Ein weiterer Blog rund um die MLU

Seit den frühen 2000ern haben sogenannte ‚Wende‘- oder ‚Nachwende‘-Romane nahezu ununterbrochen Konjunktur. Martin Grossʼ Buch stellt einen besonderen Fall dar. Es handelt sich um einen hochgradig hybriden Text, der feste Gattungszuschreibungen konsequent unterläuft: In ihm verflechten sich Formen des Essays, des Briefromans, des Journals, des Tagebuchs, der Reportage und des Feuilletons. Dadurch lässt sich das Buch gleichermaßen als literarischer Text, zeitgeschichtliches Dokument und journalistisches Schreibexperiment lesen.

1. Flüchtige Augenblicke und Verwicklungen der Zeiten

Die Ausgangslage des Buches ist schnell beschrieben: Der nur mäßig erfolgreiche westdeutsche Schriftsteller Martin Gross entscheidet sich im Januar 1990 für ein Jahr nach Dresden zu ziehen. Im Umfeld seiner ostdeutschen Verwandtschaft versucht er mittels Interviews, ziellosem Herumstreifen durch die Stadt und zufälligen Alltagsbeobachtungen den kurzen historischen Augenblick eines Landes „ohne Gegenwart“ (S. 16) zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung zu protokollieren. Einen Auftrag hat der Autor dabei genauso wenig wie eine klare Vorstellung davon, was für eine Art Text entstehen soll: „Dieses Beobachten ohne Auftrag, ohne Ziel, ohne Zweck. Ein Krankenhaus, eine Kneipe, ein Obstgarten.“ (S. 113) Obwohl der Autor nicht müde wird, die prekäre Schreibsituation zu beklagen, scheinen es gerade die zufälligen Begegnungen und ungeplanten, ziellosen „Irrfahrt[en] durch die ganze Stadt“ (S. 62) zu sein, die es Gross’ ermöglichen als Beobachter die gesellschaftlichen Transformationsprozesse an kleinen alltäglichen Details vor Augen zu führen. Hoffnungen, Wünsche, aber auch Zweifel und Verwerfungen in dem ‚Prozess des Verschwindens‘ (vgl. S. 29 und S. 95) werden hier nicht entlang der politischen Ereignisgeschichte erzählt, sondern in einem plötzlich auftauchenden Graffiti oder einem defekten Faxgerät greifbar.

Auffällig an den Berichten der verschiedenen Begegnungen und Geschehnissen ist eine Irritation beim Autor, die sich immer wieder durch eine von ihm wahrgenommene Diskrepanz zwischen der Singularität der historischen Ereignisse 1989/90 und dem sich relativ laut- und problemlos vollziehenden Übergang in den neuen Alltag einstellt. Zudem scheint er als Chronist inmitten der relativ ereignislosen Zwischenzeit ein Spätling und kann nurmehr noch seine eigene Verspätung konstatieren:

„Ich habe es ja schon gesagt: am Zusammenbruch dieses Staates ist nicht viel zu beobachten. Der politische Aufbruch ist bereits Erinnerung geworden, während ich mich noch zu Hause auf ihn vorbereitet habe. Mit spektakulären Ereignissen habe ich ja nicht wirklich gerechnet, aber dass der Zerfall einer Ordnung so ungeheuer ordentlich vor sich geht, das hätte ich nicht erwartet. Der eigentliche Bruch geschah im vergangenen Herbst, das war schon alles. Was danach kam, war keine Umwälzung, es war das Warten auf den Westen.“ (S. 39)

Zeitgeschichte und ihre literarische Vertextung wollen hier offenbar nicht problemlos zur Deckung kommen. Es dauert daher auch ein wenig, bis dem Autor bewusst wird, dass gerade diese Spannung zwischen Geschichte und Alltag der eigentliche Gegenstand seiner Schreibarbeit sein könnte. Zunehmend konzentriert sich Gross darauf, zu zeigen, wie 1990 vor allem unterschiedliche Zeitregime aufeinanderprallen. Im Eintrag vom 18. April 1990 notiert er eine Art von ‚geschichtsphilosophischer‘ Zeitreflexion, die er zum poetologischen Fundament seiner Aufzeichnungen ausbaut:

„Es ist, als begegneten sich für einen Augenblick die erste und die zweite Jahrhunderthälfte. Das ist kein Anlass zur Nostalgie, sondern ein einmaliges Experiment: Da werden verschiedene Epochen zusammengeschaltet, und der Betrachter hat nichts weiter zu tun, als die flüchtigen Farben und Formen zu fixieren. Was sich da abspielt, gleicht einem archäologischen Ereignis: Man öffnet die Katakomben, und für einen Augenblick liegen die Gestalten verschiedener Epochen fast lebensecht vor einem. Für Sekunden, während der einströmende Sauerstoff bereits an ihnen nagt, ist es möglich, ihnen ins Gesicht zu sehen. Schau sie dir an, wie sie sich unter diesem Zustrom verändern!“ (S. 119)

