Arbeit mit Dokumentarfilm 2 – Vorgehen mit Hilfe der Objektiven Hermeneutik


Kasuistische Seminargestaltung in der Lehrer*innenbildung am Beispiel des NDR-Films „Lehrer im Vorbereitungsdienst“ – ein Leitfaden

Isabel Reifenrath & Marek Grummt

 

Die Nutzung von Unterrichtsvideos und zugehöriger Transkripte bietet viel Potenzial für Seminare und Weiterbildungen in der Lehrer*innenbildung aller Phasen. Im folgenden soll Möglichkeiten vorgestellt werden, wie ein Dokumentarfilm in diesem Rahmen genutzt werden kann.

Dokumentarfilme, die sich auf Unterricht fokussieren, haben den Nachteil, durch dramaturgische Schnitte und Kameraführung die Praxis zu verzerren, heben damit aber auch spezifische Aspekte hervor, die bspw. im Rahmen eines Seminars gezielt betrachtet werden können. Zudem ist die videographische Qualität um ein Vielfaches höher, als die eines einperspektivischen Unterrichtsmitschnittes.

Im Folgenden wird die Variante eines Vorgehens der Objektiven Hermeneutik im seminaristischen Kontext vorgestellt.

 

 

Szenenüberblick – Resignation

Der Chemieunterricht bei Frau R. wird fortgesetzt. Nach der Gruppenarbeit versucht Frau R. gemeinsam mit ihren Schülern den Ablauf und die Ergebnisse zu reflektieren, bricht das ganze jedoch nach mehrmaliger Ruhestörung ab und fordert die Schüler auf, zurück ins Klassenzimmer zu gehen. Die Lehrkraft wirkt resigniert und enttäuscht von dem Verlauf der Stunde.

Fall: Auswertung der Gruppenarbeit

 

Möglichkeit des Vorgehens: Das sequenzanalytische Vorgehen

Das Transkript wird orientiert an den Methoden der interpretativen Sozialforschung bearbeitet. Wir orientierten uns an dieser Stelle an der Methodik der Objektiven Hermeneutik (vgl. Wernet 2009). Hierzu wird nach einem Dreischritt der Interpretation vorgegangen, der an dieser Stelle natürlich nur angedeutet werden kann.

Vorgehen:

  1. Kontextfreie Analyse – Die Aussage wird ohne Kontext betrachtet. Am leichtesten gelingt das im Gedankenexperiment: Man fragt sich, in welchem Kontext ist diese Aussage so vorstellbar?
  2. Lesarten bilden – Die gebildeten Kontexte oder Geschichten werden danach hinterfragt, welche Bedeutungen oder Implikationen ihnen innewohnen.
  3. Der Kontext wird hinzugezogen und das Allgemeine im Speziellen herausgearbeitet – Nun kann der echte Kontext hinzu gezogen und gefragt werden, was an allgemeinen Erkenntnissen für den Kontext geschlussfolgert werden kann.
  4. Nun kann diskutiert werden, wie es weitergehen könnte und was die Anschlüsse bedeuten würden.

Beispielhaftes sequenzanalytisches Vorgehen:

Am Beispiel der ersten Sequenz der zweiten Unterrichtsszene soll das exemplarisch verdeutlicht werden:

00:11:27
Frau R: ey es wird sich gerne (Frau R wird unterbrochen)

  1. Kontextfreie Analyse
    Geschichte A: Ein motivierter Schüler sagt zu seinem Nachbar im Unterricht ‚Ey es wird sich geme’ (Abbruch).
    Geschichte B: Eine Polizistin sagt bei einer Befragung einer Gruppe von festgesetzten Tätern ‚Ey es wird sich geme (Abbruch)’.
    Geschichte C: Ein Lehrer sagt im Unterricht ‚ey es wird geme (Abbruch)’.
  1. Lesarten bilden
    Das ‚ey’ als jugendsprachliche Aufmerksamkeitsfokussierung erscheint bei Geschichte A schlüssig, bei B und C unpassend. In allen drei Geschichten wird sich auf die allgemein gültige Regel berufen: ‚Es wird sich gemeldet’. Während die Polizistin diese Regel erst durch die Aussage aufstellt, gilt sie im Unterricht schon immer.
    Man kann hier die Frage der Angemessenheit dieser Äußerung stellen: Ist es für die/der Sprecher*in angemessen, diese Maßregelung zu vollziehen? In Geschichte A wäre die Aussage verständlich, wenn der Schüler gerade etwas nicht verpassen möchte. Problematisch wäre es, wenn der Schüler dies lautstark über die Klasse hinwegrufen würde, da er sich dann in die Lehrerposition aufschwingen würde. Es handelt sich also um eine Zurechtweisung zur Herstellung von Autorität. Während die Polizistin diese Autorität schon allein durch ihre Rolle innehat und die Aussage diese nur betont, wird bei dem Lehrer eher ein Bemühen um jene Autorität zu vermuten sein.
  1. Den Kontext hinzuziehen und das Allgemeine im Speziellen herausarbeiten
    In allen drei Geschichten geht es um die Herstellung und Sicherung von Autorität. Das jugendsprachliche ey verweist auf Entgrenzung, also ein Agieren nicht aus der Lehrer*innen Rolle heraus, sondern Zurechtweisung zwischen zwei Personen auf derselben Ebene. Die Aussage es wird sich gemeldet, verweist auf eine unhinterfragt gültige Regel im Kontext Schule. Es werden zwei Strategien angewandt, um die Hierarchie zu sichern:
    –  Zurechtweisung in Jugendsprache
    – Erinnerung an festgelegte Regel
    Beides könnte die Autorität der Lehrkraft bestärken.
    Die Verwendung der Jugendsprache und der Abbruch verweisen aber eher darauf, dass die Sicherung der Autorität nicht gelingt.
  2. Wie geht es weiter?
    In Bezug auf die Frage, wie es weiter gehen könnte, ist stark davon auszugehen, dass es zu weiteren Versuchen kommen müsste die Autorität zu sichern. Denkbar wäre auch eine Eskalation in irgendeine Richtung. Die reibungslose Kooperation ist fast nicht vorstellbar.

Literatur:
Wernet, A. (2009): Einführung in die Interpretationstechnik der Objektiven Hermeneutik. 3. Auflage. Wiesbaden.