Interpretation zu „Lehrerin ignoriert Schülerinfrage“



Die Interpretation liegt in Videoform vor, bei dem die Studierenden eines Fallseminares verschiedene Rollen eingenommen haben, aus denen sie heraus den Fall interpretieren.

 

Interpretation dargestellt als inszenierte Falldiskussion

Audioaufnahme der Interpretation

Inszenierte Theoretisierung

Analyse des Falls „Weißt du, was das ist?“



Die Klasse 1b hat in Deutsch eine Hausaufgabe zu erfüllen. Es sind verschiedene kleine Bildchen und darunter Kästchen abgebildet. In der oberen Reihe findet sich unter jeder Abbildung jeweils ein Kästchen, in der Reihe darunter jeweils drei Kästchen unter jedem Bild.

Die Aufgabe besteht darin, ein Kreuz zu setzen, wenn das Wort ein „O“ enthält. In der unteren Reihe muss dann zusätzlich entschieden werden, an welcher Position das „O“ zu hören ist. Lisa ist während der Hausaufgabenzeit mit der Aufgabe nicht fertig geworden, weil sie große Schwierigkeiten dabei hatte. Deshalb habe ich mich später mit ihr in einen anderen Raum begeben, um die Aufgabe zu beenden. Ich vermute, dass Lisa das Lösen der Aufgabe offensichtlich nicht leicht fällt, denn sie rät die Lösung, indem sie sie als Frage formuliert und mich dabei anschaut. Zwischendurch fängt sie manchmal an, etwas zu erzählen, was mit der Aufgabe nichts zu tun hat. Während des Praktikums waren sie und ihre Schwester die einzigen, die mir viel über sich und ihre Familie erzählt haben. Sie suchten außerdem aktiv Nähe sowohl zu den Erzieherinnen als auch zu mir durch Anfassen an den Händen, Umarmen oder auf dem Schoß sitzen.

Aus diesen einleitenden Informationen gehen die Umstände der sich anschließenden Situation hervor. Die Protokollantin hat sich nach Ende der Hausaufgabenzeit mit Lisa, einer Schülerin der Klasse 1b, in einen anderen Raum begeben, um dort mit ihr die Hausaufgabe zu beenden, da ihr dies in der offiziellen Hausaufgabenzeit nicht gelungen war. Lisa geht währenddessen die verschiedenen Lösungsmöglichkeiten durch und wendet sich anschließend immer fragend an die Protokollantin, die dabei als Kontrollinstanz fungiert und für Lisa zu diesem Zeitpunkt die einzige Autoritätsperson in diesem Raum ist. Wir erfahren außerdem, dass sich Lisa zwischenzeitlich durch Aufwerfen verschiedener Gesprächsthemen von der eigentlichen Aufgabe abwendet.

Zum Schluss wird allgemein angeführt, dass Lisa und ihre Schwester aktiv emotionale und körperliche Nähe, im Gegensatz zu den anderen Kindern, sowohl zu den Erzieherinnen als auch zur Protokollantin suchten.

Lisa sitzt am Tisch, ihr Heft vor sich aufgeschlagen. Ich sitze, ihr leicht zugewandt, rechts daneben.

Ich: Die nächste Abbildung (lege den Finger drauf). Weißt du, was das ist?

Aus dieser ersten Sequenz geht hervor, dass ein Mädchen namens Lisa und die Protokollantin nebeneinander am Tisch sitzen und eine Aufgabe in dem vor Lisa aufgeschlagenen Heft bearbeiten. Die Situation beginnt mitten in der Bearbeitung der Aufgabe, was sich daran festmachen lässt, dass sich jetzt mit der „nächsten Abbildung“ beschäftigt wird. Die Protokollantin unterstützt ihre verbale Ankündigung mit einer Zeigegeste. Sie duzt Lisa und fragt, ob sie den abgebildeten Gegenstand benennen kann. Das Duzen und die Zeigegeste weisen auf ein asymmetrisches, sogar infantiles Verhältnis hin, welches von der Protokollantin ausgeht.

Blendet man die eingangs erwähnten Umstände aus, kann diese Aussage in verschiedenen Kontexten geäußert werden, zum Beispiel während des Fremdsprachenunterrichts, während der Hausaufgabenbetreuung oder auch im Unterricht in der Grundschule. Offen bleibt darüber hinaus, ob die angesprochene Person erwachsen oder noch ein Kind ist. Alle diese Kontexte haben jedoch gemeinsam, dass es sich um eine Lehr-Lern-Situation handelt, in der es eine Lehrperson und eine oder mehrere Lernende gibt. In dieser Situation interagieren zwei Personen, von denen eine die andere hierarchisiert.

