Erklärvideos: Was sagen die Studierenden? [Seminarbericht]

„Erklärvideos als didaktisches Lernformat und linguistisches Forschungsfeld“ – so heißt das Seminar, das im Wintersemester 2017/2018 unter der Leitung von Prof. Matthias Ballod am Germanistischen Institut stattfindet und die Lehramtsausbildung bereichern soll. Ich durfte mitplanen und bin auch live dabei, schließlich geht’s auch um meine Forschung. Das Interesse ist groß: Mit Wartelisteneinträgen gibt es beinahe an die 50 Studierenden, die mitmachen wollen. Da es jedoch auch eine Projektphase gibt, in der wir gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern arbeiten, können leider nur 20 Studis teilnehmen.

In der ersten Sitzung ging es aber erst einmal um die eigenen Erfahrungen der Studierenden, die ich hier zusammenfassen möchte. Mit einem kleinen Fragebogen und anschließender Auswertung haben wir angetastet, wie die Studierenden selbst Erklärvideos nutzen und vielleicht sogar selber zur Lehre einsetzen und welche Potenziale und Schwierigkeiten sie im Einsatz sehen.

Rezeption und Produktion von Erklärvideos

Die erste Frage lautete ganz platt: Haben Sie sich schon mal Erklärvideos im Internet angesehen? Und fast alle antworten mit „ja“. Einen einzigen Studenten gab es, der angab, noch keine Erklärvideos auf Videoplattformen geschaut zu haben. Allerdings warf er direkt die Frage hinterher, ob Vorlesungsaufzeichnungen auch als Erklärvideos gelten – eine Frage, der wir in der nächsten Sitzung nachgehen werden.

Viele gaben an, solche Videos vor allem zur Abivorbereitung genutzt zu haben (bzw. kleine Brüder zu haben, die so etwas machen). Hin und wieder gab es auch Studis, die Erklärvideos für ihr eigenes Studium nutzen. Eine Studentin/ein Student versucht, vor jeder Prüfung Videos zu finden, die den Sachverhalt einfach erklären. Aber: Häufiger findet man allerdings Videos zum Schulstoff, Themen aus dem universitären Bereich sind wohl noch eher mau vertreten. Auch zum Selbststudium vor bspw. Referaten werden die kleinen Videos gerne genutzt.

Als gefragte Themen stellten sich insbesondere naturwissenschaftliche Zusammenhänge heraus, mathematische Verfahren und Beweismethoden sowie biologische Vorgänge. Aber auch Themen der Geschichte und klassische Literatur (Deutsch und Englisch!) sind beliebt. Für mich besonders interessant: Innerhalb ihres Studiums suchen relativ viele Studierende der Germanistik nach Inhalten zur Sprachwissenschaft (aha! Vielleicht sollte ich doch mal …).

Im Alltag nutzen die Studierenden Tutorials zu verschiedenen Themen: Back- und Kochrezepte werden gesucht, Schmink- und Frisurentutorials und Bastelanleitungen bzw. -ideen dürfen nicht fehlen. Aber auch im Technikbereich erfreuen sich die kurzen Anleitungen großer Beliebtheit: Von der Montage eines Wasserhahns über den Aufbau eines Wurfzelts bis hin zu Word-Formatierungen gab es sehr viele Nennungen aus diesem Bereich. Ob diese Nennungen jeweils von Frauen oder Männern stammen, ist unklar, da wir darauf nicht geachtet haben.

Einsatz im Unterricht: Potenziale und Schwierigkeiten

Selbst erstellt haben die Studierenden noch keine Erklärvideos oder Tutorials. Ein Student berichtete von einem Projekt aus dem letzten Semester: Im Seminar „Am Anfang war das Wort – wer aber hat heute das Sagen?“ ließ eine Gruppe Schülerinnen und Schüler einer 5. Klasse des NSG Halle ein kurzes Erklärvideo erstellen – und zwar zur Frage, was ein Erklärvideo überhaupt ist. Trotz wenig Zeit und noch weniger Ressourcen haben sie folgendes Video auf die Beine gestellt:

Die Schüler hatten – laut Aussage des Studenten – großen Spaß und sind sehr stolz auf das Produkt.

Eine Studentin schaut Erklärvideos, um sich als Nachhilfelehrerin vorzubereiten – sie holt sich Anregungen, „wie man einfach erklären kann“. Eine andere setzte die Videos auch schon direkt in der Nachhilfe ein – das brachte aber wenig Erfolg und war eher enttäuschend. Eine Studentin/ein Student gab an, Erklärvideos schon im Schulpraktikum eingesetzt zu haben, allerdings lasse die (mangelhafte) technische Ausstattung in den Schulen noch sehr zu wünschen übrig und erschwere den Einsatz.

Welche Probleme und Schwierigkeiten sehen die Studierenden im Einsatz von Erklärvideos im Unterricht?

Das ist gleichzeitig auch ein erstes Problem, das genannt wurde: Die nötige Technik fehlt häufig in den Schulen. Nur wenige Schulen sind bisher mit Beamern und Computern ausgestattet – von wenigen Tabletklassen ganz zu schweigen. Häufig gibt es einen Beamer für die ganze Schule, den man rechtzeitig reservieren muss. Die Lehrerenden müssten also häufig selbst Abhilfe schaffen.

„Viel Effekt – bescheidener Nutzen?“

Kritisch gesehen wird auch die Korrektheit der Videos – Schließlich kann jeder Laie auf Videoplattformen Videos hochladen. Quellenangaben gibt es auch selten, daher ist es wichtig, auf falsche Inhalte zu achten und auch die Lerner darauf zu sensibilisieren. Häufig weichen die dargestellten Inhalte auch vom eigentlichen Unterrichtsstoff ab und könnten so Verwirrung stiften. Außerdem gibt es möglicherweise zu viele Angebote und es kann schwierig sein, „das Passende“ zu finden.

