{"id":59,"date":"2011-05-24T15:19:12","date_gmt":"2011-05-24T13:19:12","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/alteberufe\/?p=59"},"modified":"2011-05-24T15:22:10","modified_gmt":"2011-05-24T13:22:10","slug":"kniestreicher","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/alteberufe\/2011\/05\/kniestreicher\/","title":{"rendered":"Kniestreicher"},"content":{"rendered":"<p>Der Kniestreicher, gefunden in der in L\u00fcbeck im Selbstverlag erschienen Sammlung von Berufsbezeichnungen des Lehrers und Genealogen Heinrich Gerholz, ist nun wahrlich ein Beruf, der vielf\u00e4ltige Assoziationen und Bilder in mir hervorruft. Allerdings bleibe ich als Fr\u00fchneuzeithistorikerin nat\u00fcrlich realistisch: Das sich damit genauso wenig ein emotional besetzter Beruf der aufkommenden Dienstleistungsgesellschaft verbindet wie beim S\u00fc\u00dfholzraspler, liegt nat\u00fcrlich auf der Hand. Letzterer raspelte oft genug v\u00f6llig unromantisch im Armenhaus eben nur das gleichnamige s\u00fc\u00dfstoffhaltige Gew\u00e4chs, statt liebliche W\u00f6rter zu fl\u00fcstern.<\/p>\n<p>Wenn jedoch der Kniestreicher nicht seine Profession darin fand, anderen Leuten z\u00e4rtlich \u00fcber das Bein zu streicheln, womit also verbrachte er also seinen Arbeitsalltag? Verwerfen d\u00fcrfen wir schnell eine Analogie auf jede Art von Chirurg oder Bader, die sich auf die Behandlung des Knies spezialisierten. Die fr\u00fchneuzeitlichen Behandlungsmethoden d\u00fcrften zudem eher als T\u00e4tigkeit eines Knochenbrechers denn als -streichler zu klassifizieren sein. Um nicht weiter wild herumzuraten, greifen wir wieder nach unseren im Praxistest so gut bew\u00e4hrten Enzyklop\u00e4dien und Lexika des 18. und 19. Jahrhunderts:<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich: Sowohl Adelung, Grimm wie auch Kr\u00fcnitz kennen den Kniestreicher (alle sorgf\u00e4ltig voneinander abschreibend): Adelung f\u00fchrt durchaus hingebungsvoll aus, es handele sich dabei um sehr filigrane Kard\u00e4tschen im D\u00e4nischen als &#8222;Kn\u00e4karte&#8220; bezeichnet, mit &#8222;subtilsten&#8220; H\u00e4kchen versehen, die auf keiner Kr\u00e4mpelbank Platz fanden und daher auf dem Knie befestigt wurden. So richtig weiter hilft das auch noch nicht, gibt aber wenigstens die Richtung vor, da Adelung, Grimm, Kr\u00fcnitz &amp; Konsorten den damit in Verbindung stehenden Berufszweig verraten, der diesen geheimnisumwobenen Apparat nutzte: Die Wollk\u00e4mmer.<\/p>\n<p>Diese bereiteten die Wolle zum Spinnen vor, indem die Rohwolle zwischen zwei K\u00e4mmen mit st\u00e4hlernen Zinken vorbereitet wurde. Erst mit der Erfindung der maschinellen K\u00e4mmerei am Ende des 18. Jahrhunderts verlor der Beruf ganz allm\u00e4hlich an Bedeutung. Besondere Anerkennung erfuhren die Wollk\u00e4mmerer nicht. Das meist nichtz\u00fcnftige Gewerbe fand seine Aus\u00fcbung oft in Zucht- und Arbeitsh\u00e4usern. Aus dieser Perspektive ist es schon fast fragw\u00fcrdig, warum ausgerechnet der &#8222;S\u00fc\u00dfholzsraspler&#8220; wie auch der &#8222;Kniestreicher&#8220; uns heute auf den ersten Blick zwei eher positiv konnotierte\u00a0Motive nahelegen.<\/p>\n<p><strong>Quellen:<\/strong><\/p>\n<p>Gerholz-Kartei. Eine Sammlung alter Berufsbezeichnungen, L\u00fcbeck 2005, S. 164.<br \/>\nPierer&#8217;s Universal-Lexikon, Bd. 19, Altenburg 1865, S. 343-344 [http:\/\/www.zeno.org\/nid\/20011304715].<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Kniestreicher, gefunden in der in L\u00fcbeck im Selbstverlag erschienen Sammlung von Berufsbezeichnungen des Lehrers und Genealogen Heinrich Gerholz, ist nun wahrlich ein Beruf, der vielf\u00e4ltige Assoziationen und Bilder in mir hervorruft. 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