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12. Mrz 2019

Lektüren: „Rheinblick“ von Brigitte Glaser

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Es muss nicht immer Fachlektüre sein: gerade in der vorlesungsfreien Zeit empfiehlt es sich, mal über den politikwissenschaftlichen Tellerrand hinauszuschauen und etwas zu lesen, das gleichermaßen spannend und politisch ist. Vor wenigen Tagen ist unter dem Titel „Rheinblick“ der neue Roman von Brigitte Glaser erschienen – ein Buch, das ich schon lange vorher vorbestellt hatte, da mir ihr Erstling, „Bühlerhöhe“, über einen Attentatsversuch auf Bundeskanzler Konrad Adenauer, sehr gut gefallen hatte. Ihr neuer Roman spielt im politischen Bonn der frühen siebziger Jahre, genauer: in den Tagen nach der Bundestagswahl 1972. Der Wahlausgang war ein großer persönlicher Triumph für Bundeskanzler Willy Brandt: nach dem überstandenen konstruktiven Misstrauensvotum fuhr die SPD unter Brandts Führung das bis dahin beste Ergebnis für die SPD bei einer Bundestagswahl ein. Bei den anschließend beginnenden Koalitionsverhandlungen fällt Brandt jedoch aus, da er in der Wahlnacht seine Stimme verliert und sich zu einem Krankenhausaufenthalt genötigt sieht. In „Rheinblick“ nun stehen zwei Personen im Mittelpunkt: Hilde Kessel betreibt das Lokal gleichen Namens, in dem Politiker und Journalisten ein und ausgehen. Hier ist der Ort, an dem Gerüchte, Klatsch und Tratsch ausgetauscht werden. Hier treffen junge aufstrebende Bundestagsabgeordnete auf alte (parlamentarische) Hasen, fun fact: in einer Nebenrolle taucht auch ein soeben erstmals in den Bundestag gewählter Abgeordneter namens Wolfgang Schäuble auf… Die zweite Hauptrolle spielt die junge Sonja, ihres Zeichens Logopädin im örtlichen Krankenhaus auf dem Venusberg und mit der Aufgabe befasst, Willy Brandt seine Stimme wiederzugeben. Natürlich hängt im Verkaufe des Romans alles mit allem zusammen, und wie Brigitte Glaser die einzelnen Erzählstränge miteinander verwebt – das ist schon große Kunst. Als für Politikwissenschaftler/innen besonders interessant erweist sich dabei alles, was rund um die erwähnten Koalitionsverhandlungen stattfindet: wie Brandt als politischer Akteur ausfällt; wie Helmut Schmidt versucht, in dessen Abwesenheit mit Hilfe von Herbert Wehner seine Vorstellungen durchzusetzen; wie Kanzleramtschef Horst Ehmke zu intervenieren versucht; wie sich Politiker aus der zweiten und dritten Reihe berufliche Hoffnungen machen, nur um am Ende bitter enttäuscht zu werden; schließlich ein Erzählstrang, der an einen Krimi erinnert (mehr wird an dieser Stelle nicht verraten!) – das alles macht das Buch zu einem sehr kurzweiligen Lesevergnügen. Fazit: unbedingte Leseempfehlung!
Details zum Buch gibt es hier.

Über Michael Kolkmann

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