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Ausgrenzung (Teil 2)

Was sonst noch in der Welt passiert

Heute folgt Teil meiner Auseinandersetzung mit sozialer Ausgrenzung und der Unfreiheit liberal-demokratischer Gesellschaften. Heute geht es vor allem um Max Adlers Kritik an der bürgerlich-liberalen Demokratievorstellung.

Max Adlers Kritik der liberalen Demokratie

In „Demokratie und Rätesystem“ versucht Max Adler (Prof. für Sozialphilosophie in Wien, 1873−1937) eine sozialistische Demokratie zu beschreiben und analysiert das liberale Demokratiemodell. Für ihn ist „die bürgerliche Demokratie […] eine große und tragische Weltillusion“ (Adler: 245). Er begründet dies damit, „daß politische Gleichheit und Freiheit bloße Worte ohne Inhalt bleiben müssen, wenn ihnen die wirtschaftliche Gleichheit fehlt“ (ebd.: 246). Einem Arbeiter nützt Freiheit vor politischer Unterdrückung nicht viel, wenn er gleichzeitig in völliger Abhängigkeit von seinem Arbeitgeber arbeiten muss. Er könnte theoretisch gegen Rechtsverletzungen des Unternehmers vor Gericht ziehen, doch auf Grund der großen Vermögensunterschiede und der begrenzten Mittel eines kleinen Arbeiters bleibt dies ein theoretisches Recht. Auch der Rechtsstaat ist nicht kostenlos nutzbar. Für Adler folgt: „unter der bürgerlichen Eigentumsordnung, unter der kapitalistischen Wirtschaftsweise, die ganz notwendig aus sich heraus den Unterschied von reich und arm, von Unternehmer und Arbeiter, von Herr und Diener erzeugt und aufrechterhält, müssen alle Ideen der Demokratie immer wieder als bloßer Trug erweisen, als ein tragischer Selbstbetrug eines Strebens, das wohl das Gute will, doch stets das Böse schafft“ (ebd.: 246f.). Die Welt ist natürlich nicht mehr so übersichtlich, doch die Unterschiede zwischen Vermögenden und Armen existieren immer noch, Unterschiede zwischen den Interessen einiger weniger Großunternehmen und dem Gemeinwohl (siehe Stuttgart 21, siehe Finanzmarkt- und Bankenkrise). Unvorstellbar große Summen, die für die Rettung vorgeblich „systemrelevanter“ Banken oder das Vergraben eines Bahnhofes unter die Erde ohne große Diskussionen im Parlament verplant werden, sind im Bereich der Sozialpolitik oder Umweltschutz ein unbezahlbarer Haufen Geld und eine Erhöhung des Arbeitslosengeldes II muss intensiv durch alle Instanzen bis hin zum Vermittlungsausschusses ausdiskutiert werden.

Demokratie endet für Adler nicht in der Sphäre der Politik, nicht bei politischer Gleichberechtigung und Chancengleichheit. Soziale Demokratie muss auch Wirtschaftsdemokratie und soziale Gleichheit umfassen und Volksherrschaft im wortwörtlichen Sinne heißen. Er kritisiert auch die Verwechslung von Demokratie und dem Mehrheitsprinzip. Entscheidungen der Mehrheit sind nicht allgemein vernünftiger, legitimer als der Gemeinwille (vgl. ebd.: 249-251). Auch sind für ihn Demokratie und Parlamentarismus nicht untrennbar zueinander gehörig, denn „[s]olange die besitzenden Klassen die Majorität im Parlament haben, üben sie durch dieselbe eine Diktatur aus, wie sehr dies auch durch den Schein des Parlamentarismus verhüllt wird“ (ebd.: 252). Abgesehen davon hat der in Deutschland praktizierte Parlamentarismus m. E. auch deshalb ein Demokratiedefizit, weil die Abgeordneten von ihren Fraktionen mehr oder weniger zum Fraktionszwang getrieben werden. Das ist aber auch ein konstitutionelles Problem, weil Exekutive und Legislative so stark verschränkt sind, im Gegensatz z. B. zur Schweiz, wo Exekutive und Legislative sehr unabhängig voneinander sind und die einzelnen Abgeordneten völlig frei über die Gesetzesvorlagen abstimmen.

