Ein weiterer Blog rund um die MLU

Annie Ernaux’ 2008 erschienener Text Les Années wird auf dem Cover als »autobiographie collective« bezeichnet: Erzählt wird in dritter Person die Geschichte einer Frau beginnend mit der Kindheit in der Provinz der Nachkriegszeit über die sich durchsetzende Mmoderne liberale Konsumgesellschaft und den eigenen sozialen Aufstieg bis in die Gegenwart und dem dem Entschluss, ein Buch über sich zu schreiben. Es ist ein Erinnerungstext, der persönliche und offensichtlich autobiographische Moment mit dem Porträt einer Generation verbindet, der Individuelles und Kollektives, Familiengedächtnis, öffentliche Geschichte und private, weibliche Erfahrung zu einer besonderen Schreibweise ausformt, die einer neuen Form von Gegenwart begegnen soll.

»Toutes les images disparaîtront« (E, 927) alle Bilder werden verschwinden, ist der erste Satz des Textes, auf den eine Reihe von Erinnerungsbildern und erinnerten Aussprüchen folgt, persönliche und unpersönliche, Splitter, im Text unverbunden.

All die schummrigen Bilder der ersten Jahre, mit einem Sommersonntag als hellem Fleck, all die Träume, in denen die toten Eltern wieder leben oder man eine fremde Landstraße entlangläuft

das von Scarlett O’Hara, wie sie die eiche des Nordstaaaten-Soldaten, den sie erschossen hat, die Treppe hinunterzerrt

das von Molly Bloom, die im Bett neben ihre Ehemann liegt, an ihren ersten Kuss denkt und ja, ja, ja sagt

reale oder imaginäre Bilder, die einen bis in den Schlaf verfolgen

Momentaufnahmen, beschienen von einem Licht, das allein ihnen gehört

Aus ihnen erhebt sich die Erzählung des Lebens, immer wieder unterbrochen, in Textblöcken, die einzelne Beobachtungen, Ereignisse, Erfahrungen erzählen: was man machte, sagte, tat, immer mit großer Distanz, in dritter Person wird über elle, sie, die Protagonistin gesprochen, die offensichtlich Züge der Autorin trägt.

Strukturiert wird das zum einen durch die Beschreibung von Photographien, später Filmen und Videos, die als »Standbilder der Erinnerung« fungieren[i] und das Individuum zeigen, das vergangene wie auch das erinnernde, mitsamt den Gefühlen, die die Erinnerung auslöst. Zum anderen von Schilderungen der Familientreffen, der Rituale der Geselligkeit und Erinnerung, aber auch der wachsenden Entfremdung.

In dieser Weise wird die Geschichte des Heranwachsens, Erwachsenwerdens und Alterns erzählt, als Geschichte des sozialen Aufstiegs, der mit dem historischen Wandel der Nachkriegszeit Schritt hält: Mit 1968, mit dem Amtsantritt Mitterands, mit dem 11. September. Vor allem verwandelt der technische Fortschritt die gewohnte Welt durch Neuheiten: »Das immer schnellere Aufkommen neuer Produkte drängte die Vergangenheit zurück«.[ii] Die Konsumgüter nehmen eine immer größere Rolle im Leben und dann auch in der Erinnerung ein: Auf den Familienfeiern wird bald über Autos, Küchen, Häuser, später Mobiltelefone und Computer gesprochen, in der Erinnerung bleibt, was man wann erwarb.

Man trug ein großes, vages Gedächtnis der Welt in sich. Von fast allen Ereignissen blieb einem nur ein Wort, ein Detail, ein Name in Erinnerung, etwas, was einen wie Georges Perec ›Ich erinnere mich‹ sagen lässt: Die Entführung des Barons Empain, Picorette-Schokobonbons, die Socken des Premierministers Bérégovoy, die Loi Devaquet, der Falklandkrieg, Benco-Kakaopulver. Es waren keine echten Erinnerungen, auch wenn man sie so nannte, sie waren etwas anderes: Merkmale einer Epoche.[iii]

Ist das ein soziologischer Text, eine Zeitdiagnose, ein Stück Auto-Ethnographie, eine Erhellung der eigenen Herkunft? Oder eher eine poetologischer Versuch, eine große Autobiographie, eine Fortsetzung der französischen Tradition? Wie auch immer man sich entscheidet, man kann an diesem Text ablesen, wie Variantenreich chronistisches Schreiben ist und was es leisten kann.

