{"id":39,"date":"2019-08-01T13:16:00","date_gmt":"2019-08-01T11:16:00","guid":{"rendered":""},"modified":"2019-10-05T18:36:21","modified_gmt":"2019-10-05T16:36:21","slug":"balsam-fuer-die-seele","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/derhalbstarkehallunke\/2019\/08\/balsam-fuer-die-seele\/","title":{"rendered":"Balsam f\u00fcr die Seele"},"content":{"rendered":"<p>Immer wieder drehe ich das kleine D\u00f6schen in meiner Hand. &#8222;Zam-Buk \u2013 The Real Makoya&#8220;, es ist Lippenbalsam.<br \/>&#8222;Contains CAMPHOR which may be harmful if swallowed&#8220;.<\/p>\n<p>Auf der Unterseite steht &#8222;The hospital in your pocket&#8220; und auf der Seite &#8222;BAYER (PTY)LTD 27 WRENCH ROAD, ISANDO, GAUTENG, SOUTH AFRICA&#8220;.<\/p>\n<p>Nun ist dieses D\u00f6schen das einzige, was mir aus S\u00fcdafrika geblieben ist.<\/p>\n<p>Ich drehe es nochmals in meiner Hand, denn es ist alles, was mir nach elf Monaten \u00fcbrig bleibt. \u00dcberall um mich herum sind jetzt n\u00e4mlich Dinge, dir mir bekannt sein sollten doch tats\u00e4chlich fremd sind.<\/p>\n<p>Es ist mein Fernseher, meine Spielekonsole, meine alten Klamotten, meine alten B\u00fccher, meine alten Schr\u00e4nke, mein altes Zimmer.<\/p>\n<p>Gedacht hatte ich, dass ich den Menschen, dem dieses Zimmer geh\u00f6rte, hinter mir gelassen habe, doch pl\u00f6tzlich sitze ich wieder hier, h\u00e4mmere auf den Tasten dieses Laptops rum und starre in die Leere.<\/p>\n<p>Es ist \u00fcberraschend wie schwierig es einem f\u00e4llt nach einer gewissen Zeit im Ausland wieder zur\u00fcckzukommen \u2013 je l\u00e4nger die Zeit und je weiter weg das Ausland umso schwieriger ist wohl die Eingew\u00f6hnung.<\/p>\n<p>Du gehst zur\u00fcck an den Ort, den du die gesamten letzten Monate allen Menschen als dein &#8222;Zuhause&#8220; vorgestellt hast und stellst pl\u00f6tzlich fest, dass dieser Ort kein Zuhause mehr ist. Weil sich der Ort ver\u00e4ndert hat. Weil du dich ver\u00e4ndert hast.<br \/>Obwohl gleichzeitig alles gleich geblieben ist.<\/p>\n<p>Die Fremde im Bekannten ist absurd.<\/p>\n<p>Immer wieder ertappe ich mich dabei, wie ich dissoziiere, wie ich diesen Ort, an dem ich lebe und die Menschen, mit denen ich interagiere, nicht verstehe und nicht erkenne.<br \/>Trotz des wir Kontakt gehalten haben \u00fcber die letzten elf Monate hinweg.<\/p>\n<p>Doch was will ich \u00fcberhaupt von diesen Menschen?<br \/>Will ich, dass sie gleich geblieben sind?<\/p>\n<p>Ich glaube nicht.<\/p>\n<p>Immerhin habe ich mich stark ver\u00e4ndert, auf dieselben Gesichter mit denselben Meinungen zu treffen w\u00e4re da schlicht kontraproduktiv.<\/p>\n<p>Will ich aber, dass sie sich ver\u00e4ndert haben?<\/p>\n<p>Eigentlich ja auch nicht.<\/p>\n<p>Immerhin habe ich diese Menschen ja alle aus einem bestimmten Grund gemocht und sie waren alle Teil meines Lebens, weil sie mir (aufgrund ihrer Pers\u00f6nlichkeiten) irgendwas bedeutet haben.<br \/>Wahrscheinlich ist es aber auch genau das, was das wiedersehen so schwer macht \u2013 st\u00fcnde ich den Apoldaern gleichg\u00fcltig gegen\u00fcber, w\u00fcrde mir das Wiederkommen wohl wesentlich einfacher fallen.