{"id":301,"date":"2019-07-02T18:02:28","date_gmt":"2019-07-02T16:02:28","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/bosnienfahrt2019\/?p=301"},"modified":"2019-07-04T17:14:08","modified_gmt":"2019-07-04T15:14:08","slug":"medien-in-bosnien-und-herzegovina-ein-interview-mit-boro-kontic","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/bosnienfahrt2019\/2019\/07\/medien-in-bosnien-und-herzegovina-ein-interview-mit-boro-kontic\/","title":{"rendered":"Hellen: Medien in Bosnien und Herzegovina. Ein Interview mit Boro Konti\u0107."},"content":{"rendered":"\t\t<div data-elementor-type=\"wp-post\" data-elementor-id=\"301\" class=\"elementor elementor-301\" data-elementor-settings=\"[]\">\n\t\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-inner\">\n\t\t\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-section-wrap\">\n\t\t\t\t\t\t\t<section class=\"elementor-section elementor-top-section elementor-element elementor-element-25b03c3 elementor-section-boxed elementor-section-height-default elementor-section-height-default\" data-id=\"25b03c3\" data-element_type=\"section\">\n\t\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-container elementor-column-gap-default\">\n\t\t\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-row\">\n\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-column elementor-col-100 elementor-top-column elementor-element elementor-element-fe58bcc\" data-id=\"fe58bcc\" data-element_type=\"column\">\n\t\t\t<div class=\"elementor-column-wrap elementor-element-populated\">\n\t\t\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-widget-wrap\">\n\t\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-element elementor-element-5e7c56e elementor-widget elementor-widget-text-editor\" data-id=\"5e7c56e\" data-element_type=\"widget\" data-widget_type=\"text-editor.default\">\n\t\t\t\t<div class=\"elementor-widget-container\">\n\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-text-editor elementor-clearfix\"><p>Auf der Liste der Namen aller Interviewpartner befindet sich neben vielen anderen auch der von Boro Konti\u0107. Unsere Professorin erz\u00e4hlt er sei ein bekannter Journalist, habe in den 80ern eine ber\u00fchmte jugoslawische Satire-Sendung mit produziert und w\u00fcrde heute ein Medienzentrum leiten. <br \/>Ich studiere neben S\u00fcdosteuropa-Studien auch Medien- und Kommunikationswissenschaften und muss nicht lange \u00fcberlegen mit wem ich das Interview machen m\u00f6chte. <br \/>W\u00e4hrend meiner Recherche zu ihm arbeite ich vor allem mit<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 <\/span>der Internetpr\u00e4senz des MediaCentar in Sarajevo, das Konti\u0107 seit dessen Gr\u00fcndung 1994 leitet. <br \/>Obwohl es eine englische Version der Seite mediacentar.ba gibt, ist leider keiner seiner Artikel von \u00fcbersetzt. <br \/>Mit Hilfe von online \u00dcbersetzern schaffe ich es trotzdem einige seine Artikel zu lesen.<br \/>Wie sich Medien und die Umst\u00e4nde f\u00fcr Journalismus von der Zeit Titos Jugoslawien bis zum heutigen Bosnien und Herzegovina entwickelt haben ist das Thema was mich am meisten interessiert. In Sarajevo werde ich mich nochmal gemeinsam mit den Studierenden aus Novi Sad und Sarajevo, die mit mir in einer Gruppe sind, vorbereiten.