Tagebuch

Vieles an diesen Aufzeichnungen wirkt tagebuchhaft und tatsächlich spielen diaristische Aufzeichnungsformen in Ernaux Werk eine große Rolle, etwa im 1997 erschienenen Journal du Dehors, in dem sich die Autorin mit der Realität in den Villes nouvelles, den französischen Satellitenstädten auseinandersetzt. Der Text trägt ein Motto Rousseaus »Notre vrai moi n’est past tout entire en nous«, und betont das nicht-Subjektive dieser Aufzeichnungen, die versuchen, durch kleine Beobachtungen die Wirklichkeit festzuhalten:

[Ich habe es so weit wie möglich vermieden, mich selbst in Szene zu setzen und das Gefühl auszudrücken, das am Ursprung eines jedes Textes steht. Im Gegenteil habe ich versucht, eine Art photographisches Schreiben der Realität zu betreiben, bei dem Existenzen, denen ich begegnete, ihre Opazität und ihr Rätsel behielten.]

Diaristisch geprägt ist auch Je ne suis pas sortie de ma nuit (1997), über den Tod der Mutter und Se perdre (2000), ein Text über eine Leidenschaft, die beide wiederum Umschriften und Korrekturen älterer romanhafterer Texte sind. Dabei drücke, wie Ernaux in einem Vorwort betont, die Offenheit der diaristischen Form die Unsicherheit des Todes aus:

[Das Unwissen darüber, was als nächstes kommt – das vielleicht jedes Schreiben charakterisiert, sicherlich meins – hatte hier einen beängstigenden Aspekt […]. Ich glaube inzwischen, dass die Einzigartigkeit, die Kohärenz, auf die ein Werk hinausläuft, […] so oft wie möglich in Gefahr gebracht werden muss.]

Ernauxs Momentaufnahme verweisen zum einen auf die Konstellation von écriture und photographie im Anschluss an Marcel Proust und Roland Barthes, in dem sich das moderne Schreiben in der Paragone der Photographie reflektiert; zum anderen auf das Verhältnis von œuvre und écriture, wie sie etwa in der Tradition von André Gide, Marcel Proust und Roland Barthes diskutiert wird. Ernaux wird hier immer schwanken zwischen einem emphatischen Begriff von Schreiben und Vorbehalten gegenüber der auratisierten Rolle des écrivain, deren politische und geschlechtliche Konnotationen ihr problematisch sind.

Ecriture und Memoire

In Les Années repräsentiert das tagebuchhafte, das konkrete und unabgeschlossene, dabei auch repetitive auch das Vergehen der Zeit, die sich der Erinnerung und erst recht der Erzählung wiedersetzt. Erst am Ende des Textes gelingt es ihr, eine Form zu finden, indemsie si ch entscheidet, jene falschen Erinnerungen, die Zeichen der Epoche mitzuerinnern:

Die Form ihres Buchs kann also nur zum Vorschein kommen, wenn sie in ihre eigenen Gedächtnisbilder eintaucht und sich die Merkmale der Epoche oder des jeweiligen Jahres, aus dem sie ungefähr stammen, ansieht […]. Sie will aus dem Abdruck, den die Welt in ihr und ihren Zeitgenossen hinterlassen hat, eine gesellschaftliche Zeit rekonstruieren, eine Zeit, die vor Langem begann und bis heute andauert – sie will in einem individuellen Gedächtnis das Gedächtnis des kollektiven Gedächtnisses finden und so die Geschichte mit Leben füllen. [v]

Offensichtlich ist das eine Proust’sche Konstellation, in der der Text davon erzählt, wie und was er wird. Es ist freilich nicht die wiedergefundene Zeit des Individuums, sondern die des Kollektivs oder genauer, die gelebte Zeit der Geschichte, in der sich Individuelles und Kollektives getroffen haben, Jahr für Jahr und immer wieder anders und neu. Es wird deshalb auch jetzt kein Ich gehen, und keine inspirierte Sprache, sondern nur die ganz normale Sprache: »Il n’a avait pas de monde ineffable surgissant par magie de mots inspirés et elle n’écrirait jamais qu’à l’intérieur de sa langue, celle de tous, le seul outil avec lequel elle comptait agir sur ce que la révoltait« (E, 1083). Die langue de tous, die Sprache von allen oder auch das Gerede, ist die einzige Sprache, in der der Text geschrieben werden kann, der deshalb immer breit davon spricht , was ›man sagte‹ und dachte, was so gesprochen wurde und was man kollektiv erinnerte, gerade wenn es nur die oberflächliche Sprache der Werbung und der Massenkultur ist. 4

