{"id":611,"date":"2026-07-03T17:07:31","date_gmt":"2026-07-03T15:07:31","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/?p=611"},"modified":"2026-07-04T13:03:42","modified_gmt":"2026-07-04T11:03:42","slug":"das-deutsche","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/2026\/07\/das-deutsche\/","title":{"rendered":"DAS DEUTSCHE"},"content":{"rendered":"\n<p>________________________________________________________________________<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns\">\n<div class=\"wp-block-column\" style=\"flex-basis:66.66%\">\n<p>Von Heinrich Mann<\/p>\n\n\n\n<p>Gewisse B\u00fccher haben einen besonders heimatlichen Ton. Sie geben zu verstehen, da\u00df sie nur hier spielen k\u00f6nnen. In anderen liegt es an den Gestalten, ihnen ist sozusagen viel Boden an den F\u00fc\u00dfen mitgegeben, und aus demselben Stoff sollen sie selbst vor allem gemacht sein, ihre \u00fcbrigen Eigenschaften ergeben sich sp\u00e4ter. Das Deutsche kann Natur sein, dann kommt es aus dem Volk; die Gestalt des Romans, vielleicht auch der Autor, hatten als Vater einen Arbeiter. Andererseits gibt es gelernte Deutsche, die es gewi\u00df auch von Natur, -aber immer noch mehr durch literarische Vorliebe als von Natur sind. Sie haben zum Beispiel den alten Raabe gelesen. Dazukommen die F\u00e4lle, in denen jemand schreibt wie alle Welt, aber was er wiedergibt, soll deutsche Lebensstimmung sein; \u2014 meint er nun die Stimmung einer Schicht, Klasse oder Generation, sie kennzeichnet dies Land.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Buch wie \u201e<em>Jossa und die Junggesellen<\/em>\u201c von <em>Willy Seidel<\/em>, erschienen im <em>Albert Langen Verlag<\/em>, M\u00fcnchen, hei\u00dft mit Recht \u201eein heiterer Roman\u201c. Es ist wirklich heiter, weil es aus echten Schmerzen herr\u00fchrt. F\u00fcnfundvierzigj\u00e4hrige Privatgelehrte, die fr\u00fcher Geld hatten, k\u00f6nnen heute, da sie durchaus proletarisiert werden sollen, aus der Sp\u00e4rlichkeit ihres Daseinseinen heiteren Stil machen. Sie sehen die Gegenwart durch die W\u00e4nde von B\u00fcchern, die ihnen geblieben sind, und sehen sie daher weniger trostlos. Ihre Art zu leben und sich auszudr\u00fccken \u00e4hnelt ganz alten Menschen aus den hungrigen Zeiten Deutschlands. Altfr\u00e4nkisch, kraus, voll Vergangenheitswehmut und vor dem Leben etwas fremd, etwas \u00e4ngstlich: \u2014 sehr merkw\u00fcrdig, so k\u00f6nnen jetzt manche Leute im besten Alter sein. Es ist nur eine Abart, aber sie ist seit den schweren Zeiten da, Willy Seidel hat sie glaubhaftgestaltet. Nun f\u00fcgt es sich aber bei ihm, da\u00df ein junges, sch\u00f6nes Gesch\u00f6pf doch Sinn hat f\u00fcr einen solchen verfr\u00fcht Alternden. Sie schl\u00e4gt, da sie sich ihm zuneigt, eine Br\u00fccke von 1930 zu 1913. Sie begl\u00fcckt und verj\u00fcngt ihn, das ist freundlich und liebenswert. Zugleich erinnert es an Stimmungen und Vorg\u00e4nge bei dem Franzosen Anatole France. Welt der B\u00fccher, liebende Jugend und das L\u00e4cheln der Wehmut, alles ist auch dort gruppiert. Es ist etwas anders gruppiert, aber jeder, France und Seidel, macht das Seine und bem\u00fcht sich nicht nur um seine Landsleute, sondern in Ton und Geb\u00e4rde sogar um die \u00e4ltere Ueberlieferung seiner Heimat. Der eine hat zweifellos das Bewu\u00dftsein, besonders franz\u00f6sisch, der andere, besonders deutsch zu