazastreifen haben ein Recht auf Leben, auf einen lebensfähigen eigenen Staat, auf sichere Grenzen, auf Freizügigkeit und auf soziale Wohlfahrt.

Bundeskanzlerin Merkel hat die Freundschaft mit Israel zur »Staatsräson« erklärt. Im Sinne dieser Staatsräson wäre es heute, wenn Frau Merkel der israelischen Regierung zu verstehen geben würde, daß der fortdauernde Kriegs- und Besatzungszustand nicht nur das palästinensische Volk im Unglück beläßt, sondern immer wieder auch den israelischen Staat und seine Bürger gefährdet. Auch im Nahen Osten gilt: Sicherheit geht nur gemeinsam.

Der Bundesausschuß Friedensratschlag ruft die Friedensbewegung dazu auf, auch in diesen schweren Zeiten sich auf die Seite des Rechts und der Menschenrechte, auf die Seite der Gewaltlosigkeit und des Völkerrechts zu stellen.

– Beendet den Krieg in Gaza!

– Rückzug der israelischen Armee aus dem Gazastreifen!

– Einstellung der Raketenangriffe auf Israel!

– Für einen gerechten Frieden im Nahen Osten, der die Rechte der Palästinenser einschließt!Bundesausschuss Friedensratschlag

Kassel, Berlin, Dortmund, Frankfurt, Nürnberg, Hamburg usw., 23. Juli 2014

Rache bringt bloß Rache hervor

In einer Erklärung vom Freitag verurteilen Träger des Right Livelihood Awards, bekannt als »Alternativer Nobelpreis«, die Gewalt gegen Zivilisten im Gaza-Konflikt:

(…) Während Bomben und Kugeln sowohl Zivilisten als auch medizinisches Personal in einer Spirale von Gewalt und Hoffnungslosigkeit töten und verwunden, ist Gaza Engpässen in der Versorgung mit Wasser und Elektrizität, Krankenhäusern, Ärzten und Medizin ausgesetzt. Etwa 24 Prozent aller, die in Gaza ihr Leben in Folge der israelischen Bombardierung und militärischen Invasion verloren, sind Kinder.

Allerdings liegt die Verantwortung für diese Tode nicht allein bei den israelischen Soldaten, den Hamas-Kämpfern und deren Regierungen. Auch andere Regierungen sind entweder direkt oder indirekt verantwortlich, sei es durch Waffenhandel, militärischen Rat und Schweigen. Diese Länder sowie die Vereinten Nationen scheinen nicht aus der Vergangenheit gelernt zu haben. Unterdessen – der schnell wachsenden Gewalt in Gaza zum Trotz – bewegen sich die Verhandlungen unglaublich langsam voran und werden von eigennützigen Interessen aus Ländern behindert, die keinerlei Blutvergießen in diesem Konflikt ausgesetzt sind. Dialog und Verhandlungen können nicht durch Militärgewalt ersetzt werden. Rache bringt bloß Rache hervor und Blutvergießen bloß weiteres Blutvergießen. (…)

(Quelle: Junge Welt)
Siehe auch: „Opfer sind selbst schuld“ (Junge Welt vom 26.07.)

Jürgen Todenhöfer veröffentlichte gestern (24.07.) folgenden Brief an Benjamin Netanjahu, den Regierungschef Israels, in dem er die unwürdige Lebenssituation in Gaza eindrucksvoll schildert:

„Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Netanjahu,
darf ich Ihnen mitten im Krieg ein paar Fragen stellen? Als Deutscher, der weiß, dass die Generation seiner Vorfahren den Juden Unverzeihliches angetan hat, der das Existenzrecht Israels akzeptiert und der Antisemitismus wie jede Form von Rassismus für eine Schande hält.

Haben Sie sich schon mal vorgestellt, wie es wäre, wenn Sie nicht in Tel Aviv, sondern in Gaza auf die Welt gekommen wären? Sie hätten dann nicht die besten Schulen und Universitäten der USA besuchen können, sondern wahrscheinlich nur die bescheideneren Schulen und Universitäten von Gaza und im Westjordanland. Auch Ihre Enkel hätten kaum dem Elend von Gaza entfliehen können. Stattdessen hätten sie in den letzten sechs Jahren drei grauenvolle Kriege erlebt und viele Schulfreunde durch israelische Bomben verloren.