Die Flüchtigkeit in die Einsicht dessen, „was man einen ‚historischen Augenblick‘ nennt“ (S. 34), also in jene Transformationsprozesse, „wo Zukunft und Vergangenheit sich umkreisten“ (S. 204), korrespondiert mit dem ephemeren der eigenen Schreibbedingungen: „Immer habe ich den Eindruck, dass mir alles zwischen den Fingern zerrinnt, wenn ich es nicht sofort notiere.“ (S. 61) Die tagsüber schnell verfassten Notizen entlarven sich abends am Schreibtisch meist als unzulänglich, da sich aus ihnen eine vom Autor angestrebte Vermittlung von Reportage, literarischer Fiktion und zeitgeschichtlicher Dokumentation nicht unmittelbar einstellt. Insbesondere vor dem Hintergrund des „schnelle[n] Wandel[s] der Worte“ (S. 58) manifestiert sich das immer wieder an der Suche nach einer geeigneten Sprache im permanenten Spannungsfeld aus nachwirkenden Fragmenten ostdeutscher Sprachreglungen und dem eingeübten, aber zunehmend untauglich werdenden westdeutschen Wahrnehmungs- und Beschreibungsweisen des Autors: „[…] eigentlich hatten sich in den letzten Monaten die Worte überall so rasend schnell verändert, nicht nur in den Zeitungen, nein, auch wenn man Brot kaufte oder einen Ausweis beantragte, sprechen sie sich anders […].“ (S. 58)

Indem der Autor mit verschiedenen Beschreibungssprachen zu experimentieren beginnt und die eigenen Beobachtungen mit den ihn teilweise irritierenden Selbstbeschreibungen der verschiedenen Gesprächspartner konfrontiert, gibt er der zeithistorischen ‚Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen‘ zwischen marktwirtschaftlichen Beschleunigungsmechanismen, Restbeständen alter staatlicher Organisationsformen, lang eingeübten Verhaltensweisen und neuen Freiheiten eine literarische Form. Durch die täglichen Aufzeichnungen entsteht weniger eine kontinuierliche Geschichte als vielmehr ein Panorama des Nebeneinanders unterschiedlicher Begegnungen und Erfahrungen.

2. Experimente mit der „altmodische[n] Form“ der Chronik

Parallel zur Beobachtung dieser Verschaltungen unterschiedlicher Zeiten verhandelt der Text durchgehend die Frage, wie unmittelbar erlebte Zeitgeschichte überhaupt literarisch dargestellt werden kann. Immer wieder wechseln sich Passagen der Beobachtung alltäglicher Begebenheiten mit selbstreflexiven Überlegungen ab, die den Autor veranlassen, „übers Schreiben [zu] schreiben“ (S. 38). Die grundlegende Frage besteht darin, wie sich aus der eigenen individuellen Beobachterposition eine präzise historische Darstellungsform destillieren lässt:

„Ich komme mir vor, als hätte ich mir in den Kopf gesetzt, am Nordpol das Wetter zu beobachten, ein Forscher auf vorgeschobenen Posten. Noch eine Weile muss er ausharren. Aber nein, das klingt viel zu logisch. Das Lächerliche an meiner Position ist ja, dass gar nichts davon abhängt, ob ich sie heute oder in ein paar Wochen räume. Eher gleiche ich einem Spinner, der sein Zelt nimmt und in den hohen Norden geht, weil er sich für einen Forscher hält. Dabei überträgt man die Daten ja ohnehin per Satellit. Wenn ich wenigstens genau wüsste, was mich interessiert. Aber nicht einmal das ist klar. Ich weiß nur, dass ich hier noch bleiben möchte. Immer nur zusehen! Aber warum? Ich renne durch die Stadt und finde alles irgendwie bezeichnend – aber was ist das bezeichnete Thema? Natürlich, die großen historischen Themen. Aber die wollen sich einfach nicht präzisieren. Sie verbinden sich nicht mir Details – oder umgekehrt. Auf dem langen Weg vom großen Thema zum kleinen Detail sprechen so viele Stimmen dazwischen.“ (S. 113)

