Adieu, Mitteldeutsche Zeitung!

Innenpolitik

Ich muss zugeben, die Mitteldeutsche Zeitung bislang eher sporadisch gelesen zu haben. Aber ab sofort werde ich sie am Kiosk meines Vertrauens geflissentlich und bewusst √ľbersehen. Grund: seit einigen Wochen kooperieren die Zeitungen von DuMont Schauberg – mit dem Resultat, dass die gleichen Artikel in unterschiedlichen Zeitungen ver√∂ffentlicht werden.

Zuerst war ich noch verwundert, einen Artikel des von mir hochgesch√§tzten Christian Bommarius von der Berliner Zeitung (die ich seit langer Zeit im Abonnement lese) in der Mitteldeutschen Zeitung zu finden. Na gut, dachte ich mir, so ein Wechsel ist f√ľr Journalisten ja nicht selten. Als dann jedoch mehr und mehr Autorennamen von der Berliner Zeitung in der Mitteldeutschen auftauchten, ging mir ein Licht auf: da muss ein System dahinter stecken! Und eine schnelle Recherche brachte es an den Tag: beide Zeitungen geh√∂ren zum Verlagshaus DuMont Schauberg, ebenso die Frankfurter Rundschau und der K√∂lner Stadt-Anzeiger. Auch dort k√∂nnte man, vermute ich mal, die gleichen Artikel wie in der Berliner und der MZ lesen. √Ąhnliches praktiziert √ľbrigens der Axel-Springer-Verlag mit seinen Zeitungen Die WELT und Berliner Morgenpost bereits seit mehreren Monaten.

Nun könnte man argumentieren, dass man die MZ immer noch wegen der Lokalnachrichten lesen kann, aber die verschaffe ich mir jetzt anderswo.:(

Eine √úbersicht aller ¬†Zeitungen von DuMont Schauberg gibt es √ľbrigens hier:

http://www.dumont.de/dumont/de/100037/medien

Und auch der Journalist und Blogger Stefan Niggemeier hat k√ľrzlich entdeckt, wie schamlos der gleiche Artikel in unterschiedlichen Zeitungen bzw. Online-Portalen wieder zu finden ist. Lesen Sie seinen Blog-Eintrag mit der √úberschrift „Eine Umverpackungsindustrie“ hier:

http://www.stefan-niggemeier.de/blog/eine-umverpackungsindustrie/

4 Antworten

4 Antworten

  1. Ich selber bin kein Abonnent der MZ, wei√ü aber aus dem Verwandtenkreis, dass es durchaus auch positiv Effekte der Rumpfredaktionen gibt. So werden √ľberregionale Teile in den regionalen Tageszeitungen einfach besser, weil sie von besseren Journalisten stammen. Wenn Christian Bommarius nun auch in der MZ zu lesen ist, ist das ja vorerst kein wirklich schlechter Umstand. Immerhin werden die wenigsten Menschen in die Verlegenheit kommen, t√§glich Zugang zu mehr als einem Blatt der DuMont Schauberg zu haben.
    Etwas ernster ist das Ganze nat√ľrlich vor dem Hintergrund, dass die Zusammenlegung und Konzentrierung von Redaktionen keine Qualit√§tsoffensive ist, sondern eine Sparma√ünahme. Wie berechtigt die Klagen der Verleger im Bezug auf die aktuelle Marktlage sind, l√§sst sich nicht genau sagen. Ich glaube aber, dass man davon ausgehen kann, dass die Printindustrie in einer Krise ist und die Zeitungslandschaft, so wie sie war, also mit zahlreichen regionalen Redaktionen, nicht mehr aufrecht zu erhalten ist. Einen Beitrag dazu leistet auch der Online-Journalismus.

