{"id":514,"date":"2026-07-03T16:52:50","date_gmt":"2026-07-03T14:52:50","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/?p=514"},"modified":"2026-07-29T08:43:57","modified_gmt":"2026-07-29T06:43:57","slug":"aufbruch-der-nation","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/2026\/07\/aufbruch-der-nation\/","title":{"rendered":"AUFBRUCH DER NATION"},"content":{"rendered":"\n<p>________________________________________________________________________<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns\">\n<div class=\"wp-block-column\" style=\"flex-basis:66.66%\">\n<p><span class=\"has-inline-color has-black-color\">Von Friedrich Muckermann, in: Jg. 6, 1930, Nr. 13<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span class=\"has-inline-color has-black-color\">Warum man der Frontgeneration besonderes Vertrauen entgegenbringt? Weil sie ihren Willen zur Nation bekannt hat im Antlitz des Todes. Kriegsb\u00fccher, die Anspruch auf Kunst erheben, d\u00fcrfen sich nicht ersch\u00f6pfen in der Wiedergabe von blo\u00dfen Schilderungen, sondern sie m\u00fcssen die Wiedergeburt der Wirklichkeit in einer K\u00fcnstlerseele darstellen. Eine solche Wiedergeburt der Kriegsereignisse aber konnte nur stattfinden in Seelen, die f\u00e4hig waren, nicht blo\u00df zum Leben sondern auch zum Tode \u201eja\u201c zu sagen. So war der Krieg ein Hochgericht f\u00fcr alle Philosophie, die mit dem Tode nicht fertig wird.<\/span><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large\"><img loading=\"lazy\" width=\"291\" height=\"439\" src=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/files\/2026\/07\/Screenshot-2026-07-29-082936.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-1193\" srcset=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/files\/2026\/07\/Screenshot-2026-07-29-082936.png 291w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/files\/2026\/07\/Screenshot-2026-07-29-082936-199x300.png 199w\" sizes=\"(max-width: 291px) 100vw, 291px\" \/><figcaption>Originalwerbung d. Ausgabe<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p><span class=\"has-inline-color has-black-color\">Hat man als Katholik f\u00fcr diese Unbedingtheit des Willens zur Nation auch volles Verst\u00e4ndnis, so kann man sich doch nicht dabei beruhigen. In den Schriften der Frontgeneration kommt immer wieder zum Ausdruck, da\u00df ihr neues Wollen unaussprechbar und also irrationaler Natur sei. Der Katholik kommt aber aus einer rationalen Welt, und sieht in einem noch so unbedingten Idealismus, der sich \u00fcber seine Ziele nicht klar ist, etwas Bedrohliches.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span class=\"has-inline-color has-black-color\">Es wird also notwendig sein, den Begriff der Deutschheit genauer zu untersuchen. Was ist deutsch? Eine bestimmte Eigenschaft, wie etwa treu, verantwortungsbewu\u00dft, p\u00fcnktlich usw. l\u00e4\u00dft sich nicht als Charakteristikum einer Nation anf\u00fchren. Ueberhaupt ist es schwer, namentlich wenn man etwa das Buch des Amerikaners Hayes \u00fcber den Nationalismus gelesen hat, das Wesen einer Nation zu beschreiben. Am ehesten spricht sich vielleicht das Deutsche in dem ber\u00fchmten \u201eStirb\u2019 und Werde\u201c aus, ein Wort, in dem allerdings das Geheimnis allen Lebens schwingt, so da\u00df wir bescheidener noch hinzuf\u00fcgen m\u00fcssen, es liege das Deutsche nur in einem besonderen Verst\u00e4ndnis eben dieses Wortes. Nun ist es freilich ein Unterschied, \u201aob ein Knabe in einem Sandhaufen Figuren werden und vergehen l\u00e4\u00dft, oder ob wir vom \u201eStirb\u2019 und Werde\u201c eines Baumes sprechen, der seinen Fr\u00fchling hat und seinen Winter. In dem Baum ist eben das Geheimnis des Lebens. Es ist aber doch nicht so vorhanden, da\u00df da in unendlicher Abfolge und in willk\u00fcrlicher Weise Werden und Sterben einander abl\u00f6sten. Sondern es wird die Entwicklung bestimmt und begrenzt durch eine dritte Gr\u00f6\u00dfe, n\u00e4mlich das Sein. So\u2019 ersetzen wir das Wort irrational durch das entsprechendere \u201eorganisch\u201c\u2018. Auch Goethe hat es so aufgefa\u00dft, und es bleibt ewig typisch f\u00fcr das, was hiergemeint ist jene denkw\u00fcrdige Unterredung, die Schiller und Goethe einander zu Freunden machte. Goethe kam von der Welt des Organischen her, Schiller aus dem Reich Leibnitzens und der Idee, und Schiller konnte dem erstaunten Goethe mit Recht sagen: das, was Sie da aussprechen, ist eine Idee. Die Verbindung von Idee und Erfahrung f\u00fchrt im Bereich gro\u00dfer Kulturen zur Gestalt, und nur wer \u00fcber der wogenden Entwicklung ewige Ideen sieht, der bringt es zu einer gestalteten Kultur.