{"id":194,"date":"2026-07-03T14:59:42","date_gmt":"2026-07-03T12:59:42","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/?p=194"},"modified":"2026-07-04T10:32:25","modified_gmt":"2026-07-04T08:32:25","slug":"imaginaere-interviews","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/2026\/07\/imaginaere-interviews\/","title":{"rendered":"Imagin\u00e4re Interviews"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-columns\">\n<div class=\"wp-block-column\" style=\"flex-basis:66.66%\">\n<p>Von Herbert Eulenberg<\/p>\n\n\n\n<p>\u0131. OTHELLO ODER JETZIGE EHE UND EIFERSUCHT<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Versuch, Othello, den Mohren von Venedig auszufragen, stie\u00df zun\u00e4chst auf den hartn\u00e4ckigsten passiven Widerstand von seiner Seite. Seinem Wesen nach schon kein gro\u00dfer Redner, wie er dies ja auch vor dem Dogen und dem Senat Venedigs ausdr\u00fccklich betont, war es sehr schwer, den Abgeschiedenen zum Sprechen zu bewegen. Erst als ich auf die Eifersucht kam, gelang es mir, seine Lippen zu folgendem Gest\u00e4ndnis zu \u00f6ffnen:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch komme mir f\u00fcrchterlich altmodisch geworden vor in Eurer heutigen Zeit. Noch vor f\u00fcnfzig Jahren, ehe diese verfluchte Frauenemanzipation ihren Siegeszug antrat, war ich m\u00f6glich. Glaubte man mir nicht nur meine schreckliche Eifersucht, sondern billigte mir auch eine gewisse Berechtigung f\u00fcr sie zu. Aber heutzutage, wo es fast ebenso viele selbst\u00e4ndige und in Berufen stehende Frauen wie M\u00e4nner dieser Art gibt, will mir selber mein Tun und Vorgehen h\u00f6chst vorsintflutlich und roh erscheinen. Ich habe mich selbst \u00fcberlebt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAber, erlauchter Generalissimus Venedigs, halten Sie denn die Eifersucht zwischen Mann und Frau f\u00fcr ausgestorben?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDurchaus nicht. Nur f\u00fcr bedeutend gemildert. Man hat solange an dem Eigentumssinn und seiner Wichtigkeit f\u00fcr das Einzelwesen herumgem\u00e4kelt, hat ihn so h\u00e4ufig herabgew\u00fcrdigt, da\u00df er kaum noch ernst genommen wird.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSie m\u00f6gen recht haben, gro\u00dfer Condottiere. Die strengen Ehegesetze und Br\u00e4uche d\u00fcrften sich in der Gegenwart hier und dort gelockert haben, wiewohl das Recht auf einen Hausfreund, einen cicisbeo, zu ihrer Zeit in Italien den Frauen h\u00e4ufiger einger\u00e4umt und auch von ihnen ausge\u00fcbt wurde als im herben Welschland Mussolinis. Aber Sie k\u00f6nnen doch nicht leugnen, da\u00df sich auch in unsern Tagen noch immer Trauerspiele aus Eifersucht ereignen, und da\u00df es nach wie vor Othellos gibt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAber man verachtet sie mehr, oder noch richtiger ausgedr\u00fcckt, man achtet sie weniger als mich. Wer w\u00fcrde mir heute noch zugestehen, da\u00df ich ein ehrenvoller M\u00f6rder war, der nichts aus Ha\u00df tat, nur f\u00fcr die Ehre alles? Die meisten halten mich heutzutage f\u00fcr einen Narren oder schlimmer noch f\u00fcr einen Barbaren. Und wer weint noch, wie es in fr\u00fcheren Zeiten doch zuweilen. geschah, eine Tr\u00e4ne um den armen dummen Mohren, der einem Schurken ins Garn lief und eine Unschuldige t\u00f6tete? F\u00fcr die Kameradschaftsehe, die ich mit Desdemona gef\u00fchrt habe \u2014 denn wir sind zwar getraut worden, aber nicht im Sinne des Stadtadels von Venedig feierlich verm\u00e4hlt gewesen \u2014, also f\u00fcr unsere etwas lose Verbindung hat man jetzt mehr Verst\u00e4ndnis als f\u00fcr die, ich mu\u00df es nachtr\u00e4glich zugeben, unbedachte w\u00fcste Raserei, die mich \u00fcberkam, als mir Jago sein Gift ins Ohr tr\u00e4ufelte. Ja, selbst die Mischehe zwischen mir und der holden Venezianerin begreift man eher in einer Zeit, in der beispielsweise in Frankreich schon die Verbindung zwischen Schwarzen und Wei\u00dfen nicht nur geduldet, sondern sogar gef\u00f6rdert wird. Nur das ausschlie\u00dfliche Eigentumsrecht, das ich auf meine Desdemona geltend mache, findet die Gegenwart \u00fcbertrieben, grob und himmelschreiend.