Ein weiterer Blog rund um die MLU

Drei Jahre lang – zwischen 1961 und 1963 – besuchte Fichte die titelgebende Hamburger Kellerkneipe „Palette“ – Szenetreff für alle Figuren der damaligen Außenseiter- und Subkultur – und formte aus dem dort Erlebten einen „Anti-Roman“. Fichte verschränkt im collageartigen Amalgam der Palette die aufgezeichneten präsentischen Reporte mit Kindheits- und Kriegserinnerungen, zum Zeitpunkt des Schreibens geschehenden losen Assoziationen, Zukunftsvisionen, Reflexionen, Kommentaren und Montagen.

Die 60er und Hamburgs Star-Club: Im selbsternannten „Treffpunkt der Jugend“, dem „bekanntesten Beat-Club der Welt“, wo nicht nur Beatles, sondern auch die Popmusik überhaupt Sound und Stil gefunden haben sollen, sammelt sich zur Mitte des Jahrzehnts – am 2. Oktober 1966 – unter dem Programmtitel „Beat und Prosa“ eine Menge von 2000 Menschen zusammen, die eigentümlicherweise „nie sonst ein Buch in die Hand nehmen“ (349) würde. So jedenfalls notiert Hubert Fichte in den „Nachwörtern“ seines Romans Die Palette – ebenjenem Buch, aus dem er an diesem Sonntag, als es sich noch um ein entstehendes Manuskript handelte, erstmals Passagen des Textes in musikalischer Begleitung der gängigen Star-Club Besetzung vortrug. Von Seiten des Rowohlt-Verlages durchaus als spektakelhafte Werbeaktion angelegt, war die künstlerische Gratwanderung zunächst zwar der geplante Promoerfolg, wie bereits die zeitgenössische Kritik feststellte ein Erfolg aber auch in Hinblick auf die neuartige kulturelle Syntheseleistung:

„Hier, im ‘heiligen Sanktus-Paulus-Village’, erschlug der Beat die Prosa nicht; beide koexistierten, mehr: sie machten gemeinsame Sache, sie dementierten das angebliche Schisma zwischen der Sub-, der Pop-Kultur, die ihre Kleidung und Sprache und Umgangsformen hat, und der seriösen, der höheren, der dunkel gekleideten ‘eigentlichen’ Kultur. […] Hier, im Star-Club, wurde eine andere Form ausprobiert, und sie funktionierte: Die Diskrepanz schien fast ausgelöscht. Der Dichter fand zwanglos ein neues Publikum.” (Zimmer 1985, 30 f.)

