Der Schleifschwamm


Der Fall behandelt einen Streit zwischen zwei männlichen Schülern, die an Specksteinen arbeiten. In Anwesenheit der Sozialpädagogin und eines Praktikanten werden einige Grenzen überschritten, die einem wohlwollendem sozialen Gefüge widersprechen. Doch wie kann auf diese Situation reagiert werden? Für welche Handlungsmöglichkeiten haben sich die Erwachsenden entschieden?


Welche Rolle haben Pädagogen bei der Förderung vpn Selbstbestimmung und sozialem Verhalten? Kann man sich der Vermittlung moralischer und sozialer Kompetenzen vollkommen entziehen, um Autonomie zu fördern? Dies sind Fragen, die grundlegend für jede pädagogische und soziale Arbeit sind. Sie sind wichtig, um das eigene Verhalten im Spannungsfeld von Autonomie und Heteronomie zu verstehen und zu reflektieren. Um diese Fragen beantworten zu können, betrachten wir einen realen Fall im Bereich der schulersetzenden Maßnahmen.

Rahmung:

Es ist Montag, der 19. Februar 2018, um 12:30 Uhr. Wir befinden uns in einem Aufenthaltsraum der schulersetzenden Maßnahmen eines Unterstützungs- und Beratungszentrums. Die Klasse besteht zu diesem Zeitpunkt aus drei männlichen Schülern (S1, S2, S3) und einer Sozialpädagogin (Frau L.). Frau L. hat kleine Specksteine zur Herstellung von Amuletten ausgegeben und die Schüler formen bereits diese mit Feilen, Schleifpapieren und einem Schleifschwamm. S1 ist schon mit seinem Amulett fertig.

S2 hat den Schleifschwamm schon seit einigen Minuten in Benutzung. Andere Werkzeuge benutzt er nicht. S3 macht deutlich, dass er den Schwamm braucht, um weiterzuarbeiten. Unter anderem fordert Frau L. S2 auf, den Schwamm abzugeben, da er ihn schon die ganze Zeit habe. Allerdings reagiert S2 nicht. Wieder fordert S3 S2 mehrfach auf, den Schwamm abzugeben. S2 gibt weiterhin nicht den Schleifschwamm ab.

S2:

(S3 geht zu S2 und nimmt den Schleifschwamm weg. Weißer Staub wird dabei aufgewirbelt. S2 steht auf)
Nein, jo! Lass das!
(S3 geht mit dem Schwamm zu seinem Tisch.)
Jo! Er hat alles dreckig gemacht. Er macht jetzt alles sauber. Er wird alles sauber machen! Ich werde nichts machen.

S3:

Ich mache nichts für dich sauber, jo!
(S2 regt sich weiter über S3 auf und beschimpft ihn. S3 bleibt währenddessen sitzen und sagt nichts. Anschließend setzt sich S2 wieder auf seinen Platz und arbeitet weiter. S3 hat den Schleifschwamm in seiner Hand und versucht ihn mit einer groben Feile zu reinigen. Dafür reibt er mit der Stahlfeile auf der Oberfläche des Schwamms.)

 

Ich:

S3, mach den Schwamm nicht so sauber! Der geht davon kaputt. Klopfe den lieber leicht aus.
(S3 hört auf, den Schwamm mit der Feile zu säubern, und arbeitet ruhig weiter. S3 will wieder den Schwamm reinigen und nimmt erneut die Feile zur Hilfe.)
S3, lass das jetzt! Der Schwamm geht davon kaputt.“
(S3 legt die Feile zur Seite und arbeitet weiter. Kurz später will er erneut den Schwamm mit der Feile säubern.)
S3! Lass das jetzt!“

L:

S3! Herr P. hat dich nun schon dreimal darauf hingewiesen. Lässt du das jetzt?!

S3:

Ja…, aber ich mach den nur sauber.

L:

Du sollst den aber nicht dabei kaputt machen! [Pause] So! Jetzt aufhören S2 und S3
(S2 fängt an aufzuräumen, aber geht bevor er fertig wird zum Sofa im Raum.)
Nein. Du musst deinen Platz sauber machen!

S2:

S3 macht das! Er hat alles dreckig gemacht. (S2 bleibt auf dem Sofa sitzen.)
(S3 geht an ein offenes Fenster und klopft den staubigen Schleifschwamm an die Außenseite des Fensters. Weißer Staub wird aufgewirbelt und ein weißer Abdruck bleibt auf dem Fenster zu sehen. S3 wird dabei selbst vom weißen Staub dreckig.)

L:

„Hör auf damit! Mann ey! Was ist eigentlich los mit dir?! Davon wird doch alles dreckig. Du spinnst wohl.“ (S3 geht leise vom Fenster weg und schließt es. Er räumt seinen Platz auf. Nach längerer Diskussion räumt auch S2 seinen Platz auf.)


Autorschaft
Felix Pilz |
Erhebungskontext
Erhebungsmethode