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eUnd glauben Sie, leidenschaftlicher Mohr, da\u00df eine Zukunft kommen k\u00f6nnte, die Ihre Gewaltt\u00e4tigkeit wieder milder und gn\u00e4diger beurteilen, Ihre Machtanma\u00dfung an einer Frau und Ihre Forderung der unbedingten Treue mehr anerkennen und guthei\u00dfen wird, als wir heutigen es verm\u00f6gen?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eUnbedingt!\u201c keuchte Othello und das Wei\u00dfe in seinen Augen wurde rot dabei.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAlle Formen der Erotik sind verg\u00e4nglich. Aber die Monogamie und der Anspruch auf sie als Ideal bleibt ewig. Und je st\u00e4rker das Liebesverm\u00f6gen ist, je heftiger wird auch die Eifersucht gl\u00fchen. Ein gro\u00dfes Feuer zeugt starken Rauch. Es sei denn, es m\u00fc\u00dfte keine wahren M\u00e4nner mehr geben.\u201c Und er entfernte sich wutschnaubend mit jenem Ausdruck des J\u00e4hzorns, vor dem Desdemona geschaudert und den sie zugleich doch an ihm geliebt hat.<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column\" style=\"flex-basis:33.33%\">\n<pre><strong><span style=\"color: #999999\"> Jg. 8, 1932, Nr. 2<\/span><\/strong><\/pre>\n<p><\/p>\n\n\n\n<pre><span style=\"color: #999999\"><span style=\"font-weight: 400\">Die Fremdbezeichnung Schwarzer Menschen als <\/span><i><span style=\"font-weight: 400\">Mohren <\/span><\/i><span style=\"font-weight: 400\">ist historisch nicht ausschlie\u00dflich negativ konnotiert, aber trotzdem stark mit den abwertenden Stereotypen von Exotik, Unterw\u00fcrfigkeit, Wildheit und Dummheit aufgeladen. Das zeigt sich auch in diesem fiktiven Interview, in dem das Wort mit den Adjektiven <\/span><i><span style=\"font-weight: 400\">arm<\/span><\/i><span style=\"font-weight: 400\">, <\/span><i><span style=\"font-weight: 400\">dumm <\/span><\/i><span style=\"font-weight: 400\">und <\/span><i><span style=\"font-weight: 400\">leidenschaftlich <\/span><\/i><span style=\"font-weight: 400\">verbunden wird.<br><\/span><\/span><\/pre>\n\n\n\n<div style=\"height:500px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<div style=\"height:500px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<pre><span style=\"font-weight: 400;color: #999999\">Vor der Verabschiedung der national-sozialistischen N\u00fcrnberger Gesetze 1935 war die Ehe zwischen Schwarzen und Wei\u00dfen Menschen in Deutschland gesetzlich erlaubt. Bereits seit dem Ende des 19. Jahrhunderts formierten sich allerdings Vorstellungen von \u201cRassenhygiene\u201d, so dass die entsprechenden Paare sozialer Ausgrenzung und Beh\u00f6rdenwillk\u00fcr ausgesetzt waren. Desdemona w\u00e4re 1932 vorgeworfen worden, ihre Verantwortung als \u201cH\u00fcterin der Rasse\u201d verraten und den \u201cVolksk\u00f6rper\u201d verunreinigt zu haben. In Frankreich waren interethnische Ehen aufgrund des gr\u00f6\u00dferen Kolonialreichs h\u00e4ufiger, waren jedoch ebenfalls Gegenstand \u00f6ffentlicher Missbilligung und wurden nicht gef\u00f6rdert, wie hier behauptet wird.<\/span><\/pre>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"entry-summary\">\nSchlechte Zeiten f\u00fcr Macker. Othello im exklusiven Interview: \u201cWer w\u00fcrde mir heute noch zugestehen, da\u00df ich ein ehrenvoller M\u00f6rder war?\u201d<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/2026\/07\/imaginaere-interviews\/\" class=\"more-link\">Continue reading<span class=\"screen-reader-text\"> &ldquo;Imagin\u00e4re Interviews&rdquo;<\/span>&hellip;<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":6583,"featured_media":163,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/194"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/6583"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=194"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/194\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":445,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/194\/revisions\/445"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/wp-json\/wp\/v2\/media\/163"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=194"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=194"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=194"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}