Was bisher geschah (2): Vorgänger Bildungsfernsehen

In der Reihe „Was bisher geschah“ wollen wir den aktuellen Forschungsstand beleuchten und thematisch sortieren. Beim letzten Mal wurde die Frage geklärt, ob und wie man Erklärvideos von anderen, ähnlichen Formaten begrifflich abgrenzen kann. Heute soll es um ein ähnliches Format gehen: Lern- oder Wissenssendungen im Fernsehen. Mir fallen neben den Sendungen für Erwachsene vor allem die Kindersendungen wie Löwenzahn, Sendung mit der Maus oder Wissen macht Ah! ein – wobei letzteres mein klarer Favorit ist 😉

Was ist eigentlich Bildungsfernsehen?

Bildungsfernsehen hat die intentionale Vermittlung von Bildungsinhalten zum Ziel. Die Vermittlung von Wissen ist also bewusst gewollt. Das Wissen wird auch systematisch und didaktisch-methodisch aufbereitet. Schlote unterscheidet zwischen Bildungssendungen im engen und im weiten Sinn:

Bildungssendungen im engeren Sinn sind curriculare Programme […], die dem schulischen Lehrplan folgen und eine didaktische Komponente haben. Darunter fallen Sendereihen zum Selbststudium (z. B. Telekolleg) oder curriculare Kurse der Erwachsenenbildung zu anderen Fachgebieten mit und ohne Zertifikat, oft im Medienverbund. Auch Sendungen zum Einsatz im Unterricht (Schulfernsehen) fallen darunter. Jede Sendung hat definierte Bildungsvermittlungsziele“ (Schlote 2008, 5 f.).

Bildungssendungen im weiteren Sinn sind Programme und Sendungsreihen, deren bildende Inhalte eine möglichst breite Bevölkerungsschicht ansprechen sollen, z. B. Programme im Feature- oder Magazinformat zu natur- und kulturwissenschaftlichen Themen oder Umwelt und Technik, […] es gibt keine klar definierten Lerneinheiten wie beim Bildungsfernsehen im engeren Sinn“ (ebd.)

Die oben angesprochenen Kindersendungen fallen untern die weite Definition. Solche Wissenssendungen sind eine Form dokumentarischer Fernsehsendungen für eine bestimmte Zielgruppe. Wissenschaftssendungen für Kinder sind also solche, die speziell für Kinder produziert werden und von Kindern auch als solche wahrgenommen werden. Die Sendungen beziehen sich (aus Perspektive der Kinder) auf real erfahrbare Ereignisse. Dabei wird versucht, diese Ereignisse so zu thematisieren, dass sie für Kinder verständlich sind (vgl. Töpper und Prommer 2004, 27).

Von besonderem Interesse sind innerhalb der Forschung natürlich die Sendungen selbst, aber auch die möglichen Lernerfolge, die sie hinterlassen. Anders als im Schulkontext kann man den Wissenszuwachs nicht mal eben mit einer kurzen Leistungskontrolle überprüfen. Daher wurden von vielen Seiten unterschiedliche Kriterien aufgestellt, anhand derer man möglichen Erfolg der Sendungen und ihre Qualität im Allgemeinen überprüfen kann.

(Einige) Qualitätskritierien für Wissensendungen

Erzählmodi

Töpper und Pommer unterscheiden Wissenssendungen für Kinder durch ihre Erzählmodi (also: wie wird Wissen vermittelt). Sie beschreiben insgesamt sechs mögliche Modi, die jedoch häufig kombiniert innerhalb der Sendungen auftauchen (vgl. Töpper und Prommer 2004, 27 f.):

  • beschreibender Modus: Ein Erzähler ist zwar nicht im Bild zu sehen, aber durch seine Kommentare stark präsent. Er ist sachlich distanziert.
  • interaktiver Modus: Im Film entsteht eine Interaktion zwischen den Akteuren durch Interviews. Der Erzähler übernimmt die Funktion eines Reporters.
  • partizipierender Modus: Der Erzähler erlebt als Protagonist seine Geschichte, seine Innenansicht wird in der Ich-Form dargestellt.
  • fiktionaler Modus: Wissen wird in eine fiktionale Handlung eingebunden. Durch die erlebten Geschichten wird den Kindern eine Identifikationsmöglichkeit gegeben.
  • betrachtender Modus: Der Zuschauer wird an den sozialen Interaktionen der Akteure beteiligt. Der Kommentar dazu ist nüchtern.
  • poetischer Modus: Kommt sehr selten vor. Es gibt keinen Kommentar, die visuelle und sinnliche Ebene wird betont.

Je nach zu vermittelndem Inhalt und nach Alter der Kinder bieten sich unterschiedliche Modi an. Töpper und Pommer fanden heraus, dass jüngere Kinder an die“ Hand genommen werden“ müssen: Der beschreibende Modus übernimmt diese Funktion und hilft den Kindern beim Lernen, in dem er einen klaren Deutungsraum vorgibt. Fiktionale Geschichten dagegen erzeugen Spannung und Aufmerksamkeit und sind daher für ältere Kinder besonders geeignet. Sie brauchen eine Vielfalt an Deutungsmöglichkeiten (vgl. ebd.).