Leider wird in dem kurzen Auszug nicht näher ausgeführt, wie Adler sich eine optimale Demokratie konkret vorstellt. Doch sollte seine Kritik an der liberalen, repräsentativen Demokratie schon genug Diskussionsstoff auslösen, um die Freiheit in unserer Gesellschaft zu hinterfragen. Wie viel politische Freiheit hat der Bürger in unserem Land? Seine Freiheit beschränkt sich auf Bundesebene, alle vier Jahre die Bundestagsabgeordneten zu wählen oder sich selbst wählen zu lassen. Er darf relativ ungehindert seine Meinung äußern, ohne allerdings „fürchten“ zu müssen, dass sich deshalb zwingend etwas ändert. Der Bürger darf gegen den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan sein, gegen die Verlängerung der Laufzeiten der AKW und für die Einführung einer Vermögenssteuer. Dies ist alles irrelevant, solange die Mehrheit der Abgeordneten in den Parlamenten eine andere Meinung hat und es auf Bundesebene keine Möglichkeiten der Volksinitiative oder Volksentscheide gibt. Auf Länder- und kommunaler Ebene gibt es diese Möglichkeiten, doch sind die Hürden in manchen Ländern sehr hoch. Außerdem betreffen diese Möglichkeiten nur Gesetze von untergeordneter Wichtigkeit, im Gegensatz zur Schweiz, wo gerade die Gesetzesänderungen mit höchster Wichtigkeit obligatorisch dem Volksreferendum unterliegen (vgl. Linder 2007: 110). Stuttgart 21 hat Demokratiedefizite offen gelegt; unsere Demokratie fehlt auch das diskursive Element, fehlt die ergebnisoffene, sachgerechte und am Gemeinwohl orientierte Debatte. Zu oft siegen die Lobbyinteressen von Wenigen über das Interesse der Allgemeinheit.

 

Unvermeidbare und vermeidbare Unfreiheit

Die Ausgangsfrage „Gibt es in unserer Gesellschaft Freiräume?“ kann natürlich nicht kategorisch verneint werden. Selbstverständlich leben die Bürger in Deutschland nicht verknechtet und unterjocht wie zu Kaisers Zeiten das Proletariat. Es hat Fortschritte gegeben: allgemeines Wahlrecht, Einrichtung des Bundesverfassungsgerichts, betriebliche Mitbestimmung. Und es gibt für jeden, der mit den hiesigen Verhältnissen nicht zu Recht kommt und nicht völlig mittellos ist, die „exit“-Option, d.h. er kann auswandern und woanders sein Glück versuchen. Doch erstens ist es woanders mit der Freiheit auch nicht viel anders als hier und zweitens kann Auswandern wohl kaum die Lösung für alle Menschen sein.

Die Antwort auf die Frage lautet, dass es zu wenig Freiräume gibt bzw. das die Freiräume extrem ungleich verteilt sind. Außer durch innergesellschaftliche soziale Kontrolle – dieser Teil der Unfreiheit ist, wie Elias zeigt, in allen Gesellschaften kaum zu vermeiden – büßen die Menschen, vor allem die Arbeitslosen, Geringverdiener, Alleinerziehenden, Asylbewerber etc., sehr viel Freiheit durch die Gesetze der Marktwirtschaft und des Kapitals ein. Wem es an Geld mangelt, dem mangelt es an Freiheit. Denn Geld braucht man, um die lebensnotwendigen Güter zu kaufen, um zum Arzt zu gehen und Medikamente zu kaufen, um seine Kinder zu bilden und zu erziehen usw. Nur wenige Dinge sind umsonst im Kapitalismus. Ein Übermaß an Freiheit besitzen dagegen die Millionäre, Großunternehmer, Manager und dergleichen. Das sollte nach der Aufzählung eben nachvollziehbar sein. Politisch (und dadurch auch ökonomisch) bedingte Unfreiheit ist sehr wohl veränderbar. Welche Schlüsse die Menschen daraus ziehen, bleibt ihnen überlassen. Wichtig wäre in jedem Fall, dass man diese Freiheits-Ungleichheit überhaupt wahrnimmt.

