{"id":498,"date":"2026-07-03T16:53:15","date_gmt":"2026-07-03T14:53:15","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/?p=498"},"modified":"2026-07-03T16:55:51","modified_gmt":"2026-07-03T14:55:51","slug":"meine-meinung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/2026\/07\/meine-meinung\/","title":{"rendered":"Meine Meinung"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-columns\">\n<div class=\"wp-block-column\" style=\"flex-basis:66.66%\">\n<p>W. H.&nbsp;<\/p>\n<p>Das sehr weitl\u00e4ufige, genau ausgearbeitete kulturpolitische Aktionsprogramm der deutschen politischen Rechten, mit dem Endzweck, jeden kleinsten Rest republikanischen F\u00fchlens, Denkens und Formens energisch und ein f\u00fcr allemal auszurotten \u2013 dieses Programm hat eine kleine Ab\u00e4nderung erfahren. Man wollte, versteht sich mit aktiver Hilfe der Demokratischen Partei, erstmal noch ein paar kulturpolitische Gesetze im Reichstag durchbringen. Die Reinigung des <em>Berliner Kunstlebens<\/em>, wo man sich immerhin noch eine Art \u00f6ffentlicher Blamage holen konnte, sollte erst sp\u00e4ter erfolgen.<\/p>\n<p>Aber dem halbe Mi\u00dferfolg des in der Tat recht exzentrischen <em>\u201eHamlet\u201c<\/em>-Experiments im Staatstheater unter Leopold <em>Jessners<\/em> Regie bot einen gar zu g\u00fcnstigen Anhaltspunkt. Man wird also schon jetzt mit Berlin Ernst machen. Erster Schritt: Landtagsinterpellation der Deutschnationalen Partei \u00fcber den \u201eFall Leopold Jessner\u201c; wegen Verletzung des \u201eethisch-\u00e4sthetischen Empfindens aller christlich-germanisch gerichteten Theaterbesucher\u201c. Weitere Schritte in dieser Richtung werden zweifellos noch folgen.<\/p>\n<p>Jessner hat, Hamlet hin, Hamlet her, das verbl\u00f6detste deutsche Kunstinstitut zu einer der interessantesten und modernsten B\u00fchnen umgewandelt. Jahrzehntelang, unter Wilhelm III., haben doch die Herren ausf\u00fchrlich genug zeigen k\u00f6nnen, wie ihr christlich-germanisches F\u00fchlen, in Theaterkunst umgesetzt, aussieht. Und wie hat es ausgesehen? Na, wie eben ein Drama von Josef Lauff oder Wildenbruch aussieht.<\/p>\n<p>\u201eChristlich-germanisches Empfinden\u201c! Hat sich was! Will man vielleicht Kierkegaard spielen oder Suso oder Hroswitha oder den alten Strindberg, die in der Tat geniale Repr\u00e4sentanten christlich-germanischen F\u00fchlens sind? Die Herren kennen sie ja nicht mal!<\/p>\n<p>Sie kennen sie ja nicht mal, sie kennen ihre dichterischen und denkerischen Genies ja nicht mal!! Das ist der springende Punkt!! Sie haben ihre Rechnung auf die Verdummung, auf die Geistlosigkeit, auf das phrasendampfende, instinktiv kunstfeindliche Kleinb\u00fcrgerhirn, auf die \u00f6deste Familienblattliteratur gestellt. <em>Das<\/em>, nicht ihre konservative Gesinnung, hat ihnen das literarische Gewissen vor allem vorzuwerfen; jenseits aller politischen Gegnerschaft. Die Deutschnationale Partei ist die d\u00fcmmste, phrasengeschwollenste, geistfeindlichste konservative Partei der Welt. Man denke an einen Nationalisten wie Maurras, an einen chauvinistischen Pamphletisten wie L\u00e9on Daudet, an einen ganz rabiaten V\u00f6lkischen wie Rochefort, man denke an konservative Denker und Politiker wie de Maistre, Bonald, Rivarol, Burke, Dostojewsky, Beaconsfield \u2013 \u2013 w\u00e4re sowas im Rahmen der Deutschnationalen Partei von heute auch nur denkbar? Darauf kann man nur mit Gel\u00e4chter antworten.