<\/span><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft size-large\"><img loading=\"lazy\" width=\"256\" height=\"424\" src=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/files\/2026\/07\/Screenshot-2026-07-29-083132.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-1195\" srcset=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/files\/2026\/07\/Screenshot-2026-07-29-083132.png 256w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/files\/2026\/07\/Screenshot-2026-07-29-083132-181x300.png 181w\" sizes=\"(max-width: 256px) 100vw, 256px\" \/><figcaption>Originalwerbung d. Ausgabe<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p><span class=\"has-inline-color has-black-color\">Dem Katholiken ist Nation nicht das letzte. Vielmehr sieht er \u00fcber der Nation die \u2018unver\u00e4nderlichen Ideen einer religi\u00f6sen und sittlichen Weltordnung, denen auch die Nation sich zu unterwerfen und denen sie zu dienen hat. Auch f\u00fcr eine bestimmte Zeitepoche sieht er das Wesen &#8218;der Nation sich darin erf\u00fcllen, da\u00df sie dem Neuen, wie es sich jeweils Bahnbrechen will, dem\u00fctig sich hingebe. F\u00fcr diese unsere Zeit seien hier drei gro\u00dfe Aufgaben angedeutet:<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span class=\"has-inline-color has-black-color\">Es ist erstens die Verst\u00e4ndigung unter den V\u00f6lkern. Undeutsch w\u00e4re eine mechanische L\u00f6sung; deutsch eine organische. Organisches Denken geht nicht von der abstrakten Idee eines V\u00f6lkerbundes aus, sondern von der Familie, ihrer Erweiterung im Volke und dar\u00fcber hinaus in der V\u00f6lkerfamilie. Es war ein ebenso deutscher wie katholischer Gedanke, den: vor allem der Pr\u00e4lat Dr. Schreiber in die internationalen Beziehungen gebracht hat, der Gedanke des Volkstums, von dem allein aus wir unsere Minderheiten sch\u00fctzen k\u00f6nnen. Es ist zweitens die Verst\u00e4ndigung unter den Klassen. Auch hier scheidet sich die deutsche organische L\u00f6sung von der undeutschen mechanischen. Ein neuer Stand strebt heute aus Sklavenjoch und unw\u00fcrdiger Abh\u00e4ngigkeit hinauf zur Anteilnahme an Menschenrechten und an Menschenw\u00fcrde. Das ist keine Frage der Tarife und auch keine der Bildungsg\u00fcter allein. EBs ist vielmehreine des Menschen und der lebendigen Gemeinschaft. Organisches Empfinden zeigt hier Verst\u00e4ndnis f\u00fcr das Kommende und bringt es nicht durch brutale Unterdr\u00fcckung in einen t\u00f6dlichen Gegensatz zu den heiligen Werten der Tradition. Da ist endlich die Verst\u00e4ndigung der Herzen, die zum Ausdruck kommt in dem religi\u00f6sen Problem der Verst\u00e4ndigung unter den Kirchen. Auch hier lehnt deutsches Denken jede mechanische L\u00f6sung ab, und will die organische. Lausanne und Stockholm sind Wahrzeichen daf\u00fcr, da\u00df nun von allen Seiten lebendige Kr\u00e4fte hin\u00fcber &#8211; und her\u00fcber wirken. Hat Rom in diesen Auseinandersetzungen die Idee der <em>einen<\/em> Kirche Christi festgehalten, so hat es nicht nur dadurch eine klare Situation geschaffen sondern obendrein etwas ausgesprochen, was einst f\u00fcr Luther eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit war. Nur <em>eine<\/em> Kirche kann die wahre sein, und nur <em>eine<\/em> hat Christus gr\u00fcnden wollen. So sieht man vom Katholizismus aus die deutschen Dinge. Wir bejahen den Staat, wir bejahen die Nation, wir wollen beides in gro\u00dfer, starker Gestalt, aber wir wissen, da\u00df \u00fcber diesen Reichen der Natur noch h\u00f6here Welten liegen, die in die unteren ihr Licht und ihre Kraft ausstrahlen. \u2014<\/span><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/files\/2026\/07\/Screenshot-2026-07-29-082907.