An der Stelle kann man überlegen, welche Reaktion von Lisa auf die Frage der Protokollantin folgen könnte. Ihr stehen verschiedene Handlungsmöglichkeiten offen: Sie kann auf die Frage mit ja oder nein antworten, die Antwort direkt geben oder durch eine nonverbale Geste (Kopfschütteln oder nicken) Bestätigung oder Verneinung ausdrücken.

Lisa: Schaut auf das Bild, schaut mich an und schüttelt den Kopf.

Betrachtet man den nächsten Abschnitt wird deutlich, dass Lisa mit einer nonverbalen Geste die Frage der Protokollantin verneint. Von den oben genannten Kontexten lässt sich nach der Reaktion Lisas noch keiner ausschließen. Die Verneinung einer Frage der Lehrperson durch den Lernenden kann sowohl im Grundschul- und Fremdsprachenunterricht, als auch während der Hausaufgabenbetreuung erfolgen.

Welche Handlungsmöglichkeiten stehen nun offen? Ein durch Kopfschütteln ausgedrücktes Verneinen der Frage deutet darauf hin, dass Lisa die Antwort entweder nicht weiß oder aber die Frage nicht verstanden hat und durch diese nonverbale Geste um Hilfe bittet. Die Protokollantin kann darauf hin intervenieren, indem sie die Frage wiederholt, anders formuliert oder direkt die Antwort vorgibt.

Ich: Dann sage ich es dir. Das ist ein O-R-D-N-E-R (deutlich und lang gezogen). Darin kann man Blätter einheften. Sprich das Wort laut aus und sag mir, an welcher Stelle wir das „O“ hören.

In diesem Abschnitt zeigt sich, dass die Antwort durch die Protokollantin vorgegeben wird. Sie benennt den Gegenstand auf überartikulierte Weise. Die übermäßige Betonung wirkt, als wolle sie sich über Lisa stellen. Auf die übermäßige Intonation folgt darüber hinaus noch eine Gebrauchsanweisung des Gegenstandes. Die Protokollantin setzt durch ihre an Lisa gerichtete Frage offensichtlich nicht voraus, dass diese den Gegenstand benennen kann geschweige denn, dass sie weiß, wozu man ihn benutzt. Daran schließt sich eine im Imperativ formulierte Aufgabenstellung, bei der die Protokollantin Lisa erneut mit Du anredet. Durch diese Faktoren wird das asymmetrische Verhältnis zwischen wissender und unwissender Person, welches sich bereits durch die Zeigegeste manifestiert hat, noch vergrößert. Der bereits angesprochene, infantile Umgang zeigt sich an dieser Stelle erneut.

Nach diesem Abschnitt lässt sich kein Kontext ausschließen, es lässt sich allerdings eine Einschränkung vornehmen. Für den Grundschulunterricht wäre eine solche Situation, in der eine Lehrperson einem Kind einen bestimmten Sachverhalt erklärt, nicht überraschend. In diesem Kontext geht man eher davon aus, dass Kinder bestimmte Dinge noch nicht wissen können und die man ihnen daher erklären muss. Auch auf eine Situation während der Hausaufgabenbetreuung passt diese Reaktion, allerdings mit der Einschränkung, dass es sich dabei eher um jüngere Kinder im Grundschulalter handelt, da stark infantilisiert wird. Im Kontext des Fremdsprachenerwerbs mit erwachsenen Personen wäre dieser Umgang der Protokollantin mit den Lernenden sehr befremdlich, da gar kein vorhandenes Wissen beim Gegenüber vorausgesetzt wird, ähnlich wie im Umgang mit Kleinkindern.

Lisa: O-R-D-N-E-R. … Pause

Lisa scheint sich in die hierarchische Konstellation einzufügen, denn sie versucht, der Protokollantin zu antworten. Sie erfüllt nur den ersten Teil der Aufgabenstellung, indem sie das Wort so deutlich artikuliert wie die Protokollantin. Die darauffolgende Pause kann darauf zurückzuführen sein, dass sie die Antwort nicht weiß, sich nicht traut, sie zu äußern oder nach der richtigen Antwort sucht. Auf diese unvollständige Beantwortung könnte ein Tadel durch die Protokollantin erfolgen, weil Lisa die Aufgabe nur teilweise erfüllt oder aber die Aufgabenstellung wird noch einmal wiederholt.

Ich: Und an welcher Stelle hören wir da das „O“, Lisa?