<\/p>\n<p>Kurzum: sie m\u00f6ge sich erst einmal ihre eigenen Parlamentsregisseure ansehen. Ihre \u201esich an die niedrigsten Instinkte wendenden Inszenierungen\u201c \u2013 wie es in der Interpellation hei\u00dft \u2013 sind in der Tat in h\u00f6chstem Ma\u00dfe geeignet, das ethische, \u00e4sthetische und jedes andere Empfinden nicht nur eines \u201echristlich-germanischen\u201c Publikums, sondern \u00fcberhaupt jedes geistig etwas anspruchsvollen Menschen auf das tiefste zu verletzen und wirken in der Tat, wie es eben dort hei\u00dft, \u201egeradezu als Parodien\u201c auf das christlich-germanische Empfinden. <em>Diese<\/em> Regisseure m\u00fc\u00dften vorerst mal ausgewechselt werden, bevor eine Debatte \u00fcber den Juden Jessner auf einer halbwegs parit\u00e4tischen Grundlage \u00fcberhaupt m\u00f6glich ist.<\/p>\n<p>Nein, meine Herren! Wir wollten lieber sechsmal in der Woche, wenn es denn sein m\u00fc\u00dfte, Goethes \u201eFaust\u201c mit Tillergirls oder Shakespeares \u201eMohr von Venedig\u201c mit Josephine Baker als Othello fressen, als diese stinkende Kohlr\u00fcbensuppe, die ihr uns servieren wollt: vorerst in Form von Literatur \u201ef\u00fcrs deutsche Heim\u201c, sp\u00e4ter, wenn der Magen sich erst mal gew\u00f6hnt hat, in ihrer leibhaftigen strahlenden Reinkarnation vom Kohlr\u00fcbenwinter 1917 \u2013: in dem neuen Weltkrieg, den ihr auch auf diese Art schrittweise vorbereitet!<\/p>\n<p>Leopold Jessner, mag er auch hie und da geirrt haben, ist und bleibt einer der Unsrigen, der Jungen, der Republikaner! Das Karree um ihn wird sich unter eurem Angriff schlie\u00dfen. Wir alle werden ihn decken, die Skeptiker ebenso wie die begeisterten Anh\u00e4nger seiner Regiekunst!<\/p>\n<p>*<\/p>\n<p>Mit der heutigen Nummer endet der zweite, mit der folgenden beginnt der dritte Jahrgang der \u201eL. W.\u201c.<\/p>\n<p>Der Herausgeber, dem vielleicht Reklamesucht in eigener Sache nicht vorzuwerfen ist, m\u00f6chte zu diesem Anla\u00df ein paar pers\u00f6nliche Worte an die Leser richten:<\/p>\n<p>Nicht nur jene, die ihm und seinen Kameraden vorbehaltlos glauben, sind ihm wertvolle Leser, um deren Erhaltung er besorgt und bem\u00fcht ist; sondern in nicht geringerem Ma\u00dfe solche, die im einzelnen Fall Ablehnung, ja Zorn f\u00fchlen. Ihnen gilt seine redaktionelle Bem\u00fchung, eine redliche p\u00e4dagogische Absicht hoher Art, sogar vielleicht am allermeisten. <em>Im heutigen Deutschland ist nichts wichtiger als die Erziehung zu einer Selbstachtung, die auch die entgegengesetzte Meinung achtet und den Widerspruch vertr\u00e4gt.<\/em> Er selbst vertr\u00e4gt ihn, und nicht nur das: er l\u00e4\u00dft sich gern vom Widerspruch belehren. Sein h\u00f6chstes redaktionelles Ziel w\u00e4re es, da\u00df Leser, Mitarbeiter und Herausgeber sich auf diesem wahrhaft menschenw\u00fcrdigen, wahrhaft produktiven Plateau immer wieder, von Nummer zu Nummer, finden.<\/p>\n<p>Was mit den Gleichg\u00fcltigen geschieht, die die Nummer gedankenlos durchbl\u00e4ttern, ist ihm h\u00f6chst gleichg\u00fcltig. Aber er w\u00fcnscht sich, und kein falscher Stolz wird ihn daran hindern, diesen Wunsch zugleich als pers\u00f6nliche Bitte auszusprechen: <em>Er m\u00f6chte im neuen Jahr nicht nur keinen Freund, er m\u00f6chte auch keinen ehrlichen Gegner, keinen ehrlichen Widersprecher, keinen ehrlichen, wenn auch noch so scharfen, Kritiker verlieren!<\/em><\/p>\n<p>Auch im neuen Jahr werden wir keinen farblosen \u201eLiberalismus\u201c pflegen. Jeder Mitarbeiter wird sich <em>ganz<\/em> aussprechen k\u00f6nnen, ohne jede R\u00fccksicht auf herrschende M\u00e4chte und Anschauungen.