Um sich der Aufgabe einer möglichst präzisen Darstellung der zeitgeschichtlichen Ereignisse zu näheren, entscheidet sich der Autor dafür, vom 5. Januar 1990 bis zum 20. Januar 1991 „Tag für Tag“ (S. 15) simultan den historischen Augenblick ‚zwischen den Zeiten‘ aufzuzeichnen und damit „noch einmal diese altmodische Form“ (ebd.) der Chronistik aufzurufen. Damit handelt es sich bei Gross’ täglichen Aufzeichnungen um ein interessantes literarisches Beispiel für den Versuch, die Geschichte der Gegenwart unter Rückgriff auf ein vormodernes Schreibverfahren zu dokumentieren und erzählbar zu machen. Vor dem Hintergrund der zuletzt zitierten Passage lassen sich insbesondere drei Elemente dieses Rückgriffs auf chronistische Aufzeichnungsverfahren hervorheben, die vor allem dort zu beobachten sind, wo Auswirkungen und Effekte zeitgeschichtlicher Zäsuren und markanter historische Ereignisse im alltäglichen Erfahrungsraum aufgespürt und vergegenwärtigt werden sollen. Diese Elemente sollen nachfolgend kurz vorgestellt werden.

Zwischen Ganzem und Ausschnitt. Chronistische Texte sind häufig topischorganisiert, indem sie zeitgeschichtliches Geschehen mit der Geschichte eines Ortes, einer Institution, einer Familie etc. konfrontieren. Auch Gross versucht permanent, das Große im Kleinen zu entdecken. Dabei zeigt die oben zitierte Passage, dass die Spannung zwischen Einzelepisode und Gesamtzusammenhang als Verhältnis zwischen den „großen historischen Themen“ und den „Details“ zum Problem der Darstellung und Erzählbarkeit wird. Denn erstens ergibt sich durch eine allzu große Nähe offenbar nicht unmittelbar ein präziseres Bild des „historischen Augenblick[s]: „Hier, am vermeintlichen Ort des Geschehens, bleibt ein solcher Begriff stumpf. Zu fern ist er für diejenigen, die dicht an den Ereignissen sitzen.“ (S. 34) Eine Beziehung zwischen ‚mikrokosmischem‘ Alltag und ‚makrokosmischem‘ Geschichtsverlauf scheint stattdessen eine dem Film analoge schriftstellerische Technik des ‚zoom-in‘ und ‚zoom-out‘ zu verlangen.

Zweitens ergibt sich aus den zahlreichen, disparaten Beobachtungen nicht die eine Erzählerstimmer, sondern eine Vielstimmigkeit: „Auf dem langen Weg vom großen Thema zum kleinen Detail sprechen so viele Stimmen dazwischen.“ Die Aufgabe des Chronisten scheint hier darin zu liegen, eine narrative Struktur für die mannigfaltigen Eindrücke und Begegnungen zu finden: „Ich suche den roten Faden, den großen Bogen, die klare Linie. Es zerfällt mir alles in Einzelaspekte: Opernrestaurant, Archivar, Kaufhalle.“ (S. 40) Diese Spannung wird zum produktiven Faktor der chronistischen Aufzeichnungen. Denn statt einer abgeschlossenen Großerzählung montiert der chronistische Text fortlaufend narrative Passagen, die exemplarische Alltagserfahrung en detail nacherzählen, mit knappen protokollierenden Aufzählungen und nutzt so unterschiedliche literarische Formen für sein Bild der historischen Transformationsprozesse.

Sammeln und Selektieren. Aus der Spannung zwischen Ganzem und Ausschnitt ergeben sich weitere Fragen: Welche Beobachtungen sind repräsentativ? Wie lassen sich unmittelbar erlebte alltägliche Begebenheiten in eine Deutung des historischen Gesamtzusammenhangs übersetzen? Wie modelliert sich darüber eine Erfahrung der historischen Zeit als solcher? Statt einer subjektiven Selektion, die immer schon eine historische Deutung voraussetzt, imaginiert sich der Autor als eine Art neutraler Aufschreibeapparat, der Ereignisse, Erlebnisse und Erfahrungen sammelt und in seinen Aufzeichnungen archiviert. An mehreren Stellen finden sich Reflexionen über die eigene Rolle als bloß Wahrnehmender und Sammler: „ich […] versuche, alles zu notieren, jede Beobachtung festzuhalten“ (S. 15), „im allerersten Staunen“ (ebd.), „man muss sie nur zusammentragen“ (S. 17), „ich will doch nur zusehen“ (S. 29), „[i]ch kann es nur umschreiben“ (S. 30), „meine Sammlung“ (S. 19). Das wirkt nochmals zurück auf den ersten Aspekt, der das Verhältnis von Ganzem und Ausschnitt betraf. In einer eigentümlichen Verschaltung von Reflexionen über die Einführung der Marktwirtschaft und der eigenen Schreibhaltung heißt es am 2. Februar 1990:

