Was bisher geschah (3): (Weiter-)Entwicklung des Bildungsfernsehens

In einem Beitrag ging es bereits um Bildungsfernsehen und die These, dass YouTube ein „neues“ Bildungsfernsehen darstellt. Heute wollen wir uns die Entwicklung des Bildungsfernsehens genauer anschauen – dort lassen sich Trends erkennen, die für Erklärformate im Internet eine wichtige Rolle spielen. In unserem Seminar haben wir ebenfalls über das Thema gesprochen – wenn auch nur verhältnismäßig kurz. Also, was geschah bisher im Fernsehen?

Eine Chronologie

nach dem 2. Weltkrieg Materialienmangel in Schulen. Menschen sollen über das Fernsehen mit Bildungsangeboten erreicht werden.
ab 1950 Erste Formate von Wissenssendungen für Kinder: Kinder werden dazu ermuntert, etwas nachzumachen (z. B. Basteln, Turnen).
ab 1958 Fernsehen schädigt Kinder! Keine neuen Ausstrahlungen!
1964 Studienprogramme als Art „Volkshochschule im Wohnzimmer“: Leicht zugängliche Ressourcen für Erwachsene, jedoch schlecht aufbereitet und wenig attraktiv.

Schulfernsehen: Kontextmodell stellt Bausteine für den Unterricht bereit und wird im Einsatz mit weiteren Methoden wirksam.

ab 1967 Telekolleg: Lehrpersonen prägen das Lernsetting.
ab 70er Kritik an bisherigen Kinder-Lernformaten: Keine Spur von kritischem Bewusstsein oder Informationsgehalt!
1971 Bildungskatastrophe!

Neue Konzepte für Vorschulmagazine: Sesamstraße liefert Impulse. Lernziele werden häppchenweise in kurzen Programmteilen umgesetzt. Unterstützung durch Begleitforschung.

Für Ältere: Sendungen, die Informationen und politische Bildung liefern sollen, aber kein Schulfernsehen!

Sendung mit der Maus: Kinder machen mit! Erzählkonzepte dokumentieren die reale Welt.

Auch neu: Experten erklären, Einspieler veranschaulichen.

80er/90er Wiederkehrende Protagonisten als Lernbegleiter bzw. Anschlussfigur, z. B. in Siebenstein, Löwenzahn.

Moderator führt durch Sendung und verbindet Einzelspieler und Inhalte.

Kindernachrichtensendungen, wie z. B. Logo!, ordnen das Weltgeschehen ein und eröffnen Perspektiven.

ab 2000 Mehr Zugänge! Mehr Eigenaktivität!

Neue Lernsendungen fordern zu (Anschluss-)Aktivitäten auf und/oder verdeutlichen Strategien und Prozesse, z. B. Wissen macht Ah!

Diversität von Sendungen! Kinder können sich aussuchen, was ihre Vorlieben beim Wissenserwerb trifft: Grafiken, Modelle, Analogien, Geschichten, Fragen, Handlungsorientierung.

ab 2010 Neue Generation von Bildungssendungen: Kinder und Jugendliche komplett im Zentrum und auf Augenhöhe. Stellen eigene Projekte vor.

Ergänzung durch Ratgebermagazine und Dokus.

aktuell Schulfernsehen: enge Anbindung an Lehrpläne. Rechtliche Möglichkeit, Sendungen aufzunehmen und im Unterricht einzusetzen. Videos auch online verfügbar.
Verschiedene Formate, Durchsetzung kürzerer Filme (ca. 15 Minuten). Ausweitung auf andere Medien: z. B. modulares Konzept GRIPS als Internetlernangebot: Mikrolerneinheiten, zu jeder Lektion ein Film.  Erreichen verschiedener Zielgruppen über verschiedene Kanäle.

YouTube als logische Konsequenz?

Reihen sich Erklärvideos und Tutorials auf kostenlosen Videoplattformen in diese Tradition ein? Sind sie vielleicht sogar eine notwendige Weiterentwicklung? Diese Frage diskutierten wir auch kurz im Seminar „Erklärvideos als didaktisches Lernformat und linguistisches Forschungsfeld“.

Neue Sendungen für Kinder und Jugendliche werden von einigen Studierenden des Kurses nicht mehr als Bildungsfernsehen wahrgenommen. Sie sind inhaltlich zu flach und die Wissensvermittlung stehe kaum noch im Zentrum. Ausnahmen bilden die klassischen Sendungen wie „Sendung mit der Maus“ und co. YouTube sei die bessere Quelle, es bietet ein größeres Spektrum an Themen, Inhalten und Zugängen.