Wären Sie auch in Gaza Politiker geworden? Dann säßen Sie jetzt vielleicht wie 23 gewählte palästinensische Abgeordnete in israelischen Gefängnissen. Im Ofer-Gefängnis bei Ramallah oder im Hadarim-Gefängnis im Norden von Israel. Für Palästinenser ist es riskant, sich politisch zu betätigen. Unterstellen wir daher, Sie wären ein angesehener Landwirt geworden und hätten begonnen Blumen zu züchten. Sie hätten harte Zeiten durchlebt. Wegen der von Israel verhängten Blockade könnten Sie nur noch drei Prozent der früheren Blumenmenge exportieren. Die gesamte Wirtschaft Gazas liegt am Boden. Sie hätten fast alle Mitarbeiter entlassen müssen. Die wären jetzt arbeitslos – wie mehr als die Hälfte der arbeitsfähigen Bewohner von Gaza. Und müssten von der UNO durchgefüttert werden. 80 Prozent der Bevölkerung erhalten alle drei Monate Essensrationen wie damals die Iraker unter den vom Westen betriebenen Sanktionen. So erhält eine achtköpfige Familie, um überleben zu können, von der UNO alle drei Monate : 103 Kilo Weizen, 4,70 Liter Speiseöl, fünf Kilo Zucker, 1,5 Kilo Milchpulver sowie etwa Dosenfleisch. Für acht Personen!

Da Sie Ihre Familie von den paar Blumen, die Sie noch verkaufen würden, nicht ernähren könnten, hätten sie sich mit einem Ihrer Brüder, der Fischer ist, zusammen getan. Allerdings wäre dieser auch in großen Schwierigkeiten. Israel hat den palästinensischen Fischern entgegen internationalem Recht verboten, außerhalb einer 3-Seemeilenzone zu fischen. Dadurch gehen den Fischern von Gaza 85 Prozent der Fischgründe verloren. Wer diese Grenze überschreitet, wird von der israelischen Kriegsmarine beschossen. Ein Freund Ihres Bruders hat es gewagt. Er kehrte nie mehr zurück. Wie ein Dutzend anderer palästinensischer Fischer in den letzten 5 Jahren.

Auch sonst wäre Ihr Leben in Gaza beschwerlich. Vor allem wenn Israel wieder einmal – wie seit einigen Tagen – seine Stromlieferungen einstellt und gleich noch das Elektrizitätswerk von Gaza bombardiert. Wie gestern. Und daraufhin auch die Wasserversorgung zusammenbricht, weil die palästinensischen Wasserpumpen mit Strom betrieben werden. Gaza ist zur Zeit ohne Strom und Wasser. Nichts geht mehr. Das Trinkwasser ist verseucht, das Abwassersystem zusammen-gebrochen. Wichtige Medikamente für Ihre Familie gäbe es schon seit längerem nicht mehr. Die Folgen wären auch für Ihre Familie verheerend. Wie für alle palästinensischen Familien.

Für einen die eigene Freiheit liebenden Menschen wie Sie wäre es sicher hart, Ihre winzige Heimat Gaza seit 2007 über den israelischen Grenzübergang Erez nur noch in medizinischen Notfällen und über den ägyptischen Grenzübergang Rafah nur dann verlassen zu können, wenn er ausnahmsweise einmal geöffnet ist. Was in den letzten Jahren selten der Fall war. Ich stand in Rafah auch schon stundenlang vor verschlossenen Toren. Sie würden im größten Freiluftgefängnis der Welt leben. Im Osten eingeschlossen durch militärische Todesstreifen, Stacheldraht und Betonmauern, im Westen zur Seeseite durch die Geschütze der israelischen Kriegsmarine. Die einzige Möglichkeit, alte Freunde in Ägypten wenigstens gelegentlich wieder zu treffen, war in den letzten Jahren, wie ein Maulwurf durch einen der vielen Erdtunnel ins ägyptische Rafah zu krabbeln. Für viel Geld. Für einen stolzen Mann wie Sie wäre das zwar demütigend, aber was macht man nicht alles für die eigene Freiheit? Doch die neue ägyptische Regierung hat auch diesen letzten Fluchtweg in die Freiheit verrammelt. Zur Freude Israels. Ohne Bodentruppen einzusetzen übrigens. Die haben viele der Tunnel einfach geflutet.