sein. Zuletzt aber ist es dasselbe\u2014oder ist wenigstens mit Einschr\u00e4nkung dasselbe. Dies verdient festgehalten zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Aehnliche Ankl\u00e4nge ergibt der sch\u00f6ne, stimmungsvolle Roman \u201e<em>So gehen sie hin<\/em>\u201c von <em>Hanns Johst<\/em>, gleichfalls bei <em>Albert Langen<\/em>. Wer dahingeht und nicht wiederkehrt, ist der deutsche Adel. Bevor dies Buch beginnt, hat er verzichtet, und als es schlie\u00dft, ist er verklungen. Alle in dem Roman vorgef\u00fchrten Personen sind schweigend abgetreten. Wir wissen, da\u00df die Wirklichkeit anders ist; da\u00df viele Angeh\u00f6rige des fr\u00fcheren Adels sich keineswegs friedlich ergeben, sondern zu der Unruhe Deutschlands manches beitragen. Aber ein Romandichter kann ebensogut auch die Stillen und Wehrlosen heraussuchen \u2014 die alten Eheleute, die sich trennen, weil kein standesgem\u00e4\u00dfes Zusammenleben mehr m\u00f6glich ist, und ferner eine nach Gl\u00fcck noch hungernde Frau, ihre schuldvolle Liebe, nebst den t\u00f6richten Versuchen ihres Gatten, ein Gesch\u00e4ftemacher zu werden. Die tragische Vertreibung der nicht mehr Lebenst\u00fcchtigen, \u2019sie wirkt auf das Herz wie die Bl\u00e4tter im Herbst. Wir k\u00f6nnen nicht verhindern, da\u00df sie verwelken, und Abschiedsgef\u00fchle durchdringen uns. Wer dahingeht, ist vornehmer, als wer bleibt und sich erh\u00e4lt, es braucht daf\u00fcr keinen Adel, unser eigenes Vorgef\u00fchl des unausbleiblichen Verfalles adelt auch den anderen.<\/p>\n\n\n\n<p>So war es immer. Wem ist nicht bange geworden beim Lesen des \u201eRarit\u00e4tenkabinetts\u2018\u2018 von Balzac. Auch dort, es ist hundert Jahre her, waren Menschen derselben Klasse, noch k\u00fcrzlich reich und m\u00e4chtig, von der Gesellschaft (in einen toten Winkel geschoben, sa\u00dfen nun und verk\u00fcmmerten. Balzac, ein Legitimist, wie man meint, ist gleichwohl gegen seine Adelstypengrausamer als Johst, \u2014 was sich daraus erkl\u00e4rt, da\u00df es dem gro\u00dfen Soziologenmehr auf die Gesellschaft ankommt, als auf ihre Opfer. \u201eWas habe ich ihnen getan, fragte der Hereingelegte, und das fragen immer nur die Schwachen.\u2018\u201c So schlie\u00dft einer der Romane Balzacs. Hanns Johst steht vielmehr auf Seiten der Schwachen. Das ist nicht nur sein Recht, es zeigt auch, wie verschieden die gleichen Tatsachenerlebt worden sind in Frankreich und in Deutschland. Wenn es nicht doch wieder andere Beispiele daf\u00fcr g\u00e4be, da\u00df sie im Gegenteil dr\u00fcben mit R\u00fchrung aufgenommen wurden und hierbei uns sachlich! Die Gesetze der Geschichtesind nicht weniger unausweichlich als die der Natur, und wie sie sich an uns erproben, h\u00e4ngt von Landesgrenzen nicht ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch tiefer dringen wir in das Reich der menschlichen Zusammengeh\u00f6rigkeit ein, wenn wir zu den kleinen Leuten gehen. Da ist das so ehrliche, ernste Buch des jungen <em>Gottfried Kapp, \u201eDas Loch im Wasser\u201c<\/em>, im Verlag <em>Philipp Reclam jun<\/em>. Eine gewisse Treuherzigkeit leitet darin das Geschehen ein, gerade sie scheint un\u00fcbersetzbar in eine andere Sprache und Gef\u00fchlswelt. Der Landstrich, in dem diese armen Bergarbeiter leben und leiden, kann denn auch nichts Zuf\u00e4lliges sein; so bedenkt einer der ihren, der mehr gelernt hat und ihnen entwachsen