„[…] der Mangel an einem roten Faden [weist] auf die aktuelle Entwicklung zurück[…]. (Dabei empfinde ich augenblicklich diesen Mangel schon gar nicht mehr so sehr). Aber es stimmt: Die kommende Ordnung ist kein monopolistisches System mehr. Da hätten wir also, bevor die Marktwirtschaft überhaupt eingeführt ist, ihre Strukturen bereits zu spüren begonnen: Alles zerläuft, zergliedert, vervielfältigt sich.“ (S. 55)

Offensichtlich wird nicht nur nicht mehr der Mangel an einem roten erzählerischen Faden beklagt. Darüber hinaus wird das an den gesellschaftlichen Strukturveränderungen beobachtete ‚Zerlaufen, Zergliedern, Vervielfältigen‘ auf das eigene Schreiben zurückbezogen. Die einzelnen Tagebucheinträge setzten immer wieder von einem neuen Punkt an, sammeln ein ganzes Panorama von unterschiedlichen Perspektiven und machen so ein loses Reihenprinzip zur Grundlage ihres Schreibverfahrens. Dieses panoramaartige Schreiben in Einzelepisoden geht einher mit der Erprobung unterschiedlicher Selbstzuschreibungen, die sich tentativ auf die Figur des Chronisten zubewegen.

Figur des Chronisten. Deutlich ist bisher geworden, dass der Autor Gross nicht hinter der Dokumentation der Ereignisse zurücktritt, sondern durch die vielen Selbstreflexionen zu einer markanten Figur seiner eigenen Aufzeichnungen wird. Auf seinen Wegen durch die Stadt und anlässlich verschiedener Begegnungen wird Gross immer wieder als westdeutscher Journalist wahrgenommen. Eine Rollenzuschreibung, die er im eigenen Text höchstens als Simulation (vgl. S. 114) gelten lässt. Stattdessen erprobt er verschiedene Selbstzuschreibungen. In einer der oben zitierten Passagen fragt er sich, ob er eine Art von Polarforscher sei oder doch bloß ein „Spinner“, der den Forscher imitiert (vgl. S. 113). An anderen Stellen vergleicht er sich u.a. mit einem furchtlosen ‚Abenteurer‘ (vgl. S. 19), einem ‚Archäologen‘ (vgl. S. 119) oder er imaginiert sich als eine Art Undercover-Reporter (vgl. S. 117). Dass das Buch dadurch zugleich „die Geschichte eines Autors“ geworden ist, „der etwas orientierungslos durch das Jahr 1990 stolpert“ (S. 9), thematisiert der Autor in der Einleitung, die anlässlich der 2020 besorgten Neuausgabe des 1992 erstmals erschienenen Buches geschrieben wurde.

Diesen Selbstzuschreibung liegt ein weiteres Spannungsverhältnis zugrunde. Auf der einen Seite versteht Gross sein Buch explizit als ein literarisches Werk, das „Handlungsstränge […] gestrafft, die Zahl der Personen reduziert, verschiedene Orte zusammengeführt“ (S. 8) hat. Auf der anderen Seite beanspruchen die Aufzeichnungen allerdings zugleich, einen zeitgeschichtlich-dokumentarischen Impuls zu folgen. In dieser Spannung aus Literatur und Historiographie bewegen sich auch die mannigfaltigen Versuche, die eigene Schreibposition zu bestimmen. Gerade diese Spannung macht Gross’ Buch zu einem exemplarischen Fall für den Rückgriff auf chronistische Schreibelemente im 20. Jahrhundert, mit dem versucht wird, Zeitgeschichte aufzuzeichnen und erzählbar zu machen. Allerdings taugen für solche literarischen Beschreibungen historischer Zäsuren selten die großen geschichtlichen Vergleiche. Am Ende des Eintrags vom 29. Januar heißt es dazu:

„Vermutlich werde ich mich von den großen Begriffen verabschieden müssen: Bastille, Winterpalais und so weiter. Offensichtlich weiß im entscheidenden Moment keiner, was er da eigentlich tut. Ja, man weiß nicht einmal, dass dies die Entscheidung ist; das liest man dann hinterher in der Presse. Oder noch später in den Geschichtsbüchern.“ (S. 50)

Oder aber, so ließe sich ergänzen: in literarischen Chroniken, die im Zwischenraum aus tagesaktuellen Ereignissen und nachträglichen historischen Einordnungen eine Form des historischen Wissens bereitstellen, das zwischen den Zeiten zu verorten ist, genauer: „einen Millimeter vor der Gegenwart.“ (S. 148)

§14 · August 22, 2022 · Allgemein · · [Print]

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