Lisa: Schaut mich an und fragt: Hinten?

Im weiteren Verlauf bestätigt sich, dass die Protokollantin den zweiten Teil der Aufgabe noch einmal wiederholt und diesem Nachdruck verleiht, indem sie dabei direkt an Lisa durch Nennung ihres Namens appelliert. Damit verdeutlicht sie, dass sie auf eine Antwort Lisas wartet oder sich überhaupt eine Reaktion erhofft, damit sie ihr gegebenenfalls bei der Lösungsfindung helfen kann. Lisas Antwort erfolgt als Frage, was den Eindruck erweckt, dass sie sich nicht sicher ist. Da sie der Aufgabenstellung der Protokollantin jedoch folgt und sie während der Beantwortung anschaut, zeigt sich wieder, dass sich Lisa hierarchisch unterzuordnen scheint.

Im Grundschulkontext ist diese Reaktion der Protokollantin alltäglich, manchmal sogar unerlässlich, um deutlich zu machen, wer aus der gesamten Schulklasse gerade sprechen soll. Das korreliert allerdings auch erneut mit einer starken Infantilisierung und hierarchischen Erhebung, da die Lehrperson eine Aufgabenstellung gezielt an eine Person richtet, deren Beantwortung sie erwartet. Aus diesem Grund wäre eine solche Vorgehensweise im Fremdsprachenunterricht mit erwachsenen Personen nicht angemessen, da hier lediglich fehlende Sprachkenntnisse vorliegen und mehr Weltwissen vorausgesetzt werden muss, als man es vergleichsweise in einer Grundschulklasse erwarten kann. Aus diesem Grund sollte der Unterricht in diesem Kontext weniger hierarchisch, sondern mehr auf Augenhöhe erfolgen.

Wie könnte die Protokollantin an dieser Stelle auf Lisas Antwort reagieren? Es ist denkbar, dass ein Tadel folgt, weil Lisa ihre Antwort nicht sicher gibt, sondern sie fragend an die Protokollantin, die als Kontrollinstanz fungiert, richtet. Sie kann Lisas Antwort sowohl verbal, als auch nonverbal bestätigen oder verneinen. Die Protokollantin könnte aber auch die Frage noch einmal wiederholen oder versuchen, Lisa durch eine andere Methode zur Lösungsfindung zu verhelfen.

Ich: Ne, das ist wie bei O-O-H-R (zuvor bearbeitete Abbildung), O-O-R-D-N-E-R.

Lisa: Schaut auf ihr Heft, schaut mich an: In der Mitte?

Die Protokollantin verneint die Antwort, gibt aber nicht die richtige Lösung vor. Stattdessen verweist sie auf eine Abbildung vorher, die bereits bearbeitet wurde. Sie spricht beide Begriffe überbetont und direkt hintereinander aus, um die Parallelen hinsichtlich der Position des Buchstabens hörbar darzustellen. Lisa versucht offensichtlich den Zusammenhang zu erkennen, indem sie auf ihr Heft schaut. Anschließend sucht sie Blickkontakt und richtet erneut ihre als Frage formulierte Antwort an die Kontrollinstanz. Die gleichen Reaktionsmöglichkeiten wie im vorhergehenden Abschnitt seitens der Protokollantin sind auf die Antwort Lisas denkbar.

Ich: (schüttle den Kopf) Versuch, nicht zu raten. Schau auf meinen Mund: O-R-D-N-E-R. Wo ist das „O“?

Lisa: Vorne.

Dieses Mal wird Lisas zweite Antwort durch eine nonverbale Geste durch die Protokollantin verneint. Es lässt sich mutmaßen, dass sie daran interessiert ist, dass Lisa die Aufgabe versteht und die Lösung nachvollziehen kann, da sie sie auffordert, nicht zu raten. Sie zeigt daher eine weitere Möglichkeit auf. Mit der Aufforderung, auf den Mund der Protokollantin zu schauen, wird neben der auditiven auch die visuelle Ebene geöffnet. Indem erst das Wort deutlich ausgesprochen und anschließend der Buchstabe artikuliert wird, kann Lisa die Lippenrundung vergleichen und anhand dessen herausfinden, an welcher Stelle des Wortes das „O“ zu hören ist. Durch das Duzen und diese Handlungsanweisung verweist die Protokollantin wieder deutlich auf das bestehende Asymmetrieverhältnis und infantilisiert Lisa erneut. Anschließend nennt Lisa ihre Lösung, ohne sie als Frage zu formulieren. Ob sie nach dem Ausschlussprinzip gegangen ist oder die Lösung anhand der neuen Möglichkeit, die die Protokollantin ihr eröffnete, „ablesen“ konnte und verstanden hat, bleibt offen.