Quellen:

Adler, Max (1983): Demokratie und Rätesystem, in: Mozetič, Gerald (Hrsg.): Austromarxistische Positionen. Wien/Köln/Graz: Böhlau Verlag, S. 244-254.

Elias, Norbert (1990): Etablierte und Außenseiter. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Linder, Wolf (2007): Direkte Demokratie, in: Klöti, Ulrich et. al. (Hrsg.): Handbuch der Schweizer Politik (Manuel de la politique suisse). Verlag Neue Zürcher Zeitung.

 

Leseempfehlungen:

Düperthal, Gitta (2010): Die Behörden spielen mit unserer Gesundheit, in: Junge Welt vom 06.12.2010, URL: http://www.jungewelt.de/2010/12-06/034.php (Stand: 01.03.2011).

Düperthal, Gitta (2011): Behörde in Gifhorn schikaniert Flüchtlinge, in: Junge Welt vom 09.02.2011, URL: http://www.jungewelt.de/2011/02-09/063.php?sstr=asylbewerber (Stand: 01.03.2011).

Wangerin, Claudia (2011): Kostenfaktor Flüchtling, in: Junge Welt vom 08.02.2011, URL: http://www.jungewelt.de/2011/02-08/053.php?sstr=asylbewerber (Stand: 01.03.2011).

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Ausgrenzung aus soziologischer Perspektive

Was sonst noch in der Welt passiert

Der folgende Beitrag ist die nicht lektorisierte und ungekürzte Version eines Artikels, der zuerst auf dem Blog des studentischen Soziologiemagazins zum Thema „FreiRäume“ veröffentlicht wurde. Darin setze ich mich im ersten Teil mit Elias Figurationstheorie und Prozessen der Ausgrenzung auseinander. Der Text ist eine Provokation für alle, die meinen, Deutschland gehe es gut und Armutsprobleme kennen nur die aktuellen Krisenländer. Der zweite Teil inklusive der Quellen, in dem es um eine Kritik des bürgerlich-liberalen Demokratieverständnisses geht, erscheint im Laufe der Woche.

Zur ungleichen Verteilung von Freiheit

FreiRäume – gibt es in unserer Gesellschaft Freiräume? Das ist eine sehr provokante Frage, schließlich meinen wohl die meisten Menschen unserer Gesellschaft, dass wir in einer freiheitlich-demokratischen Grundordnung mit garantierten Menschen- und Bürgerrechten, Rechts- und Sozialstaat leben. Also Freiräume, wohin man schaut, und unbegrenzte Möglichkeiten? Mein Artikel hätte aus meiner Sicht schon Erfolg, wenn der kritische Leser diese Annahme überdenken würde und vielleicht eine andere Sicht auf unsere Gesellschaft entwickelt. Mit Hilfe von Elias
Figurationstheorie und Adlers Kritik der bürgerlichen Demokratie will ich versuchen, diese Frage zu beantworten. Sie führt mich zu einer sehr grundsätzlichen Problematik einer Gesellschaft: dem Verhältnis von Individuum und Gesellschaft oder, anders gesagt, um die Freiheit des Individuums in unserer demokratischen Gesellschaft.

Norbert Elias, deutscher Soziologe und einer der Klassiker der Soziologie, beschäftigte sich zeitlebens mit solchen Fragen. Die Begriffe Gesellschaft und Individuum, Zivilisation und Figuration sind eng mit ihm verbunden. Gleichwohl habe ich das Gefühl, dass Elias noch immer als Außenseiter behandelt wird und seine Erkenntnisse in der zeitgenössischen Sozialwissenschaft eine untergeordnete Rolle spielen. Noch immer, weil Elias schon zu Lebzeiten Schwierigkeiten hatte, als Wissenschaftler Anerkennung zu finden. Elias war jüdischer Abstammung, sehr klein gewachsen, homosexuell, kränklich und konnte nur schlecht sehen. Als er nach Deutschland kam (wurde in Breslau geboren), wurde er auch noch Migrant, sodass er viele Außenseitermerkmale in sich vereinigte. Das hinderte ihn zwar
nicht zu promovieren und zu habilitieren (Habilitationsschrift: „Die höfische Gesellschaft“), doch 1933 musste er vor der Nazi-Herrschaft fliehen und stand im Exil wieder vor einer schwierigen Existenz. Das soll hier aber nicht Thema
sein.

