{"id":95,"date":"2017-04-20T14:07:56","date_gmt":"2017-04-20T12:07:56","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/demografie\/?p=95"},"modified":"2017-05-05T11:49:42","modified_gmt":"2017-05-05T09:49:42","slug":"haushalte-von-siegfried-gruber","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/demografie\/2017\/04\/haushalte-von-siegfried-gruber\/","title":{"rendered":"&#8222;Haushalte&#8220; von Siegfried Gruber"},"content":{"rendered":"<p><strong>1. Einleitung<\/strong><\/p>\n<p>In der historischen Demografie kann man sich mit dem Zustand einer Bev\u00f6lkerung als auch deren Ver\u00e4nderung besch\u00e4ftigen. Die klassischen Quellen f\u00fcr Bewegungsmengen der Bev\u00f6lkerung sind Kirchenb\u00fccher, wo Geburten bzw. Taufen, Eheschlie\u00dfungen und Todesf\u00e4lle bzw. Beerdigungen verzeichnet worden sind. Bestandsmengen der Bev\u00f6lkerung sind in Personenstandsquellen wie Volksz\u00e4hlungen, B\u00fcrgerlisten und \u00e4hnlichen Quellen aufgezeichnet worden. Die Personen in Kirchenb\u00fcchern sind entweder als Einzelpersonen, Ehepaare oder Eltern-Kind-Gruppe verzeichnet, die allerdings keine weiteren Hinweise auf zus\u00e4tzliche gemeinsam mit diesen Personen lebende weitere Personen geben. Diese Informationen sind in Volksz\u00e4hlungslisten vorhanden, die als Ordnungskriterium gew\u00f6hnlich den Haushalt verwenden, der somit die n\u00e4chsth\u00f6here Verwaltungseinheit einer Bev\u00f6lkerung nach der Einzelperson darstellt.<\/p>\n<p>Diese Haushalte werden meist aufgrund von Gemeinsamkeiten beim Essen bzw. Kochen, Schlafen und Verwandtschaft definiert, wobei es auch davon abweichende Definitionen gibt. Die Anwendbarkeit dieses Begriffes wird teilweise infrage gestellt, weil einerseits die Abgrenzung von Haushalten nicht immer eindeutig ist und man sich bei historischen Quellen weitgehend auf das verlassen muss, was \u00fcberliefert ist und andererseits die Frage aufgeworfen wird, ob das Konzept des Haushalts \u00fcberhaupt eine sinnvolle Kategorie darstellt. Eine weitere Unsch\u00e4rfe liegt darin, dass die Begriffe \u201eHaushalt\u201c und \u201eFamilie\u201c oft synonym verwendet werden. Die Funktionen von Haushalten (z.B. Produktion und Konsumption) sind vor allem in den letzten beiden Jahrhunderten stark zur\u00fcckgegangen. Die Zusammensetzung der Haushalte und der Vergleich \u00fcber Raum und Zeit hinweg stellte lange Zeit eine der wichtigsten Forschungsfragen dar und inzwischen sind gr\u00f6\u00dfere Datensammlungen angelegt worden, die zur Beantwortung vielf\u00e4ltiger Forschungsfragen zur Verf\u00fcgung stehen.<!--more--><\/p>\n<p><strong>2. Haushalt und Familie<\/strong><\/p>\n<p>Vielfach sind die Begriffe \u201eHaushalt\u201c und \u201eFamilie\u201c, bzw. in \u00e4lterer Zeit auch der Begriff \u201eHaus\u201c, synonym verwendet worden und es gibt wissenschaftliche Arbeiten, die diese beiden Begriffe nicht klar voneinander trennen oder unterschiedslos verwenden. Der wichtigste Unterschied zwischen diesen beiden Begriffen liegt darin, dass Familie den verwandtschaftlichen Aspekt der damit bezeichneten Gruppe betont, w\u00e4hrend Haushalt den Aspekt des gemeinsamen Wohnens hervorhebt. Es ist nun aber so, dass der Gro\u00dfteil der Mitglieder eines Haushalts auch miteinander verwandt ist und es daher eine weitreichende \u00dcberschneidung dieser beiden Begriffe auch in der Realit\u00e4t gibt.