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p><p>In unserer Gruppe sind wir zu viert. Kerim aus Sarajevo, Ivan aus Novi Sad und Dajana, die in Banja Luka (der Hauptstadt der politischen Entit\u00e4t Republika Srpska) aufgewachsen ist und jetzt in Novi Sad studiert. <br \/>Mit Kerim habe ich mich w\u00e4hrend einem Stadtrundgang am Vortag schon l\u00e4nger unterhalten und er scheint mir meinungsstark und am Zeitgeschehen interessiert zu sein. Die Exkursion und auch unsere Interviews scheinen ihn insofern zu interessieren als dass sie eine nette Abwechslung f\u00fcr ihn darstellen aber nicht als ob es eine inhaltliche Bereicherung sein k\u00f6nnte. Er sei nur hier um mir zu helfen, zu \u00fcbersetzen und so, er bek\u00e4me hierf\u00fcr ja keine Note.<br \/>Die beiden Studierenden aus Serbien interessiert vor allem das Thema Propaganda heute. Sie sagen dass sie den lokalen Medien nicht vertrauen, nicht wissen woher sie ihre Informationen beziehen k\u00f6nnen und wie sie Wahrheit und L\u00fcge von einander unterscheiden sollen. Danach wollen sie Konti\u0107 fragen., Dass er den bosnischen Medien nicht traut sagt auch Kerim aus Sarajevo aber er pr\u00e4sentiert sich abgekl\u00e4rt und scheint nicht mit der Hoffnung auf einen Rat oder Tipp der helfen k\u00f6nne in das Interview zu gehen. Sie alle drei kennen Boro Konti\u0107 als Person des \u00f6ffentlichen Lebens. Er sei bekannt, vor allem f\u00fcr seine Dokumentation der Geschehnisse w\u00e4hrend des Krieges im besetzten Sarajevo, erkl\u00e4ren sie mir. Au\u00dferdem habe er internationale Preise f\u00fcr Dokumentationen \u00fcber Journalismus und den Schriftsteller Ivo Andri\u0107 bekommen. In den Augen derjenigen, die bosnischen Medien nicht trauen, genie\u00dfe er ein starkes Vertrauen. Er stehe f\u00fcr Ehrlichkeit, f\u00fcr Qualit\u00e4tsjournalismus und ich vermute auch f\u00fcr internationale Anerkennung. Kerim sagt, \u201ehe is the good guy\u201c. <br \/>Dajana m\u00f6chte Konti\u0107 auch nach seiner Meinung \u00fcber die Rezeption des jugoslawischen Schriftstellers Ivo Andri\u0107 befragen. Er war ein jugoslawischer Schriftsteller, Diplomat, Politiker und Literaturnobelpreistr\u00e4ger, der Sohn einer kroatischen Familie, die in Bosnien lebte wo er auch aufgewachsen und zur Schule gegangen ist. Den gr\u00f6\u00dften Teil seines Lebens verbrachte er aber in Serbien. Weil er eine bedeutende Pers\u00f6nlichkeit der jugoslawischen \u00d6ffentlichkeit darstellt, wird sich heute viel dar\u00fcber gestritten welcher Nation er zuzuordnen sei. Konti\u0107 wird auf Dajanas Frage nach Andri\u0107 antworten dass der Umgang mit Andri\u0107 in den L\u00e4ndern des ehemaligen Jugoslawien zeigen w\u00fcrde wie verwirrt alle sind. Er sei ein bosnischer Schriftsteller aus einer kroatischen Familie der sich selbst als Teil der serbischen Literatur sehe. Die Menschen hier w\u00fcrden immer versuchen, ihn einer bestimmten Nation zuzuordnen, obwohl doch damals alle in einem Raum gelebt haben.<br \/><br \/>Am Tag des Interviews fahren wir mit dem Taxi von unserem Hostel zum MediaCentar, dass sich in dem \u00d6sterreich-ungarisch gepr\u00e4gten Teil der Stadt befindet. Es handelt sich um einen mitteleurop\u00e4ischen Altbau, der aus dem fr\u00fchen 20. Jahrhundert stammen k\u00f6nnte. Wir klingeln und k\u00f6nnen \u00fcber einen Summer die schwere T\u00fcr \u00f6ffnen. Es scheint sich um ein Wohnhaus zu handeln und das B\u00fcro befindet sich in einer Wohnung in einem der oberen Stockwerke. Konti\u0107 \u00f6ffnet uns eine Seite der f\u00fcr Altbauh\u00e4user typischen hohen, zweigeteilten T\u00fcren. Er gibt uns einer nach dem anderen die Hand und weist uns den Weg in die Wohnung hinter ihm. Er ist ein schmaler Mensch mit einem starken Blick, von dessen Augen ich mich ger\u00f6ntgt f\u00fchle als er mich begr\u00fc\u00dft. Die Wohnung\/das B\u00fcro k\u00f6nnte ich mir auch in einer gro\u00dfen deutschen Stadt vorstellen. F\u00fchlt sich gar nicht so an wie