„Letztendlich kann zwar nicht der allgemein gültige, für alle Altersstufen zutreffende ‚beste‘ Erzählmodus ermittelt werden, aber zumindest kann man darauf hinweisen, dass für verschiedene Altersstufen unterschiedliche Erzählmodi möglich sind.“ (ebd., 28)

Einstiege

Einstiege schaffen eine Erwartungshaltung beim Zuschauer. Reich et al. nennen vier idealtypische Varianten eines Einstiegs in Lernsendungen, die in der Praxis häufig in Mischformen auftreten:

  • Personenorientierung: Ein Moderator „erlebt“ etwas anstelle der Kinder.
  • Sachorientierung: Ein Sachverhalt wird erklärt.
  • Narrationsorientierung: Die zu lernenden Inhalte sind in eine Geschichte eingebunden.
  • Interaktionsorientierung: Die Zuschauerreaktionen sind bereits eingebaut, z.B. in Rate- oder Quizform oder als Teil einer fiktionalen Erzählung.

Allerdings ist eine Beziehungsorientierung beim Lernen immer von Vorteil, sodass alle Formen eine Personen- oder Interaktionsorientierung innehaben sollten (vgl. Reich et al. 2005, 86–89). Für die Einstiege lässt sich zusammenfassen:

„Wenn für das Lernen im Allgemeinen wünschenswert ist, dass unterschiedliche und wechselnde Einstiegspunkte günstig sind, so kann dieser Grundsatz auch auf die Gestaltung von Lernsendungen übertragen werden“ (ebd., 89)

Wege zum Lernzuwachs

Anders als in der Schule lässt sich die Zielgruppe nicht auf ihr Vorwissen und ihre tatsächliche Verstehensleistung prüfen. Was wissen die Kinder bereits? Wie lernen sie am besten? Haben sie tatsächlich verstanden, was in der Sendung gezeigt wurde? Da dieser direkte Kontakt fehlt, müssen Lernsendungen so konzipiert sein, dass sie eine gewisse Breite abdecken. Folgende Prinzipien müssen beachtet werden, um das Verstehen für viele verschiedene Kinder zu erhöhen:

  • Anschlussfähigkeit: Die Sendung schließt an Vorwissen an. Damit sichergestellt ist, dass dieses Wissen vorhanden ist und die Lernenden Anschluss für das neue finden, kann es zu Beginn wiederholt werden.
  • Komplexitätsreduktion: Die Informationen werden auf das Wesentliche reduziert. Dabei ist die Darstellung der Inhalte altersangemessen.
  • Perspektivenvielfalt: Inhalte werden aus verschiedenen Perspektiven betrachtet (vgl. ebd., 89 f.).

Dabei handelt es sich um eine Auswahl an Qualitätskriterien. Jedoch müssen diese immer im Einzelfall unter Berücksichtigung des Inhalts und der angesprochenen Zielgruppe angewendet werden. Ein besonders wichtiges Kriterium 😉 nennen Reich et al.:

„Zu guter Letzt sei aber an den Humor erinnert. Alles geht leichter, wenn es mit Humor gewürzt ist. Das gilt für das Lernen ebenso wie für das Leben überhaupt“ (ebd., 91).

YouTube als „neues“ Bildungsfernsehen

Wolf diskutiert in einem Beitrag, inwieweit Jugendliche auf YouTube durch Erklärvideos ihr eigenes Bildungsfernsehen produzieren und wie es dazu kommt. Für ihn sind Erklärvideos und Tutorials Bildungsfernsehen im eigentlichen Sinne – also Lernprogramme, denn sie sind zielgerichtet auf das Lernen einer Fähigkeit ausgerichtet. Es existieren aber auch Formate, die nah an der Grenze zur Unterhaltung stehen: Sie sind dann äquivalent zum Bildungsfernsehen im weiten Sinn (vgl. Wolf 2015, 36). Dabei machen die YouTube-Videos dem klassischen Bildungsfernsehen Konkurrenz:

„Youtube-Nutzerinnen schauen kein ARD oder ZDF sie schauen für sie persönlich relevante Suchbegriffe wie z. B. ‚longboard Tricks‘ oder ‚integrale berechnen'“ (ebd., 37).

Dabei haben die YouTube-Videos aber mit den gleichen Schwierigkeiten zu kämpfen: Zwar kann die Audiovisualität durchaus unterstützend sein, kann aber auch vom eigentlichen Inhalt ablenken, wenn sie das zu Lernende nicht unmittelbar unterstützen. Außerdem besteht auch (und womöglich insbesondere) auf YouTube die Gefahr, in die reine Unterhaltung „abzurutschen“. Auch hier sind „metakognitive Lernstrategien“ (ebd.) unabdingbar, damit YouTube als Bildungsressource genutzt werden kann (vgl. ebd., 37).

Anders als beim Fernsehen, dass eher passiv geschieht, wählen die YouTube-Nutzer die für sie passenden Videos selbst aus. Dadurch, dass zu ein und demselben Thema verschiedene Videos in unterschiedlichen Stilen und Niveaus angeboten werden, entsteht eine individuelle Zugänglichkeit und ein adressatengerechtes Bildungsfernsehen (vgl. ebd., 38). Inwieweit die für das Bildungsfernsehen ausgearbeiteten Qualitätskriterien auch auf Erklärvideos anwendbar sind, gilt zu prüfen.


Literaturverzeichnis

Reich, Kersten; Speck-Hamdan, Angelika; Götz, Maya (2005): Qualitätskriterien für Lernsendungen. In: Televizion 18 (2), S. 86–91.

Schlote, Elke (2008): Im Auftrag der Bildung. Ein Überblick zum Bildungsfernsehen. In: Televizion 21 (2), S. 4–9.

Töpper, Claudia; Prommer, Elizabeth (2004): Dramaturgie heißt: Räume schaffen. Erzählmodi in Lernsendungen. In: Televizion 17 (1), 27 f.

Wolf, Karsten D. (2015): Produzieren Jugendliche und junge Erwachsene ihr eigenes Bildungsfernsehen? Erklärvideos auf Youtube. In: Televizion 28 (2), S. 35–39.

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