  2. Michael Kolkmann

    Lieber Herr Lukas, vielen Dank f√ľr Ihren Beitrag. Ich wohne nun mal in Berlin und arbeite in Halle, da komme ich zwangsl√§ufig mit beiden Zeitungen in Kontakt.;) Aber die Regel ist es sicher nicht, da haben Sie recht. Der SPIEGEL hat sich √ľbrigens vor einigen Monaten mit diesem Ph√§nomen befasst. Sie finden den lesenswerten Artikel hier: http://wissen.spiegel.de/wissen/image/show.html?did=68073982&aref=image040/2009/12/05/ROSP200905001060108.PDF&thumb=false

  3. Sehr interessanter Beitrag!

    Warum soll ich aber auch die MZ noch bestellen und bezahlen, wenn ich die meisten Artikel auch umsonst lesen kann. Es wurde von allen gro√üen deutschen Verlagsh√§usern bisher verpasst, eine Strategie zu entwickeln, die wieder wertvollen Journalismus erm√∂glicht. Sehr viele Menschen sind bereit, Geld f√ľr gute und informative Nachrichten zu zahlen. Durch Sparma√ünahmen leidet die Qualit√§t der Beitr√§ge, die Werbung ist unangemessen hoch und der Leser der kauft und zahlt, finanziert das kostenlose Online Angebot mit. Es m√ľssen mehr Exklusive Zug√§nge f√ľr bereits bestehende Kunden geschaffen werden. Aber da sind die Strukturen wohl doch zu fest gefahren. Sicherlich sind einige Internetforen, die sich √ľber Werbung und Spenden finanzieren, ganz gut um ein paar regionale Infos zu bekommen. Aber es kann doch niemand behaupten, schonmal im Halleforum einen Artikel gelesen zu haben, der √ľber BILD-Qualit√§t, Inhalt und Textl√§nge hinausgeht. Wenn man wissen will, wann sich Fahrpl√§ne √§ndern, man die M√ľllverordnung nachlesen will oder nur verfeindeten Usern zuschauen will, ist sowas gut. F√ľr Information ist es eigentlich nicht weiter erw√§hnenswert. Um wieder zur MZ zu kommen: Ziel muss es sein so kompakt wie die Welt, so kritisch wie die Frankfurter Rundschau (Matthias Thieme mit seinen Recherchen zu den gechassten Steuerfahndern, die mittlerweile einen Untersuchungsauschuss besch√§ftigen http://www.fr-online.de/steuerfahnder/) und so werbe-unabh√§ngig wie die TAZ.
    Die Pressefreiheit ist durch das Internet noch schwieriger zu verteidigen, aber mit mehr Möglichkeiten dies zu tun.

    J.W.

  4. Dass verschiedene Redaktionen eines Eigent√ľmers koperieren ist nichts Neues und wahrlich kein Geheimnis.
    Insbesondere f√ľr die Lokal- und Regionalzeitungen im Osten Deutschlands ist es in Teilen die einzige M√∂glichkeit zu √ľberleben. Die Zahl der Print-Abonnenten sinkt dramatisch, die Leserschaft liegt h√§ufig √ľber dem Altersschnitt der Bev√∂lkerung vor Ort. F√ľr junge Leute ist es auch in der Tat reizvoller und v.a. einfacher und billiger die Nachrichten kostenlos aus dem Internet zu sammeln. Die Verlage haben es also nicht nur vers√§umt eine gewinnbringende Alternative im Internet zu schaffen, sondern auch die tats√§chlich vorhandenen Vorteile einer Print-Ausgabe zu vermitteln!
    Dass diese Medienkonzentration f√ľr „Absender“ einer Nachricht durchaus Vorteile haben kann, ist verschiedentlich besprochen worden. Gute Pressemitteilungen finden bei einer personell schwach besetzten Redaktion viel eher Eingang in das End-Produkt Zeitung. F√ľr den gemeinn√ľtzigen Verein vor Ort eine super Sache, wenn sich professionelle PR-Arbeiter darin wiederfinden, d√ľrfte der Widerwillen in der Bev√∂lkerung deutlich werden.
    Diese Crux zeigt: Ich kann nicht von Medien- und Pressefreiheit reden, ohne den Zeitungen einzugestehen, damit auch Geld zu verdienen!
    Genau das ist der Grund f√ľr die Zusammenlegung von Redaktionen!

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