der Rest der Stadt, den ich bisher gesehen habe. Es gibt hier helles, hochwertiges Fischgr\u00e4ten-Parkett, Durchgangszimmer mit hohen Decken und Schreibtische aus hellem Holz in moderner Optik. F\u00fcr die Erf\u00fcllung des \u201eIrgendwas-mit-Medien-in-Berlin\u201c &#8211; Klischees fehlen nur die iMacs. Und Berlin. <br \/>Mir f\u00e4llt auf, dass hier viele Frauen arbeiten w\u00e4hrend wir durch einen B\u00fcroraum in einen anderen gehen. In diesem arbeiten auch zwei Leute an ihren Computern und machen damit auch, scheinbar ungest\u00f6rt, weiter w\u00e4hrend des ganzen Interviews.<br \/>Wir setzen uns in einen Stuhlkreis und Kerim ergreift die Initiative uns jeweils vorzustellen. <br \/>Dann bitte ich Konti\u0107 darum zu erkl\u00e4ren was das MediaCentar genau sei, welche Ziele es habe und wie es sich finanziere. <br \/>Er erz\u00e4hlt dass das MediaCentar 1994, noch w\u00e4hrend des Krieges und der Besetzung von Sarajevo gegr\u00fcndet wurde als Teil der Soros-Foundation. Eine Stiftung, die sich f\u00fcr Gerechtigkeit, Demokratie und Menschenrechte einsetzt.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p><p>Die T\u00e4tigkeiten des MediaCentar liegen vor allem im Bereich der Journalist*innen-Ausbildung, sie betreiben aber auch ein Online Archiv bosnischer Zeitungen, das bis ins 19. Jahrhundert zur\u00fcckreicht. <br \/>Dass er bosnische Zeitungen auch im historischen Kontext bosnische Zeitungen nennt bringt mich direkt zu der Frage was er denn als \u201ebosnisch\u201c verstehe. Bosnien und Herzegovina gibt es ja als unabh\u00e4ngigen Staat erst seit 1992. Die Nationen- und Identit\u00e4tskonzepte auf dem Balkan sind mir trotz intensiver Vorbereitung in unserem Seminar in Halle eher r\u00e4tselhaft geblieben. In seiner Antwort bezieht er sich auf die Situation des heutigen Bosnien und Herzegowina und beschreibt es als ein Land, das geteilt sei in Ethnien und Nationalit\u00e4ten, zwei politische Einheiten und mehrere politische Str\u00f6mungen. Und sagt es sei unm\u00f6glich einen Kompromiss zwischen diesen zu finden.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p><p>Es gebe in Bosnien zwar viele tolle Individuen aber immer auch Arschl\u00f6cher und es w\u00fcrde als Gesellschaft einfach nicht funktionieren. Jugoslawien sei an Konflikten gescheitert, die viel \u00e4lter seien als die jugoslawische Idee. <br \/>In den Kriegen der 90er Jahre sei es um den Versuch einer S\u00e4uberung der Gesellschaft gegangen. Auch darin sei der Krieg bis heute unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig pr\u00e4sent in den Zeitungen. Bosnien befinde sich eigentlich noch im Krieg, nur dass eben Waffenstillstand herrscht. Ein gro\u00dfes Problem f\u00fcr all jene, die mit dem Konstrukt \u201eEthnie\u201c nichts anfangen k\u00f6nnen. Weil ohne die richtige Ethnie und entsprechende Beziehungen zu politischen Parteien habe man keine Chancen in diesem Land.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p><p>Konti\u0107 erz\u00e4hlt viel, kommt vom einem Thema zum anderen und sp\u00e4ter in der Aufarbeitung wird es mir schwer fallen einen roten Faden zu finden und die wichtigen Momente herauszufiltern. Unser Interview geht bestimmt schon eine Stunde und wir kamen bisher nicht wirklich dazu \u00fcber den Bezug von Jugoslawien zu heute zu sprechen. Meine Professorin fl\u00fcstert mir zu, ich solle ihm mit meinen Fragen einfach reinreden, sonst w\u00fcrde ich nicht zu Wort kommen. Ich suche nach Gespr\u00e4chspausen, gebe das schnell auf und dann nur noch nach Ateml\u00fccken um meine Fragen zu stellen und habe, als ich ihn mehr oder weniger unterbreche, das Gef\u00fchl als unh\u00f6flich wahrgenommen zu werden, auch von den anderen Studierenden.