Elias Figurationstheorie

Es kann nicht überraschen, dass Fragen von Ausgrenzung und Integration eines seiner wichtigsten Forschungsthemen wurde. Elias schrieb dazu einen Band, der „Etablierte und Außenseiter“ heißt und Ergebnis einer zwischen 1958 bis 1960 durchgeführten Gemeindestudie in Mittelengland, wo er nach der Flucht aus Deutschland lebte, war. Hier entwickelt er auch seine Figurationstheorie bzw. die „Theorie von Etablierten-Außenseiter-Beziehungen“ (Elias 1990: 7ff.). Grundsätzlich distanziert sich Elias sowohl von der Makrosoziologie und holistischen Theorien, die gesellschaftliches Handeln als unabhängig von Individuen betrachten, als auch von mikrosoziologischen und atomistischen Theorien, die das soziale Handeln allein auf individueller Ebene betrachten  (vgl. ebd.: 261f.). Sein besonderer Ansatz ist, dass er von der Mesoebene ausgeht und damit die Beziehungen zwischen Gruppen von Menschen erklären will.

Elias meint, dass alle Individuen in interdependenten Beziehungen leben. Jede dieser Beziehungen ist eine Etablierten-Außenseiter-Beziehung. Das bedeutet, es gibt eine etablierte Gruppe, die sich selbst bessere Eigenschaften zuschreibt und als etwas Besseres ansieht, und eine Außenseitergruppe, die von den Etablierten ausgegrenzt wird und sich in ihr Schicksal scheinbar fügt. Wie entstehen diese Gruppen? Elias sagt, die Gruppenunterschiede beruhen auf Machtdifferentialen (vgl. ebd.: 11). In Winston Parva, was der fiktive Name der untersuchten Gemeinde ist, beruhten die Machtunterschiede aber nicht wie in anderen soziologischen Untersuchungen seiner Zeit auf Klassen-, Rassen- oder Nationalitätenunterschieden, sondern allein auf der unterschiedlichen Wohndauer der beiden Guppen. Winston Parva besteht aus drei „Zonen“: Zone 1 wird als typische Mittelklassesiedlung bezeichnet; Zone 2 ist das alte „Dorf“ und genau wie Zone 3 eine Arbeitersiedlung. Zone 3 entstand viel später als die beiden anderen Zonen und
wurde während des Zweiten Weltkriegs von Flüchtlingen aus London und anderen Gebieten Großbritanniens bewohnt (vgl. ebd.: 63).

Was Elias nun beobachtet, ist eine systematische Ausgrenzung der Bewohner von Zone 3 vom sozialen Leben. In sämtlichen lokalen Vereinigungen, vom Gemeinderat bis zum Altenclub, wurden Führungspositionen nur an die alteingesessenen Familien verteilt und ihre Mitglieder stammten fast ausschließlich aus Zone 1 und 2.  Beim Klatsch und Tratsch wurde abfällig über die Neuankömmlinge gesprochen (vgl. ebd.: 166-186). Anfänglich gab es tatsächlich ein paar so genannte „Problemfamilien“, die sehr kinderreich waren und deren Kinder kriminell wurden. Aber ansonsten konnte Elias kein abweichendes Verhalten bei diesen Bewohnern beobachten, die eine Ausgrenzung rational erklärbar machten. Die Etablierten haben von den wenigen schlechten Bewohnern auf die ganze Gruppe von
Zone 3 geschlossen und alle Gruppenmitglieder stigmatisiert, selbst als die Problemfamilien weggezogen waren.