ist. Das Deutsche scheint ihm ein Gegengewicht f\u00fcr seine Zweifel in sozialer Hinsicht. Das Deutsche w\u00e4re das Heilmittel f\u00fcr ihn, der die Welt nicht mehrliebt. Dann doch wenigstens noch diesen Fleck Erde lieben! Indessen hei\u00dft die Stra\u00dfe der Arbeiter die Plackenstra\u00dfe, und das ist ein \u00fcbersetzbares, \u00fcberall verst\u00e4ndliches Wort. Sich emp\u00f6ren gegen die Abh\u00e4ngigkeit, trotz sozialem Aufstieg wieder einmal furchtbargrob werden, \u00fcberall kennen das die Genossen dieses aus dem Volk hervorgegangenen Baumeisters, Dann der merkw\u00fcrdige Ha\u00df gegen einen anderen, auch dem Elend entflohenen Mann, der nicht mehr wissen will, da\u00df er doch nur ein gehobener Sklave ist, \u2014welches Land lieferte nicht solche zwei Gegner. Die Emp\u00f6rung tritt allerdings verschieden auf, unter anderem auch in zeitgem\u00e4\u00df deutschem Gewand. Dieser deutsche Arbeitersohn bemitleidet sein Volk, weil es vom freien Land in die St\u00e4dte vertrieben worden ist. Sie ahnen es auch selbst, wie ihm scheint. Die Sehnsucht derer, die noch unl\u00e4ngst Bauern waren, oder statt der Sehnsucht das dunkle Gef\u00fchl einer unverschuldeten Entartung, vielleicht ist das ein deutscher Schmerz, man wei\u00df es nicht. Der von ihnen, der das Denken erlernt hat, begreift den Schmerz tiefer, wird tiefer verwirrt und geht in den Tod aus Lebensangst. Das stimmt, diese Lebensangst, woher sie auch komme, ist etwas Deutsches heute. \u201eWir, die Arbeiter, sind wichtiger als die Fabrik\u2018\u201c, \u2014 das ist im Gegenteil das Internationale.<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column\" style=\"flex-basis:33.33%\">\n<pre><br>Jg. 6, 1930, Nr. 44<br><br>Heinrich Mann, der \u00e4ltere Bruder Thomas Manns besch\u00e4ftigt sich mit dem heimatlichen, deutschen Ton. Aber was macht ihn eigentlich aus, und woher kommt er? Verwunderlich ist, dass Mann gerade nicht nur Texte deutscher Autoren bespricht, sondern auch gro\u00dfe franz\u00f6sische Namen wie Honor\u00e9 de Balzac (1799\u20131850) anbringt.<\/pre>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"entry-summary\">\n________________________________________________________________________ Von Heinrich Mann Gewisse B\u00fccher haben einen besonders heimatlichen Ton. Sie geben zu verstehen, da\u00df sie nur hier spielen&hellip;\n<\/div>\n<div class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/2026\/07\/das-deutsche\/\" class=\"more-link\">Continue reading<span class=\"screen-reader-text\"> &ldquo;DAS DEUTSCHE&rdquo;<\/span>&hellip;<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":5843,"featured_media":663,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/611"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5843"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=611"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/611\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":794,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/611\/revisions\/794"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/wp-json\/wp\/v2\/media\/663"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=611"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=611"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/dieliterarischewelt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=611"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}