Warum öffentliche Dienstleistungen so teuer erscheinen

Ständig hört man Politiker, Verbände und Medienvertreter, die sich darüber beschweren, dass die Kosten öffentlicher Dienstleistungssysteme (insb. Gesundheitssystem, aber auch Polizei, Bildung etc.) explodieren. Die typische Schlussfolgerung: entweder privatisieren oder zumindest „effizienter machen“, sprich: Mittel kürzen. Dabei ist die Erklärung dieses Phänomens schon lange bekannt und hat nichts damit zu tun, dass die betreffenden Dienstleistungen vom Staat angeboten werden. Gestatten: die Baumol’sche Kostenkrankheit.

Bereits 1967 wies der bekannte Ökonom William Baumol auf einen Mechanismus hin, der inzwischen als die Baumol’sche Kostenkrankheit bekannt ist. Seine Überlegung: Die meisten Dienstleistungen sind recht arbeitsintensiv. Ja, ihre Qualität hängt oft von ihrer Arbeitsintensität ab – man kann die Qualität der Bildung oder der Gesundheitsversorgung kaum aufrechterhalten, wenn man zwecks Steigerung der Arbeitsproduktivität und Effizienz Schulklassen vergrößert oder Ärzte mehr Patienten pro Zeiteinheit untersuchen lässt. Die relativ niedrige Produktivität von Dienstleistungen gehört also sozusagen zu ihrem Wesen.

Nun führt dies zu einem (scheinbaren) Problem, denn es bedeutet, dass der Dienstleistungssektor systematisch ein niedrigeres Produktivitätswachstum aufweist als andere Sektoren. Produktivität wird als das Verhältnis der Menge an Inputs zur Outputmenge gemessen – und bei Dienstleistungen ist Arbeit nun mal der wichtigste Input. Dies bedeutet allerdings nicht, dass die Produktivität im Dienstleistungssektor gar nicht wächst – doch wächst sie in aller Regel langsamer als in anderen Sektoren. Dies bedeutet, dass ein Arzt oder Lehrer über die Zeit betrachtet relativ zu anderen Berufen immer unproduktiver wird. Und da Gehälter und Löhne der Idee nach die Produktivität widerspiegeln sollten, müsste dies dazu führen, dass Lehrer und Ärzte relativ immer ärmer würden. Da die von ihnen erbrachten und viele andere Dienstleistungen jedoch essentiell sind, d. h. die Nachfrage nach ihnen relativ konstant und preisunelastisch ist (=sie sinkt nur schwach bei Preisanstiegen), muss Lehrern, Ärzten und anderen ein Einkommen angeboten werden, das in seinem Wachstum mit anderen Einkommen mithält. Sonst würden sich die potentiellen Ärzte und Lehrer andere Jobs suchen. Nicht alle natürlich, aber zumindest der weniger intrinsisch motivierte Teil von ihnen. Um die Qualität des Dienstleistungssektors aufrechtzuerhalten, muss man die dort verrichtete Arbeit also stärker entlohnen, als ihre Produktivität es diktieren würde. Und dies bedeutet im Umkehrschluss, dass die betreffenden Dienstleistungen relativ immer teurer werden – der Anteil der Ausgaben fürs Gesundheits-, Bildungssystem oder für die Polizei an den Gesamtausgaben der Gesellschaft steigt. Zwangsläufig. Und das unabhängig davon, ob diese Dienstleistungen vom Staat oder privat erbracht werden, denn der Grund für die Baumol’sche Kostenkrankheit ist die Natur von Dienstleistungen, nicht die Art ihrer Finanzierung.

Was lässt sich aus all dem schlussfolgern? Erstens, relativ steigende Kosten von Dienstleistungen sind weitgehend unvermeidlich. Zweitens, dies bedeutet nicht, dass sie absolut betrachtet immer teurer werden, d. h., dass wir sie uns irgendwann nicht mehr werden leisten können. Sie erscheinen uns lediglich immer teurer, weil andere Güter relativ immer günstiger werden. Solange ihre Produktivität nicht zurückgeht, brauchen wir uns keine Sorgen um sie zu machen. Drittens, Behauptungen, dass der Staat an Ineffizienzen und der geringen Produktivität im Sektor öffentlicher Dienstleistungen schuld sei, trifft den Kern des Problems nicht; Privatisierung ist demzufolge keine Lösung.

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