Mit digitalen Bildern lernen – Erklärvideos im Lehramtsstudium und in der Schulpraxis

Lehr- und Lernmittel selber herstellen

Seit drei Jahren stellen die Studierenden im Fach Gestalten an Grund- und Förderschulen der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg eigene Erklärvideos zu kunstpädagogischen, kunstgeschichtlichen und fächerverbindenden Themen her. Das hat unmittelbar verschiedene Vorteile für das Lernverhalten in einem Lehramtsstudium:

  • Komplexe fachdidaktische Inhalte werden auf Kernprobleme reduziert und anschließend mittels digitaler Trickfilmtechnik visualisiert.
  • Bedeutende Kunstwerke und Kunstepochen werden mit Bildern für verschiedene Altersgruppen verständlich und einprägsam erklärt.
  • Aktuelle Entwicklungen in den Bereichen Ökologie, Design und Technik werden in kurzen Trickfilmen vorgestellt, die man im fächerverbindenden Unterricht in einer Einstiegsphase nutzen kann.
  • Die Erfahrungen bei der Herstellung einfacher Erklärvideos werden genutzt, um in Gestaltenunterricht der Schule mit den Kindern an eigenen digitalen Trickfilmen zu arbeiten.

Die Studierenden stellen also in den Seminaren Lehr und Lernmittel her, die sie im Schulpraktikum und später im Beruf themengerecht einsetzen können. Auf der Webseite „Kunstpädagogik kompakt“ unter www.integrale-kunstpädagogik.de werden diese Erklärvideos in dem Videokanal „ikp-movie“ gesammelt, so dass das sukzessiv wachsende Material auch anderen Lehrenden zur Verfügung steht.

Visuelle Alphabetisierung

Die Voraussetzung für ein gutes Erklären, den Kern jeder Didaktik, besteht in der Fähigkeit, das jeweilige Problem zu vereinfachen und zu veranschaulichen. Das bedeutet, Sachverhalte müssen in ein Bild oder eine Geschichte übersetzt werden. Das Denken in Bildern oder die Transformation von Fachproblemen in eine eigens entwickelte Geschichte gehören allerdings gegenwärtig noch nicht zu den vermittelten Grundfertigkeiten in einem Lehramtsstudiengang. Obwohl wir in einer Bilder-Welt-Gesellschaft leben, stellt visuelle Kompetenz, ob in Schule oder Studium keine Basiskompetenz da. Der visuelle Analphabetismus ist auch innerhalb der Lehrer*innenausbildung nach wie vor die Regel. Aber – ohne Denken in und Erklären mit Bildern ist eine anschauliche Didaktik nicht möglich. Deshalb bietet der Bereich Gestalten an Grundschulen der MLU jährlich im Sommersemester fächerübergreifende Seminare an, in denen diese Fähigkeiten vermittelt werden. Die methodischen Grundlagen zum Lehren und Lernen mit Bildern sind über die Webseite „Kunstpädagogik kompakt“ unter der Rubrik „Wissen in Bildern“ (http://www.integrale-kunstpaedagogik.de/wissen-in-bildern.html) abrufbar.

Schnell erklären mit laufenden Bildern

Um ein Erklärvide herzustellen, braucht es folgende Fertigkeiten

  • Reduktion eines Problems auf wenige Kernaussagen
  • Entwicklung einer eigenen Bildidee (zum Beispiel Strichmännchen)
  • Zeichnen der zentralen Bildelemente für den Erklärfilm
  • Stop-and-motion-Fotografie mit Digitalkamera
  • Bearbeitung der Bilder mit einer Filmsoftware
  • Falls nötig noch Einsprechen eines kurzen erklärenden Textes

Wer Erklärfilme oder andere didaktische Bilder herstellt, macht meist eine erstaunliche Erfahrung: Beim Suchen nach den anschaulichen Bildern merkt man, dass man das jeweilige Probleme zumeist noch nicht wirklich verstanden und dass einem bislang noch niemand die jeweilige Sache wirklich fundiert erklärt hat. Deshalb haben wir im Seminar folgende Faustformel gefunden:

Solange Du kein Bild hast, hast Du das Problem noch nicht verstanden und kannst es nicht überzeugend erklären.

Wenn die Bilder und Geschichten dann da sind, wird alles ganz einfach und man wundert sich nur noch, weshalb das bislang so schwer war. In dieser Weise ändert sich nicht nur das Lernverhalten der Studierenden, sondern auch deren Lehrmethode in der Schulpraxis. Überzeugt Euch selbst anhand der beiden Beispiele:

Beispiel 1) Diana Rückert erklärt in 2 Minuten mit sehr einfachen und einprägsamen Mitteln, die jeder sofort nachmachen kann, was das Bienensterben für die Nahrungskette bedeutet. Dieser Erklärfilm kann sofort als Einleitung zu diesem Thema im Sachunterricht der dritten Klasse genutzt werden.

https://www.youtube.com/watch?v=h80_xeu7T-0&feature=youtu.be

Beispiel 2) Wieken Turba erklärt in einem Trickfilm ohne Worte, wie Handys funktionieren. Das ist nicht nur lustig zum Anschauen für die Schüler*innen in der vierten Klasse, sondern so anschaulich, dass man das auch als Erwachsener nie wieder vergisst.

