{"id":139,"date":"2026-07-03T14:47:03","date_gmt":"2026-07-03T12:47:03","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/?p=139"},"modified":"2026-07-03T21:12:23","modified_gmt":"2026-07-03T19:12:23","slug":"139","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/2026\/07\/139\/","title":{"rendered":"Was verdanken Sie dem deutschen Geist? &#8211; Thomas Mann"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-columns\">\n<div class=\"wp-block-column\" style=\"flex-basis:66.66%\">\n<p>In der fein und wohlwollend gef\u00fchrten Schweizer Rundschau \u201eWissen und Leben\u201c las ich die Arbeit eines Wiener Autors namens Leszer \u00fcber \u201eNeue erz\u00e4hlende Prosa\u2018 \u2014 ein Aufsatz, worin manches mir ganz ausnehmend gefiel, weil es von mir ist. Vielmehr, in Tagen aufgew\u00fchlter Gescheitheit ist es einmal von mir gewesen. Jetzt ist es von Leszer und hat mich sehr belehrt. Der Verfasser spricht da von der Europ\u00e4isierung der deutschen Prosa durch Nietzsche. Er selbst, der Geneolog der Moral, habe die deutschen Prosab\u00fccher von europ\u00e4ischer H\u00f6he noch an den Fingern einer Hand herz\u00e4hlen k\u00f6nnen, sagt Leszer; seit 1900 etwa aber sei es anders und besser geworden, die deutsche Erz\u00e4hlungskunst habe seitdem nicht wenige Werke von hohem, und einige von h\u00f6chstem sprachlichen und geistigen Niveau gezeitigt. Denn Nietzsches Sendung, sagt er, sei es vornehmlich gewesen, \u201eden mehr seelischen Deutschen von gestern in einen immer mehr geistigen zu wandeln, was weiterhin bewirkte, da\u00df Kunst und Geistein eins flossen, da\u00df die deutsche Dichtung, auf haarscharfe Antithetik, dialektische Spannung und Unerbittlichkeit bedacht, immer geistigeren Rhythmus gewann. Dieses Schauspiel einer Verwandlung des deutschen Menschen und damit notwendig auch der deutschen Dichtung, wirkt in Deutschland, wie t\u00e4glich zu sehen ist, vielfach noch verwirrend und zeitigt seltsam absch\u00e4tzige Kunsturteile, zumal unter jenen engherzig Beharrenden und R\u00fcckgewandten, die nur die intim deutsche, versponnen-sehns\u00fcchtige, treuherzig-dumpfe, naturhaft-einf\u00e4ltige Gem\u00fctsdichtung als eigentliche und vollwertige Dichtung gelten lassen wollen. Feindselig-verstockt gegen die notwendige Umschichtung des deutschen Kosmos, wie sie sind, geben sie ihre falsch-empfindsamen und dummdreist-eifernden Wertungen, Zeugnisse ihrer eignen Rat- und Zukunftslosigkeit . . .\u201c Streng, aber gerecht. Teufel, Teufel, wer es ihnen so zu geben w\u00fc\u00dfte, den Ahndevollen! Er spricht von Flake (der starken p\u00e4dagogischen Einflu\u00df hat) und r\u00fchmt dem Els\u00e4sser eine tiefe, man k\u00f6nne sagen: romanische, aber durch Geister wie meinen Bruder und mich allgemach auch deutsch werdende \u201eLust am Geordneten, \u00dcber- sichtlichen, Formstarken, an trockner Luft und hellem Himmel\u2018 nach. \u2014 \u201eAllgemach deutsch werdend\u201c&#8230; Das gibt es also? Etwas kann deutsch werden, was es fr\u00fcher nicht war, und man wird es dann nicht mehr undeutsch schelten d\u00fcrfen? Geh\u00f6rt es vielleicht zur Sache, zum Begriff des Kosmopolitismus, da\u00df der Charakter eines Volkes nichts Starres, unwandelbar Feststehendes und Endg\u00fcltiges ist, sondern bildsam, sondern erziehbar? Ja, es gibt Begegnungen, Durchdringungen des Individuellen und des Nationalen. Ein Schriftsteller kann deutscher werden, indem er zugleich den physiognomischen Aspekt seiner Nation vor den Augen der Welt ver\u00e4ndert. Vielleicht sollte man so tiefe und delikate Vorg\u00e4nge nicht st\u00f6ren, indem man davon spricht. Was anzudeuten war, ist eben nur, da\u00df der kosmopolitische Geist etwas anderes ist, als polygl\u00f6tte Ge\u00fcbtheit und mond\u00e4ner Dilettantismus. Was ist er denn? Vielleicht nichts anderes als der Geist des Lebens und der Wandlung.<\/p>\n\n\n\n<p>Thomas Mann<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column\" style=\"flex-basis:33.33%\">\n<pre><span style=\"color: #999999\">Jg.1,1925,Nr. 2<br \/><br \/>Thomas Mann liefert in diesem Beitrag die ultimative Definition des kosmopolitischen Geistes: Dieser ist eben keine oberfl\u00e4chliche \u201epolygl\u00f6tte Ge\u00fcbtheit\u201c, sondern, wie Mann es nennt: \u201eder Geist des Lebens und der Wandlung\u201c.<br \/><br \/><br \/><\/span><\/pre>\n<pre><span style=\"color: #999999\">Gemeinsam mit Leszer feiert Mann die \u201eEurop\u00e4isierung der deutschen Prosa\u201c durch Friedrich Nietzsche: weg von einer \u201etreuherzig-dumpfen Gem\u00fctsdichtung\u201c, hin zu geistiger Sch\u00e4rfe und Formkraft. Er argumentiert gegen den \u201efeindselig-verstockten\u201c Nationalismus seiner Zeit und h\u00e4lt ihm einen dynamischen Kulturbegriff entgegen: Die Identit\u00e4t eines Volkes ist nichts Starres, sondern bildsam und erziehbar; \u201edeutsch-sein\u201c kann man erziehen.<\/span><\/pre>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"entry-summary\">\nDeutsch hei\u00dft: versponnen-sehns\u00fcchtig, treuherzig-dumpf, naturhaft-einf\u00e4ltig, feindselig-verstockt?\n<\/div>\n<div class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/2026\/07\/139\/\" class=\"more-link\">Continue reading<span class=\"screen-reader-text\"> &ldquo;Was verdanken Sie dem deutschen Geist? &#8211; Thomas Mann&rdquo;<\/span>&hellip;<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":6583,"featured_media":468,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/139"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/6583"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=139"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/139\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":643,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/139\/revisions\/643"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/wp-json\/wp\/v2\/media\/468"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=139"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=139"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=139"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}