So entwickelte sich eine Machtüberlegenheit der Etablierten, die deshalb solange fortbestehen konnte, weil die Gruppe der Etablierten eine größere soziale Kohäsion aufwies. Die alteingesessenen Familien kannten sich seit zwei Generationen und haben in dieser Zeit einen gemeinsam geteilten Wertekanon entwickelt, den sie durch großen gruppeninternen Druck durchsetzen konnten. An diesem Wertekanon maßen sie auch die neuen Bewohner. Da diese die Werte und Normen der Etablierten nicht kannten und so lebten, wie sie es aus ihrer alten Heimat kannten, kam es
zu der bereits beschriebenen Stigmatisierung und Ausgrenzung (vgl. ebd.: 16-19).

Integration konnte nicht stattfinden, da jeder Bewohner der etablierten Zonen bei einer privaten Kontaktaufnahme mit einem Bewohner der „Rattengasse“, wie Zone 3 verächtlich von den Alteingesessenen genannt wurde (ebd.: 79), fürchten musste, vom Dorfklatsch schlecht gemacht zu werden und an Ansehen zu verlieren. Paradox an der Situation war, dass diese spannungsreiche Beziehung nur im Privatbereich existierte. In den Fabriken arbeiteten die Menschen völlig normal zusammen, ohne das die Statusunterschiede, die außerhalb der Fabriken ausgelebt wurden, eine Rolle spielten. Dieses Paradoxon zu analysieren, versäumte Elias, was nicht der einzige methodische Mangel dieser Studie war.

Im Kapitel „Ein theoretischer Schluss“ sagt Elias dann etwas über die Freiheit, was sehr interessant für das eigentliche Thema dieses Artikels ist: es gäbe den „Wunsch […] sich selbst und andere davon zu überzeugen, daß ein Individuum ‚im Grunde’ frei sei. […] Aber man mag wüschen, was man will: wenn man sich einfach die verfügbaren Belege ansieht, bleibt einem nur der Schluß, daß Figurationen die Reichweite individueller Entscheidungen beschränken und in vieler Hinsicht eine zwingende Kraft haben […]“ (ebd.: 267).

Wo sind denn die Freiräume der Menschen in Winston Parva? Die Menschen selbst schränken ihre Freiheit ein, indem sie einen sozialen Druck aufbauen, der Freundschaften oder enge Beziehungen außerhalb der alteingesessenen Familiennetzwerke verhindern. Unvorstellbar war eine Lebenspartnerschaft zwischen Kindern von einer etablierten und einer Außenseiterfamilie. Somit war natürlich auch die Handlungsfreiheit der Flüchtlinge aus London und der anderen „Außenseiter“ begrenzt. Ihnen wurde die Freiheit der politischen und sozialen Teilhabe verwehrt, obwohl sie verfassungsgemäß natürlich über die gleichen Rechte verfügten wie die Alteingesessenen. Sie konnten nur eingeschränkt über ihre Freizeitaktivitäten entscheiden, da sie als Arbeiter auch nicht über die finanziellen Mittel verfügten, in die nächste große Stadt zu fahren und dort teure Angebote zu nutzen.