<\/p>\n<p>Insgesamt ist der Begriff \u201eFamilie\u201c in der Wissenschaft weiter verbreitet als der Begriff \u201eHaushalt\u201c: der Begriff \u201efamily demography\u201c wird wesentlich h\u00e4ufiger verwendet als der der \u201ehousehold demography\u201c. Die \u201eEncyclopedia of population\u201c von 2003 enth\u00e4lt elf Eintr\u00e4ge zum Begriff \u201eFamilie\u201c (darunter family history und family demography), aber nur einen zu \u201eHaushalt\u201c (household composition). Die historische Besch\u00e4ftigung mit Familie bzw. Haushalt l\u00e4uft unter \u201eFamiliengeschichte\u201c und nicht \u201eHaushaltsgeschichte\u201c und das Netzwerk bei den internationalen Tagungen von SSHA und ESSHC hei\u00dft \u201eFamily and Demography\u201c\u00a0 bzw. \u201eFamily History\/Demography\u201c und nicht \u201eHousehold and Demography\u201c.<\/p>\n<p><strong>3. Definition eines Haushalts<\/strong><\/p>\n<p>Michel Verdon reduziert die Definition eines Haushalts auf ein einziges Merkmal, das des gemeinsamen Wohnens. Er definiert einen Haushalt als \u201eresidential group\u201c (Verdon 1998: 37, \u00e4hnlich auch Ryder 1\u00a0985). Die meisten anderen Definitionen eines Haushalts beinhalten noch zus\u00e4tzliche Merkmale. Im Rahmen der \u201eCambridge Group for the History of Population and Social Structure\u201c entstanden Definitionen, die eine enorme Wirkung auf die weitere Entfaltung der historischen Demographie hatten. Peter Laslett definiert einen Haushalt als \u201ecoresident domestic group\u201c und weist ihm drei Charakteristiken zu: Schlafen unter einem gemeinsamen Dach, gemeinsame Aktivit\u00e4ten und Verwandtschaft durch Blut oder Heirat (Laslett 1974: 25). Die ersten beiden sieht er als universell an, w\u00e4hrend das dritte Merkmal nicht auf alle Mitglieder des Haushalts zutrifft: Es k\u00f6nnen auch Nichtverwandte in einem Haushalt Mitglieder sein. Diese Personen k\u00f6nnen einerseits Dienstboten, Lehrlinge, Gesellen und andererseits G\u00e4ste, Bett- und Kostg\u00e4nger sein. Eine wichtige Eigenschaft der ersten Gruppe besteht darin, dass sie hausrechtlich dem Haushaltvorstand unterstanden. Sie waren in ihrem Status mit Kindern vergleichbar und in den Haushalt integriert. Altenteiler, die ein eigenes Geb\u00e4ude bewohnen oder im selben Geb\u00e4ude wohnen, aber eine eigene Haushaltsf\u00fchrung haben, stellen einen eigenen Haushalt dar (Laslett 1974: 26f.). Laslett f\u00fchrte den Begriff \u201ehouseful\u201c f\u00fcr alle Leute ein, die ein Geb\u00e4ude bewohnen, auch wenn sie nicht zum selben Haushalt geh\u00f6ren (Laslett 1974: 36). Eine sp\u00e4tere Definition von Richard Wall konzentriert sich ebenfalls auf die ersten beiden Charakteristiken (Wall 2001).