<\/p>\n<p>Aber: Mitarbeiter wird auch im neuen Jahr jeder sein k\u00f6nnen, der etwas geistig Belangvolles, Grunds\u00e4tzliches zur literarischen Gegenwart zu sagen hat \u2013 <em>\u00fcber alle politischen, nationalen, konfessionellen Grenzen hinweg!<\/em><\/p>\n<p>*<\/p>\n<p>Zum Schlu\u00df noch eine notwendige kleine interpretative Bemerkung des Schriftleiters:<\/p>\n<p>In dem \u201eKalender\u201c dieser Nummer wird Der und Jener aus der heutigen Literatur verulkt. Der Schriftleiter legt Wert auf die Feststellung, da\u00df diesem Neujahrs-Ulk grunds\u00e4tzliche polemische Absichten nicht zugrunde liegen. Mehr als einer der dort so liebevoll von Walter Benjamin Besungenen hat es vom Herausgeber selbst geh\u00f6rt, mit welcher Sch\u00e4tzung er ihren Werken gegen\u00fcbersteht; und mehr als einer war ja schon einmal oder \u00f6fters hochwillkommener Mitarbeiter der \u201eL.W.\u201c. Nichts erfordert mehr Sorgfalt, als die Auswahl der Feinde; diese Sorgfalt hat im vorliegenden Fall die Schriftleitung nicht \u00fcben zu m\u00fcssen geglaubt. Weder Leser noch Objekt also m\u00f6gen in jenen Scherzversen eine prinzipielle Kritik der Schriftleitung sehen.<\/p>\n<p>Doch Herr Fulda darf das ohne weiteres tun.<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column\" style=\"flex-basis:33.33%\">\n<pre>Jg. 2, 1926, Nr. 52<br \/><br \/><\/pre>\n<pre><br \/><br \/>Der deutsche Theater- und Filmregisseur Leopold Jessner (1878\u20131945) war in der 1920er Jahren einer der wichtigsten Vertreter des politischen Theaters. Es gab immer wieder antisemitische und reaktion\u00e4r-nationalistische Proteste gegen seine Person. <br \/><br \/><br \/><br \/><br \/><br \/><br \/><br \/><br \/><br \/><br \/><br \/><br \/><br \/><br \/><br \/><br \/>\u00a0<\/pre>\n<pre>Die Nationalsozialisten strebten eine Gleichschaltung der Kultur an. Gemeint ist damit eine Anpassung der Kultur an die nationalsozialistische Ideologie. In der Folge wurden Kunstwerke, Texte etc., die den Auffassungen derselben entgegenstanden, verboten. Betroffen waren dabei nicht nur explizite Werke, die das Regime kritisierten oder dessen kulturellen Vorstellungen entgegenstehen, sondern auch und vor allem die Kulturschaffenden, die \u2013 wenn sie als J\u00fcd*innen, politische Gegner o.\u00e4. erkannt wurden \u2013 mit schwerwiegenden Konsequenzen zu rechnen hatten. Obwohl diese Gleichschaltung erst mit der Machtergreifung Hitlers 1933 in vollem Umfang durchgesetzt werden konnte, hat sie sich schon in den Jahren vorher angebahnt.<br \/>Welchen Stellwert hat Kunstfreiheit heute? Warum ist die Vielfalt von Kunst wichtig?<\/pre>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"entry-summary\">\nWas soll man von den faschistischen Kunstvorstellungen halten? Neben einer Darlegung seiner Meinung wirbt Haas voller Enthusiasmus um seine Leserschaft.\n<\/div>\n<div class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/2026\/07\/meine-meinung\/\" class=\"more-link\">Continue reading<span class=\"screen-reader-text\"> &ldquo;Meine Meinung&rdquo;<\/span>&hellip;<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":6601,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/498"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/6601"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=498"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/498\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":548,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/498\/revisions\/548"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=498"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=498"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=498"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}