Arbeit mit Dokumentarfilm – Überblick


Kasuistische Seminargestaltung in der Lehrer*innenbildung am Beispiel des NDR-Films „Lehrer im Vorbereitungsdienst“ – ein Leitfaden

Isabel Reifenrath & Marek Grummt

 

Die Nutzung von Unterrichtsvideos und zugehöriger Transkripte bietet viel Potenzial für Seminare und Weiterbildungen in der Lehrer*innenbildung aller Phasen. Im folgenden soll Möglichkeiten vorgestellt werden, wie ein Dokumentarfilm in diesem Rahmen genutzt werden kann.

Dokumentarfilme, die sich auf Unterricht fokussieren, haben den Nachteil, durch dramaturgische Schnitte und Kameraführung die Praxis zu verzerren, heben damit aber auch spezifische Aspekte hervor, die bspw. im Rahmen eines Seminars gezielt betrachtet werden können. Zudem ist die videographische Qualität um ein Vielfaches höher, als die eines einperspektivischen Unterrichtsmitschnittes.

Nach einem kurzen Überblick über den Film, werden drei Möglichkeiten vorgestellt, den Film bzw. einzelne Szenen, deren Transkripte sich auch im halleschen Fallportal finden lassen, in einem Lehrkontext zu bearbeiten.

Überblick über den Film

Der Film mit dem Titel “Lehrer im Vorbereitungsdienst” wurde am 16. 11. 2016 im NDR ausgestrahlt und thematisiert die Lehrerausbildung in Deutschland. Drei Referendare werden 18 Monate lang von einem Dokumentarfilmer auf ihrem Weg zur praktischen Prüfung der Lehrerausbildung begleitet. Herr K lehrt Musik und Physik und hat zu Beginn des Films Schwierigkeiten, sich im Klassenzimmer durchzusetzen. In Interviewausschnitten mit Herrn K wird deutlich, dass seine Vorstellung vom Lehrerberuf während des Studiums nicht mit den Erfahrungen übereinstimmt, die er im praktischen Jahr macht. Im Verlauf des Referendariats jedoch verändert sich das Verhältnis zwischen Herrn K und seinen Schülern. Er wird in seinem Auftreten sicherer und glänzt in seiner praktischen Prüfung mit einer didaktisch versierten Unterrichtsgestaltung. Herr S unterrichtet Sport und Englisch und hat von Beginn an weniger Probleme sich durchzusetzen. Der Sportunterricht birgt auch für ihn die Herausforderung seine Schüler gleichzeitig zu aktivieren und zu disziplinieren. Er versucht, sowohl im Spiel, als auch theoretisch seinen SchülerInnen näher zu bringen, worauf es beim Frisbee- oder Basketballspiel ankommt. In seiner praktischen Prüfung wird er vor eine außergewöhnliche Herausforderung gestellt, die er laut der Prüfer mit Bravour meistert. Referendarin Frau R unterrichtet Chemie und wird von ihren SchülerInnen in ihren ersten Unterrichtsstunden auf die Probe gestellt. Sie reagiert auf Konflikte in ihrem Unterricht zunächst mit persönlichen Appellen an die Schüler, distanziert sich jedoch im weiteren Verlauf ihres Referendariats von dieser Herangehensweise und bleibt in aufkommenden Konfliktsituationen zunehmend sachlich. Alle Referendare erhalten Unterstützung in gemeinsamen Reflexionssitzungen mit Frau B, die in einigen Unterrichtsstunden teilnehmend beobachtet. Sie leitet zudem Seminare an, in denen die Referendare die Möglichkeit erhalten, in fiktiven Unterrichtssituationen ihr Lehrerhandeln zu überprüfen. Auf diese Weise werden neue Lösungsansätze für die LehrerInnen-SchülerInnen-Interaktion erarbeitet. Laut NDR hebt “dieser Film […] den Vorhang und lässt den Zuschauer auf allen Ebenen an etwas teilhaben, zu dem jeder eine Meinung hat. Lehrer. Sie sind Helden, Versager, notwendiges Übel oder Theoretiker, die mit Kindern nicht umgehen können, je nach Perspektive – und die wechselt mitunter schnell” (NDR 2016: Lehrer im Vorbereitungsdienst. Online unter: http://www.ndr.de/fernsehen/epg/import/Lehrkraft-im-Vorbereitungsdienst,sendung576520.html (zuletzt abgerufen am 17.06.17), S.1).

Szenen und Bearbeitungsideen für das universitäre Seminar/Lehrer*innenfortbildung

Szene 1 – Der Konflikt um Aufmerksamkeit

In dieser Szene versucht die Referendarin im Chemieunterricht eine praktische Gruppenarbeit durchzuführen. Die Stunde wird begleitet von einem Kampf um Aufmerksamkeit.

Bearbeitungsideen

Einstieg über Video und Transkript

Als Einstieg kann die Szene ab Min. 00:03:07 gezeigt werden.

Den Student*innen (oder Fortzubildenden) können folgende Fragen zur Bearbeitung alleine oder in Kleingruppen gestellt und diskutiert werden. Zudem könnte die Seminargruppe in mehrere Kleingruppen unterteilt werden, wobei eine bspw. die Mimik und Gestik, eine weitere das Gesagte und eine dritte die Stimmlage, die Intonation usw. beobachten könnten. Dabei kann auch schon das Transkript der ersten Szene als Reflexionsmaterial ausgegeben werden.

  • Didaktische Fragen
    • Was ist der Arbeitsauftrag?
    • Was könnte der Inhalt bzw. die Sache der Stunde sein?
    • Welche Sozialform wird genutzt?
  • Professionalisierungsfragen
    • Was und wie sagt die Lehrerin etwas?
    • Welche Mimik und Gestik verwendet die Lehrerin?
    • Wie wird ein Arbeitsbündnis zu den Schüler*innen hergestellt?
    • Wie wird mit Unterrichtsstörungen umgegangen?
  • Inklusionsbezogene Fragen
    • Wie wird differenziert?
    • Fragen zur eigenen Entwicklung als Lehrkraft
    • Was ist Ihr Eindruck von der Lehrerin?
    • Welche Stimmung herrscht im Klassenraum?
    • Was würden Sie der Lehrerin raten?
    • Würden Sie in der Situation etwas anders machen?

Fortgang über Transkript

Nachdem ausgewählte Fragen reflektiert worden sind, kann das Transkript der zweiten Unterrichtsszene ausgegeben werden. Dieses kann auf unterschiedliche Arten bearbeiteten werden.