So bliebe Ihnen in diesen Tagen nur noch der Blick über das weite Meer, der noch immer wunderbar ist. Wenn man sich die israelischen Kriegsschiffe am Horizont wegdenkt. Und es bliebe der Traum von Freiheit. Vom Frieden, den Sie und Ihre palästinensische Familie lediglich vom Hörensagen kennen würden. Nur die Gedanken wären frei. In Ihren Gedanken und in Ihren Träumen könnten sie noch immer erleben, was Israels Regierung Ihnen als Palästinenser vorenthält.

Was würden Sie als Bürger von Gaza von Israels Ministerpräsident Netanjahu halten, dem Sie einen Großteil Ihres Leids verdanken? Wären Sie in diesen Tagen des israelischen Dauerbombardements Anhänger der gemäßigten Fatah, die seit Jahrzehnten durch Verhandlungen das Schicksal der Palästinenser zu verbessern sucht? Oder der radikalen, streng konservativen Hamas, die mit teilweise selbst gebastelten Raketen dilettantisch und in inakzeptabler Weise versucht, wenigstens ein paar Rechte der Palästinenser durchzusetzen. Oder hätten Sie wie viele Palästinenser von der Politik einfach die Nase voll. Weil der aktuelle israelische Ministerpräsident, der zufällig Ihren Namen trägt, den Palästinensern ohnehin nie gestatten wird, einen eigenen lebensfähigen und gleichberechtigten palästinensischen Staat aufzubauen? Und der nächste auch nicht. Ich befürchte, Sie würden mit der härtesten der sogenannten palästinensischen Terrorbewegungen, dem ‚Islamischen Jihad‘ sympathisieren. Sie lassen sich ja nur selten von jemandem an Härte übertreffen. Doch wer weiß?

Stellen Sie sich vor, die Bomben der israelischen F16 Kampfjets hätten vor einigen Tagen auch Ihr Haus dem Erdboden gleich gemacht. Sie hätten dadurch wie unzählige Bewohner von Gaza zahlreiche Tote und Verletzte in Ihrer Familie zu beklagen und Ihren gesamten Besitz verloren. Eines der überlebenden, schwer verletzten Kinder im Shifa-Krankenhaus von Gaza, die kleine Maria, wäre Ihre Enkelin. Maria, an deren Krankenbett ich letzte Woche lange stand, hätte bei der Zerstörung Ihres Hauses schwere Verletzungen erlitten. Ein israelischer Raketensplitter steckt noch immer in ihrem Kopf. Durch die Schrecken der Bombennacht hat sie die Sprache verloren. Niemand in Gaza kann sie operieren. In den Krankenhäusern fehlt es an allem. Der israelische Ministerpräsident, der Ihren Namen trägt, interessiert sich nicht für die Krankenhäuser der Palästinenser. Er denkt nie an die Kinder von Gaza.

Wie würden Sie reagieren, wenn Sie aus den Nachrichten erfahren würden, dass Israel nun auch noch das Shifa-Krankenhaus bombardieren will, in dem Ihre schwerverletzte Enkelin liegt. Angeblich hat die Hamas in den Kellern dieses größten Krankenhauses Gazas ihr Hauptquartier. Wir alle dachten doch, Israel habe die Hamas-Führung weitgehend ausgeschaltet. Die israelische Luftwaffe hat doch angeblich alle Häuser der Hamas zerstört – neben unzähligen Häusern von Zivilisten. Das war doch die Begründung für die wochenlangen mörderischen Bombardements.