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p><p><br \/>Wie sich die Situation f\u00fcr Journalismus von der Zeit Jugoslawiens bis heute ver\u00e4ndert habe, will ich wissen. Er antwortet es habe in Bosnien schon immer Zensur gegeben. Das erste Gesetz f\u00fcr Pressefreiheit sei 1907 eingef\u00fchrt worden und im Sozialismus sei sowieso alles unter staatlicher Kontrolle gewesen. Ende der 80er Jahre habe es in Bosnien in Zusammenhang mit der Agrokomerc-Affaire eine Hochphase des investigativen Journalismus gegeben. Als in den 1990er Jahren dann Krieg ausbrach sei das nat\u00fcrlich auch f\u00fcr den Journalismus eine Katastrophe gewesen. Er habe immer gedacht \u201eDas erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit\u201c sei nur eine Phrase aber er habe selbst im besetzen Sarajevo gelebt und berichtet und sie sei \u00fcberaus pr\u00e4zise. Au\u00dferdem gebe es im Krieg einfach kein Geld f\u00fcr Medien.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p><p><br \/>Im heutigen Bosnien und Herzegovina hingegen gebe es zwar unabh\u00e4ngige Medien und qualitative Berichterstattung aber nur wenn diese von der internationalen Gemeinschaft unterst\u00fctzt w\u00fcrden. Journalist*innen in Bosnien w\u00fcrden n\u00e4mlich im Monat durchschnittlich 300 KM (ca. 150 Euro) verdienen, weniger als das ohnehin schon geringe Durchschnittseinkommen von 450 KM, umgerechnet ungef\u00e4hr 225 Euro.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p><p>Au\u00dferdem stellt er die Behauptung auf, es m\u00fcsse etwas im \u201eheritage\u201c, im Erbe liegen, die Leute w\u00fcrden es m\u00f6gen kontrolliert zu werden, er habe keine andere Erkl\u00e4rung.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p><p>Als n\u00e4chste fragt Dajana ob es denn \u00fcberhaupt m\u00f6glich sei im Krieg die Wahrheit zu sagen und wo der Unterschied liege zwischen Propaganda im Krieg und Propaganda heute. <br \/>Auf den zweiten Teil der Frage geht Konti\u0107 leider nicht ein. Er pr\u00e4zisiert seine Antwort auch nicht auf die Kriegssituation sondern stellt die Theorie auf dass die Wahrheit zu sagen ein zu hoher, geradezu utopischer Anspruch sei. In seinem Verst\u00e4ndnis sei es die Aufgabe von Qualit\u00e4tsjournalismus erstens, alle Beteiligten zu Wort kommen zu lassen und dies zweitens in einem ausgewogenen Verh\u00e4ltnis. Bis dahin kann ich theoretisch zustimmen, seine weiteren Erl\u00e4uterungen empfinde ich als teilweise widerspr\u00fcchlich oder nicht realistisch. Seiner Meinung nach gehe es im Journalismus nicht darum die Gesellschaft zu \u00e4ndern sondern zu sagen was Fakt ist. \u201eSagen was Fakt ist\u201c klingt f\u00fcr mich aber auch nach einem Synonym f\u00fcr die Wahrheit. <span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p><p>Im Nachhinein \u00e4rgere ich mich dar\u00fcber dass ich an dieser und vielen anderen Stellen unseres Gespr\u00e4chs nicht genauer nachgehakt habe. Er sagt auch dass es im Journalismus nicht darum gehe die Gesellschaft zu ver\u00e4ndern. In diesem Punkt bin ich mit ihm nicht einer Meinung. Mit welcher Motivation recherchieren und berichten denn Journalist*innen, wenn nicht um in ihren Mitmenschen etwas auszul\u00f6sen, um durch Informationen einen Meinungsbildungsprozess anzusto\u00dfen. Journalismus ist der erste Schritt um \u00fcberhaupt erst eine \u00d6ffentlichkeit zu schaffen in der Themen diskutiert werden k\u00f6nnen. Deshalb ist er meiner Meinung nach ein unentbehrlicher Faktor f\u00fcr Entwicklungen in Gesellschaften. <\/p><p>Auch die n\u00e4chste Frage stellt Dajana: \u201eWas denkst du, wann werden wir bereit sein f\u00fcr etwas besseres hier?