Jene auf Hamburgs Kulturbühne erprobte Verbindung von Disparatem erschöpft sich aber nicht als fixe Vermarktungsidee und einmalige Liveperformance. Sie bildet vielmehr auch das Kernprinzip der Palette als Text. Drei Jahre lang – zwischen 1961 und 1963 – besuchte Fichte die titelgebende Hamburger Kellerkneipe „Palette“ – Szenetreff für alle Figuren der damaligen Außenseiter- und Subkultur – und formte aus dem dort Erlebten einen „Anti-Roman“ (so der Klappentext), einen teildokumentarischen Erlebnisbericht, der seine faktuale Authentizität im Wunsch nach ästhetischer Selbst- und Fremderkenntnis stets durch die Brille subjektiver Beobachtung wie Empfindung bricht. Fichte, der von sich selbst sagte: „Ich bin Chronist, und ich bin kein Strukturalist, kein Existenzialist, kein Philosoph und kein deutscher Schriftsteller und kein Ethnologe“, verschränkt im collageartigen Amalgam der Palette die aufgezeichneten präsentischen Reporte mit Kindheits- und Kriegserinnerungen, zum Zeitpunkt des Schreibens geschehenden losen Assoziationen, Zukunftsvisionen, Reflexionen, Kommentaren und Montagen. Die Erzählsituation ist komplex, sie setzt sich zusammen aus dem Protagonisten und Alter-Ego „Jäcki“, dessen Biografie der Fichtes gleicht, und einem „Autor“, der als Ich-Sprecher immer wieder eingreift, um seine Tätigkeit im Text zu schildern: „Ich schreibe auf, was ich über die Palette weiß und führe Jäcki herum“ (82).
Das in Buchform vorliegende Ergebnis ist eine 76. Kapitel zählende Chronologie der Palettenerlebnisse. Sie beginnt zum Jahreswechsel 1961/62 und endet „Am Donnerstag, den 19. Januar 1967, Fünf Uhr Dreissig“ (343). In ihr schildert der „Autor“ exzentrische Eskapaden der sogenannten „Palettianer“, ihre Beziehungen zueinander, die privaten Sehnsüchte, Zukunftsvisionen, Sorgen und Hoffnungen vier Stufen unter (sub-Kultur also im wörtlichsten Sinne) Hamburgs Gänsemarkt. Jäcki ist dabei mittendrin aber nie ganz dabei, nimmt teil aber bleibt ein Fremder auf Abstand, der sich von Außen „die Bewegungen des Dazugezählten machen“ (170) sieht. So unklar wie Jäckis Zugehörigkeitsstatus ist auch der Anteil des Faktischen an den häufig derben Episoden aus der Paletten-Welt. Wo der Modus ins Konjunktivische wechselt und der „Autor“ ankündigt, sich nun etwas dazuzudenken, mag die Entscheidung noch leicht fallen, doch was ist dran an fantastisch wirkenden Geschehen wie ein Einbruch in den botanischen Garten, der mit der Schlachtung eines Schwans und dessen Zubereitung zu einem seltsamen Festmahl endet? Dass die Verwirrung zur Mission gehört, verdeutlicht das letzte „Nachwörter“ Kapitel:

„Meine Fiction ist nicht ganz ohne Non-Fiction. Trotzdem kann ich mich auf den Kopf stellen, solange die Palette nicht in Rowohlts Deutscher Enzyklopädie erscheint oder im Springer Verlag wie meine Embryologie, bleibt es eben doch bloß eine Novel. Fiction! Fiction! Fantasie! Man weiß eben nichts Genaues.“ (351) 

Irgendwo in diesem Buch sind sie, „die Vorgänge wie sie wirklich vorgingen“, präsentiert  aber nur „wie wirklich ich sie erlebt habe und erzähle“ (347). Dass das persönliche Erleben wie äußerliche passierende Vorgänge echt geschehene Wirklichkeit verkörpert, ist die vorläufige Erkenntnis, die Die Palette zu erforschen versucht.        
Taktgeber all dessen sind im ersten Drittel die nacheinander geschilderten 20 Palettenbesuche, jeweils notiert als „Dritter Besuch“, „Vierter Besuch“, „Fünfter Besuch“ und so fort. Auch danach bleibt die Palette das Zentrum aller Episoden, die Niederschrift ihrer Geschichte fungiert als metastrukturelles Bindeglied: „Hier besteht Zeit aus Daten über die Palette“ (38) – die Palette, das in und mit ihr Erlebte, das der Autor in einer Art Bewusstseinsstrom in sprachliche Textmaterialität verdichtet, diktieren eine exklusive Raum-Zeit-Ordnung. Das Geschehen wird damit non-linear, sprunghaft, hermetisch und autofiktional geprägt, es lässt in der Unterminierung externer Ordnungsstrukturen auch das Prinzip wohlgeformter narrativer Entfaltung fallen und findet rudimentären Zusammenhang nur in der Chronologie des Aufzeichnens. Auch der diegetische „Autor“ reflektiert darüber:

„Jäcki würde schreiben: – daß vielleicht jeder Chronist an der Palette scheitern muß. Eine Analyse der verschiedenen Schichten Wirklichkeit würde sich ins Uferlose verlieren. Jede bekannte Form schriftstellerischer Synthese klammerte aber eben gerade all das Inkoherente [sic], Doppelzüngige, Alberne, Vielbewußte und die gleichzeitigen eingeschränkten Bewußtheiten aus. Die Schreibmaschine oder der Kugelschreiber […] wären gezwungen, eine kleingehackte, den Ereignissen und Personen nachhetzende Prosa zu erzeugen, die in dem Geschriebenen nicht den Eindruck der Vielfalt hervorrufen könnte, sondern auf die Dauer nur den Eindruck der Langeweile.“ (45)