Was würden Sie als ausgebombter Bürger von Gaza von diesem israelischen Ministerpräsidenten denken, der unablässig von den Raketen der Hamas und des ‚Islamischen Jihad‘ redet, die in zwei Kriegswochen zwei israelische Zivilisten getötet und 10 verletzt haben? Was auch ich schrecklich finde. Mord bleibt Mord, egal wer ihn begeht. Leider sieht das der israelische Ministerpräsident anders. Ihm sind die 600 ermordeten und 4000 verletzten palästinensischen Zivilisten völlig gleichgültig. Selbst die vier palästinensischen Kinder, die beim Fußballspielen am Strand von israelischen Kriegsschiffen erschossen wurden, die Kinder, die beim Hühnerfüttern vom Dach ihres Hauses geschossen wurden oder die 9 jungen Fußballfans, die in einem Strandcafé beim WM-Spiel Argentinien : Holland von israelischen Raketen getötet wurden. Auch das Beschießen von Behindertenheimen, Krankenhäusern, Ambulanzen, Schulen, all das stört ihn nicht. Noch nie hat dieser israelische Ministerpräsident über ein getötetes palästinensisches Kind geweint. Stattdessen höhnt sein Botschafter in den USA, eigentlich verdienten die israelischen Truppen wegen ihrer ‚unvorstellbaren Zurückhaltung‘ den Friedensnobelpreis. Seine Regierung begeht Kriegsverbrechen und er fordert den Friedensnobelpreis. Unglaublich, würden wahrscheinlich auch Sie denken.

Sehr geehrter Herr Netanjahu, was würden Sie als Palästinenser von diesem israelischen Ministerpräsidenten und seiner Politik halten, wenn Sie Bürger von Gaza wären? Von einem Politiker, dessen Volk vor allem in Europa Jahrtausende lang barbarisch behandelt wurde. Fast immer als Menschen zweiter Klasse. Wie ist es möglich, dass ein Politiker mit dieser tragischen Vorgeschichte seines Volkes nun die Bevölkerung von Gaza als Menschen dritter Klasse behandelt? Hatte der Vater des Staates Israel, Theodor Herzl, nicht einen Musterstaat der Toleranz versprochen? Und geschrieben: „Und fügt es sich, dass Andersgläubige, Andersnationale unter uns wohnen, so werden wir ihnen einen ehrenvollen Schutz und Rechtsgleichheit gewähren“. Wo in Palästina gibt es ehrenvollen Schutz und Rechtsgleichheit für die Palästinenser?

Sehr geehrter Herr Netanjahu, stellen Sie sich bitte wirklich einmal vor, Sie wären nicht in Tel Aviv, sondern in Gaza geboren! Nur einen Augenblick! Vielleicht würden Sie dann erkennen, dass in Gaza und im Westjordanland Menschen leben, die dieselben Träume haben wie die Bürger Israels. Sie, Herr Netanjahu, könnten mit einer Handvoll Menschlichkeit und Weitsicht wie Jitzchak Rabin ein echter Staatsmann werden. Läge das nicht auch im Interesse Ihres Landes? Israel wird in einer Welt von Feinden nicht überleben. Sondern nur in einer Welt von Freunden. Stellen Sie sich wenigstens einmal am Tag vor, sie seien in Gaza geboren und nicht in Tel Aviv!

Ihr Jürgen Todenhöfer“

Es ist einfach ein schlechter Witz, wenn israelische Diplomaten zu behaupten wagen, dass die israelische Armee noch mit größtmöglciher Zurückhaltung gegen die „Terroristen vorgeht und dafür für den Friedensnobelpreis vorschlagbar wären. Wie ist dann zu erklären, dass nun sogar UNO-Einrichtungen angegriffen werden??? Kein Mensch kann die Behauptung nachvollziehen bzw. belegen, dass auch dort Terroristen sich versteckten. Bestimmte Dinge verbieten sich als menschenachtender Staat selbst im schlimmsten Krieg gegen das schlimmste Böse.

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Und wieder dreht sich die Gewaltspirale in Nahost

Was sonst noch in der Welt passiert

Seit einigen Tagen begegnen uns in den TV-Nachrichten wieder altbekannte Bilder des Grauens: Raketen und Bomben bewegen sich über die Grenzen von Israel und dem Gazastreifen (z. T. auch vom Libanon), die leidende Zivilbevölkerung lebt auf beiden Seiten wieder einmal in Angst und Schrecken. Wobei aufgrund der Abriegelung des Gazastreifens durch die israelischen Sicherheitsbehörden und der dadurch bedingten mangelhaften Versorgung der Krankenhäuser und der Zivilisten mit Lebensmitteln und anderen Gütern des täglichen Bedarfs die Lage im Gazastreifen noch um einiges frappierender ist als das der Zivilbevölkerung in Israel. Besonders belastend ist die Situation der nun wieder kollektiv bestraften Palästinenser dadurch, dass Israel zwar vor ihren Angriffen (auf Hamas-Stellungen) Vorwarnungen an betroffene Zivilisten verteilt und diese zur Flucht auffordert, aber das ist ja eine perverse Aufforderung an Leute, die gar nicht wissen, wohin sie fliehen sollen. Der Gazastreifen ist eine 1,8 Mio. Menschen umfassendes Gefängnis, das nur durch einen kleinen Grenzübergang zu Ägypten verlassen werden kann, sofern Ägypten dies zulässt. Fakt ist: Die Mehrzahl der Bewohner kann den Gazastreifen nicht verlassen, und trotzdem bombt Israel munter drauf los, auch auf Häuser von Zivilisten, und verängstigt die gesamte Bevölkerung.