\u201c, \u201eNiemals. Nein, ich meine nicht zu meinen Lebzeiten. Aber wer wei\u00df.\u201c <br \/>Darauf schaltet sich Kerim ein: \u201eAlso, das Problem ist dass wir niemals eine Katharsis erreichen, nach dem Krieg?\u201c Und ihm antwortet Dijana: \u201eJa, weil sie es uns nicht erlauben.\u201c. Ich will jetzt eigentlich am liebsten Dajana fragen wer diese \u201esie\u201c sind und warum man ihnen so machtlos gegen\u00fcbersteht. Konti\u0107 \u00fcbernimmt wieder das Gespr\u00e4ch und sagt, das Problem sei dass keiner dar\u00fcber reden wird was wirklich passiert ist. Es gebe nur idealisierte Versionen der Vergangenheit einzelner Interessengruppen und daraus sei keine Schlussfolgerung m\u00f6glich. <\/p><p>Mir brennt eine Frage auf der Zunge, die mich seit dem ersten Tag in Sarajevo besch\u00e4ftigt und auch noch bis \u00fcber die Exkursion hinaus besch\u00e4ftigen wird. Ob nicht eine junge Generation, die den Krieg nicht erlebt hat, die M\u00f6glichkeit habe mehr in die Zukunft zu schauen als in die Vergangenheit und Dinge zu ver\u00e4ndern. Dass Bosnien sich heute eigentlich noch im Krieg befinde, nur das eben Waffenstille herrsche h\u00f6re ich w\u00e4hrend unserer Bosnien-Exkursion nicht zum ersten Mal und werde es auch noch \u00f6fter h\u00f6ren. <br \/>Boro Konti\u0107, der ein Medienzentrum f\u00fcr Qualit\u00e4tsjournalismus mit Bildungsprogrammen f\u00fcr Nachwuchsjournalist*innen betreibt, \u201ethe good guy\u201c wirkt nicht besonders hoffnungsvoll. Ja, es w\u00e4re sch\u00f6n wenn junge Leute richtig diskutieren w\u00fcrden und so. Wenn Leute versuchten wirklich etwas zu \u00e4ndern, wie er selbst das ja auch gewollt hatte. Er w\u00fcrde gerne sehen dass das Leben unaufh\u00f6rlich Fortschritte macht. Aber so sei das nunmal nicht. Wir sollen doch mal den Weg Bosniens in die EU betrachten. Bosnien sei vor 20 Jahren n\u00e4her an der EU gewesen als heute. Mit Anfang 20 w\u00e4re er, einfach so, spontan, nur mit seinem Pass nach London gereist und heute m\u00fcsse man monatelang auf ein Visum warten. Und so sei eben auch das Leben. Wer wei\u00df, vielleicht m\u00fcsse man in 40 Jahren Jahre warten um die ber\u00fchmte Stadt London zu sehen. Alles sei m\u00f6glich.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p><p>An dieser Stelle im Interview gibt es tats\u00e4chlich Stille. Mich frustriert die Resignation, ein unangenehmes Gef\u00fchl der Ohnmacht. Ich brauche ein bisschen um mich dazu zu bringen an die n\u00e4chste Frage zu denken.<\/p><p>Es geht um die ber\u00fchmte jugoslawische Subkultur, Underground-Clubs und Avantgarde Film-Bewegungen. Wo ist diese kreative Szene im heutigen Bosnien und Herzegovina? <br \/>In Jugoslawien da war das unsere Art von Freiheit, unser Weg zu entkommen erkl\u00e4rt Konti\u0107. Heute k\u00f6nne jeder sagen was er will, eigentlich sei ja jeder \u201eMedien\u201c und wegen des Internets wirke alles was fern ist sehr nah obwohl es das eigentlich gar nicht ist. Subkultur wie es sie damals gab sei heute nicht m\u00f6glich, man k\u00f6nne keine Rezepte von vor 40 Jahren anwenden. Heute sei die Gesellschaft eine andere. Ich frage ob er damit vielleicht meint dass man durch die M\u00f6glichkeiten des Internets immer konfrontiert ist mit Bildern von vermeintlichen Lebenssituationen, den M\u00f6glichkeiten, die sich anderorts bieten und sich diese Bilder nicht mit der eigenen Lebensrealit\u00e4t vereinen lassen. Im Besonderen wenn man nicht an den von Medien idealisierten Orten auf der Welt lebt, Visa f\u00fcr Reisen kaum zu bekommen sind und ein guter Arbeitsplatz im eigenen Land selten ist. Dass diese Desillusionierung zu Frustration f\u00fchrt statt zu Aktionismus.