Bildung im Fernsehen hat aber immer noch Konjunktur – sagt ein anderer Student. Es finden sich immer noch viele verschiedene Formate für Kinder UND Erwachsene (z.B. Terra X, Quarks & co, Galileo, aber auch Quizsendungen). Diese transportieren ganz klar eine Botschaft: Wissen kann Spaß machen. Die Sendungen dienen der Unterhaltung – das Wissen wird dabei in einer Art des „Nebenbeilernens“ vermittelt. Erklärvideos auf YouTube verfolgen einen anderen Zweck: Interessierte suchen gezielt nach Inhalten, z. B. zur Vorbereitung für Tests und Klausuren.

Außerdem gäbe es einen großen Unterschied zwischen Erklärvideos und Wissenssendungen: Das Fernsehen bedient sich einer professionellen Produktion, Erklärvideos werden von Laien produziert. Erklärvideos fehle der Bildungsauftrag, die Akteure wollen sich darstellen, wollen unterhalten oder Geld verdienen. Dem lässt sich entgegnen, dass auch im Fernsehen vermehrt auf Do it yourself gesetzt wird: Die Kinder selbst stehen im Zentrum und stellen ihre Projekte vor und auch eine gewisse Diversität soll angeboten werden.

Dass sich bei YouTube und co mit Erklärvideos kaum Geld verdienen lässt, wurde auf der 4. Netzwerktagung Medienkompetenz am Mittwoch in Halle diskutiert. Online finde eine so schnelle Weiterentwicklung der Angebote und Formate statt, dass es sich kaum lohne, dort eigene Formate zu etablieren. Private Sender (ein Vertreter von Pro7 war vor Ort) investieren beispielsweise nicht in Errklärvideos; es sei unklar, ob ein Markt dafür da ist. Das Multichannel Network Funk, ein Angebot der öffentlich-rechtlichen Sender, bietet insgesamt 60 verschiedene Formate über soziale Netzwerke, aber auch YouTube an. Dabei werden einzelne, bereits etablierte Content-Hersteller unterstützt und für die Formate angeworben. So bekämen die Jugendlichen viele Angebote, aus denen sie wählen können und selbst entscheiden, wann und wo sie sie nutzen.

Man könne Jugendliche auch noch über klassische Fernsehformate erreichen, das zeigen die Studien KIM und JIM 2016: 77% der Kinder zwischen 6 – 13 Jahren nutzen täglich den Fernseher und noch über die Hälfte der Jugendlichen ab 14 Jahre besitzt zumindest noch einen eigenen Fernseher. Bei der Auswertung der gesehenen Inhalte wird jedoch deutlich: Es gibt kaum Überscheidung zwischen den gesehenen Fernsehinhalten und den YouTube-Inhalten.

Funk bietet auch Wissensangebote an, denn die YouTube-Nachhilfe sei bereits Standard. Jedoch entwickeln sich diese langsam und werden auch weniger konsumiert, als Unterhaltungsformate. Die Jugendliche greifen nur dann auch diese Videos zurück, wenn sie sie brauchen. Während die Professionalitätsgrade zwischen Fernsehen und YouTube immer weiter verschwimmen, zeigt sich hier ein neuer, entscheidender Unterschied: Im Internet suchen die Kinder und Jugendlichen bewusst das, was so im Fernsehen nicht angeboten wird.

Beim Einsatz von Erklärvideos  in der Bildung lassen sich Parallelen zum Schulfernsehen herstellen: Sie können ebenfalls als Bausteine genutzt werden, die mit anderen Medien und Methoden ergänzt werden (müssen). Auch sonst finden sich viele Elemente und Merkmale aus der Geschichte des Bildungsfernsehens in den Erklärvideos wieder: z.B. eine häppchenweise Umsetzung von Lernzielen, die Bedeutung verschiedener Erzählkonzepte und Zugänge oder eine notwendige Sympathie für die Erzählfigur.

Vermutlich sind die Erklärvideos auf YouTube eine logische Konsequenz des Bildungsfernsehens. Das heißt aber nicht, dass sie die Wissenssendungen im Fernsehen ablösen, sondern ergänzen. Das Fernsehen wird genutzt, um nebenbei auf unterhaltsame Art und Weise etwas zu lernen, während YouTube ein gezieltes Lernen spezieller Inhalte ermöglicht. Die Grenzen der Formate verwischen stark, besonders wenn Fernsehakteure nun ganz gezielt online mitmischen.


Literatur

Die Angaben zur Entwicklung des Bildungsfernsehens stammen aus:

Schlote, Elke (2015): Bildungsfernsehen historisch. In: Televizion 28 (2), S. 16–23.

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