Und was ist der Anlass für diese Eskalation des Nahostkonflikts zwischen Israel und Palästina? Dass einige hundert unpräzise zu steuernde Raketen vom Gazastreifen auf israelisches Gebiet abgeschossen wurden, die zwar Sachschäden verursachten und zu einigen Verletzten führten, was selbstverständlich ein inakzeptables Mittel der Konfliktaustragung ist. Aber es kann doch nicht verhältnismäßig sein, deshalb Bombardierungen durchzuführen, die bislang 193 Tote auf palästinensischer Seite forderten. Mit solchen militärischen Aktionen trifft man viel mehr Unbeteiligte als die richtigen Verursacher der Raketenabschüsse. Jürgen Todenhöfer spricht am 15. Juli von einer dreifachen Schande:

„Der jetzige Krieg einschließlich seiner Vorgeschichte ist eine Schande. Und er ist absurd. Wie die meisten Kriege.

DIE ERSTE SCHANDE ist die Entführung und Ermordung der jungen israelischen Siedler Eyal Yifrach, Gilad Shaar und Naftali Frenkel. Wer immer sie feige getötet hat. Ein Sprecher der Hamas dementiert mir gegenüber zornig jede Beteiligung an diesem erbärmlichen Mord. Die Hamas bekenne sich stets zu ihren Taten. Mit diesem Irrsinn habe sie nichts zu tun. Wer sagt die Wahrheit?

DIE ZWEITE SCHANDE ist die Verbrennung des jungen Palästinensers Mohammed Abu Khdeir bei lebendigem Leib. Die israelischen Täter zwangen ihn, Benzin zu trinken und zündeten ihn an.

DIE DRITTE SCHANDE besteht – nach wahllosen und brutalen Hausdurchsuchungen und Massenverhaftungen in der Westbank – in der völlig hemmungslosen Bombardierung der 1.8 Mio Ghettobewohner von Gaza. Durch israelische Kampfjets, Raketen, Hubschrauber, Schiffe und Drohnen. Ergebnis: 193 tote Palästinenser (Stand: 18 Uhr Gaza-Zeit). Frauen, Kinder. Die Beschießung ist für jeden erkennbar maßlos.

Wahrer Grund dieses massiven Bombenterrors ist nicht die weitgehend wirkungslose und dilettantische Schießerei der Hamas und des ‚Islamischen Jihad‘. Die ich ebenfalls ausdrücklich verurteile. Sie begann nach der Tötung von 6 Hamaskämpfern in Gaza und sechs palästinensischen Zivilisten in der Westbank.“

Dabei geht er auch auf die Vorgeschichte ein. Es ist eigentlich unglaublich, dass der Mord an drei Jugendlichen einen Krieg zwischen zwei Nationen auslösen kann, bei dem fast 200 Leute sterben. Israel nennt sich ja gerne einzige Demokratie im Nahen Osten. Würde aber eine Demokratie, ein demokratischer Rechtsstaat den verabscheuungswürdigen Mord an drei jungen Menschen zum Anlass nehmen, Rache zu schwören, zur Vernichtung der vermeintlichen Täter (man wusste vielleicht noch gar nicht, wer die Täter waren bzw. wie sich nun herausstellt (ca. ab Minute 14), wusste man sogar, dass die Hamas nicht hinter der Entführung und Ermordung stand) aufzurufen? Ohne die Ergebnisse und Beweise der Ermittlungen abzuwarten, plant Israel Vergeltungsaktionen und führt nun einen barbarischen Krieg gegen fast wehrlose Palästinenser durch, bei völliger Asymmetrie hinsichtlich der Bewaffnung. Und lässt dabei die Medien zensieren und enthält der Bevölkerung wichtige Informationen, um den Hass der  rechtsextremen Bevölkerungsschichten auf die Palästinenser zu schüren.