<\/p>\n<p>Genau das \u2013 einfach \u2013 ist es aber mit Sicherheit nicht. So waren die letzten 8 Tage wohl die kompliziertesten, die ich seit Langem hatte.<\/p>\n<p>Dass etwas in einem vorgeht merkt man selbst meistens zuletzt.<br \/>Zuerstmal rumpelt es n\u00e4mlich ganz sch\u00f6n im Unterbewusstsein, dann verh\u00e4lt man sich komisch und ger\u00e4t mit seiner Umwelt in Konflikt und erst im dritten Schritt stellt man Anomalien in seinem Verhalten fest und denkt dann letztlich dar\u00fcber nach wo die herkommen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend meiner Zeit im Township hatte ich mich n\u00e4mlich gefunden!<\/p>\n<p>Ich mag diese Idee der &#8222;Selbstfindung&#8220; zwar nicht (weil sie \u00fcberholt ist und kitschig und clichehaft und gr\u00fcn), trotzdem ist sie passend. Denn man hat nunmal eine Pers\u00f6nlichkeit und als Mensch muss man erstmal entecken und herausfinden wie diese geartet ist.<\/p>\n<p>Besonders n\u00e4mlich nach mehr als einem Jahrzehnt in der Schule, in der man immer in einen sinnlosen Leistungswettbewerb mit seinen Mitsch\u00fclern gepresst wird in dem sich der Wert eines Menschen danach richtet ob er wei\u00df wie man eine Kurvendiskussion f\u00fchrt beziehungsweise ob er das gut auswendig lernen kann, braucht man erstmal ein wenig Zeit f\u00fcr sich selbst.<\/p>\n<p>Man ben\u00f6tigt Zeit weg von Tests und Kontrollen und Auswendiglernen, weg von Bewertungen um sich bewusst zu werden, dass es keine Skala f\u00fcr die Qualit\u00e4t eines Lebens gibt abgesehen der eigenen Zufriedenheit mit demselbigen.<\/p>\n<p>Genauso ben\u00f6tigt man bestenfalls (und daf\u00fcr ist nat\u00fcrlich Zeit im Ausland hervorragend geeignet) Zeit au\u00dferhalb der Gesellschaft. Was die Gesellschaft n\u00e4mlich super kann ist es uns beizubringen unsere Pers\u00f6nlichkeiten zu filtern.<\/p>\n<p>Was ist gesellschaftlich erlaubt?<\/p>\n<p>F\u00fcr welche Vehaltensweise werde ich missbilligt, ge\u00e4chtet, ausgesto\u00dfen?<\/p>\n<p>Wof\u00fcr belohnt, ger\u00fchmt, empor gehoben?<\/p>\n<p>Die Gesellschaft schafft das ohne Gesetze oder Regularien, sie macht es einfach von alleine. Wichtig ist daher, auch mal f\u00fcr eine l\u00e4ngere Zeit ins Ausland zu gehen und dort, au\u00dferhalb der Komfortzone, zu sehen: wie machen es die Leute vor Ort? Wie sieht es in anderen Kulturen aus? Was hat S\u00fcdafrika f\u00fcr unausgesprochene Regeln?<\/p>\n<p>Und schlie\u00dflich noch viel wichtiger: welche Teile meiner eigenen Gesellschaft und welche Teile der s\u00fcdafrikanischen Gesellschaft finde ich \u00fcberhaupt gut? Und welche Teile gefallen mir nicht?<\/p>\n<p>Im Allgemeinen dann ferner: Was finde ich wirklich richtig? Was finde ich wirklich falsch?<br \/>Unabh\u00e4ngig von dem was meine Eltern Freunde Bekannte Nachbarn Lehrer Chefs Kollegen aus derselben Kultur und derselben Gesellschaft mir sagen, unabh\u00e4ngig davon was meine Gasteltern Gastfreunde Gastbekannte Gastnachbarn Gastlehrer Gastchefs Gastkollegen mir sagen, sondern einzig abh\u00e4ngig davon, was Ich denke?