<\/p>\n<p>Josef Schmid stellt drei andere Aspekte f\u00fcr die Definition eines Haushalts in den Vordergrund: Kochgelegenheit, Privatheit, verwandte und nicht verwandte Personen (Schmid 1988: 14f.). Die gemeinsame Feuerstelle bzw. Kochgelegenheit wurde historisch ebenfalls als Kriterium zur Einteilung in Haushalte bzw. zu Besteuerungszwecken (Listen von Feuerstellen bzw. Schornsteinen) verwendet. Die Privatheit wird durch eine eigene Eingangst\u00fcr charakterisiert, der die einzelnen Haushalte eines Hauses voneinander scheidet. John Ermisch definiert einen Haushalt als eine Einheit, welche die Zeit ihrer Mitglieder und erworbene G\u00fcter und Dienstleistungen in die Erzeugung von &#8218;Outputs&#8216; kombiniert, welche zumindest teilweise unter ihnen geteilt werden. Es geht hier um eine wirtschaftliche Definition von Haushalten, die sie als Produktions- und Konsumptionseinheit versteht (Ermisch 1988: 23).<\/p>\n<p><strong>4. Probleme mit der Abgrenzung von Haushalten<\/strong><\/p>\n<p>Im \u00dcbrigen ist die Erforschung von historischen Bev\u00f6lkerungen meist auf die Datensituation in den jeweiligen Quellen angewiesen. Die Einteilung der Bev\u00f6lkerung in Gruppen, die wir als Haushalte identifizieren, ist meist bereits in den Quellen gegeben und wir k\u00f6nnen davon ausgehen, dass diese Einteilung keine willk\u00fcrliche (Laslett 1974: 24), sondern f\u00fcr die damalige Situation sinnvoll war. Probleme ergeben sich nun, wenn eine solche Einteilung entweder nicht vorhanden ist oder wenn diese Einteilung fraglich oder nach anderen Gesichtspunkten vorgenommen worden ist. Ein Beispiel daf\u00fcr sind die mittelalterlichen serbischen Quellen, die von Gene Hammel ausgewertet worden sind: Er stellte eine Reihe von unterschiedlichen Annahmen auf und verglich dann die Ergebnisse der Einteilung der Haushalte in Kategorien aufgrund dieser Annahmen (Hammel 1984). Ein weiteres Beispiel ist die Volksz\u00e4hlung des Jahres 1819 von Mecklenburg-Schwerin, die keine Einteilung in Haushalte aufweist und auch keine Adressen angibt. Eine Edition dieser Quelle f\u00fcr die Stadt Rostock beruht ebenfalls auf einer Reihe von Annahmen (Manke 2005), die allerdings zu einem sehr hohen Anteil an Einpersonenhaushalten f\u00fchren. Eine M\u00f6glichkeit zur L\u00f6sung dieses Problems liegt in der Anwendung eines Algorithmus, der aufgrund vorgegebener Regeln eine Person entweder dem Haushalt der vorhergehenden Person zuordnet, oder mit dieser Person einen neuen Haushalt beginnt. Die Regeln f\u00fcr diese Zuordnungen wurden anhand der Volksz\u00e4hlung des Jahres 1867 entworfen und auch an dieser Volksz\u00e4hlung getestet. Das Ergebnis f\u00fchrt zu wesentlich weniger Einpersonenhaushalten als in der Quellenedition, wobei aber zu bedenken ist, dass sich dieser Algorithmus f\u00fcr unterschiedliche Teile der Bev\u00f6lkerung unterschiedlich auswirken kann (Gruber, Scholz, Szo\u0142tysek 2011).<\/p>\n<p><strong>5. Kritik am Konzept<\/strong><\/p>\n<p>Das Konzept des Haushalts hat auch einige Kritik hervorgerufen. Dazu geh\u00f6rt der Vorwurf, dass die Abgrenzung von Haushalten nach unterschiedlichen Kriterien erfolgt. Lutz Berkner meint, dass unbekannte Kriterien in den \u00fcberlieferten Quellen verwendet worden sind und dass die Regeln zur Unterscheidung von Haushalten nicht bekannt sind (Berkner 1975: 725). Die Gefahr besteht darin, dass wir nicht Haushalte miteinander vergleichen, sondern die Art und Weise, in welcher die Z\u00e4hlorgane die Personen in Haushalte einteilten (Berkner 1975: 727). Eine weitere Kritik besteht darin, dass das Konzept des Haushalts statisch ist, und nicht auf die Ver\u00e4nderungen der Zusammensetzung im Laufe der Zeit eingehe (Berkner 1972).