Gesellschaftlich bedingte Beschränkungen

So kann man sehen, dass auch in freiheitlich konstituierten Gesellschaften wie Großbritannien keine unbegrenzten Freiheiten bestehen. Das Leben in der Gesellschaft bringt es laut Elias mit sich, dass wir in interdependenten
Beziehungen mit anderen Menschen leben, sei es in der Familie, bei der Arbeit oder in Freundeskreisen. Man begibt sich in (teils freiwillig gewählte) Abhängigkeiten und richtet sein eigenes Leben nach anderen aus. Natürlich gibt
es trotzdem gewisse Freiräume, z.B. bei der Berufswahl oder der Partnerwahl. Doch dürfen die Einschränkungen durch gesellschaftliche Normen nicht vergessen werden. Was Elias völlig vernachlässigt und mein größter Kritikpunkt an ihm ist, dass er seine Theorie allein auf Basis der besonderen Konstellation in Winston Parva herleitet, wo keine großen sozialen Unterschiede zwischen den Gruppen hinsichtlich Schicht- oder Rassenzugehörigkeit etc. bestanden. Wenn wir die Freiräume von Migranten, Homosexuellen, Menschen aus der Schicht des Prekariats und andere
sozial benachteiligten Gruppen anschauen, dann kann man bei einem objektiven Blick riesige Abgründe entdecken. Die Situation von Asylbewerbern in den Lagern und Heimen ist teils unmenschlich; ständige Angst vor der Abschiebung in mehrjährigen Verfahren mit nur befristeten Aufenthaltserlaubnissen – man wundert sich, dass man ab und zu in den Zeitungen von Kindern aus solchen Familien liest, die trotz widrigster Bedingungen Abitur machen und sich voll integrieren können. Auch bei der Gleichstellung von hetero- und homosexuellen Partnerschaften gibt es trotz aller Fortschritte noch immer rechtliche und gesellschaftliche Unterschiede. Menschen, die auf Leistungen nach dem SGB II (Hartz IV) angewiesen sind, haben de facto nicht die gleichen Freiheiten wie normal beschäftigte Erwerbstätige. Sie müssen ständig für die Behörden erreichbar sein, d.h. sie müssen sich für Urlaubsreisen bei der Arbeitsagentur abmelden. Sie können nicht frei wählen, welche Jobangebote sie annehmen, sonst drohen ihnen Sanktionen bis hin zum völligen Streichen des soziokulturellen Existenzminimums. Das ganze Sanktionsregime von Hartz IV darzustellen, würde den Platz dieses Artikels sprengen – kurz gesagt ist es unbegreiflich, wie sich Deutsch-land (freiheitlicher) Sozialstaat nennen kann, wenn es möglich ist, mittellosen Menschen das ihnen grundgesetzlich zustehende Existenzminimum wegen bestimmter Tatbestände vollständig zu verweigern. Diese Menschen wären ohne zivilgesellschaftliches Engagement und Einrichtungen wie der Tafel und Kleiderkammern dem Hunger ausgesetzt.

Im folgenden Teil will ich noch näher beleuchten, wie in unserer Gesellschaft nicht nur sozial, sondern auch politisch die Freiräume der Menschen beschränkt werden. Dazu möchte ich exemplarisch einen Text des österreichischen Austromarxisten Max Adler vorstellen, der sich mit demokratietheoretischen Fragen beschäftigt und die Unterschiede zwischen bürgerlicher (liberaler) und sozialistischer Demokratie benennt.

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Lese-Tipp 1

Was sonst noch in der Welt passiert

Allen Soziologen und sonstigen Sozialwissenschaftlern, die sich mit dem Problem der Ausgrenzung von Menschen aus der Gesellschaft bzw. mit Problemen der Integration oder Inklusion beschäftigen, möchte ich einen Artikel aus der Jungen Welt vom Samstag nahelegen, in dem man ein gutes Beispiel für Ausgrenzungsmechanismen in der (kapitalistischen) Gesellschaft findet:

„Doof – weil arm“, http://www.jungewelt.de/2011/05-07/005.php

 

Der Artikel stammt von Ulrike Meinhof aus einer Zeit, als sie noch „bürgerliche“ Journalistin gewesen ist. Bekannt wird sie vielen als Mitglied der RAF sein. Doch nur weil sie später zu einer Terroristin „mutierte“, darf es kein Tabu im Umgang mit ihren früheren Schriften geben. Hier geht es um den Umgang mit lern- oder anders behinderten Kindern sowie deren Stigmatisierung und Ausgrenzung. Die Junge Welt möchte in den nächsten Wochen mehrere ihrer Analysen abdrucken, die Zeugnis von der Gesellschaft der BRD in den 60er liefern. Sie können helfen, heutige Probleme unser Gesellschaft der Ausgrenzung zu analysieren und zu beschreiben.

