Was bisher geschah (1): Wann ist ein Erklärvideo ein Erklärvideo?

Auch wenn in einem aktuellen Artikel der Süddeutschen Zeitung online bemängelt wird, dass es an unabhängiger Forschung zu Erklärvideos mangelt, gibt es bereits verschiedene Ansätze – vor allem im Bereich der Medienpädagogik. Besonders im Zentrum stehen dabei Ergebnisse zur Nutzung von Erklärvideos durch Jugendliche und zur eigenen Produktion solcher Formate.

In der Reihe „Was bisher geschah“ wollen wir den aktuellen Forschungsstand beleuchten und thematisch sortieren. Den Anfang macht dabei erst einmal die Theorie: Wann genau spricht man eigentlich von Erklärvideos? Und gibt es überhaupt einen Unterschied zu Tutorials oder Lernvideos? Auch hier auf unserem Blog sollen als erstes Begriffe genauer bestimmt werden, damit sie später als Grundlage für das weitere Verständnis dienen.

 

Von Lehrfilm bis Tutorial

Einen Überblick über verschiedenen Begrifflichkeiten liefert Karsten D. Wolf. In seiner „Typologie erklärender Filme“ unterscheidet er folgende Formate (vgl. dazu Wolf 2015b, 122 f.):

  • Lehrfilme: Damit sind überwiegend professionell produzierte Filme gemeint. Sie werden speziell dafür produziert, Lernprozesse zu unterstützen, daher sind sie auch stark didaktisch aufbereitet.
  • Erklärvideos: Diese Filme zeichnen sich dadurch aus, dass sie nicht professionell, sondern in Eigenproduktion gestaltet werden. In ihnen wird entweder ein abstraktes Konzept erklärt oder es wird erläutert, wie man etwas macht oder wie etwas funktioniert.
  • Video-Tutorials: In dieser Unterart von Erklärvideos wird eine Handlung vorgemacht, damit der Zuschauer sie nachmachen kann.
  • Performanzvideos: Wird in den Videos nur eine Handlung gezeigt, aber nicht explizit erklärt, handelt es sich um Performanzvideos. Hier wird ohne didaktische Aufbereitung nur etwas (zur Selbstdarstellung) vorgemacht.

Lehrfilme sind also solche, die wir von früher noch aus der Schule kennen, wenn der Lehrer eine Videokassette (oder sogar eine DVD – revolutionär!) zeigte. Sie begegnen uns aber auch im Wissenschaftsfernsehen. Sie wurden extra mit hohem Aufwand dafür gefertigt, einer bestimmten Zielgruppe einen bestimmten Inhalt zu vermitteln. Dadurch unterscheiden sie sich oft deutlich von durch Einzelpersonen produzierte Erklärvideos: „Erklärvideos sind durch eine überwiegend informelle Gestaltung und Ansprache geprägt und weisen eine hohe Bandbreite von sehr sachorientierten bis hin zu unterhaltenden Erklärformaten auf“ (ebd., 124). Lehrfilme sind deutlich formeller.

Die Grenzen können – laut Wolf –  allerdings fließend sein.

 

Merkmale von Erklärvideos

Wolf grenzt die einzelnen Erklärformate nicht nur voneinander ab, sondern beschreibt die Erklärvideos als Genre auf kostenlosen Videoplattformen noch genauer: Sie sind durch eine thematische und gestalterische Vielfalt sowie durch einen informellen Kommunikationsstil und eine Diversität in der Autorenschaft gekennzeichnet (vgl. Wolf 2015a, 31 f.).

In Erklärvideos werden hoch-spezialisierte Inhalte verarbeitet. Während Lehrfilme durch das Kriterium der Wirtschaftlichkeit beeinflussbar sind (möglichst zentrale Themen sorgen für eine breite Masse an Zuschauern), können Erklärfilme auch Sparten-Themen beinhalten, die nur für eine geringe Zahl an Zuschauern von Interesse sind.

Wie auch bei anderen Videoformaten auf Videoplattformen wie YouTube zeigen sich Unterschiede in der Gestaltung der Videos. „Der Expertenstatus von Erklärvideoproduzenten reicht von Inhaltslaien bis hin zu Inhaltsexperten“ konstatiert Wolf (ebd., 31). Ebenso variieren die Videos in ihrer didaktischen und technischen Gestaltung, in ihrem Aufwand und ihrer Dauer.

Auch im Kommunikationsstil – wie oben schon angedeutet – passen sich die Erklärvideos den Portalen an. Es gibt wenige Hierarchien, es wird geduzt, es wird Humor eingesetzt (vgl. ebd., 32).

 

Theorie trifft Realität?

Katrin Valentin dagegen stellt klar: Eine wissenschaftlich anerkannte Definition der erklärenden Videos gebe es bisher nicht. Weder unter den Produzierenden noch unter den Forschenden herrsche Einigkeit darüber, wie man dieses Format nun bezeichnen solle. Sie selbst nimmt daher keine derartige Unterscheidung vor und bezeichnet die Videos, in denen etwas erklärt wird, einheitlich als Tutorials (vgl. Valentin 2016).

Bei anderen Autoren oder auch auf YouTube selber finden sich auch Bezeichnungen wie Lernvideo oder Lehrvideo.

In einem Punkt scheint sie dabei klar Recht zu haben: Wer ein Erklärvideo produziert und auf YouTube hochlädt, unterscheidet nicht (bewusst) zwischen den Begriffen. Jemand, der sich selbst beim Gitarrespielen filmt, lädt das Video dann nicht als Performanzvideo hoch und unter Tutorial finden sich auf der Plattform auch rein theoretische Videos mit abstrakten Inhalten.

Aus Sicht der Forschung ist es aber dennoch sinnvoll, zwischen den einzelnen Subgenres zu unterscheiden. Videos, in denen etwas vorgemacht und erklärt wird, bedienen sich schließlich anderer Mittel als solche, in denen nur etwas vorgemacht und nicht erklärt wird. Videos, in denen Begriffe, Zusammenhänge oder abstrakte Theorien erklärt werden sind wiederum anders konstruiert und nutzen Bilder, Grafiken oder andere Visualisierungen, um etwas verständlich zu machen.

→ Daher werden wir hier mindestens zwischen Erklärvideos und Tutorials als Unterart unterscheiden.


Literatur

Valentin, Katrin (2016): Potentiale des konzeptionellen Einsatzes von digitalen Video-Tutorials in der politischen Bildung. Online verfügbar unter https://transfer-politische-bildung.de/transfermaterial/veroeffentlichungen/mitteilung/artikel/potentiale-des-konzeptionellen-einsatzes-von-digitalen-video-tutorials-in-der-politischen-bildung/.

Wolf, Karsten D. (2015a): Bildungspotenziale von Erklärvideos und Tutorials auf YouTube. In: merz 59 (1), S. 30–36.

Wolf, Karsten D. (2015b): Video-Tutorials und Erklärvideos als Gegenstand, Methode und Ziel der Medien- und Filmbildung. In: Anja Hartung, Thomas Ballhausen, Christine Trültzsch-Wijnen, Alessandro Barberi und Katharina Kaiser-Müller (Hg.): Filmbildung im Wandel. Wien: new academic press (Mediale Impulse, 2), S. 121–131.

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