<\/p>\n<p>Dieser &#8222;Prozess der Selbstwerdung des Menschen, in dessen Verlauf sich das Bewusstsein der eigenen Individualit\u00e4t zunehmend verestigt&#8220; (Definition von Google) kann laut dem Psychiater C. G. Jung auch als Individuation bezeichnet werden \u2013 ein sch\u00f6nerer, weil weniger romantisierter Begriff, als &#8222;Selbstfindung&#8220;.<\/p>\n<p>Leider ist diese Definition ziemlich steif: sie suggeriert (ironischerweise fast schon in Anlehnung an Marx&#8216; historischen Materialismus) eine lineare Entwicklung der Pers\u00f6nlichkeit, die irgendwann abgeschlossen ist.<\/p>\n<p>Doch so funktioniert die Sache nicht. Die Pers\u00f6nlichkeit eines Menschen \u2013 so wie \u00fcbrigens auch die Geschichte \u2013 geht weniger immer nach vorn als auch mal drei Schritte zur\u00fcck, manchmal f\u00e4ngt sie vielleicht auch ganz neu an zu laufen, rennt und geht und kriecht und hoppst, wie es eben gerade passiert.<\/p>\n<p>Im R\u00fcckblick ist dann nat\u00fcrlich immer ein &#8222;Weg&#8220; erkennbar, doch vorgezeichnet war dieser nicht.<\/p>\n<p>In Folge der R\u00fcckkehr in die Heimat, etwa, wei\u00df meine Pers\u00f6nlichkeit gerade \u00fcberhaupt nicht wohin sie gehen soll.<br \/>Obwohl, es ist sogar noch sch\u00f6ner: sie wei\u00df, wohin sie gehen will, aber irgendwie kann sie sich nicht dazu \u00fcberwinden auch die n\u00f6tigen Schritte zu tun.<\/p>\n<p>Ich f\u00fchle mich, als w\u00e4re ich nicht ich selbst.<\/p>\n<p>Ich ertappe mich, dass ich mir in Konversationen nur Sekundenbruchteile nach einem Satz denke &#8222;Was hast du da gerade eigentlich gesagt?&#8220; und somit in Schritt drei:<\/p>\n<p>Was ist da gerade in meinem Unterst\u00fcbchen los?!<\/p>\n<p>Der Wille dazuzugeh\u00f6ren und reinzupassen ist aus dem Nichts wieder da; die Bereitschaft gegen den Strom zu schwimmen verschwunden.<\/p>\n<p>Mehrmals habe ich in den letzten acht Tagen nicht gesagt, was ich wirklich dachte, habe mich zur\u00fcckgehalten \u2013 um die andere Person nicht zu verletzen? Oder etwa um in ihrer Gunst nicht zu fallen?<\/p>\n<p>Mehrmals habe ich in den letzten acht Tagen pl\u00f6tzlich geschrien, bin cholerisch und laut geworden, weil ich mich so in die Ecke gedr\u00e4ngt gef\u00fchlt habe und die Emotionen \u00fcbergekocht sind.<\/p>\n<p>Aber ich bin nunmal auch einfach schlichtweg \u00fcberfordert!<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst nat\u00fcrlich von Deutschland selbst.<\/p>\n<p>Niemand gr\u00fc\u00dft mich auf der Stra\u00dfe, Rassismus steht (beinahe) an der Tagesordnung, alle planen, alle organisieren, alle stressen sich und lassen sich von der Zeit beherrschen als h\u00e4tte der Mensch die Uhr nicht selbst erfunden.<\/p>\n<p>Von Deutschen R\u00fccksicht zu erwarten ist (bei den meisten) illisorisch.<\/p>\n<p>Zu denken, dass es dieser Kultur m\u00f6glich w\u00e4re, einmal weiter zu denken als bis zur Innenwand der eigenen Stirn, ist vergebens.<\/p>\n<p>Zu hoffen, es best\u00fcnde ein Interesse an dir oder deinen Erfahrungen, ist naiv.