{"id":287,"date":"2026-07-03T15:47:53","date_gmt":"2026-07-03T13:47:53","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/?p=287"},"modified":"2026-07-03T16:56:39","modified_gmt":"2026-07-03T14:56:39","slug":"was-ein-haekchen-werden-will","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/2026\/07\/was-ein-haekchen-werden-will\/","title":{"rendered":"WAS EIN H\u00c4KCHEN WERDEN WILL&#8230;"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Ber\u00fchmte Deutsche \u00fcber ihre Schulzensuren<\/em><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns\">\n<div class=\"wp-block-column\" style=\"flex-basis:66.66%\">\n<p>HEINRICH MANN GER\u00c4T AN PROFESSOR UNRAT<\/p>\n\n\n\n<p>Im deutschen Aufsatz hatte ich nicht selten die Zensuren gut oder sehr gut. Einst aber gelangte ich in die Klasse eines Oberlehrers, der an mich schon l\u00e4ngst nicht glaubte und keinen lieberen Wunsch hatte, als festzustellen, es sei doch nichts mit mir. Was ihm denn auch spielend gelang. Jenen sp\u00e4teren Kritikern, die sich dasselbe gew\u00fcnscht hatten, gelang es ebenso.<\/p>\n\n\n\n<p>LEONHARD FRANK UND DIE URSACHE SEINER \u201eURSACHE\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bekam nur im Turnen die Note \u201esehr gut\u201c und zeigte im Kopfrechnen, wie mir scheint, nur deshalb Begabung, weil es mir k\u00f6rperlich so angenehm war, den Zeigefinger mit der gel\u00f6sten Aufgabe an der Spitze \u00fcber zwei B\u00e4nke vor kathederw\u00e4rts zu sto\u00dfen. In allen anderen F\u00e4chern hatte ich schlechte Noten.<\/p>\n\n\n\n<p>Auswendig zu lernen, vor allem die vielstrophigen Gesangbuchlieder, war mir unm\u00f6glich. Wegen des Liedes \u201eO Haupt voll Blut und Wunden\u201c bekam ich ein ganzes Schuljahr hindurch immer wieder Pr\u00fcgel.<\/p>\n\n\n\n<p>Das gr\u00f6\u00dfte Interesse hatte ich an der biblischen Geschichte. Wenn der Lehrer vorlas, sah ich. Ich sah, wie Abraham auf einem Wiesenh\u00fcgel kniete, Isaak im Scho\u00dfe, und das lange Schlachtmesser schon ansetzte. Der krummgeh\u00f6rnte Widder hing krummgebogen in der Hecke. Eine dunkelgr\u00fcne Hecke ohne Heckenrosen. Es war neblig. Wenig Sonne: ein frischer Herbstmorgen. Ich hatte gro\u00dfe Angst, Abraham k\u00f6nnte den Widder nicht rechtzeitig entdecken. Auch sp\u00e4ter habe ich nicht begriffen, da\u00df jemand ruhig sein konnte, wenn er so sicher war, wie in Abrahams Scho\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Jakob und Esau standen in ausgewaschenen, blauen, knielangen Blusen mit Lederg\u00fcrtel neben dem Misthaufen. Im Hintergrund, zwischen hohen B\u00e4umen, war eine hohe Mauer. Da wohnten die Eltern. Was ein Erstlingsrecht ist, wu\u00dfte ich nicht. Ich konnte verstehen, da\u00df Esau sein Erstlingsrecht f\u00fcr ein Linsengericht hingab. Ich a\u00df Linsensuppe sehr gern. Ich sah einen Emailteller voll Linsensuppe mit den Schalen, dazwischen kleingeschnittene mitgekochte Zwiebel. Dennoch kam mir der Handel nicht anst\u00e4ndig vor. Nur weil Esau ein bi\u00dfchen leichtsinnig war, ihn so reinzulegen, ging nicht an. Er h\u00e4tte wenigstens einen Monat lang w\u00f6chentlich zweimal Jakobs Linsensuppe bekommen m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir bekamen \u00f6fters Aufsatzthemen aus der biblischen Geschichte. Aber der Gedanke, das zu beschreiben, was ich sah, kam mir gar nicht. Da\u00df Jesus aus zwei Broten und vier Fischen ein Fr\u00fchst\u00fcck f\u00fcr f\u00fcnftausend machte, hielt ich f\u00fcr ganz ausgeschlossen. Ich sah nicht, wie er das machte. Was w\u00e4re mir geschehen, wenn ich geschrieben h\u00e4tte, da\u00df meiner Meinung nach Jesus\u2019 J\u00fcnger die E\u00dfwaren schon in der Nacht vorher hinausgeschafft haben mu\u00dften? Das Einsammeln der Brocken sah ich genau. Da\u00df viel \u00fcbrig bleibt, wenn f\u00fcnftausend essen, war selbstverst\u00e4ndlich. Je zwei J\u00fcnger trugen von Gruppe zu Gruppe einen Waschkorb, wie wir einen zu Hause hatten.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin an einem Flusse aufgewachsen und bin mehrmals beinahe ertrunken und auch einmal f\u00fcr tot meiner Mutter heimgebracht worden. Kleinm\u00fctig oder nicht: mir konnte niemand weismachen, da\u00df man auf Wasser gehen k\u00f6nne. Da hatte Jesus von Petrus zuviel verlangt.