Besonders aus den letzten beiden Abschnitten geht hervor, dass die Protokollantin nicht nur die Rolle einer Autoritäts- sondern auch einer Lehrperson eingenommen und verschiedene Möglichkeiten der Lösungsfindung aufgezeigt hat. Eine solche Vorgehensweise ist sowohl im Grundschul- und Fremdsprachenkontext als auch während der Hausaufgabenbetreuung notwendig, um die Kompetenz zu fördern, verschiedene Herangehensweisen für eine Problemstellung zu erproben. In den konkreten Kontexten müssen die entsprechenden Herangehensweisen allerdings angepasst werden. Ein solches Vorgehen in einem Fremdsprachenkurs mit erwachsenen Lernenden wäre abermals unangemessen, während im Umgang mit Grundschulkindern und während der Hausaufgabenbetreuung jüngerer Kinder diese Praxis durchaus sinnvoll wäre.

Ich: (nicke) Dann setz‘ dein Kreuz.

Die Protokollantin gibt Lisa durch eine nonverbale Geste zu verstehen, dass ihre Antwort dieses Mal richtig ist und fordert sie auf, die Aufgabe durch das Setzen des Kreuzes abzuschließen. Dabei hebt sie erneut das distanzierte und asymmetrische Verhältnis durch das Duzen und die imperativische Formulierung hervor und hält die autoritäre Haltung aufrecht.

Lisa: Weißt du, ich habe zwei Füller, aber der eine geht so schwer auf (erzählt sie, während sie den Stift in der Kästchenmitte ansetzt).

Ich: Äh, stop, Lisa. Wir haben gesagt bei „Ordner“ hören wir das „O“ vorne.

Lisa: (Setzt ihren Stift im ersten Kästchen an und macht das Kreuz, schaut mich wieder an.)

Lisa eröffnet ein Gesprächsthema, was den Eindruck erweckt, als wäre die Aufgabe für sie beendet, indem sie die richtige Lösung nannte und nun ihr Kreuz setzt. Sie versucht, sich der Protokollantin mitzuteilen, indem sie das persönliche Gespräch sucht. Offensichtlich ist sie mit ihren Gedanken in diesem Gesprächsstoff vertieft und rekapituliert nicht das, was eben besprochen wurde, da sie den Stift im falschen Kästchen ansetzt. Die Protokollantin stoppt sie, indem sie erneut direkt an Lisa appelliert und darauf verweist, welche Lösung vorher besprochen wurde. An der Stelle wird klar, dass die Anrede mit Du nicht nur durch die Protokollantin erfolgt, sondern auch durch Lisa. Das hierarchische Verhältnis wird dadurch ein Stück weit aufgelockert und die Distanz der Personen scheint geringer, als wenn Lisa die Protokollantin mit Sie anreden würde. Die Anrede in der 2. Person Singular könnte entweder auf eine Bindung zwischen ihr und der Protokollantin hinweisen oder als Ausdruck kindlicher Unbeschwertheit gesehen werden, da Kinder häufig dazu tendieren, Mitmenschen zu duzen.

Das Duzen und das Aufwerfen eines persönlichen Gespräches durch den Lerner begegnet Lehrern im Grundschulbereich häufig. Während im Unterricht solche Situationen wahrscheinlich seltener auftreten, sind solche Gespräche vor oder nach dem Unterricht mit einzelnen Kindern typisch, wenn diese das Bedürfnis haben, sich mitzuteilen. Charakteristisch, vor allem im Grundschulalter, ist eine engere Bindung zur Lehrperson, die mit fortschreitendem Schulalter abnimmt. Aus diesem Grund kann an der Stelle der Fremdsprachenunterricht als möglicher Ort des Geschehens nahezu ausgeschlossen werden.

Lisa: Mein Bruder hat morgen Geburtstag, der heißt Alfred.

Ich: Aha und wie alt wird er?

Lisa: Der wird morgen 16! (Schaut mich mit großen Augen an.)

Ich: Dann musst du ihm nachher ja noch etwas basteln.     

Lisa: Ja, das mache ich!

Ich: Darüber wird er sich bestimmt sehr freuen!