<\/p>\n<p>Dass es nicht so sein muss, hat mir S\u00fcdafrika ja vor kurzem gezeigt. Dass es in anderen Kulturen durchaus m\u00f6glich ist aufeinander zu achten und einzugehen, ein bisschen f\u00fcreinander mitzudenken und sich zu helfen, ganz simpel f\u00fcr einander da zu sein und Empathie an den Tag zu legen, haben mir &#8222;die Neger&#8220; gezeigt, wie ein Bekannter von mir die schwarze Bev\u00f6lkerung S\u00fcdafrikas vor Kurzem ganz selbstverst\u00e4ndlich nannte.<\/p>\n<p>Und so verf\u00e4llt man auch langsam selbst wieder in seine deutschen Gewohnheiten \u2013 genau das, was ich ja eigentlich nicht tun wollte!<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich passe ich mich wieder an, aus Sorge um die Reputation \u2013 dabei habe ich doch gelernt, dass mir diese weitestgehend egal sein kann.<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich halte ich mich wieder zur\u00fcck, aus Sorge, die andere Person werde verschreckt sein von dem, was ich sage, oder es nicht angmessen finden.<\/p>\n<p>Wer auch immer sich an dieser Stelle angesprochen f\u00fchlt:<\/p>\n<p>Z., du musst nicht alles f\u00fcnf Tage vorher besprechen, leb doch einfach mal dein Leben und lass dich nicht von Terminen beherrschen!<\/p>\n<p>N., denk einfach auch mal \u00fcber die Bedeutung deiner Worte und Taten nach, anstatt immer nur die der anderen auf die Goldwage zu legen!<\/p>\n<p>L., sag mir nicht monatelang du freust dich auf mich um mich dann zu behandeln als w\u00e4re ich nie weg gewesen!<\/p>\n<p>S., bitte komm damit klar, dass ich manchmal auch anders denke als du!<\/p>\n<p>Und J., es ist wirklich nur eine Kleinigkeit: ich kann gut verstehen, dass du keinen Zigarettenrauch magst, aber ich denke es ist auch definitiv nicht der Weltuntergang ;P.<\/p>\n<p>Im Gro\u00dfen und Ganzen w\u00fcrde ich aber gerne an dieser Stelle allen Deutschen raten, einmal richtig tief durchzuatmen, gerne auch zwei mal. Kommt, ich mache mit:<\/p>\n<p>Ein&#8230;<\/p>\n<p>Aus&#8230;<\/p>\n<p>Ein&#8230;<\/p>\n<p>Aus&#8230;<\/p>\n<p>Atmen hilft eigentlich immer, um die Welt weniger verbissen zu sehen \u2013 auch das habe ich in den letzten Tagen ein wenig verlernt gehabt.<\/p>\n<p>Wie es jetzt weitergeht wei\u00df ich nun noch immer nicht.<\/p>\n<p>Atmen wird wichtig sein, langsam aber sicher sich selbst wieder finden; leben, reflektieren und von vorne beginnen; immer sch\u00f6n ehrlich sein \u2013 im wahrsten Sinne des Wortes &#8222;ohne R\u00fccksicht auf Verluste&#8220;.<br \/>Apolda wieder zu einer Heimat machen.<\/p>\n<p>Der Zam-Buk Lippenbalsam ist nicht das einzige, was mir von S\u00fcdafrika geblieben ist, es ist lediglich ein Ding.<\/p>\n<p>Was mir wirklich bleibt (und was den Balsam n\u00e4mlich \u00fcberhaupt erst so besonders macht) sind elf Monate Erfahrung und Reife, die es jetzt langsam mal anzuwenden gilt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Immer wieder drehe ich das kleine D\u00f6schen in meiner Hand. &#8222;Zam-Buk \u2013 The Real Makoya&#8220;, es ist Lippenbalsam.&#8222;Contains CAMPHOR which may be harmful if swallowed&#8220;. 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