<\/p>\n<p>Eine andere Kritik weist darauf hin, dass der Haushalt nicht die richtige Untersuchungseinheit darstellt, weil bei der Berechnung von Anteilen von Haushaltstypen die Ver\u00e4nderung des Z\u00e4hlers auch den Nenner ver\u00e4ndert. Deshalb w\u00e4re die Einzelperson die bessere Einheit zur Untersuchung von Merkmalen des Zusammenlebens (Ruggles 1987: 142-147). Dadurch entf\u00e4llt auch das Problem, dass Haushalte sich teilen oder vereinigen k\u00f6nnen, w\u00e4hrend das bei Personen nicht m\u00f6glich ist. Ein weiterer Einwand bezieht sich darauf, dass Verwandtschaftsbeziehungen wichtiger sind als das gemeinsame Wohnen. Eltern und Kinder k\u00f6nnen sich gegenseitig unterst\u00fctzen, ohne einen gemeinsamen Haushalt zu f\u00fchren. Das wird durch Untersuchungen \u00fcber die r\u00e4umliche N\u00e4he von verwandten Personen unterstrichen.<\/p>\n<p><strong>6. Rechtfertigung des Konzepts<\/strong><\/p>\n<p class=\"hParagraph\">Kann man trotz unterschiedlicher Kritik das Konzept \u201eHaushalt\u201c als Untersuchungseinheit verwenden? Ein wichtiger Aspekt ist die Forschungsfrage: Ob es sich um eine Einzelperson handelt oder eine Gruppe von Personen, anhand derer diese Frage besser beantwortet werden kann, h\u00e4ngt vom jeweiligen Thema ab.<\/p>\n<p class=\"hParagraph\">Des Weiteren kann von einer \u00e4hnlichen Annahme wie Peter Laslett ausgegangen werden, dass die Einheiten von Personen, die in historischen Quellen aufscheinen, sehr wohl eine Bedeutung haben. Wenn diese Einheiten v\u00f6llig willk\u00fcrlich w\u00e4ren, m\u00fcsste die Bandbreite an Haushaltszusammensetzungen in Europa noch wesentlich umfangreicher sein. Au\u00dferdem sollten \u00c4nderungen \u00fcber k\u00fcrzere und l\u00e4ngere Zeitr\u00e4ume keinen systematischen Entwicklungen entsprechen, sondern m\u00fcssten v\u00f6llig zuf\u00e4llig sein. Zudem sollte man fr\u00fcheren Verwaltungsorganen nicht einfach die Kompetenzen absprechen, zwischen Haushalten unterscheiden zu k\u00f6nnen, auch wenn sie diesen Begriff noch nicht kannten und keine so ausgefeilten einheitlichen Regeln vorhanden waren. Wenn man allerdings \u00c4nderungen in der Zusammensetzung von Haushalten feststellt, ist es aber angebracht, auch die M\u00f6glichkeit einer ge\u00e4nderten Definition von Haushalten zu ber\u00fccksichtigen.<\/p>\n<p class=\"hParagraph\">Im Gegensatz zur Verwandtschaftsgruppe ist der Haushalt ein Ort st\u00e4ndiger Interaktion zwischen seinen Mitgliedern. Dadurch kommt es m\u00f6glicherweise auch zu einem geh\u00e4uften Auftreten von innerfamili\u00e4ren Konflikten, w\u00e4hrend mit Verwandten, die nicht im gemeinsamen Haushalt wohnen, weniger Reibungsfl\u00e4chen gegeben sind. Die praktische Hilfe von Verwandten nimmt mit zunehmender r\u00e4umlicher Distanz ab und auch aus diesem Grund ist der Haushalt als die geringstm\u00f6gliche Distanz von Verwandten eine wichtige Einheit.