Im nächsten Abschnitt wirft Lisa ein persönlicheres Gesprächsthema auf und berichtet vom bevorstehenden Geburtstag ihres Bruders. Sie erhofft sich vermutlich eine Reaktion darauf, da diese beim ersten Gesprächsversuch durch die Protokollantin ausblieb. Diese steht hier nun in einem Interessenkonflikt. Während sie daran interessiert ist, für Lisa die Aufgabe verständlich zu erläutern, sucht diese durch andere Gesprächsthemen persönliche Nähe. Auf der anderen Seite möchte sie das Gespräch wahrscheinlich nicht erneut annihilieren und zeigt Interesse, indem sie im Anschluss mit einer Frage auf Lisas Mitteilung eingeht und damit das Gespräch aufrechterhält. Sie hat sich dafür entschieden, auf Lisas Forderung nach Nähe einzugehen und die Möglichkeit, ihre Autorität durchzusetzen und mit der Aufgabe fortzufahren, in den Hintergrund gestellt. Das vorher bestehende Hierarchieverhältnis zwischen Lerner und Lehrer, Unwissender und Wissender, ist hier nicht mehr im Vordergrund. Das Gespräch findet fast auf Augenhöhe statt und wird durch die Protokollantin aufrechterhalten, möglicherweise um Anreiz oder Motivation zu schaffen, um die Aufgabe anschließend zu beenden. Mit der im Imperativ formulierten Antwort macht sie jedoch erneut von ihrer Autorität Gebrauch und verweist darauf, dass Lisa ihrem Bruder mit einem selbst gebastelten Geschenk eine Freude machen würde.

Diese Situation ist sowohl in einer Grundschulklasse als auch während der Hausaufgabenbetreuung jüngerer Kinder denkbar, weil vorgeschlagen wird, ein Geburtstagsgeschenk zu basteln. Mit diesem Vorschlag infantilisiert sie Lisa erneut, weil diese Aktivität als besonders bei Kindern beliebt deklariert wird.

Ich: So, aber jetzt beenden wir erstmal die Hausaufgabe.

Die Protokollantin signalisiert durch das „so“ in isolierter Stellung am Satzanfang, dass die eben geführte Konversation nun beendet ist. Es schließt sich eine Ankündigung an, durch deren Äußerung die Protokollantin wieder in ihre autoritäre Rolle zurückfällt.

Es stellt sich heraus, dass es sich in der Sequenz um die Bearbeitung einer Hausaufgabe handelt, bei der die Protokollantin Hilfestellung gibt.

Sie sucht in der Sequenz den Mittelweg zwischen erzieherischer Instanz, die verschiedene Möglichkeiten aufzeigt, wie die Aufgabe gelöst werden kann und versucht, Distanz zu wahren, lässt sich dann aber auf der anderen Seite auf die persönliche Rolle als Gesprächspartnerin ein und zeigt damit Interesse für Lisa als Person, als Zuhörerin und Vertraute.

Davon ausgehend lässt sich das Protokoll in zwei Teile gliedern. Im ersten Teil (Z. 1-16) besteht eine hierarchische, infantilisierende, von Distanz geprägte Beziehung zwischen Protokollantin und Kind. Erstere unterstützt Lisa in der Bearbeitung ihrer Hausaufgabe und versucht durch Aufzeigen verschiedener Möglichkeiten der Lösungsfindung, die Problemlösekompetenz des Kindes zu fördern. Sie befindet sich hier in einer autoritären Rolle und kommt dabei ihren Aufgaben als Betreuerin und Beraterin nach. Lisa erkennt die Protokollantin als Autoritätsperson an, indem sie ihre Handlungsanweisungen in Bezug auf die Lösung der Aufgabe vollzieht und ihre Fragen beantwortet. Die Protokollantin interveniert und unterstützt, als Lisa nicht weiter weiß und bestätigt oder verneint, wenn sie ihre Antworten an sie richtet.

Im zweiten Teil der Szene (Z. 17-27) wird dieses hierarchische Verhältnis ein Stück weit aufgelöst. Lisa sucht die persönliche Nähe durch Aufwerfen eines Gesprächs und durch das Duzen der Protokollantin. Dabei konzentriert sie sich allerdings nicht mehr auf die Aufgabe. Hier reagiert die Protokollantin erneut autoritär, indem sie sie korrigiert und ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Aufgabe lenkt. Nachdem mit dem Setzen des Kreuzes ein weiterer Teil der Aufgabe in sich abgeschlossen ist, lässt sich die Protokollantin auf die erneute Annäherung Lisas ein und begibt sich auch auf die persönliche Ebene. Sie erhält das Gespräch aufrecht, bevor sie wieder in ihre autoritäre Rolle zurückfällt und die Aufgabe mit dem Kind beendet.