Es braucht nicht viel strategisch-politisches Wissen, um hinter der aktuellen Kriegspolitik der rechtesten Regierung der israelischen Geschichte das Ziel zu vermuten, die derzeitige Versöhnung der rivalisierenden Palästinenserparteien Fatah und Hamas, die eine Regierung der nationalen Einheit gebildet haben, zu untergraben und eine Lösung des Nahostkonflikts für immer zu verhindern. Die Lösung aus Sicht der aktuellen Regierung scheint nur lauten zu können, einen Apartheidstaat zu bilden, indem die Palästinenser als Untermenschen völlig rechtelos den jüdischen Bewohnern unterworfen sein sollen – das scheint die Vision der rechten Regierung und der sie tragenden Wähler zu sein. Auf dieser Basis wird aber Frieden und nachhaltiger Wohlstand auch für Israel ein ferner Traum bleiben.

Wenn das Ziel der israelischen Regierung sein sollte, zukünftig keinen Raketenbeschuss mehr aus dem Gazstreifen oder aus dem Libanon zu erleben, wäre es doch eine Überlegung wert, die Palästinenser als gleichberechtigte Bewohner des Gebiets zwischen Libanon, Jordanien und Ägypten, das die Israelis scheinbar als historisch ihnen gehörendes Gebiet betrachten, anzuerkennen. Es könnte weiterhin hilfreich sein, den Palästinensern dabei zu helfen, eine eigene wirtschaftliche Basis aufzubauen und die Abhängigkeiten von Lieferungen aus Schmuggeltunneln zu beseitigen. Mauern zwischen jüdischen und palästinensischen Siedlungen im Westjordanland zu errichten, ist eine Methode des Kalten Krieges, die nicht zum friedlichen Miteinanderleben der Völker beigetragen hat. Mit einem Wort: Frieden bzw. friedliches Miteinander setzt die Anerkennung der Rechte und Würde des anderen voraus. Wenn die Palästinenser nicht mehr unterdrückt werden, verschwindet auch der Anlass, Israel mit Raketen zu beschießen – dann sollte auch die Hamas (nach dem Vorbild der IRA und ETA) die Waffen niederlegen.

 

Siehe auch:

Massenflucht in Gaza (Junge Welt)

Nur kurze Feuerpause (ebd.)

Public Viewing in Israel (ebd.)

Planvolles Pogrom (Gastkommentar von Ralf Verleger ebd.)

»Die israelische Regierung hat jedes Maß verloren« (Interview mit RLS-Leiterin in Ramallah ebd.)

Großbritanniens Vizepremier Nick Clegg fordert Israel angesichts der humanitären Situation im Gaza-Streifen auf die Luftschläge zu beenden und meint: „Israels Reaktion scheint bewusst unverhältnismäßig“ (The Guardian)

Stellungnaheme der LINKEN-Spitze:

Spirale der Eskalation muss durchbrochen werden

Die Vorsitzenden von Partei und Fraktion der LINKEN, Katja Kipping, Bernd Riexinger und Gregor Gysi, fordern angesichts der neuen Eskalation des israelisch-palästinensischen Konflikts entschlossene deeskalierende Schritte der internationalen Gemeinschaft. Sie erklären:

Der Nahe Osten steht an der Schwelle eines neuen Krieges zwischen Israel und den Palästinensern. Die Hardliner auf beiden Seiten drehen unbeirrt an der Spirale der Eskalation. Die Raketenangriffe aus dem Gaza-Streifen richten sich gegen die israelische Bevölkerung, auf zivile Ziele. Israel reagiert völlig unverhältnismäßig mit massiven Bombenangriffen, die stündlich Zivilisten töten und im dicht besiedelten Gaza-Streifen einen humanitären Notstand herauf beschwören. Die israelische Drohung mit einer Boden-Offensive nimmt eine nochmalige Zuspitzung des Konflikts und eine massive Erhöhung der Opferzahlen in Kauf. Die Raketen auf Israel aus dem Libanon sind ein weiterer Eskalationsschritt. Beide Seiten untergraben gezielt alle Bemühungen, der palästinensischen und israelischen Bevölkerung den Weg in eine friedliche und stabile Zukunft zu ebnen. Im Unwillen zum Frieden sind sich Hamas-Führung und Netanjahus Regierungskoalition einig. Die großen Verlierer einer Eskalation sind die betroffenen Völker.