<\/p>\n<p class=\"hParagraph\"><strong>7. Funktionen des Haushalts<\/strong><\/p>\n<p class=\"hParagraph\">Einige der wichtigsten Funktionen des Haushalts kommen bereits in der Diskussion \u00fcber die Definition von Haushalten vor. Viele dieser Funktionen sind durch die Entwicklungen der letzten beiden Jahrhunderte stark eingeschr\u00e4nkt worden. Der Haushalt als Produktionseinheit ist durch den R\u00fcckgang von Landwirtschaft und Handwerk nur noch in wesentlich eingeschr\u00e4nkterer Form vorhanden. Gemeinschaftlicher Besitz ist meist nur bei Paaren vorhanden, w\u00e4hrend Kinder und andere Verwandte gew\u00f6hnlich davon ausgeschlossen sind. Die Funktion der Konsumptionseinheit hat ebenfalls abgenommen, weil Haushaltsmitglieder in zunehmendem Ma\u00dfe au\u00dferhalb des Haushalts ihre Nahrung einnehmen und auch sonstiger Konsum st\u00e4rker individualisiert worden ist. Die Funktion von Sozialisation und Erziehung wird heute durch Kinderkrippen, Kinderg\u00e4rten und Schulen in h\u00f6herem Ausma\u00df durch Institutionen durchgef\u00fchrt als in fr\u00fcheren Zeiten. Religi\u00f6se und rituelle Funktionen sind durch den R\u00fcckgang der religi\u00f6sen Praxis in weiten Teilen Europas, aber auch durch die Abneigung des Christentums gegen\u00fcber prim\u00e4r famili\u00e4r organisierten religi\u00f6ser Praktiken wie etwa einem Ahnenkult von geringer Bedeutung. Die Tendenz zur Feier von christlichen Festen in Form von Familienfeiern, vor allem des Weihnachtsfestes, stellt hier eine gegenl\u00e4ufige Entwicklung seit dem 19. Jahrhundert dar. Weitere Funktionen, wie die des Schutzes wurden durch den Ausbau des Staates und seiner Organe unwichtiger. Die Funktion der Pflege f\u00fcr kranke, alte und behinderte Haushaltsmitglieder ist zwar durch Institutionen wie Krankenh\u00e4user und Pflegeheime erg\u00e4nzt worden, wird allerdings immer noch in hohem Ma\u00dfe wahrgenommen. Als wichtige \u00c4nderung ist hier zu vermerken, dass durch finanzielle Abgeltung vonseiten der \u00f6ffentlichen Hand oder Versicherungen Konfliktpotenziale verringert wurden. Durch die Zunahme des Anteils an \u00e4lteren Menschen in der Bev\u00f6lkerung k\u00f6nnte diese Funktion von Haushalten in Zukunft sogar noch zunehmen. Durch den allgemeinen Funktionsverlust der Haushalte ist die Funktion der Erholung und des R\u00fcckzugs in einen gesch\u00fctzten privaten Raum wesentlich verst\u00e4rkt worden. Die starke Aufwertung dieser Funktion kann nun zu einer \u00dcberforderung des Haushalts f\u00fchren, wenn die hohen Erwartungen an Erholung und Ausgleich zum Arbeitsleben nicht erf\u00fcllt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p class=\"hParagraph\"><strong>8. Haushaltsstrukturen<\/strong><\/p>\n<p class=\"hParagraph\">\u00a0Die Zusammensetzung der Haushalte wird dazu verwendet, Haushalte in verschiedene Gruppen einzuteilen. Eine bereits recht fr\u00fch erfolgte Einteilung unterscheidet Einzelpersonen und Familienhaushalte, von denen sp\u00e4ter Anstaltshaushalte (Krankenh\u00e4user, Kasernen, Waisenh\u00e4user, Internate, Gef\u00e4ngnisse usw.) herausgenommen wurden, weil sie keine famili\u00e4re Komponente aufweisen. Eine weitere Einteilung besteht in der Aufgliederung nach der Anzahl der Mitglieder des Haushalts. Eine Einteilung aufgrund struktureller Merkmale kommt von Peter Laslett (1974) bzw. Gene Hammel und Peter Laslett (1974), die sich auf das Vorhandensein von sogenannten \u201econjugal family units\u201c (CFU) st\u00fctzt. Ein CFU besteht aus einem Ehepaar (mit oder ohne Kinder) oder einem verwitweten Elternteil mit Kind(ern). Es werden hierbei f\u00fcnf Gruppen unterschieden, die noch weiter aufgegliedert werden k\u00f6nnen: Einzelpersonen, keine Familie (kein CFU), einfacher Familienhaushalt (ein CFU), erweiterter Familienhaushalt (ein CFU und zus\u00e4tzlich mindestens eine weitere verwandte Person) und multipler Familienhaushalt (mehr als ein CFU). Nicht verwandte Personen wie Dienstboten, Lehrlinge, Untermieter oder Bettgeher werden hierbei nicht ber\u00fccksichtigt. Diese Haushaltstypologie ist in der Fachwelt weitgehend akzeptiert worden, obwohl es auch Einw\u00e4nde gibt, dass diese Typologie zu sehr auf (West)Europa zugeschnitten sei.<\/p>\n<p><strong>9. Digitale und analoge Informationsquelle<\/strong><\/p>\n<p>Personenstandslisten sind die \u00fcblichen Quellen f\u00fcr die Zusammensetzung von Haushalten. Eine vollst\u00e4ndige Auflistung aller Bewohner eines bestimmten Gebietes k\u00f6nnen Volksz\u00e4hlungen, Seelenlisten (status animarum), Beichtkinderverzeichnisse und andere Vorl\u00e4uferformen von Volksz\u00e4hlungen sowie Bev\u00f6lkerungsregister liefern. Zus\u00e4tzlich k\u00f6nnen auch Quellen verwendet werden, die nur Angaben zum Haushaltsvorstand bzw. zu dem ganzen Haushalt enthalten. Das k\u00f6nnen z.B. Steuerlisten oder Besitzstandslisten sein, die Angaben \u00fcber die wirtschaftlichen Verh\u00e4ltnisse des Haushalts enthalten.<\/p>\n<p>Es gibt inzwischen gro\u00dfe Sammlungen an digitalen Daten aufgrund von Personenstandslisten, die der Forschung zur Verf\u00fcgung stehen. Hier ist in erster Linie auf die gro\u00dfen Sammlungen am Minnesota Population Center zu verweisen. IPUMS-International bietet Volksz\u00e4hlungsdaten von 55 L\u00e4ndern aus der zweiten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts zur Forschung an. The North Atlantic Population Project\/NAPP bietet historische Daten aus Deutschland, Norwegen, Schweden, Gro\u00dfbritannien, Kanada und den USA (1850-1910) an, w\u00e4hrend IPUMS-USA die gr\u00f6\u00dfte Sammlung an Volksz\u00e4hlungsdaten eines einzelnen Landes repr\u00e4sentiert. F\u00fcr die europ\u00e4ischen Mikrodaten gibt es auch die Anlaufstelle Integrated European Census Microdata\u00a0 in Barcelona.<\/p>\n<p>Im deutschen Sprachraum besteht die Wiener Datenbank zur Europ\u00e4ischen Familiengeschichte, die Daten zu Mitteleuropa (\u00d6sterreich, Schweiz, Deutschland, Italien, Kroatien) umfasst. Gr\u00f6\u00dfere Projekte besch\u00e4ftigen sich derzeit mit dem Aufbau von Datenbanken zu Schleswig-Holstein, aber auch anderer angrenzender norddeutscher Gebiete oder Mecklenburg-Schwerin von 1819 bis 1900. Eine zentrale Anlaufstelle ist am Max-Planck-Institut f\u00fcr demografische Forschung in Rostock f\u00fcr die n\u00e4chsten Jahre geplant.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Literatur<\/strong><\/p>\n<p>Berkner, Lutz K.(1972), The Stem Family and the Developmental Cycle of the Peasant Household: An Eighteenth-Century Austrian Example, in: The American Historical Review 77, 2, S. 398-418.