Jäckis Zweifel über die Erfolgsaussichten einer chronistischen Darstellung der Palette scheint den „Autor“ – diese halbfiktive Chronistenfigur – aber nicht davon abzuhalten, eben genau dies zu versuchen: Gleichzeitigkeit und Mannigfaltigkeit finden zumindest annäherungsweise in einer Erlebnischronik zusammen, die dem einzelnen Ereignis seine Singularität lässt und die Bildung von Zusammenhängen mehr in die lesende Rezeption verlagert. Der Erkenntnisprozess des Protagonisten wird so performativ nacherlebt:

„Jäcki […] fühlt: Den habe ich schon einmal gesehen. Das habe ich schon einmal gemacht. Diesen Namen habe ich schon einmal ausgesprochen – und er merkt bei seinem zwölften Besuch, daß es stimmt, daß er elf Mal schon hier war, daß die Gesichter und Handlungen Spuren in seinem Gedächtnis zurückgelassen haben, die so ähnlich sind wie die Erlebnisse bei seinen elf vorhergehenden Besuchen.“ (94)

Nicht nur Jäcki wird damit vom „Autor“ herumgeführt – lesend streifen auch Rezipient:innen durch die Chronik dessen, was der „Autor“ über die Palette weiß und erfahren die Anagnorisis als eigenes Erleben. Die Bedingung dafür ist freilich eine Erklärungslosigkeit, die das Geschehen erst ungebunden auslegbar macht, es im letzten Detail aber auch immer wieder vor fremden Augen verschließt:

„Einige Passagen bleiben ohne Ortskenntnisse unverständlich; auch auf wissenschaftlichen Gebieten müßte der Leser beschlagen sein. Noch dazu läßt Fichte soviel Persönliches in den Roman einfließen, daß es wohl nur einen gibt, der wirklich alles restlos versteht: er selber.“ (Nagel 1985, 42 f.)

Als „Chronist der Hamburger Subkultur“ (Rieger, 70) lässt Fichte seine Leser:innen also so nah an die Szene heran wie für Außenstehende eben noch möglich, gewährt wird die letzte Einsicht schließlich aber nur dem esoterischen Inneren – einem Kreis, dem auch „Autor“ und Jäcki sich in letzter Konsequenz nie ganz zugehörig fühlen; ursächlich dafür eben jene formal noch so angestrengt aufzulösen versuchte Distanz, die sich durch die Haltung des forschenden Schriftstellers unweigerlich immer einstellt. Zum Preis seiner eigenen Zugehörigkeit liefert Fichte mit Die Palette das chronistische Dokument einer Geschichtsschreibung von unten, die ihren Gegenstand nicht erklär- sondern im wörtlichen Sinne nachvollziehbar macht:

„Unter den Büchern der sechziger Jahre, die das enthalten, was man die Erfahrung dieser Zeit in der BRD nennen könnte, nicht nur enthalten, sondern auf eine ganz und gar eigentümliche Weise literarisch umgesetzt haben, würde ich heute Fichtes Palette an erster Stelle nennen.“ (Heißenbüttel 1985, 62)

Dass es Star-Club und Palette einmal gegeben hat, daran erinnern an den entsprechenden Orten heute zwei Gedenktafeln. Die dort einmal gewesene Gegenwart hat sich in den Worten des Textes herüberkonserviert.

Literatur:

Fichte, Hubert: Die Palette. Reinbek bei Hamburg 1968.

Rieger, Michael: Die Welt durch sich hindurch lassen. Hubert Fichtes Werk als Medium ästhetischer Erkenntnis. Frankfurt a. M. 2009.

Kommentare von Zimmer, Nagel und Heißenbüttel stammen aus: 
Hubert Fichte. Materialien zu Leben und Werk. Hg. von Thomas Beckermann. Frankfurt a. M. 1985.

§12 · August 22, 2022 · Allgemein · · [Print]

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