Deutschland und die Deutschen
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Von Andre Gide
Was der vielleicht bedeutendste und interessanteste literarische Kopf des gegenwärtigen Frankreich über uns zu sagen hat, verdient auf jeden Fall Beachtung: nicht als letzte Wahrheit, sondern als interessanter Reflex, interessant auch dort, wo er die Konturen gebrochen zurückwirft.
Die Redaktion.
Ihre Macht und was man ihre Stärke nennen könnte, kommt aus einer für das Individuum ihrer Rasse außerordentlichen Schwierigkeit, sich von der Allgemeinheit, der Masse loszulösen, sagen wir es in einem Wort: sich zu individualisieren. Gegen nichts leistet es Widerstand, hat sozusagen keine eigene Form, oder wenn man das vorzieht, es erwartet vom Rahmen seine Form. Daher auch seine Unterwürfigkeit der Methode und den Regeln gegenüber und seine Bereitschaft zu jeder Verehrung. Der Deutsche findet keinen Nutzen darin ungegehorsam [sic] zu sein und spürt kein Bedürfnis danach. Er glaubt, das ist so, weil seine Regel vollkommen ist, aber es ist wohl auch deshalb, weil er ohne Regel unvollkommen ist.
In der Literatur ist ihre Unfähigkeit, Figuren zu schaffen, auffällig. Sie haben weder Dramatiker noch Romanschriftsteller. Ihre Umgebung bietet ihnen keine Figuren; würde sie sie bieten, wüßten sie sie nicht zu zeichnen. Sie verstehen sich selbst nicht zu zeichnen; und noch allgemeiner, sie verstehen überhaupt nicht zu zeichnen.
Da scheitert ihre Kultur. Das große Instrument der Kultur ist die Zeichnung, nicht die Musik. Diese führt jeden von sich selbst fort; sie entfaltet ihn ins Unbestimmte. Die Zeichnung hingegen betont das Besondere, sie präzisiert; in ihr triumphiert die Kritik. Die Kritik ist die Basis jeder Kunst.
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Ihr schreit, die Deutschen verachten uns und tut euer möglichstes, um ihre Verachtung zu verdienen, ohne zu begreifen, daß ganz im Gegenteil es ihre geheime Schwäche ist, daß sie uns nicht verachten können.
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Wir haben uns verrechnet mit der Formlosigkeit Deutschlands. Weil in Frankreich alles was lebt sofort Umriß annimmt, ließ uns das fehlende Profil der Massen jenseits des Rheins an ihre Zusammenhangslosigkeit glauben. Das Fehlen einer eigenen Form erlaubte dieser elastischen deutschen Materie in alle Löcher zu dringen. Schon in Friedenszeitenhaben wir gesehen, wie sie die schwammig lockeren Nachbarländer druchdrang [sic]. Gerade seinem fehlenden Umriß verdankt Deutschland seine erstaunliche Expansionskraft. Es ist aus der Gattung der Ficus und dem Banyan vergleichbar, ohne Hauptstamm, ohne Plan, ohne Achse, dessen geringstes Ästchen aber (selbst wenn es vom Stamm losgerissen ist) schnellstens treibt, wo es auch sei, oben Ranken, unten Wurzeln, und lebt, wächst, gedeiht, sich ausdehnt und seinerseits wieder ein Wald wird.
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Ich erinnere mich eines Wortes von S . . . , den ich zwei Jahre vor dem Kriege in Zürich besuchte. Die Deutschen sind, sagte er mir, „unvergleichlich formloser, unpersönlicher als der Franzose glauben kann. Aber eben infolge davon sind sie niemals zerstreut. Bedenken Sie doch, was einem Franzosen alles durch den Kopf geht bei seiner Arbeit, welcher Art sie auch sei. Er, der Deutsche, denkt an nichts; er hat keine persönliche Existenz; er ist ganz bei seiner Sache. Er ist fähig, an einem Abend die tollsten Dinge zu machen, sich sinnlos zu betrinken; aber am nächsten Morgen wird er sich vor seinem Ladentisch oder in seinem Bureau einfinden als ob nichts gewesen wäre.“
„Sie sind niemals zerstreut.‘ Wie oft habe ich mich an dieses Wort erinnert. Mir scheint, man hat nie über den Deutschen etwas Richtigeres gesagt.
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… Frankreich ist durch die Rhetorik verloren; ein Rednervolk, das sehr geschickt ist, sich mit Worten zu bezahlen, geschickt auch, die Worte für Dinge zu nehmen und schnell darin, wie es Formeln vor die Wirklichkeit stellt! Wie klar ich mir auch darüber bin, so kann ich mich dieser Tatsache doch selbst nicht entziehen und bleibe, wenn ich sie noch so sehr tadele, oratorisch . . .
Vielleicht hatten wir Deutschland nötig, um unsere schönsten Gaben sich auswirken zu lassen, wie es unseres Sauerteiges bedurfte, um seinen schweren Teig zum Treiben zu bringen.
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Es ist absurd, was es auch sei, aus diesem europäischen Konzert hinauszustoßen. Es ist absurd, sich einzubilden, man könne in diesem Konzert etwas unterdrücken. Ich spreche ohne den geringsten Mystizismus: Deutschland hat zur Genüge bewiesen, worin es nützlich sein kann, und wir haben zur Genüge bewiesen, was uns fehlt. Wichtig ist, zu verhindern, daß es dominiert; man kann dieses Blechinstrument nicht dominieren lassen. Aber es ist „mystisch“ zu behaupten, daß, wenn man seine Stimme unterdrückte, sie nicht im Orchester fehlen würde; mystisch zu glauben, man täte besser, darauf zu verzichten — und unter „mystisch‘“ verstehe ich nicht im geringsten praktisch.
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Wenn ich aus der ganzen französischen Literatur das Buch nennen sollte, zu dem der deutsche Geist sich am meisten unfähig zeigen müßte, würde ich, glaube ich, die „Charaktere“ von La Bruyere wählen. Wie mir auch in unserer ganzen Literatur das Buch, von dem man sich am leichtesten vorstellen könnte, daß es in Deutschland geschrieben sei, der „Jean-Christophe“ zu sein scheint: und daher auch zweifellos sein Erfolg überm Rhein.
(Aus „Incidences‘“ Ed. „N. R. F.“, übertragen von A. Brücher.)
Jg. 2, 1926, Nr. 20
Fühlen Sie sich in irgendwelchen charakterlichen Eigenschaften oder Denkweisen einem wie auch immer aussehenden deutschen Volkskörper zugehörig?
Kann man eine Nation einfach so über einen Kamm scheren? Gibt es etwas, was die Deutschen ausmacht, möglicherweise sogar charakterliche Eigenschaften? Andre Gide sagt: Ja! Angefangen bei der faulen und unterwürfigen Natur des Deutschen leitet der französische Autor ab, dass es den Deutschen deshalb auch an einer gescheiten Kultur mangelt. Aber Vorsicht: Gide mahnt zur Obacht, er liest in diesem speziellen Charakter der Deutschen eine Gefahr für andere europäische Nationen: Gerade folgsame Bürger sind eine starke Kraft für ein Land und man müsse aufpassen, das „Blechinstrument“ Deutschland nicht dominieren zu lassen.