<\/p>\n\n\n\n<p>Nur ein einziges Mal wagte ich es, in einem deutschen Aufsatz meine Meinung zu sagen. Ich wurde pers\u00f6nlich. Wir hatten einen Schulausflug durch den Wald ins Dorfwirtshaus gemacht und diesen Ausflug als Aufsatzthema bekommen. Ich war im Walde sehr ausgelassen gewesen. Der Lehrer hatte mich \u2014 \u201eerstens bist du ein untauglicher Esel, zweitens warst du frech und drittens hast du ja sowieso kein Geld\u201c \u2014 nicht mit ins Wirtshaus gehen lassen. Ich gab meinem Aufsatz den Untertitel \u201eSowieso\u201c und bekam daf\u00fcr die Note 4 und die h\u00e4rtesten Pr\u00fcgel meines Lebens. Der zweiten Fassung gab ich den Titel \u201eDie Ursache\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>PROF. ALBERT EINSTEIN HAT SCHWIERIGKEITEN IN DER MATHEMATIK<\/p>\n\n\n\n<p>Professor Albert Einstein erkl\u00e4rt, da\u00df er in seiner Schulzeit stets der beste Mathematiker der Klasse mit der Note \u201esehr gut\u201c gewesen, dagegen als Student nur knapp um die mindere Zensur herumgekommen sei.<\/p>\n\n\n\n<p>DER PHILOSOPH ERNST BLOCH HAT NUR AUS TURNEN EINE GUTE NOTE<\/p>\n\n\n\n<p><em>K\u00f6nigl. human. Gymnasium, Ludwigshafen a. Rh.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Osterzeugnis f\u00fcr den Sch\u00fcler der f\u00fcnften Klasse Ernst Bloch<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Betragen<\/em>: gab vielfach zu Klagen Anla\u00df; <em>Flei\u00df<\/em>: lie\u00df sehr zu w\u00fcnschen \u00fcbrig; <em>Religion<\/em>: 3\u20134; <em>Deutsch<\/em>: 3?; <em>Latein<\/em>: 3\u20134; <em>Griechisch<\/em>: 3\u20134; <em>Turnen<\/em>: 1<\/p>\n\n\n\n<p>Anm. des Ordinarius: Dieser Sch\u00fcler ist zwar Repetent, gleichwohl sind seine Leistungen so gering, da\u00df es fraglich ist, ob er wenigstens in diesem Jahr das Ziel der Klasse erreichen wird.<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column\" style=\"flex-basis:33.33%\">\n<pre><span style=\"color: #999999\"><strong>Jg. , 1925, Nr. 1<\/strong><\/span><\/pre>\n\n\n\n<pre><span style=\"color: #999999\">Die Vorstellung, Schulnoten seien ein verl\u00e4sslicher Indikator f\u00fcr sp\u00e4teren Erfolg, wurde schon vor 100 Jahren \u00f6ffentlich hinterfragt. Wie viele Talente gehen verloren, weil sie nicht den Erwartungen ihrer Lehrer entsprechen? Die Erinnerungen von Mann, Frank, Einstein und Bloch werfen eine zeitlose Frage auf: F\u00f6rdert Schule vor allem Anpassung oder erkennt sie auch ungew\u00f6hnliche Begabungen?<\/span><\/pre>\n\n\n\n<div style=\"height:100px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<div style=\"height:100px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<div style=\"height:500px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<pre><span style=\"color: #999999\">K\u00f6rperliche Z\u00fcchtigung war in deutschen Schulen damals selbstverst\u00e4ndlich und wird von mehreren Autoren beil\u00e4ufig erw\u00e4hnt.<\/span><\/pre>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"entry-summary\">\nSchlechte Noten, Pr\u00fcgel und Lehrer, die nicht an sie glaubten: 1925 verrieten ber\u00fchmte Deutsche ihre Schulzeugnisse. \u00dcberraschend dabei: Nicht alle Genies waren Mustersch\u00fcler. Manche scheiterten gerade dort, wo sp\u00e4ter ihre gr\u00f6\u00dfte St\u00e4rke lag.\n<\/div>\n<div class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/2026\/07\/was-ein-haekchen-werden-will\/\" class=\"more-link\">Continue reading<span class=\"screen-reader-text\"> &ldquo;WAS EIN H\u00c4KCHEN WERDEN WILL&#8230;&rdquo;<\/span>&hellip;<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":6686,"featured_media":552,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/287"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/6686"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=287"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/287\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":545,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/287\/revisions\/545"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/wp-json\/wp\/v2\/media\/552"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=287"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=287"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=287"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}