<\/p>\n<p>Berkner, Lutz K.(1975), The Use and Misuse of Census Data for the Historical Analysis of Family Structure, in: Journal of Interdisciplinary History 5, 4 (The History of the Family II), S. 721-738.<\/p>\n<p>Demeny, Paul \/ McNicoll, Geoffrey (Hg.) (2003), Encyclopedia of population, New York usw.<\/p>\n<p>Ermisch, John Francis(1988), An economic perspective on household modelling, in: Keilman, Nico \/ Kuijsten, Anton \/ Vossen, Ad (Hg.): Modelling Household Formation and Dissolution, Oxford , S. 23-40.<\/p>\n<p>Gruber, Siegfried \/ Scholz, Rembrandt D. \/ Szo\u0142tysek, Miko\u0142aj (2011), Real and Synthetic Household Populations and Their Analysis: An Example of Early Historical Census Microdata (Rostock, 1819), in: Historical Methods .<\/p>\n<p>Hammel, Eugene A. (1984), On the *** of Studying Household Form and Function, in: Netting, Robert McC. \/ Wilk, Richard R. \/ Arnould, Eric J. (Hg.): Households: Comparative and Historical Studies of the Domestic Group, Berkeley, Los Angeles, London, S. 29\u201343.<\/p>\n<p>Hammel, Eugene A. \/ Laslett, Peter (1974), Comparing Household Structure over Time and between Cultures, in: Comparative Studies in Society and History 16, 1, S. 73-109.<\/p>\n<p>Laslett, Peter (1974), Introduction: The history of the family, in: Laslett, Peter \/ Wall, Richard (Hg.): Household and family in past time: Comparative studies in the size and structure of the domestic group over the last three centuries in England, France, Serbia, Japan and colonial North America, with further materials from Western Europe, Cambridge, S. 1\u201389.<\/p>\n<p>Manke, Matthias (Hg.) (2005), \u00bb\u2026 dass alle Welt gesch\u00e4tzt w\u00fcrde.\u00ab Die Einwohner der Stadt Rostock nach der Volksz\u00e4hlung von 1819 (Kleine Schriftenreihe des Archivs der Hansestadt Rostock 15), Rostock .<\/p>\n<p>Ruggles, Steven (1987), Prolonged Connections: The Rise of the Extended Family in Nineteenth-Century England and America (Social Demography), Madison .<\/p>\n<p>Ryder, Norman B. (1985), Recent developments in the formal demography of the family, in: International Population Conference, Florence , Bd. 3, Li\u00e8ge, S. 207-220.<\/p>\n<p>Schmid, Josef (1988), Principles emerging from sociology for definitions and typologies of household structures, in: Keilman, Nico \/ Kuijsten, Anton \/ Vossen, Ad (Hg.): Modelling Household Formation and Dissolution, Oxford , S. 13\u201322.<\/p>\n<p>Verdon, Michel (1998), Rethinking Households: An atomistic perspective on European living arrangements (Routledge Research in Gender and Society 3), London, New York .<\/p>\n<p>Wall, Richard (2001), The Household, in: Stearns, P. N. (Hg.): Encyclopedia of European Social History 4, Detroit , 109-124.<\/p>\n<p class=\"hParagraph\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. Einleitung In der historischen Demografie kann man sich mit dem Zustand einer Bev\u00f6lkerung als auch deren Ver\u00e4nderung besch\u00e4ftigen. Die klassischen Quellen f\u00fcr Bewegungsmengen der Bev\u00f6lkerung sind Kirchenb\u00fccher, wo Geburten bzw. Taufen, Eheschlie\u00dfungen und Todesf\u00e4lle bzw. 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