<\/p><p>Das Interview geht bestimmt schon zwei Stunden und ich versuche vor dem Ende nochmal zur\u00fcckzukommen auf den Titel unseres Seminars, das eigentliche Thema \u201eDas Erbe Titos Jugoslawiens im heutigen Bosnien und Herzegovina.\u201c Die ganze Woche erscheint es mir erstaunlich wenig pr\u00e4sent. In der Seminarplanung ja, aber nicht bei den Menschen hier, nicht in dieser Stadt. Der Krieg \u00fcberschattet alles, ist omnipr\u00e4sent und ja, offensichtlich auch irgendwie noch nicht so richtig vorbei. <br \/>Zu unserem Thema f\u00e4llt Konti\u0107s Antwort nicht besonders ausf\u00fchrlich aus. Er erz\u00e4hlt, dass Bosnien das einzige Land ist in dem Titos Geburtstag noch gefeiert wird, in dem es eine \u201eMarshalla Tita\u201c, eine nach ihm benannte Stra\u00dfe gibt. Viele Leute w\u00fcrden Jugoslawien verkl\u00e4ren. Die positiven Dinge, die der Sozialismus unter Tito hervorgebracht hat, gro\u00dfe Fortschritte im Sozial-, Bildungs- und Gesundheitswesen und die M\u00f6glichkeit ins Ausland zu reisen (auch wenn kaum jemand Geld daf\u00fcr hatte) w\u00fcrden die Erinnerung der Leute tr\u00fcben. Aber Jugoslawien sei nunmal nicht frei gewesen sondern wie eine geschlossene Box. Den Grund f\u00fcr die Jugo-Nostalgie sieht er unter anderem auch darin dass die Leute damals eben jung waren. Er habe einmal eine \u00e4ltere Frau gefragt was ihre Meinung nach die beste Zeit in Sarajevo gewesen sei und sie habe geantwortet 1942. In dieser Zeit war Sarajevo von Nazi-Deutschland besetzt. Aber sie war damals eben jung, 17 Jahre alt.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p><p>Als letztes stelle ich noch die Frage ob die Situation der Medien heute so anders sei als damals, weil heute ja auch die Politik die Inhalte stark zu bestimmend scheint und ob diese Abh\u00e4ngigkeit von politischen Parteien und vom Markt nicht vielleicht vergleichbar ist mit der Situation in Jugoslawien. Es sei nicht so gut da Parallelen zu ziehen, sagt Konti\u0107. Heute sei es wirklich anders f\u00fcgt er sehr bestimmt hinzu. Diese Gesellschaft g\u00e4be einem schon Chancen, man m\u00fcsse eben die Regeln kennen: Ethnie und Partei. Und damals sei es nur die Partei gewesen. <br \/>Ob es nicht trotzdem Parallelen gibt zwischen der Oppression durch eine Regierung und der Oppression durch den Markt (Journalist*innen verdienen kaum etwas, Qualit\u00e4tsjournalismus nur mit Unterst\u00fctzung der internationalen Gemeinschaft m\u00f6glich usw., s.o.) frage ich dann nicht mehr nach. Auch das, etwas was ich im Nachhinein gerne getan h\u00e4tte. <\/p><p>Hiernach verl\u00e4uft sich das Interview in mehreren Einzelgespr\u00e4chen. Zum Abschied schenkt er jedem von uns ein Buch \u00fcber die Geschichte des Radios in Bosnien, eine Ver\u00f6ffentlichung des MediaCentars und wir bedanken uns und schenken ihm Schokolade, die wir aus Deutschland mitgebracht haben. Diese wird direkt an die weiblichen Mitarbeiterinnen weitergegeben, er und sein Mitarbeiter k\u00f6nnten mit Schokolade nichts anfangen. Sie w\u00fcrden Schnaps trinken.