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-1199\" width=\"338\" height=\"77\" srcset=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/files\/2026\/07\/Screenshot-2026-07-29-082907.png 799w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/files\/2026\/07\/Screenshot-2026-07-29-082907-300x68.png 300w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/files\/2026\/07\/Screenshot-2026-07-29-082907-768x174.png 768w\" sizes=\"(max-width: 338px) 100vw, 338px\" \/><figcaption>Originalwerbung d. Ausgabe<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>\u00a0<span class=\"has-inline-color has-black-color\">Die H\u00e4lfte aller Deutschen, die den mitteleurop\u00e4ischen Raum bewohnen und mehr als die H\u00e4lfte derer, die \u00fcber die weite Welt hin zerstreut leben, sind katholisch. Glaubt irgend jemand im Ernst, die deutsche Fragel\u00f6sen zu k\u00f6nnen unter Ausschaltung der H\u00e4lfte \u201aaller Deutschen? Sind Deutschtum und Katholizismus <em>wesenhaft<\/em> miteinander unvereinbar, was sagen dann die Verfechter dieser Lehre zu ihren eigenen Vorfahren, die ausnahmslos einmal katholisch waren? War ihr Blut, das gleiche Blut, das in den Adern ihrer Nachfahren rollt, undeutsch? Sollten wir aus dem Fronterlebnisheraus, das allen gemeinsam ist, nicht die Gemeinschaft aller Deutschen begr\u00fcnden und gibt es \u00fcberhaupt einen anderen Weg? Betrachten wir die Aufgaben unserer Zeit als uns alle verpflichtend\u201a setzen wir alle noch unbestimmte Unbedingtheit an ihre konkrete L\u00f6sung, so wird uns die Einheit der Nation als Geschenk von selber hinzugelegt.<\/span><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" width=\"489\" height=\"307\" src=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/files\/2026\/07\/Screenshot-2026-07-29-083154-1.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-1204\" srcset=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/files\/2026\/07\/Screenshot-2026-07-29-083154-1.png 489w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/files\/2026\/07\/Screenshot-2026-07-29-083154-1-300x188.png 300w\" sizes=\"(max-width: 489px) 100vw, 489px\" \/><figcaption>Originalanzeigen d. Ausgabe<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column\" style=\"flex-basis:33.33%\">\n<pre><br>Friedrich Muckermann baut den Kerngedanken seines Textes auf der Pr\u00e4misse auf, die Nation als unter den unver\u00e4nderlichen Ideen angesiedelt, habe sich der religi\u00f6sen und sittlichen Weltordnung unterzuordnen und zu dienen. Dabei stellt er f\u00fcr seine Zeit drei Forderung an die Menschen: Der Kampf nach der Verst\u00e4ndigung der V\u00f6lker (Minderheiten zu sch\u00fctzen), der Verst\u00e4ndigung unter den Klassen (das Arbeitsjoch beenden) und die Verst\u00e4ndigung der Herzen (d.h. die Verst\u00e4ndigung der Kirchen).<\/pre>\n<p><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"entry-summary\">\nF\u00fcr die Minderheiten, die Arbeitnehmenden und \u2026 die Kirche!?\n<\/div>\n<div class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/2026\/07\/aufbruch-der-nation\/\" class=\"more-link\">Continue reading<span class=\"screen-reader-text\"> &ldquo;AUFBRUCH DER NATION&rdquo;<\/span>&hellip;<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":5843,"featured_media":1207,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/514"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5843"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=514"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/514\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1205,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/514\/revisions\/1205"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1207"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=514"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=514"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=514"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}