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Das Auto soziologisch betrachtet bzw. den Auto-Fetisch entzaubert

Was sonst noch in der Welt passiert

Allen, die das Auto als Umweltsünde Nummer Eins betrachten oder die Autofahrer als unsympathischste Menschengruppe verdammen, seien auf diesen Vorabdruck von „Totalschaden. Das Autohasserbuch“ von Klaus Gietinger verwiesen. Oder ihr guckt euch erstmal Menschen bei Maischberger (nächsten Dienstag, 22.45 Uhr) an, da wird das Buch auch vorgestellt.

Worum geht es? Aus dem Vorabdruck in der Jungen Welt wird die These erkennbar, dass unsere Mobilitätsgewinne durch das Auto, die doch in so unzähligen Werbebotschaften suggeriert werden, schlicht nicht vorhanden sind. Kein Mensch ist heutzutage mobiler, nur weil er Auto fährt. Zwar fahren die Pkw heute um ein vielfaches schneller und weiter, aber Mobilität wird so nicht gewonnen. Die Deutschen sind seit Jahrzehnten konstant 70 bis 75 Minuten pro Tag unterwegs (Pro-Kopf-Reisezeitbudget). Wie oft sind Deutsche unterwegs? Auch seit Jahren konstant: ungefähr 3,5 Wege erledigen wir pro Tag im Schnitt. Zitat: „Wenn wir uns aber immer gleichviel Zeit nehmen und immer gleichviele Wege fahren, haben sich nur zwei Dinge verändert: Wir fahren nicht nur schneller, sondern auch weiter.“ (Junge Welt vom 9.April, S. 10) Die damit befriedigten Bedürfnisse, Einkauf, Arbeit, Urlaub etc. bleiben aber in etwa gleich! Was ist dann der Sinn des immer schneller und weiter mit dem Auto? Nach Ansicht des Autors der Fetisch Mobilität bzw. der Auto-Fetisch einer „Pkw-Gesellschaft“ – „Nicht der Weg ist hier das Ziel, sondern der Spaß beim Überwinden des Weges.“ (ebd.) Nur deswegen werden die Autos immer schneller und PS-stärker, wodurch der Spritverbrauch der modernen Pkw im Schnitt auch kaum zurückgeht. Es folgen dann eine Aufzählung von Nachteilen, die das Auto als Mobilitätsbringer so an sich hat.

Ich möchte noch auf den „gigantische[n] Flächenverbrauch“ der Autos zu sprechen kommen. Autos stehen 97 % der Zeit, die sie existieren, nur dumm herum. In dieser Zeit nehmen sie Unmengen an Parkplätzen und damit kommunalen Flächen zumeist kostenlos in Anspruch. Bereits 1965 hätten alle Frankfurter (Main), die in der Innenstadt arbeiten und mit einem Auto gekommen wären, für ihre Parkplätze eine Fläche so groß wie die gesamte Frankfurter Innenstadt benötigt. Gott sei Dank nutzen viele Menschen auch heute noch die eigenen Füße, ein Fahrrad oder den ÖPNV (Bus, Straßenbahn usw.). Man sollte auch mal an die gewaltigen Flächen denken, die für Autobahnen, Landstraßen und Stadtverkehr verbraucht werden. „In einer Stadt mit Tempo 50 km/h passen damit grade ml gut 60 Smarts auf einen Kilometer Fahrbahn [wegen Bremsweg!].“ (ebd., S.11).

Mein Schluss ist: wir müssen mehr in den Schienenverkehr investieren und alle Menschen müssen sich fragen, ob sie zum Einkaufen und in den Urlaub fahren das Auto brauchen. Und die Politiker müssten sich mal überlegen, ob es sich aus umweltpolitischer Sicht nicht mehr lohnen würde, stärker in den ÖPNV zu investieren statt jedes Jahr an den maroden Straßen für Pkw zu reparieren und noch mehr Autobahnen zu bauen. Vielleicht hilft ja die Lektüre dieses Buches:

Klaus Gietinger: Totalschaden – Das Autohasserbuch (unter Mitarbeit von Markus Schmidt). Westend Verlag, Frankfurt/Main 2010, 224 Seiten, 16,95 Euro (ISBN 978-3-9380)

Quelle:

http://www.jungewelt.de/2010/04-09/021.php

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