Leben Schreiben

Das Leben zu schreiben, nicht mein Leben und auch nicht ein Leben schreiben, so beschreibt Ernaux ihr Programm in dem 2011 erschienenen Band Écrire la vie, der ihre verschiedenen Texte zusammenfasst, diaristische wie romanhafte.

Nicht mein Leben, nicht ihr Leben und auch nicht ein Leben. Das Leben, mit seinen Inhalten, die für alle gleich sind, die man aber auf individuelle Art spürt. […] Aber das Leben sagt nichts. Es schreibt sich nicht selbst. Es ist stumm und Formlos. Das Leben schreiben, und sich so nah wie möglich an die Wirklichkeit zu halten, ohne etwas zu erfinden oder zu verwandeln, das bedeutet, es in eine Form einzuschreiben, in Sätze, in Worte.

Écrire und vivre – im Englischen gibt es dafür die schöne Formulierung life-writing – sind dabei zusammen, aber fallen nicht in eins, das Leben wird nicht zur Einheit wie in der Autobiographie, und die Schrift absorbiert nicht das Leben – im Gegenteil gilt es, dem Bedürfnis zu widerstehen, es ist wohl, so wird an verschiedenen Stellen deutlich, ein spezifisch männliches Bedürfnis, aus dem Leben ein Kunstwerk zu machen. Weil sich das Leben eben nicht selbst schreibt, weil das Schreiben immer nur ein Teil des Lebens ist und weil es bestimmter Formen bedarf, um Leben schreiben zu könne. In Les années, das in der Entwurfsphase mal Jour du monde heißen sollte, ist es die einzelne Erinnerung, die immer wieder eine Konjunktion zwischen Leben und Schreiben stiftet, zwischen dem einen Tag und der Welt – denken wir an Benjamins Weltlauf – , nicht als kontinuierliche Erzählung, sondern momenthaft, immer neu ansetzend, letztlich auch hier: mit dem Rücken zur Wand. Und auch in der Gesamtform von Écrire la vie löst sich diese Spannung nicht auf – schon deshalb nicht, weil Ernaux neben diesem Text gleich einen weiteren veröffentlicht, eine Art Werktagebuch L’Atelier noir,das gewissermaßen die andere Seite des Lebens umfasst. Hier können wir unter dem Datum des 14 Mai 2002 lesen:

[Seit Oktober 83 will ich das Leben einer Frau zu einem ›totalen Roman‹ machen. Die Form, in der ich meine strukturellen Probleme lösen werde, kann nicht die Form sein, der irgendetwas aus meinem Leben entspricht. Sie wird in meinem Buch einmalig und völlig einzigartig sein. Es scheint mir klar, dass ein Leben in der romanhaften Fiktion eine Täuschung ist. Je mehr ich über meine ›Geschichte‹ nachdenke, desto mehr setzt sie sich aus äußeren ›Dingen‹ (Hintergrund) und Fragmenten (Form) zusammen. Romane lassen uns glauben, dass das Leben in einem Roman sagbar ist. Nichts ist mehr eine Illusion. Absolute Falschheit der ›Selbst-Fiktion‹ (jenseits von S. Doubrovsky).]


[i]Annie Ernaux, Die Jahre,aus dem Französischen von Sonja Finck, Berlin 2017, 253; franz. »arrêts sur mémoire« (E, 1083).

[ii]Ernaux, Die Jahre, 92; franz. »L’arrivée de plus en plus rapide des choses faisait reculer le passé« (E, 981)

[iii]Ernaux, Die Jahre, 236 f.

[iv]Annie Ernaux, Journal du dehors, in: dies., Écrire la vie,Paris 2000, 497-547, hier 500;

[v]Ernaux, Die Jahre, 252.

[vi]Annie Ernaux, L’atelier noir, Paris 2011, 191 f..

§4 · August 18, 2022 · Allgemein · · [Print]

Leave a Reply