Die internationale Gemeinschaft ist gut beraten, beide Seiten nicht durch einseitige Schuldzuweisungen falsch zu ermutigen. Wenn die internationale Gemeinschaft oder wichtige Staaten auf Kritik an einer Seite bewusst verzichten, dann ist das nichts anderes als eine Ermutigung zur Friedensverweigerung. In diesem Konflikt führt niemand einen gerechten Krieg. Wir dürfen uns weder mit den völkerrechtswidrigen Operationen der israelischen Armee gegen die Bevölkerung im Gaza-Streifen noch mit der Gewalt gegen die israelische Bevölkerung abfinden. Die israelische Besatzungspolitik und der Ausbau der Siedlungen müssen enden. Die Schuldigen für die Ermordung der drei israelischen Jugendlichen und den Rachemord an einem palästinensischen Jugendlichen müssen gefunden und vor Gericht gebracht werden. Die Friedensformel für die Region ist ein demokratischer, israelischer Staat, der in Frieden und Sicherheit mit einem lebensfähigen, unabhängigen palästinensischen Staat lebt.

Der Weg zu diesem Ziel wird lang. Der erste Schritt ist eine sofortige Waffenruhe zwischen Israel und den Palästinensern. Dies wird nicht ohne massiven internationalen diplomatischen Druck auf beide Seiten möglich sein. Die internationale Staatengemeinschaft sollte jetzt umgehend den Palästinenserinnen und Palästinensern zubilligen, ihren eigenen Staat als Mitglied der Vereinten Nationen zu organisieren. Dieser Schritt kann aus dem Kreislauf der Gewalt herausführen. Die internationale Gemeinschaft muss  Verantwortung für den Friedensprozess übernehmen und die beiden Staaten dabei begleiten, einen sicheren und souveränen Frieden miteinander zu finden.

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Zum Angriff Israels auf den Schiffskonvoi nach Gaza

Was sonst noch in der Welt passiert

Was soll man dazu eigentlich sagen? Kann man diesen Angriff des israelischen Militärs irgendwie rechtfertigen? Ich glaube nicht. Es ist ein Akt der Barbarei und hat mit dem legitimen Recht auf Selbstverteidigung Israels nichts zu tun. Niemand, der auf diesen Schiffen war, wollte Israel mit Waffen attackieren. Niemand kann bislang beweisen, dass Schusswaffen oder ähnliches an Bord war. Der einzige Aggressor bei dieser Aktion war Israel, das in internationalen Gewässern fremdländische Schiffe kaperte und dabei mindestens neun Menschen tötete und dutzende Menschen verletzte. Und wie viele israelischen Soldaten wurden verletzt?

Warum stellt Israel die gesamte Bevölkerung Gazas unter den Terrorismus-Verdacht? In Gaza leben ungefähr 1,5 Mio. Menschen. Soll das alles Terroristen sein? Es gibt keine völkerrechtliche Legitimation der menschenunwürdigen Gaza-Blockade – oder haben die Palästinenser nicht dieselben Menschenrechte wie alle anderen Menschen. Was gibt Israel das Recht, Medikamente, Baumaterialien oder Lebensmittel nicht nach Gaza durchzulassen? Warum ist Israel nicht bereit, friedlich mit und neben den Palästinensern zu leben?

Wie sollen der Terrorismus und der Hass der wenigen Palästinenser jemals ersticken, wenn Israel nicht die grundlegendsten Menschenrechte der Palästinenser anerkennt? Ich verstehe nicht, wie Holocaust-Opfer so eine unmenschliche Politik betreiben können, die sie selbst, wenn sie gegen Juden angewendet werden würde, niemals akzeptieren können.

Als lesenswert betrachte ich folgenden Bericht Henning Mankells auf einer Pressekonferenz: http://www.jungewelt.de/2010/06-05/010.php

Ich bin bestürzt über diese Aktion Israels und vielleicht möchte auch jemand anders seine Meinung/ Kommentar dazu geben.

Solidarität mit Palästina! Schluss mit der Blockade Gazas!

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