Eine weitere Sorge der Studierenden: Die Schülerinnen und Schüler bilden sich selbst keine Meinung mehr, weil diese in den Videos von Youtubern vorgegeben werden. Auch stellt sich die Frage: Wer gibt die Interessen in den Videos vor? Sponsoring und Produktplatzierungen in einigen sollen schließlich zum Kauf von Produkten anregen und das Image des Unternehmens stärken (ein ähnliches Problem gibt es ja bspw. auch beim Sponsoring von Tablets für Schulen).

Auch methodische und didaktische Schwierigkeiten stehen im Zentrum: Die Vor-& Nachbereitung könnte von Lehrenden unterschätzt werden und der Einsatz im Unterricht muss didaktisch-methodisch gut vorbereitet sein. Hierbei ist die Motivation und das Engagement des Lehrenden gefragt. Ihm obliegt die Recherche, die Auswahl und die Einbindung in den Unterricht. Schauen die Schülerinnen und Schüler selbstständig zuhause oder unterwegs solche Videos, fehle eindeutig die notwendige Kommunikation zwischen Vermittler und Lerner (aber die fehlt doch beim Lehrbuch auch, oder?).

Ein besonders interessanter Kritikpunkt, der die oberen teilweise wieder aufgreift: Die Videos unterliegen keiner Qualitätsprüfung. Während Lehrbücher zugelassen werden müssen, stehen Erklärvideos von Anfang an frei im Netz zur Verfügung. Andererseits ist das wiederum auch ein Potenzial: Man kann mit den Schülerinnen und Schülern Kriterien erarbeiten, nach denen die Videos nach ihrer Qualität bewertet werden können – das trägt wiederum zur Medienkompetenz bei. Lehrer und Lehrerinnen müssen ohnehin darauf achten, welche Materialien sie in ihrem Unterricht einsetzen.

Und welche Potenziale erkennen sie?

Damit wären wir auch gleich beim ersten genannten Potenzial von Erklärvideos: Ihr Einsatz hat nicht nur – bei richtigem Einsatz – einen inhaltlichen Nutzen, sondern stärkt auch die Medienkompetenz. Die Schülerinnen und Schüler müssen lernen, woran sie qualitativ gute Videos erkennen und nach welchen Kriterien sie sie einschätzen können. Da sie ohnehin häufig YouTube-Videos konsumieren, wird gleich ihre Lebenswelt aufgegriffen. Der Einsatz der Videos im Unterricht oder als Selbststudienaufgabe ist also – laut Studis – per se schon begeisternd und motivierend für die Lerner und bringt Abwechslung in den Unterricht.

Als Einstieg kann man die Videos super nutzen, um eine gemeinsame Wissensgrundlage zu schaffen und sie können – richtig ausgewählt und eingesetzt – eine Entlastung für den Lehrenden darstellen. Selbst wenn die Schülerinnen und Schüler die Videos „nur“ zuhause nutzen, bringen sie viele Vorteile: Jeder kann in seinem eigenen Tempo lernen, die kurzen Videos pausieren und die Inhalte bei Bedarf immer wieder anschauen. Wann und wo die Schülerinnen und Schüler wollen. Denn: Die Videos sind schnell abrufbar und einfach zugänglich, immer und überall und für jeden.

Ein weiterer Vorteil ist, dass der Zuschauer sich aussuchen kann, WER da gerade erklärt. Während sie den Lehrer oder die Lehrerin so hinnehmen müssen, sind ihnen die Zugänge auf bspw. YouTube freigestellt. Zu vielen Themen gibt es auch verschiedene Videos. Ich kann mir als Nutzer also aussuchen, wessen Stimme ich sympathischer finde oder wer für mich besser erklärt. Zugleich werden die Inhalte auf das wesentliche reduziert – die Videos schaffen also meist einen Überblick, ohne dabei zu überfordern. Für die Details ist dann wieder der Lehrende zuständig.

Die Kombination verschiedener Modalitäten innerhalb der Videos bietet weitere Potenziale. Das ist etwas, was Lehrende im Unterricht teilweise gar nicht leisten können, weil ihnen die Möglichkeiten fehlen. Es wird vor allem mit Bildern und Visualisierungen gearbeitet – das ist nicht nur für visuelle Lerner geeignet, sondern bietet für alle eine große Einprägsamkeit der Inhalte. Eine Studentin/ein Student fasst die Potenziale von Erklärvideos wie folgt zusammen:

„Sie ermöglichen den SuS sich selbstständig und in ihrem eigenen Tempo auch zuhause nochmal [mit den Inhalten] zu beschäftigen. Sie ermöglichen eine einprägsame Präsentation aus Bildern, Schaubildern, Merksätzen und mündlichen Erläuterungen“

Auch der Aspekt des Lernens durch Lehren wird als Vorteil gesehen: Man kann die Schülerinnen und Schüler einfach mal selber ein Produkt erstellen lassen und so unglaublich viele Möglichkeiten ausschöpfen. Die Kombination dieser Methode mit einer technischen Realisierung greift so viele Punkte der Rahmenrichtlinien auf, dass sich ihr Potenzial kaum leugnen lässt.

 

Nach diesen ersten Gedanken der Studierenden bin ich sehr gespannt auf die weiteren Sitzungen. Ich denke, viele der Befürchtungen können wir beilegen. Inhaltlich folgt erst einmal ein Block theoretischer Überlegungen, später wollen wir gemeinsam einfach mal ausprobieren und gemeinsam mit „echten“ Schülerinnen und Schülern schauen, was sich realisieren lässt und wo das Medium Erklärvideo an seine Grenzen stößt.

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