https://www.youtube.com/watch?v=4hQvwqk1Puo&feature=youtu.be

Schüler*innen erzählen erklären mit digitalen Bildern

Da das IPhone das digitale Fotografieren und Filmen mittlerweile sehr vereinfacht, können Erklärvideos auch im Unterricht von den Lernenden selbst hergestellt werden. Wie das folgende Beispiel aus dem fächerverbindenen Unterricht von Kunst und Deutsch einer fünften Klasse verdeutlicht, werden hier eine ganze Reihe von Kompetenzen geschult:

  • Zusammenfassung komplexer Texte
  • Freies Erzählen oder betontes Vorlesen eigener Texte
  • Entwicklung von Bildideen zum Thema
  • gemeinsamen herstellen von Bildfiguren in Kleingruppen
  • Filmen mit verteilten Rollen (Kamera, Sprecher, Figuren legen)

Am Ende steht nicht nur ein komplexer Lernprozess, sondern vor allem ein Produkt, auf dass die Schüler*innen stolz sind. In dieser Weise kann es außerdem Gelingen, die digitale Bildtechnik ganz selbstverständlich als Lernwerkzeug zu nutzen. Plötzlich darf das IPhone im Unterricht eingeschaltet und sinnvoll eingesetzt werden. Die Kinder lernen dabei neue Programme kennen und erfahren, wie analoge und digitale Gestaltung ineinandergreifen. So macht das Lernen im Fächerverbund sind.

Beispiel 3) In einem kurzen Video erzählen Kinder einer 5. Klasse im Unterricht von Heike Mosebach ein Märchen.

https://www.youtube.com/watch?v=1lnO6-JDnD8&feature=youtu.be

Die hier aufgeführten Bemühungen um eine neue Lernkultur innerhalb von Universitäten und Schulen sind in einem größeren Zusammenhang einzuordnen. Falls Euch das interessiert, lest bitte hier weiter:

Didaktische Revolution 2.0

Seit gut zehn Jahren finden sich im Internet zu beinah allen Themenbereichen des täglichen Lebens, des beruflichen Alltags und zu wissenschaftlichen Spezialgebieten selbstorganisierte Netzwerke, in denen die verschiedenen Akteure Wissen, Erfahrung und eine mit den jeweiligen Gegenständen verbundene Begeisterung austauschen. In diesem Kontext haben sich auch zahlreiche Lernplattformen etabliert, die als kollektives Forum angelegt sind oder auf Initiative einzelner Personen bzw. kleiner Gruppen agieren. Verwiesen sei hier exemplarisch auf drei Beispiele: Bei der Khanacedemie handelt es sich ursprünglich um eine Plattform indischer Schüler/innen, die mittlerweile aber in jeder Sprache eine Fangemeinde hat (www.khanacademie.de). Hier erklären Schüler/innen ihrer Community in kurzen Commoncrafts-Videos diverse Probleme, vorrangig der naturwissenschaftlich-mathematischen Fächer, in anschaulicher Weise. In Deutschland besitzt gerade die Website www.simpleclub.de große Popularität, denn hier erläutern zwei junge Männer im coolen, hemdsärmeligen Stil alle möglichen Fachprobleme aus dem Bereich der gymnasialen Oberstufe. Das ist Prüfungsvorbereitung im Unterhaltungsformat. Studierende und Lehrende des Faches Deutsch nutzen für ihre Stundenvorbereitungen im Bereich Grammatik mittlerweile häufig die Lernvideos der von Stefan Schneider auf Youtube veröffentlichten Reihe „Deutsch in Bildern“.

Gemeinsam ist diesen medialen Wissensplattformen und Lernportalen einerseits eine kind- und jugendgemäße Gesamtpräsentation, die von der flapsigen Sprache, starken Körpergesten, musikalischen Untermalung bis hin zu einer altersadäquaten Vereinfachung der Fachprobleme reicht, und andererseits die offensive Nutzung von erklärenden und veranschaulichenden Bildern, die es ermöglichen, den jeweiligen Sachverhalt auf einen Blick erfassen und im Sinne einer mnemotechnischen Hilfe erinnern zu können. Der Erklärungsvorgang, ob als Livemitschnitt, als Trickfilm oder als Folge von Powerpoint-Folien umgesetzt, ist dem Medium Internet angepasst und überschreitet selten die Fünfminuten-Grenze.

Was sich an derartigen Beispielen des selbstorganisierten Lehrens und Lernens beobachten lässt, ist eine Ablösung des Erklärens vom schulischen Bildungsprozess, eine Verlagerung der Wissensvermittlung in außerpädagogische, informelle Bereiche und die Begründung eines neuen Stils von Didaktik, den man als Edutainment bezeichnen könnte. Diese mit großer Geschwindigkeit sich vollziehende Entprofessionalisierung und Entinstitutionalisierung der Pädagogik stellt heute eine der größten Herausforderungen für die klassische Bildungseinrichtung Schule dar.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*