<\/p><\/div>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/section>\n\t\t\t\t<section class=\"elementor-section elementor-top-section elementor-element elementor-element-f0ddace elementor-section-boxed elementor-section-height-default elementor-section-height-default\" data-id=\"f0ddace\" data-element_type=\"section\">\n\t\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-container elementor-column-gap-default\">\n\t\t\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-row\">\n\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-column elementor-col-100 elementor-top-column elementor-element elementor-element-fac8b57\" data-id=\"fac8b57\" data-element_type=\"column\">\n\t\t\t<div class=\"elementor-column-wrap elementor-element-populated\">\n\t\t\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-widget-wrap\">\n\t\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-element elementor-element-9c429dc elementor-widget elementor-widget-image\" data-id=\"9c429dc\" data-element_type=\"widget\" data-widget_type=\"image.default\">\n\t\t\t\t<div class=\"elementor-widget-container\">\n\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-image\">\n\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t<img width=\"640\" height=\"480\" src=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/bosnienfahrt2019\/files\/2019\/07\/borokonti\u0107_interview-1-1024x768.jpg\" class=\"attachment-large size-large\" alt=\"\" loading=\"lazy\" srcset=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/bosnienfahrt2019\/files\/2019\/07\/borokonti\u0107_interview-1-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/bosnienfahrt2019\/files\/2019\/07\/borokonti\u0107_interview-1-300x225.jpg 300w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/bosnienfahrt2019\/files\/2019\/07\/borokonti\u0107_interview-1-768x576.jpg 768w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/bosnienfahrt2019\/files\/2019\/07\/borokonti\u0107_interview-1.jpg 1280w\" sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/>\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/section>\n\t\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf der Liste der Namen aller Interviewpartner befindet sich neben vielen anderen auch der von Boro Konti\u0107. Unsere Professorin erz\u00e4hlt er sei ein bekannter Journalist, habe in den 80ern eine ber\u00fchmte jugoslawische Satire-Sendung mit produziert und w\u00fcrde heute ein Medienzentrum &hellip; <a href=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/bosnienfahrt2019\/2019\/07\/medien-in-bosnien-und-herzegovina-ein-interview-mit-boro-kontic\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":4170,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[8,6],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/bosnienfahrt2019\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/301"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/bosnienfahrt2019\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/bosnienfahrt2019\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/bosnienfahrt2019\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4170"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/bosnienfahrt2019\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=301"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/bosnienfahrt2019\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/301\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":592,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/bosnienfahrt2019\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/301\/revisions\/592"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/bosnienfahrt2019\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=301"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/bosnienfahrt2019\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=301"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/bosnienfahrt2019\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=301"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}